đŸ”ș— Schrei nicht, ich bin nur ohne dich in die Wohnung gekommen, ich mag deine KĂŒche, also esse ich eben, — erklĂ€rte der Ex-Mann, ohne zu ahnen, was ihm in wenigen Minuten passieren wĂŒrde


Veras Leben hatte sich lÀngst in einen gut eingespielten Mechanismus verwandelt.

FrĂŒhes Aufstehen, Kaffee bis zu zwei Dritteln der Tasse — eine Gewohnheit noch aus der Ehezeit — der Weg durch die Höfe, Pflichten und die abendliche MĂŒdigkeit, die sie vor zehn Uhr ins Bett brachte.

Der Alltag verschlang sie so sehr, dass kleine Details aus ihrem Blickfeld verschwanden.

Als Erste bemerkte es Taisija — die Nachbarin vom Treppenabsatz, eine Frau mit schweren Ohrringen und leichtem Wesen.

Sie trafen sich am Donnerstag bei den BriefkÀsten, und Taisija begann wie gewöhnlich ein GesprÀch.

— Vera, ich höre dich doch durch die Wand, was kochst du tagsĂŒber?

Gestern gegen elf Uhr.

— Um diese Zeit bin ich bei der Arbeit.

Vielleicht die Nachbarn von oben?

— Vielleicht, — Taisija zuckte mit den Schultern.

— Aber der Geruch kam von deiner Seite.

Nach Fleisch.

Ziemlich stark.

Vera winkte ab.

Das Haus war ein fĂŒnfstöckiger Plattenbau — hier wanderten GerĂŒche, wie sie wollten.

Durch die LĂŒftung, durch Ritzen, durch Steckdosen.

Sie maß dem keine Bedeutung bei und ging zur Arbeit.

Doch bis Samstag wurde es schwer, es zu ignorieren.

Im KĂŒhlschrank fehlte die HĂ€lfte der Schnitzel, die Vera schon am Mittwoch mariniert hatte.

Auch zwei Teebeutel aus der Blechdose — von diesem teuren Tee mit Bergamotte — waren verschwunden.

Das Brot, das sie am Montag gekauft hatte, war aufgebraucht, obwohl sie nur drei Scheiben davon abgeschnitten hatte.

— Vielleicht esse ich im Schlaf, — sagte sie zu dem Kater, der sie vom Fensterbrett aus mit dem Blick eines Philosophen ansah.

Der Kater blinzelte und wandte sich ab.

Das ging ihn nichts an.

Vera schob alles auf ihre Zerstreutheit.

Sie war es gewohnt, nur die Probleme zu lösen, die sie sah.

Unsichtbare Probleme existierten nicht.

So war es einfacher.

So war es ruhiger.

Das Unwohlsein kam am Mittwoch — plötzlich, ohne Vorwarnung.

Bis zum Mittag dröhnte ihr Kopf, und Flecken schwammen vor ihren Augen.

Vera ließ sich frĂŒher von der Arbeit gehen, rief ein Taxi und fuhr nach Hause, die SchlĂ€fe an die kalte Fensterscheibe gedrĂŒckt.

Der SchlĂŒssel drehte sich weich im Schloss.

Vera trat in den Flur, zog einen Schuh aus — und erstarrte.

Aus der KĂŒche drang ein GerĂ€usch.

Kein Rascheln, kein Knarren — sondern das deutliche metallische Klirren einer Gabel auf einem Teller.

Und ein leises Summen — nicht vom Kater.

Von einem Menschen.

Sie ging den Flur entlang und hielt sich an der Wand fest.

In der TĂŒröffnung blieb sie stehen.

An ihrem KĂŒchentisch, auf ihrem Stuhl, vor ihrem Teller saß Maksim.

Ihr Ex-Mann.

VornĂŒbergebeugt aß er gebratenes Fleisch und tunkte Brot in die Soße.

Daneben stand eine Tasse Tee — von genau diesem teuren Tee.

Er hob den Blick.

In seinen Augen waren Scham und Verlegenheit zu lesen — aber nur fĂŒr eine Sekunde.

Dann legte sich die gewohnte Prahlerei darĂŒber, wie Lack auf billige Möbel.

— Vera, warum bist du so frĂŒh da?

— Maksim.

Was machst du hier?

— Na ja
 ich esse.

Schrei nicht, ich bin nur ohne dich in die Wohnung gekommen, ich mag deine KĂŒche, also esse ich eben.

