„Für den Sommer zu deiner Tante!“, befahl meine Schwiegermutter meinem Sohn.

Zehn Minuten später zerriss ich das Ticket vor ihren Augen.

— Nimm es nicht gleich so feindselig auf, Ljudotschka, aber Igorek ist schon groß, und Zoja schafft es allein mit dem Säugling nicht.

Meine Schwiegermutter sagte das so, als hätte ich schon zugestimmt, meinem Sohn die Tasche gepackt und sogar Pastetchen für die Fahrt eingewickelt.

Das Ticket neben der Zuckerdose.

Auf den Tisch legte sie ein Blatt Papier.

Weiß, fest, mit einer fettgedruckten Zeile in der Mitte.

Barnaul, Nowosibirsk.

Abfahrt am Montag um 07:40 Uhr.

Ein Ticket.

Ich schöpfte den Schaum von der Aprikosenmarmelade ab.

Der Löffel schlug gegen den Rand des Topfes, ein klebriger Tropfen fiel auf die Wachstischdecke.

Draußen war es nach dem Regen schwül.

— Was ist das?

— Na, ein Ticket eben.

Ich habe alles herausgefunden.

Der Bus ist gut, mit Klimaanlage.

Igorek kommt gut an, Zoja holt ihn ab.

Dort ist ein kleines Kind, du verstehst schon.

Du verstehst schon.

Bei Walentina Sergejewna war das der Lieblingssatz.

Zuerst entschied sie alles, dann stellte sie es als gemeinsame Sache dar.

Und du wirktest schon kleinlich, wenn du nur den Mund aufmachtest.

Igor kam aus seinem Zimmer, um Wasser zu holen.

Groß, dünn, in einem schwarzen T-Shirt.

Er sah das Blatt neben der Zuckerdose und blieb stehen.

— Mama?

— Warte.

Das klären wir jetzt.

Die Schwiegermutter nahm bereits ihr Kopftuch ab und machte es sich bequem.

Die Tasche auf den Hocker, ein Taschentuch aus dem Ärmel, und die Lippen presste sie zusammen.

— Was gibt es da zu klären?

Juni, Juli, August.

Ferien.

Dem Jungen wird das nur guttun.

Er steht früher auf, schiebt den Kinderwagen, läuft in den Laden.

Zoja kann wenigstens schlafen.

Ich sah noch einmal auf das Ticket.

Montag.

07:40 Uhr.

Alle hatten sich schon geeinigt, und erst ganz am Ende war die Sache bei mir angekommen.

Der Sommer nach Liste.

— Mama, wohin fahre ich denn? — fragte Igor.

— Zu Tante Zoja, wohin denn sonst.

Für den Sommer.

Dann wirst du ein Mensch und sitzt nicht ständig am Handy.

— Ich sitze nicht ständig am Handy.

Ich wollte ab Montag zu Onkel Slawa.

Die Schwiegermutter winkte ab, als würde sie eine Fliege verscheuchen.

— Ach, diese Werkstatt von dir.

Auch eine Arbeit gefunden.

Der Familie zu helfen ist wichtiger.

Ich stellte das Gas ab.

— Was genau soll er dort machen?

— Das habe ich doch gesagt.

Nichts Besonderes.

Mit dem Kinderwagen rausgehen, die Milchmischung reichen.

Das Geschirr hinter sich abwaschen.

Und nachts manchmal das Baby schaukeln.

Er ist jung, er fällt nicht auseinander.

Igor blieb mit dem Glas in der Hand stehen.

Nachts das Baby schaukeln.

Da wurde alles klar.

Es ging nicht um Ferien, nicht um Familie und nicht darum, „mal rauszukommen“.

Für meinen Sohn war bereits ein Dienstplan erstellt worden.

— Und Zoja kann keine Helferin einstellen?

— Welche Helferin denn, Ljuda?

Das Geld fällt nicht vom Himmel.

— Und bei uns ist es kostenlos?

— Ach, warum fängst du jetzt damit an?

Wir sind doch Familie.

So fing es immer an.

Pawel war bei der Arbeit.

Ich hörte schon sein abendliches: „Na, man hätte doch helfen können, was ist schon dabei.“

Nicht aus Güte.

Aus Müdigkeit.

Für ihn war es leichter nachzugeben, als mit seiner Mutter zu streiten.

Nur wollte man diesmal nicht seine Zeit opfern.

— Igor, geh erst mal in dein Zimmer, steh hier nicht herum.

Er ging nicht sofort.

