Er ließ sich wieder aufs Sofa fallen und griff nach der Fernbedienung, doch Marina riss ihm das Plastikding aus der Hand und schleuderte es in einen Haufen Verpackungspapier.
— Ljosh, hörst du mich überhaupt? — ihre Stimme wurde leise und unheimlich, frei von jeder Emotion.

— Verstehst du, dass wir morgen nicht zur Bank gehen?
Dass der Kauf nicht stattfinden wird?
Dass in zwei Tagen neue Mieter hier einziehen, weil wir den Mietvertrag gekündigt haben?
Wir haben keinen Ort zum Leben!
— Ach, übertreib doch nicht so, — verzog er das Gesicht, als wäre sie eine lästige Fliege.
— Wir rufen die Vermieterin an und erklären die Situation.
Wir sagen, dass wir uns verspäten.
Menschen sind doch keine Bestien.
Und im schlimmsten Fall gehen wir für ein paar Wochen zu meiner Mutter, bis Dimon das Geld zurückgibt.
In ihrer Zweizimmerwohnung ist Platz, wir schlafen eben auf einer Klappliege.
Wir sind nicht aus Zucker, wir werden schon nicht schmelzen.
— Zu deiner Mutter?
Auf eine Klappliege? — Marina lachte nervös und blickte auf die Berge von Kartons, in die ihr ganzes Leben verpackt war.
— Wir haben drei Jahre ohne freie Tage gearbeitet, damit wir in unsere eigene Wohnung ziehen können, und jetzt schlägst du mir vor, zu deiner Mutter zu fahren, weil dein Bruder ein schönes Leben spielen wollte?
Ljosh, erklär mir eins: wozu braucht er drei Millionen für einen einzigen Abend?
Alexej seufzte schwer, setzte sich gerade hin und sah seine Frau an wie ein unvernünftiges Kind, das die einfachsten Dinge nicht begreift.
— Marin, du kennst die Lage nicht.
Swetkas Vater, seine Braut, ist irgendein hohes Tier in der Verwaltung.
Da werden nur angesehene Leute als Gäste sein.
Dimon hat denen erzählt, dass sein Geschäft floriert, dass er ein toller Unternehmer ist.
Und was ist in Wirklichkeit?
Ein Stand mit Handyhüllen auf dem Markt.
Wenn sie herausfinden, dass er arm wie eine Kirchenmaus ist, fressen sie ihn auf.
Oder sie geben ihm Swetka nicht zur Frau.
Er musste mithalten.
— Womit mithalten?
Mit einer Lüge? — fiel Marina ihm ins Wort.
— Mit dem Status! — brüllte Alexej.
— Du verstehst nichts von männlicher Solidarität.
Mein Bruder kam zu mir, fast am Heulen.
Er sagt: „Ljokha, wenn ich ein normales Taxi nehme statt einer Limousine, wenn das Restaurant nicht ,Versailles‘ ist, sondern ein Café um die Ecke, dann lacht mich mein zukünftiger Schwiegervater aus.“
Er muss Eindruck machen, verstehst du?
Zeigen, dass er ihrer Familie würdig ist.
Das ist eine Investition in seine Zukunft!
Er wird jetzt mit Reichen verwandt, und dann geht sein Geschäft steil bergauf.
Danach gibt er uns hundertmal mehr zurück!
Marina hörte zu und fühlte, wie die Realität um sie herum zu verschwimmen begann.
Die Logik ihres Mannes war so verdreht, so monströs in ihrer Schlichtheit, dass es sinnlos war, dagegen zu argumentieren.
Es war, als würde man mit dem Kopf gegen eine Betonwand rennen.
— Eine Investition… — wiederholte sie und schmeckte das Wort auf der Zunge.
Es war bitter.
— Also waren die drei Jahre, in denen wir nicht ans Meer gefahren sind, eine Investition in Dimon?
Ich trage seit drei Jahren denselben Daunenmantel, dessen Reißverschluss ständig aufgeht, damit Dimon einen Abend in einer weißen Limousine herumfahren kann?
Wir haben Billig-Nudeln gegessen, Ljosh!
Erinnerst du dich, wie wir einen ganzen Monat von leerem Buchweizen gelebt haben, als dein Gehalt zu spät kam, aber wir keinen einzigen Rubel aus dem Sparglas genommen haben?
Keinen einzigen!
Weil es „heilig“ war, weil es die „Wohnung“ war!
— Hör auf, mir Vorwürfe zu machen! — Alexej schlug mit der Hand auf die Armlehne.