— Wie bist du hereingekommen?

Er stockte.

Er legte die Gabel hin.

— Ein SchlĂŒssel ist geblieben.

Ein Ersatzset.

Noch aus der Zeit damals.

Ich habe ihn
 na ja, nicht zurĂŒckgegeben.

— Aus der Zeit damals — meinst du seit der Scheidung?

Seit der Scheidung, die vor zwei Jahren war?

— Na ja, ja.

Ich dachte, du weißt es.

Dass er bei mir ist.

Vera lehnte sich an den TĂŒrrahmen.

Nicht aus SchwĂ€che — sondern wegen der Anstrengung, die es kostete, nicht loszuschreien.

Sie sah auf den Tisch: ihr Teller, ihr Fleisch, ihr Tee.

Die gespĂŒlte Pfanne stand auf dem Abtropfgestell — er war ordentlich, daran erinnerte sie sich.

— Wie lange kommst du schon so hierher?

— UngefĂ€hr einen Monat.

Vielleicht etwas lÀnger.

— Einen Monat.

Du bist einen Monat lang in meine Wohnung gekommen, hast mein Essen gegessen und bist wieder gegangen.

— Vera, ich habe es nicht absichtlich gemacht.

Es ist nur
 ich vermisse hausgemachtes Essen.

Ich kann es selbst nicht.

Ich koche Pelmeni — und selbst die fallen auseinander.

Bei dir ist alles immer echt.

Borschtsch, Frikadellen, all das eben.

— Sagst du mir das gerade ernsthaft?

Glaubst du ernsthaft, das sei eine ErklÀrung?

— Was ist denn schon dabei?

Vera trat an den Tisch.

Ruhig.

Langsam.

Sie streckte die Hand aus, die HandflÀche nach oben.

— Die SchlĂŒssel.

Jetzt.

— Vera


— Die SchlĂŒssel, Maksim.

Er griff in die Tasche der Jacke, die ĂŒber der Stuhllehne hing.

Er zog zwei SchlĂŒssel an einem alten SchlĂŒsselanhĂ€nger hervor — einem Plastikdelfin, abgeblĂ€ttert und schief.

Er legte sie in ihre HandflÀche.

— Hier.

Nimm sie.

Du musst mich nicht so ansehen, als hÀtte ich etwas Schreckliches getan.

— Geh bitte.

— Den Teller kann ich wenigstens abwaschen.

— Geh.

Er stand auf.

Er rĂŒckte seine Jacke zurecht.

Er sah sie an — entweder gekrĂ€nkt oder verĂ€chtlich.

— Du warst schon immer so.

Aus Kleinigkeiten machst du eine Tragödie.

Vera öffnete die WohnungstĂŒr.

Schweigend.

Maksim ging an ihr vorbei, stieß mit der Schulter gegen sie und entschuldigte sich nicht.

Die TĂŒr fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss.

Vera setzte sich an den Tisch.

Vor ihr standen der Teller mit den Essensresten und die Tasse.

Sie stellte beides in die SpĂŒle.

Sie wischte den Tisch grĂŒndlich ab.

Dann wusch sie sich lange die HĂ€nde.

Taisija erfuhr es noch am selben Abend.

Sie kam wegen Salz vorbei — und ging erst zwei Stunden spĂ€ter.

— Warte.

Das heißt, er ist zu dir gekommen, wenn du nicht zu Hause warst, und hat gefressen?

— Genau.

— Einen Monat lang?

— Er sagte, ungefĂ€hr einen Monat.

Vielleicht lĂŒgt er.

Vielleicht lÀnger.

Taisija setzte sich auf den Hocker und atmete schwer aus.

— Vera, das hat doch nichts mit Essen zu tun.

Verstehst du?

— Ich verstehe.

— Es geht darum, dass er glaubt, er habe ein Recht darauf.

Dass mit der Scheidung nichts zu Ende gegangen ist.

Dass du sein Territorium bist.

— Ich habe die SchlĂŒssel zurĂŒckgenommen.

— Und?

Er konnte in fĂŒnf Minuten in jeder Werkstatt eine Kopie machen lassen.

Das Schloss ist alt, ich habe letztes Jahr genau so eins ausgetauscht.

Vera schwieg.

Taisija hatte recht — und genau das war das Unangenehmste.

— Tasja, ich will das nicht aufbauschen.

Die SchlĂŒssel sind bei mir, er hat es verstanden.