Er sah mich an, dann das Ticket und dann seine Großmutter.

Dann nickte er und zog die Tür zu.

Die Schwiegermutter beugte sich sofort zu mir vor.

— Hauptsache, du hetzt den Jungen nicht auf.

Er ist doch gutherzig.

Zoja wird sich später noch bedanken.

Und pack nicht zu viele Sachen ein.

Dort ist es heiß.

Ich nahm mein Handy und fotografierte das Ticket.

— Wozu das denn?

— So ist es sicherer.

Klar.

In Igors Zimmer hing ein Rucksack mit einem Aufnäher über dem Stuhl.

In der Seitentasche steckte ein Schraubenzieher.

Gestern Abend hatte er ihn den halben Abend mit einem Tuch abgerieben, als wäre es nicht irgendein Stück Metall, sondern etwas Wichtiges.

— Mama, ich will nicht, — sagte er.

— Dort ist doch alles klar.

— Ich sehe es.

— Ich habe schon mit Slawa gesprochen.

Er hat mir achttausend für den Monat versprochen.

Und er bringt mir bei, Glas sauber zu schneiden.

— Ich weiß.

Igor setzte sich auf die Sofakante und faltete die Hände.

Noch ein Junge, und doch saß er schon wie ein Erwachsener da, der sich im Voraus für sein „Nein“ rechtfertigt.

Ihr wisst ja, wie das ist.

Man hat selbst nichts Schlimmes getan, sieht aber trotzdem schuldig aus.

— Wusste Papa davon?

— Jetzt werden wir erfahren, wie viel er wusste.

Ich ging zurück in die Küche und legte das Ticket vor mich.

Woher hatte die Schwiegermutter den Pass ihres Enkels?

Ich rief Pawel an.

— Bist du eine Minute frei?

— Ich stehe an der Endhaltestelle.

Was ist los?

— Hast du deiner Mutter Igors Daten geschickt?

Pause.

— Ja, habe ich.

Und was ist dabei?

— Dabei ist, dass hier ein Ticket auf meinem Tisch liegt.

Typische männliche Dummheit.

Er hatte es geschickt und war schlafen gegangen, damit seine Mutter ihn in Ruhe ließ.

Und am Morgen lag bei mir schon ein Ticket auf dem Tisch.

Er seufzte.

— Ljud, Zoja hat es wirklich schwer.

Vielleicht soll er wenigstens einen Monat fahren.

— Deine Mutter sprach von drei Monaten.

— Das sagen sie jetzt so.

Später wird man sehen.

Wenn ich jetzt schwieg, würde man später auch über seinen Urlaub und über meine freien Tage „sehen“.

Videoanruf mit Aufgaben.

Die Schwiegermutter rief selbst Zoja an.

Laut, durch die ganze Küche, als hätte sie eine Zeugin herbeigerufen.

— Zojenka, sprich selbst mit ihr.

Sie stellt sich quer.

Der Bildschirm wackelte.

Bei Zoja standen ein Wäscheständer, Babysachen und ein Kinderwagen an der Wand.

Ihr Gesicht sah müde aus, das stimmte.

Aber ihre Stimme war munter und geschäftsmäßig.

— Ljud, was soll das denn?

Igor fährt doch nicht hin, um Säcke zu schleppen.

Ich bräuchte nur ein bisschen Hilfe.

Morgens mit dem Kinderwagen rausgehen, während ich mir den Kopf wasche.

Dann Wasser holen.

Die Fläschchen in den Sterilisator stellen.

Wenn Mischka nachts unruhig wird, ihn schaukeln.

Er ist doch ein Junge, er schafft das.

— Und tagsüber?

— Tagsüber nichts.

Na ja, nur wenn ich duschen oder in die Küche muss.

Oder eine Stunde schlafen.

Und manchmal einkaufen.

Ja, Windeln tragen, die sind schwer.

— Und nachts manchmal schaukeln, — warf die Schwiegermutter ein.

— Na, nur wenn es gar nicht anders geht, — sagte Zoja schnell.

— Ihr seid doch Familie.

Die Zuckerdose, das Ticket, das Telefon und der Topf mit Marmelade.

Und mittendrin mein Sohn, wie ein weiterer Gegenstand.

Man sah, wie Zoja vom Handy ablas, als wäre es eine Einkaufsliste.

— Um elf die Mischung anrühren.

Um eins mit dem Kinderwagen rausgehen, bei uns im Hof ist dann Schatten.