— Was hast du immer mit Buchweizen, Daunenmantel, Nudeln!
Du bist eine materialistische Frau, Marin.
Du denkst nur an Klamotten und Essen.
Und hier geht es um die Ehre der Familie!
Um das Glück meines einzigen Bruders!
Ja, ich habe geholfen.
Und ich bin stolz darauf.
Denn Geld ist nur Papier, etwas, das man wieder verdienen kann.
Aber Beziehungen zur Familie sind für immer.
Man darf nicht so geizig sein.
Marina starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
Geizig.
Er hatte sie geizig genannt.
Sie, die auf einen privaten Zahnarzt verzichtet und sich mit rasenden Schmerzen in der Bezirksklinik hatte behandeln lassen, nur um fünftausend Rubel mehr in den gemeinsamen Topf legen zu können.
Sie, die seine Socken gestopft hatte, statt neue zu kaufen, weil „jeder Hunderter uns dem Traum näherbringt“.
— Du hast drei Millionen gegeben, damit er Leuten, die er zum ersten Mal im Leben sieht, Sand in die Augen streuen kann, — sagte sie langsam und spürte, wie in ihr kalte Wut zu kochen begann.
— Du hast uns das Zuhause gestohlen, damit dein Bruder vor seinem Schwiegervater angeben kann.
Verstehst du denn nicht, dass er nichts zurückgeben wird?
Er hat kein Geschäft, Ljosh.
Er wird dieses Geld in einem einzigen Abend verfressen.
Feuerwerk, eine Torte für zweihunderttausend, das Brautkleid für eine halbe Million…
Das alles ist unser Geld!
Das ist das Zimmer meiner ungeborenen Kinder!
Das ist mein ruhiges Leben!
— Er gibt alles zurück, hab ich dir doch gesagt! — wiederholte Alexej stur und ging in die Küche.
— Sie bekommen auf der Hochzeit einen Haufen Geld geschenkt, und dann gibt er es sofort zurück.
Vielleicht nicht alle drei Millionen auf einmal, aber eine oder anderthalb Millionen auf jeden Fall in den nächsten Tagen.
Dann nehmen wir eben eine kleinere Hypothek und kaufen erstmal eine Einzimmerwohnung.
Mein Gott, was für eine Tragödie.
Hauptsache, die Familie ist heil.
Und du bist wegen ein paar Scheinen bereit, deinen Mann zu zerfleischen.
Er öffnete den Kühlschrank und holte eine Dose Bier heraus — eine von denen, die eigentlich für die Einweihungsfeier gekauft worden waren.
Mit einem Zischen machte er sie auf.
Er nahm einen gierigen Schluck und sah seine Frau provozierend an.
— Übrigens, wo ist mein Anzug?
Ich muss ihn noch dämpfen.
Morgen muss ich schon los, um bei den Vorbereitungen zu helfen.
Ich bin schließlich der Trauzeuge und muss geschniegelt aussehen.
Dimon hat gesagt, der Dresscode ist streng: „Black Tie“ oder wie das heißt.
Marina wandte den Blick zum Einbauschrank im Flur.
Dort hing, in einer Schutzhülle, ein teurer italienischer Anzug.
Sie hatten ihn vor einem Monat gekauft.
Alexej hatte damals eine Woche lang gejammert, dass er unmöglich in alten Sachen auf die Hochzeit seines Bruders gehen könne.
Der Anzug hatte vierzigtausend Rubel gekostet.
Marina hatte damals mit den Zähnen geknirscht, aber das Geld aus den Ersparnissen genommen, weil „es ist doch der Bruder, man lebt nur einmal“.
— Der Anzug… — sagte sie leise.
— Du brauchst einen Anzug, um ein schöner Trauzeuge auf einer Hochzeit zu sein, die mit meinen Tränen bezahlt wurde?
— Ich kann ja wohl schlecht in Unterhosen hingehen, — grinste Alexej und merkte nicht, wie sich das Gesicht seiner Frau verändert hatte.
Es war nicht mehr einfach nur wütend, es war zu Stein geworden.
— Komm schon, Marin, hör auf zu schmollen.
Mach irgendwas zu essen, ich habe vor lauter Nerven richtig Hunger bekommen.
Und hol den Anzug raus und mach ihn fertig.
Ich gehe solange duschen und wasche diesen ganzen negativen Mist von mir ab.
Er trank das Bier aus, zerdrückte die Dose und warf sie neben den Mülleimer.