Vielleicht reicht das.

— Vielleicht, — sagte die Nachbarin.

— Und vielleicht auch nicht.

Eine Woche verging.

Am Samstagmorgen hörte Vera die TĂŒrklingel.

Sie öffnete — auf der Schwelle stand Maksim.

In den HĂ€nden hielt er eine große EinkaufstĂŒte.

Fleisch, GemĂŒse, eine Packung Reis, ein Bund KrĂ€uter.

— Vera, schau — ich habe selbst eingekauft.

Alles frisch.

Kochst du es?

Sie sah ihn einige Sekunden lang an.

Er lĂ€chelte — offen, fast kindlich.

Als wÀre nichts gewesen.

— Nein.

— Ach Vera.

Ich bitte dich doch nicht umsonst.

Hier sind die Lebensmittel.

Ich habe sogar eine ordentliche TĂŒte genommen, keine zerrissene.

— Maksim, hörst du dich eigentlich selbst?

— Was ist denn falsch?

— Wir sind geschieden.

Seit zwei Jahren.

Ich bin nicht deine Köchin, nicht deine Bedienung und nicht deine Frau.

Lass die TĂŒte da, wenn du willst.

Aber in die Wohnung kommst du nicht.

Er stand da und trat von einem Fuß auf den anderen.

Die TĂŒte wurde in seinen HĂ€nden immer schwerer.

— Du machst das aus Prinzip, ja?

Einfach aus Bosheit?

— Aus Selbstachtung.

— Wie stolz du geworden bist.

Vera nahm die TĂŒte.

Ruhig.

Sie stellte sie hinter die TĂŒr, in den Flur.

— Die Lebensmittel nehme ich an.

Dich nicht.

Alles Gute.

— Vera!

Die TĂŒr schloss sich.

Am Abend erzÀhlte sie es Taisija.

— Er hat eine TĂŒte mit Fleisch gebracht?

— Und mit Reis.

— Wie ein Hund, der seinem Herrchen die Pantoffeln bringt und denkt, er darf jetzt aufs Sofa.

Vera lÀchelte schwach.

— Tasja, ich habe mich entschieden.

Morgen rufe ich einen Handwerker — ich lasse das Schloss austauschen.

Und ich installiere eine Kamera.

— Eine Kamera?

— Eine kleine.

Im Flur.

Ein Video-TĂŒrspion mit Aufnahme aufs Telefon.

Ich habe schon nachgesehen — solche gibt es, nicht teuer.

Er schaltet sich bei Bewegung ein.

Taisija hob die Augenbrauen.

— Vera, du ĂŒberraschst mich.

Richtig so.

Es war höchste Zeit.

Das Schloss wurde am Montag ausgetauscht.

Die Kamera installierte Vera selbst — die Anleitung erwies sich als einfacher, als sie gedacht hatte.

Nun kam jede Bewegung an der EingangstĂŒr als Benachrichtigung auf ihr Telefon.

Ein Monat verging.

Stille.

Keine Anrufe, keine Besuche, kein verschwundenes Essen.

Vera entspannte sich.

Sie hörte auf, jede Stunde die Benachrichtigungen zu prĂŒfen.

Sie hörte auf, mit dem zweiten Schloss abzuschließen.

Sie atmete aus.

Vergeblich.

Die Benachrichtigung kam am Donnerstag um Viertel vor drei.

Vera war weit von zu Hause entfernt.

Auf dem Bildschirm des Telefons war ein kurzes Video: eine mÀnnliche Gestalt im Flur.

Eine vertraute Jacke, eine vertraute Geste — die Hand fĂ€hrt durchs Haar, eine Gewohnheit, die sie acht Jahre lang beobachtet hatte.

Maksim stand in ihrem Flur.

Irgendwie hatte er das neue Schloss geöffnet.

Vera blieb mitten auf dem Gehweg stehen.

Die Menschen gingen um sie herum, wie Wasser um einen Stein fließt.

Sie stand da und sah auf den Bildschirm.

Die Wut kam nicht sofort.

Zuerst kam die Überraschung.

Dann die KĂ€lte.

Dann die Klarheit.

Absolute, chirurgische Klarheit.

Sie rief ihn nicht an.

Sie schrie nicht, weinte nicht und fragte nicht „warum“.

Stattdessen wÀhlte sie eine Nummer.

Sie sprach kurz, deutlich, ohne Emotionen.

Sie nannte die Adresse.