Nach dem Mittagessen den Müll rausbringen.

Die Wäsche abnehmen, wenn ich es nicht schaffe.

Abends die Windeln zusammenlegen.

Na ja, Kleinigkeiten eben.

Kleinigkeiten.

Ich hörte sogar auf zu diskutieren.

Wenn ein Mensch die Ferien eines anderen so ausführlich verplant, sagt er damit schon alles über sich selbst.

— Er hat Arbeit, — sagte ich.

Zoja grinste spöttisch.

— Welche Arbeit mit fünfzehn?

— Eine ganz normale, halbtags in der Werkstatt.

— Ljud, er wird noch hundertmal Geld verdienen.

Die Schwiegermutter wurde sofort lebhaft.

— Natürlich.

Und seiner Schwester muss man einmal helfen.

— Seiner Tante, — korrigierte ich.

— Was?

— Sie ist nicht meine Schwester, sondern die Tante meines Sohnes.

Das sind verschiedene Dinge.

In diesem Moment kam Pawel zur Tür herein.

Nach der Schicht, mit seinem Thermobecher, mit dem Gesicht eines Menschen, der von Ruhe geträumt hatte und mitten in einem Streit gelandet war.

— Was ist bei euch los?

— Bei uns ist los, dass dein Sohn für den ganzen Sommer als kostenlose Nanny weggeschickt werden soll.

— Nicht als Nanny, — empörte sich Zoja vom Bildschirm.

— Was benutzt du denn für Worte?

— Welche denn?

Als kostenlose Schicht?

Pawel stellte den Becher ab und starrte aufs Telefon.

— Was, für den ganzen Sommer etwa?

— Und was ist dabei?

Eigenes Blut.

Da riss es mir.

Das sind keine Ferien.

Ich nahm das Ticket mit zwei Fingern.

— Hört mir gut zu.

Das sind keine Ferien.

Das ist irgendein Tagesdienst ohne Gehalt.

Die Schwiegermutter wurde rot.

— Was für Worte du benutzt.

— Welche Worte braucht man denn hier?

Morgens der Kinderwagen.

Tagsüber der Laden, abends die Fläschchen.

Nachts schaukeln.

Das ist Arbeit.

— Er ist ein Junge, — sagte Zoja.

— Das ist nützlich für ihn.

— Eben.

Ein Junge.

Kein Mann auf Abruf und keine fremde Haushaltshilfe.

Pawel rieb sich die Stirn.

— Mama, hast du wirklich schon ein Ticket gekauft?

— Ja, habe ich.

Und?

— Storniert es, — sagte ich.

Ich legte das Ticket auf den Tisch und zerriss den Ausdruck langsam in zwei Hälften.

Dann noch einmal.

Das Papier knirschte trocken.

Die Schwiegermutter sprang fast auf.

— Bist du verrückt geworden?!

— Nein.

Aber man hätte fragen müssen.

Zoja wurde auf dem Bildschirm blass.

— Und was soll ich jetzt machen?

— Dasselbe, was erwachsene Menschen tun, wenn sie Hilfe brauchen.

Sich absprechen.

Mit dem Mann.

Mit der Mutter.

Mit einer bezahlten Helferin für ein paar Stunden.

Auch mit uns hätte man sich absprechen können.

Vor dem Kauf des Tickets.

Die Schwiegermutter schlug mit der Hand auf den Tisch, aber es klang schwach.

— Igorek ist schon groß.

Ich sah sie direkt an.

— Eben.

Groß.

Und er entscheidet selbst, wo er sein will.

Igor stand in der Tür.

Ich hatte nicht einmal bemerkt, wann er hereingekommen war.

Seine Schultern waren gerade.

— Ich fahre nirgendwohin, Oma, — sagte er.

— Wenn Hilfe gebraucht wird, kann ich später für ein paar Tage kommen.

Wenn man mich darum bittet.

Da hörten alle, dass er seine eigene Stimme hatte.

Die Tür und das Treppenhaus.

Die Schwiegermutter wurde hektisch und stopfte Taschentücher, Papierfetzen und ihr Telefon in die Tasche.

— Na gut.

Das habe ich mir gemerkt.

Zoja hat es schwer, und euch allen ist es egal.

— Nicht allen, — sagte Pawel plötzlich.

Wir beide drehten uns zu ihm um.

Er stand am Fenster, groß und müde, und schien sich selbst kaum zu glauben.

— Mama, das war falsch von mir.

Mit den Daten.

Ich hätte zuerst mit Ljuda sprechen müssen.