Dann ging er, pfeifend wie aus bester Laune, ins Bad.
Eine Minute später rauschte das Wasser.
Marina blieb mitten im verwüsteten Wohnzimmer stehen.
In ihrem Kopf pochte nur noch ein einziger Gedanke.
Er versteht es nicht nur nicht.
Es ist ihm einfach egal.
Er hält sich für einen Helden, der die Ehre der Familie gerettet hat, und sie für eine lästige Störung, die ihm mit irgendeinem Geld in den Ohren summt.
Er wird diesen Anzug anziehen, zu diesem Fest des Lebens fahren, teuren Champagner trinken und lächeln, im Wissen, dass seine Frau mit leeren Händen zurückgeblieben ist.
Sie sah auf ihre Hände.
Ihre Finger zitterten fein.
Ihr Blick fiel auf den Küchentisch, auf dem zwischen anderem Kram eine große, schwere Schere zum Fischzerteilen lag.
Marina nahm sie in die Hand.
Das kalte Metall ernüchterte ihre Handfläche angenehm.
— Dresscode also… — flüsterte sie.
— Black Tie…
Langsam ging sie zum Schrank und riss die Tür auf.
Die dunkelblaue Hülle hing für sich allein da, stolz und unnahbar, genau wie Alexej in seinen Fantasien.
Marina zog den Reißverschluss der Hülle mit einem Ruck nach unten.
Es roch nach teurem neuem Stoff.
Im Bad rauschte das Wasser und übertönte die Geräusche aus dem Zimmer.
Alexej duschte und freute sich auf den morgigen Tag, an dem er geschniegelt neben seinem Bruder stehen würde, stolz und geschniegelt, und alle würden sehen, was für eine geeinte und wohlhabende Familie sie waren.
Er ahnte nicht, dass seine Frau in diesem Moment bereits eine Entscheidung getroffen hatte, die sich nicht mehr rückgängig machen ließ.
Marina strich mit der Hand über das Revers des Sakkos.
Der Stoff war angenehm, glatt, leicht kühl.
Feine italienische Wolle.
Vierzigtausend Rubel.
Das war nicht einfach Kleidung, das war das Äquivalent von zwei Monaten harter Einsparungen beim Essen.
Sie erinnerte sich daran, wie Ljosh im Laden vor dem Spiegel posiert hatte, zufrieden, strahlend, und gesagt hatte: „Ein Mann muss würdig aussehen, Marisch. Das ist Status.“
Status.
Dieses Wort löste inzwischen bei ihr Brechreiz aus.
Sie umklammerte die Schere so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden.
Der erste Schnitt ging schwer.
Der hochwertige Stoff wehrte sich.
Doch dann schlossen sich die Klingen mit einem kratzenden Geräusch, und der Ärmel des Sakkos hing, seiner Form beraubt, nur noch an einem Fetzen Futterstoff.
Das Geräusch des reißenden Stoffes klang in der Stille der Wohnung ohrenbetäubend, wie ein Schuss.
Aber Ljosh hörte es nicht hinter dem Wasserrauschen der Dusche.
Marina handelte methodisch, ohne hysterische Hast.
Sie zerschnitt nicht einfach nur.
Sie vernichtete.
Schnipp — und der zweite Ärmel fiel zu Boden.
Schnipp — und die Rückseite des Sakkos zerfiel in zwei unregelmäßige Hälften.
Sie schnitt die Knöpfe ab, und sie rollten mit einem Klacken über das Parkett wie kleine Münzen.
Die Hose erlitt dasselbe Schicksal: Die Hosenbeine wurden zu kurzen, schiefen Shorts, und die restlichen Stoffteile in lange, nutzlose Streifen zerschnitten.
Nach fünf Minuten lag ein Haufen blauer Lumpen auf dem Boden.
Was noch am Morgen ein Symbol für Ljoshs Eitelkeit gewesen war, taugte jetzt höchstens noch zum Wischen des Treppenhauses.
Im Bad verstummte das Wasser.
Das Schloss klickte, und die Tür ging auf.
Dampfwolken quollen in den Flur, und Alexej kam heraus, mit einem Handtuch um die Hüften, rosig, aufgeheizt und zufrieden mit dem Leben.
Mit einem zweiten Handtuch trocknete er sich die Haare und rief laut durch die ganze Wohnung:
— Marin, hast du schon was zu essen gemacht?
Nach dem Duschen habe ich immer Hunger wie ein Wolf.