Sie beschrieb die Situation.

Sie bat darum, vorbeizukommen.

Dann rief sie ein Taxi.

Sie fuhr schweigend.

Sie sah auf die Straße.

In ihrem Inneren war es still, wie vor einem Gewitter.

Vera betrat die Wohnung, ohne sich zu verstecken.

Sie zog die Schuhe aus.

Sie ging in die KĂŒche.

Maksim stand am Herd.

Er briet Fleisch — er hatte es im Gefrierfach gefunden, aufgetaut und geschnitten.

Auf dem Tisch lagen geschnittenes Brot und eine Tasse Tee.

Er summte etwas — leise, falsch und herrisch.

Als wĂŒrde er hier wohnen.

— Guten Abend, — sagte Vera.

Er drehte sich um.

Diesmal gab es ĂŒberhaupt keine Scham.

Nur Überraschung — weich, wie bei einem Menschen, den man bei etwas völlig Normalem ertappt hat.

— Oh, Vera.

Heute frĂŒh dran.

Möchtest du?

Ich mache fĂŒr zwei.

— Wie bist du hereingekommen?

— Na ja
 Schlösser sind keine Raketenwissenschaft, Vera.

Ein Handwerker hat es in fĂŒnf Minuten geöffnet.

Ich bin doch kein Fremder.

— Du bist ein Fremder.

Genau ein Fremder.

Wir sind geschieden.

— Formal.

Aber im Grunde — acht Jahre zusammen, das kann man nicht auslöschen.

— Ich habe es ausgelöscht.

Schon lange.

Er schaltete den Herd aus.

Er drehte sich zu ihr um.

Sein Gesicht wurde ernst — so erinnerte Vera ihn aus den letzten Monaten der Ehe.

Es war das Gesicht eines Menschen, der etwas sagen wollte, wodurch er sich selbst groß vorkam.

— Hör zu, Vera.

Ich habe nachgedacht.

Lass es uns noch einmal versuchen.

Ernsthaft.

Ich habe mich geÀndert.

Ich bin jetzt ein anderer.

— Ein anderer — ist das der, der fremde Schlösser öffnet und fremdes Essen isst?

— Nicht fremdes!

Deins!

Weil ich es mag!

Weil ich mich daran erinnere, wie es bei uns war!

— Wie es bei uns war, daran erinnere ich mich auch.

Genau deshalb — nein.

— Vera, denk doch nach.

Wie alt bist du?

Du bist allein.

In dieser Wohnung, in diesem FĂŒnfgeschosser.

Der Kater und der Fernseher.

Hast du keine Angst, so zu bleiben?

Vera sah ihn ruhig an.

Ohne Wut, ohne Mitleid — mit jenem kalten VerstĂ€ndnis, das nur zu denen kommt, die lange ertragen haben und endlich damit aufgehört haben.

— Nein, Maksim.

Ich habe keine Angst.

Einsamkeit ist ehrlich.

Das Leben neben dir war eine LĂŒge.

Jeden Tag.

— Du rĂ€chst dich an mir.

— Ich bin mĂŒde von dir.

— Du wagst es nicht


In diesem Moment klingelte es an der TĂŒr.

Scharf, kurz, dienstlich.

Vera ging hin und öffnete.

Auf der Schwelle standen zwei Uniformierte.

Einer war groß und hatte einen Notizblock.

Der andere war jĂŒnger und hatte ein FunkgerĂ€t.

— Guten Abend.

Haben Sie angerufen?

— Ja.

Kommen Sie herein.

Maksim stand mit einem Pfannenwender in der Hand am Herd.

Sein Gesicht wurde lÀnger und bleich wie ein Blatt Papier.

— Vera
 was machst du?

— Dieser Mann ist ohne meine Zustimmung in meine Wohnung eingedrungen, — sagte Vera.

— Er hat keine SchlĂŒssel, ich habe die Schlösser austauschen lassen.

Er hat die TĂŒr geöffnet.

Hier ist die Aufnahme der Kamera.

Sie reichte das Telefon hin.

Der Große nahm es und sah sich das Video an.

Er nickte.

— BĂŒrger, Ihre Ausweise.

— Warten Sie, — Maksim hob die HĂ€nde.

— Das ist meine Ex-Frau.

Wir waren acht Jahre verheiratet.

Ich bin einfach zu Besuch gekommen.

— Zu Besuch kommt man, wenn man eingeladen wird, — sagte der zweite.