Walentina Sergejewna erstarrte.

— Zählt deine Mutter jetzt gar nichts mehr?

— Was hat das damit zu tun?

Igor ist mein Sohn.

So einfache Worte.

Und ich hörte sie, als wäre es das erste Mal.

Die Schwiegermutter schnappte sich ihre Tasche und ging in den Flur.

Ich folgte ihr.

Auf dem Treppenabsatz setzte sie gewöhnlich noch die letzte Nadel, wie Wechselgeld in Kleingeld.

So kam es auch.

An der Tür drehte sie sich um.

— Wenn es euch mal schlecht geht, ruft nicht nach mir.

— Werden wir nicht.

— Du hast leicht reden.

Dein Kind ist schon groß.

— Genau deshalb sage ich es.

Sie ging und schlug laut mit dem Absatz auf die Stufe.

Pawel stand lange im Flur.

Dann sagte er:

— Ich dachte, es geht um ein paar Wochen.

— Und was dann?

Geben wir unseren Urlaub auch noch über die Familienlinie ab?

Er lächelte schief.

— Schon gut.

Ich bin schuld.

— Sag das nicht mir.

Pawel sah Igor an.

— Sohn, entschuldige.

Ich habe es wirklich nicht kapiert.

Igor zuckte mit der Schulter.

— Kommt vor.

Er sammelte die Tassen vom Tisch, stellte sie in die Spüle und fragte, ohne aufzusehen:

— Mama, wird sie jetzt nicht mehr mit mir reden?

— Doch, wird sie.

— Ich wollte nicht, dass wegen mir …

— Das ist nicht wegen dir.

Das ist wegen des Tickets.

Merk dir den Unterschied.

Er nickte so ernst, als wäre genau das das Wichtigste, was man mit fünfzehn verstehen musste.

Dann ging er in sein Zimmer.

Und erst da bemerkte ich, dass die Marmelade immer noch auf dem Herd stand, dick, bernsteinfarben, und nach Beeren roch, nicht nach fremden Anordnungen.

Der Rucksack blieb zu Hause.

Eine Woche später ging Igor schon zu Onkel Slawa.

Um zehn ging er mit dem Rucksack los, um zwei kam er zurück, brachte Glasstaub auf den Händen und Neuigkeiten mit, wie ein Erwachsener.

— Mama, stell dir vor, ich habe schon selbst eine Glasleiste geschnitten.

Ich tat so, als würde ich jedes Wort verstehen.

Dabei verstand ich etwas anderes.

Der Rucksack blieb zu Hause.

Zoja rief zwei Tage lang nicht an.

Dann schrieb sie Pawel, dass ihr Mann ein paar freie Tage genommen hatte und Walentina Sergejewna dienstags und freitags zu ihr kam.

Es war weit zu fahren, heiß, teuer, aber was sollte man machen.

Es gibt immer einen Weg.

Hilfe hörte sofort auf, ein schönes Wort zu sein, als man sie selbst leisten musste.

Am Abend schnitt Pawel Brot und fragte, ob ich beleidigt wäre, wenn er im Juli für ein Wochenende zu seiner Schwester fahren würde.

— Fahr.

Wenn du es selbst entschieden hast, fahr.

Er nickte ohne Streit.

Und ohne das Echo seiner Mutter in der Stimme.

Zoja rief mich später doch selbst an.

— Ljud, sei mir nicht böse.

Ich war damals einfach überfordert.

— Ich bin dir nicht böse.

— Ich kam einfach wirklich nicht mehr hinterher.

— Das glaube ich dir.

Sie schwieg einen Moment.

— Man hätte fragen müssen.

— Man hätte fragen müssen.

Ein kurzes Gespräch.

Und ein direktes.

Bis August hatte Igor Geld für neue Kopfhörer gespart und selbst ausgesucht, welche.

Pawel hörte auf, seiner Mutter mit „gleich, gleich“ zu antworten, bevor er mich gefragt hatte.

Und Walentina Sergejewna stand beim nächsten Besuch schon auf der Schwelle und wartete, bis ich sagte:

— Kommen Sie rein.

Eine Kleinigkeit?

Nein.

Ordnung.

Manchmal ist es nicht schwer, mit der Tür zu knallen.

Schwer ist es, rechtzeitig „nein“ zu sagen, solange noch niemand mit einem fremden Ticket in deine Küche eingefahren ist.

Wo beginnt für euch Hilfe, und wo wird sie schon zu kostenloser Bedienung?