Und bügel mir bitte mein weißes Hemd, das war in der Wäsche…
Mitten im Satz brach er ab, als er das Zimmer betrat.
Das Lächeln glitt langsam aus seinem Gesicht und wich einem Ausdruck stumpfer Verwirrung.
Er sah auf den Haufen blauen Stoff auf dem Boden und dann zu Marina, die mit der großen Küchenschere in der Hand darüberstand.
— Was… was ist das? — krächzte er und zeigte mit dem Finger auf die Überreste des Anzugs.
— Ist das mein Anzug?
Marin?
Marina hob langsam den Kopf.
Ihre Augen waren trocken und kalt wie Eis.
Sie weinte nicht.
Die Zeit der Tränen war vor einer halben Stunde vorbei gewesen, als sie das leere Bankkonto gesehen hatte.
Jetzt war die Zeit der Abrechnung.
— Das ist dein Status, Ljosh, — antwortete sie ruhig.
— Dein „Black Tie“.
Dein Eintrittsticket in das schöne Leben deines Bruders Dimon.
Gefällt’s dir?
Ich habe den Schnitt ein bisschen korrigiert.
— Du… bist du krank?! — brüllte Alexej und lief augenblicklich rot an.
Er sprang zu dem Haufen Lumpen, riss einen zerschnittenen Ärmel hoch und schwenkte ihn in der Luft.
— Was hast du getan, du Idiotin?!
Das waren vierzigtausend!
Vierzigtausend!
Ist dir überhaupt klar, was du angerichtet hast?!
Ich muss morgen auf eine Hochzeit!
Worin soll ich denn gehen?!
— Worin du gehst? — Marina trat einen Schritt auf ihn zu, und Alexej wich unwillkürlich zurück, als er das Schimmern der Schere sah.
— Das ist mir völlig egal, worin du gehst!
Geh in Unterhosen oder mit nacktem Hintern!
Du streust doch so gern Sand in die Augen, also zeig ihnen doch dein wahres Wesen!
Sie bückte sich, raffte den Haufen zerschnittenen Stoffes zusammen und schleuderte ihn mit voller Kraft direkt in das noch nasse Gesicht ihres Mannes.
Die Lumpen klebten an ihm, die Knöpfe schlugen schmerzhaft gegen seine Brust.
— Du hast mein Eigentum zerstört! — kreischte er und warf die Fetzen von sich.
— Psychopathin!
Hysterikerin!
Ich lasse dich einweisen!
Das war mein Eigentum!
— DEIN Eigentum?! — schrie Marina so laut, dass ihr der Atem stockte.
— Und die Wohnung war UNSERE!
Das Geld war UNSER!
Sie ging weiter auf ihn zu und drängte ihn zurück in den Flur.
Alexej wich zurück und hielt das rutschende Handtuch fest, erschrocken über diesen plötzlichen Ausbruch der Wut bei seiner sonst so ruhigen Frau.
— Wir haben drei Jahre lang leeren Buchweizen gefressen, um für die Hypothek zu sparen!
Und du hast alles deinem Bruder für die Hochzeit gegeben?!
Damit er einen Tag lang feiern kann?!
Ich bringe dich um!
Du hast uns die Wohnung wegen der Sauferei deiner Verwandtschaft gestohlen!
— Du verstehst das nicht!
Ich…
— Für eine Limousine!
Damit irgendein Typ aus der Verwaltung deinen Loser-Bruder ansieht und denkt, er sei ein toller Hecht?! — ließ sie ihn nicht ausreden.
— Halt den Mund! — brüllte Alexej und versuchte, die Kontrolle zurückzuerlangen.
— Wag es nicht, so über meine Familie zu reden!
Dimon ist heilig!
Und du bist nur eine geizige Kuh, die wegen jedes Groschens durchdreht!
Ja, ich hab’s gegeben!
Und ich habe richtig gehandelt!
Denn mein Bruder wird mir dankbar sein, und du nörgelst und nörgelst nur!
Ich verdiene neues Geld!
— Du verdienst es? — Marina lachte böse.
— Du hast in fünf Jahren keinen einzigen Rubel extra hereingebracht!
Ich habe gespart!
Ich habe das Budget geführt!
Ich habe verzichtet!
Und du hast nur gefressen und vor dem Fernseher Bier getrunken!
Glaubst du, das Geld hätte sich von selbst auf dem Konto vermehrt?
Du bist ein Parasit, Ljosh!
Du und dein Bruder — ihr seid zwei Parasiten, die sich an mich gehängt haben!