— Hat sie Sie eingeladen?

— Sie
 na ja
 ich dachte


— Die Dokumente, bitte.

Das Protokoll wurde zwanzig Minuten lang aufgenommen.

Maksim saß auf dem Hocker — verschwitzt, wĂŒtend, mit roten Flecken am Hals.

Der Pfannenwender blieb die ganze Zeit in seiner Hand — er bemerkte es nicht, und niemand sagte etwas.

Als alle gegangen waren — die Uniformierten und Maksim — schloss Vera die TĂŒr.

Sie verriegelte beide Schlösser.

Sie ging zum Herd und warf das halb gebratene Fleisch weg.

Sie wusch die Pfanne.

Sie wischte den Tisch ab.

Dann setzte sie sich.

Und dachte: „Das war’s.

Es ist vorbei.“

Der Freitagmorgen begann fĂŒr Maksim wie gewöhnlich.

Er trank Kaffee, wĂ€hlte eine Krawatte — dunkelblau, „geschĂ€ftlich“, wie er sie nannte.

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar.

Seine Stimmung war miserabel, aber vor ihm zeichnete sich das ab, worauf er fĂŒnf Jahre gewartet hatte.

Die Position.

Die Beförderung.

Ein BĂŒro mit zwei Fenstern statt einem, ein Schild an der TĂŒr und ein ganz anderes Niveau.

Rustam Anwarowitsch — sein direkter Vorgesetzter — hatte letzte Woche angedeutet, dass die Entscheidung praktisch schon getroffen sei.

Es blieb nur eine FormalitĂ€t — die ÜberprĂŒfung.

Im Flur begegnete ihm Ljoscha, ein Kollege aus der Nachbarabteilung.

— Na, Maksim Andrejitsch?

GlĂŒckwunsch!

— Wozu?

— Na wozu wohl — zur Beförderung!

Alle wissen es schon.

Rustam Anwarowitsch hat eine neue Kaffeemaschine fĂŒr dein kĂŒnftiges BĂŒro bestellt.

Maksim lĂ€chelte — zurĂŒckhaltend, wie es sich gehörte.

In seinem Inneren blĂŒhte ein warmes GefĂŒhl auf, Ă€hnlich einer Revanche.

FĂŒnf Jahre war er darauf zugegangen.

FĂŒnf Jahre.

Rustam Anwarowitsch ließ ihn um elf Uhr rufen.

Das BĂŒro war groß, hell, mit einem schweren Schreibtisch aus Walnussholz.

Der Vorgesetzte stand am Regal und blÀtterte in Ordnern.

Er drehte sich nicht sofort um.

— Setz dich, Maksim.

— Rustam Anwarowitsch, ich


— Setz dich.

Maksim setzte sich.

Etwas im Ton seines Chefs stimmte nicht.

Nicht direkt feindselig — eher leer.

Wie ein Zimmer, aus dem man die Möbel hinausgetragen hatte.

— Ich sage es direkt.

Die Stelle bekommst du nicht.

Pause.

Lang.

Schwer.

— Wie?..

— Der Sicherheitsdienst hat die ÜberprĂŒfung abgeschlossen.

Gestern tauchtest du in einem Protokoll wegen rechtswidrigen Eindringens in fremden Wohnraum auf.

Eine Wohnung, die auf eine andere Person registriert ist.

Geöffnetes Schloss.

— Rustam Anwarowitsch, das ist nicht das, was Sie denken.

Das ist meine Ex-Frau


— Ex ist das SchlĂŒsselwort.

Ex.

Die Wohnung gehört nicht dir, die Zustimmung der EigentĂŒmerin gab es nicht, es gibt eine Videoaufnahme.

Das Protokoll ist registriert.

Unsere Organisation hat einen bestimmten Status, Maksim.

Ein Mensch mit einem solchen Eintrag kann keine Position dieser Ebene bekleiden.

Punkt.

— Ich habe fĂŒnf Jahre


— Ich weiß, wie lange du darauf hingearbeitet hast.

Gerade deshalb ist es fĂŒr mich doppelt unangenehm.

Aber die Entscheidung wurde nicht von mir getroffen — sondern von der Kommission.

Ich wĂŒrde dir gern helfen, aber ich kann nicht.

— Sie hat das absichtlich gemacht!

Sie hat das alles inszeniert!

— Maksim, — Rustam Anwarowitsch sah ihn endlich direkt an.

— Du bist in eine fremde Wohnung eingedrungen.

Du hast ein Schloss geöffnet.

Du standest an einem fremden Herd und hast Essen aus einem fremden KĂŒhlschrank gebraten — und du meinst, sie habe das inszeniert?

Maksim öffnete den Mund — und schloss ihn wieder.

Er stand auf.

Der Stuhl knarrte.

— Du kannst gehen, — sagte Rustam Anwarowitsch.

— Und Maksim
 bring dich in Ordnung.

Du siehst furchtbar aus.

Im Flur begegnete er wieder Ljoscha.

Das LĂ€cheln ging von einem Ohr zum anderen.

— Na?

Wann ziehst du ins neue BĂŒro?

Wir dachten, wir könnten feiern.

Sweta hat am Freitag Geburtstag, das verbinden wir einfach.

Maksim ging an ihm vorbei, ohne zu antworten.

— Hey, Maks!

Was ist los mit dir?

Er ging hinaus auf die Straße.

Er holte das Telefon hervor.

Er wÀhlte die Nummer.

Lange Freizeichen.

Dann — ein Klicken.

— Hallo?

Eine unbekannte Stimme.

MĂ€nnlich.

Ruhig.

— Ich muss Vera sprechen.

— Sie haben sich verwĂ€hlt.

Diese Nummer ist auf mich registriert.

— Wie — auf Sie?

Das ist die Nummer meiner Ex-Frau!

— Davon weiß ich nichts.

Ich habe die Nummer vor drei Tagen angemeldet.

Neu.

Alles Gute.

Besetztzeichen.

Maksim stand auf den Stufen.

Das Telefon in der Hand.

Die dunkelblaue, „geschĂ€ftliche“ Krawatte drĂŒckte ihm die Kehle zu.

FĂŒnf Jahre, die Beförderung, das BĂŒro mit zwei Fenstern — all das war weg.

Und er verstand immer noch nicht, warum.

Denn schuld war nicht er.

Nie er.

Sie hatte die Uniformierten gerufen.

Sie hatte die Schlösser austauschen lassen.

Sie hatte die Kamera installiert.

Sie — nicht er.

Er liebte doch nur ihre KĂŒche.

Mehr nicht.

Er stand da und verfluchte Vera — leise, wĂŒtend, sinnlos.

Wie ein Mensch, der sein eigenes Haus angezĂŒndet hat und nun die Feuerwehr anschreit.

Und Vera saß in diesem Moment in einer neuen Wohnung — in jener, von der er nichts wusste.

Taisija hatte ihr geholfen, innerhalb von drei Tagen umzuziehen, wÀhrend Maksim noch glaubte, die Welt drehe sich um seine Pfanne.

Der Kater hatte sich auf dem neuen Fensterbrett eingerichtet.

Der Tee war frisch, mit Bergamotte.

— Tasja, er wird anrufen, — sagte Vera.

— Und?

— Nichts.

Die Nummer ist schon eine andere.

— Und die Wohnung?

— Verkauft.

Die Dokumente wurden gestern erledigt.

Schnell, sauber, ohne Überraschungen.

Taisija schĂŒttelte den Kopf.

— Vera, manchmal machst du mir Angst.

Hast du das alles geplant?

— Nein.

Ich habe nur nicht gewartet, bis er ein drittes Mal kommt.

Ein Problem muss man lösen, nicht hoffen, dass es sich von selbst auflöst.

— Und wenn er nicht gekommen wĂ€re?

— Dann hĂ€tte ich ruhig in der alten Wohnung gelebt.

Aber er kam.

Und ich entschied, dass es einen Grund zum Umzug gab.

Der Kater streckte sich auf dem Fensterbrett und gÀhnte.

Hinter der Wand war es still.

Keine fremden Schritte, kein Geruch fremder Anwesenheit, kein Klirren einer Gabel auf einem Teller.

Nur Stille — ihre eigene, ehrliche, verdiente.

Und Maksim stand auf den Stufen und wusste nicht, dass es die Wohnung fĂŒr ihn schon nicht mehr gab.

Dass Vera weggezogen war.

Dass die Telefonnummer geÀndert war, die Adresse auch, und dass der einzige Mensch, der ihm hÀtte helfen können, er selbst war.

Aber das konnte er nicht.

Er konnte nur in fremde KĂŒchen kommen und fremdes Fleisch braten, ĂŒberzeugt davon, dass es sein Recht war.

Das Recht war zu Ende.