— Wer braucht dich schon mit deiner Wohnung! — Alexej winkte ab und ging endgültig zu Beleidigungen über.
— Du sitzt hier, zählst jeden Kopeken und siehst das Leben nicht.
Langweilig bist du, nervig, schon alt geworden durch dein ganzes Gespare!
Dimon wird wenigstens schön leben, und wir würden sonst sowieso im Beton sterben!
— Ach, langweilig?
Ach, alt? — Marina drehte sich abrupt um und rannte ins Schlafzimmer.
— He, wohin gehst du?
Ich bin noch nicht fertig! — schrie Alexej ihr nach und fühlte sich als Sieger des Wortgefechts.
— Geh und heul dich aus!
Und dass der Anzug bis morgen wieder wie neu ist, ist mir egal wie, näh ihn zusammen, kleb ihn, ist mir egal!
Doch Marina weinte nicht.
Sie zog den geöffneten Koffer unter dem Bett hervor, in den sie erst gestern noch die Wintersachen für den Umzug hatten packen wollen.
Sie begann im Zimmer herumzurasen und Alexejs Sachen zusammenzuraffen: T-Shirts, Jeans, Socken, Unterhosen.
Sie faltete nichts ordentlich, sie stopfte alles als Knäuel hinein und drückte mit dem Fuß nach.
— Was machst du da? — Alexej erschien im Türrahmen, immer noch nur im Handtuch.
— Warum fasst du meine Sachen an?
— Ich packe dich für das Fest ein! — brüllte sie und warf seine Turnschuhe mit den schmutzigen Sohlen direkt auf die sauberen T-Shirts in den Koffer.
— Du wolltest doch zu deiner Mutter?
Auf die Klappliege?
Dann verschwinde!
Und zwar jetzt sofort!
— Du hast kein Recht dazu! — empörte er sich.
— Ich bin hier gemeldet!
Das ist auch mein Zuhause, wenigstens im Moment!
— Hier gehört dir gar nichts!
Du hast doch selbst gesagt — Geld ist ersetzbar!
Dann geh und verdien dir neues!
Zusammen mit deinem Bruder!
Soll er dich jetzt ernähren, wenn du schon sein so großzügiger Sponsor bist!
Sie klappte den Koffer zu, zog den Reißverschluss zu, der jämmerlich ächzte, und schleifte ihn am Griff in den Flur.
Der Koffer war schwer, aber die Wut gab Marina Kraft.
Sie zog ihn über den Boden, stieß gegen die Ecken, und Alexej lief hinterher und versuchte, ihr den Griff zu entreißen.
— Halt, du Verrückte!
Wohin schleppst du den?!
Da ist mein Laptop drin!
— Den holst du dir im Pfandhaus wieder, wenn du kein Geld fürs Essen mehr hast! — fauchte sie und riss die Wohnungstür auf.
Der Koffer flog mit einem Krachen über die Schwelle, prallte gegen das eiserne Geländer und blieb, nachdem er sich überschlagen hatte, auf dem schmutzigen Beton des Treppenabsatzes liegen.
Ein Rad brach mit einem trockenen Knacken ab und hüpfte fröhlich die Stufen hinunter, sein Echo hallte durch das Treppenhaus.
Alexej stand barfuß auf der Schwelle, nur in Shorts und dem T-Shirt, das Marina ihm eben noch zugeworfen hatte.
Er blickte auf seinen Koffer, dann auf seine Frau, und auf seinem Gesicht erschien langsam die Erkenntnis, dass das hier nicht bloß ein Familienstreit war, auf den eine leidenschaftliche Versöhnung im Bett folgen würde.
Das hier war das Ende.
— Bist du völlig irre geworden? — zischte er und machte einen Schritt zurück in die Wohnung.
— Wohin soll ich denn jetzt gehen, mitten in der Nacht?
Ich habe weder Schlüssel noch Portemonnaie, alles ist noch in meiner Jacke!
Und die Jacke hängt im Schrank!
— Dann schau in die Tasche deiner Shorts, — Marina stand im Türrahmen und stützte die Hand gegen den Türrahmen.
Ihre Brust hob und senkte sich schwer, ihr Haar war zerzaust, doch in ihrer Haltung lag eine Entschlossenheit, die Alexej unwillkürlich stehen bleiben ließ.
— Ich habe dir deine Gehaltskarte hineingesteckt.
Da müssten noch ungefähr zweitausend drauf sein.
Reicht für ein Hostel.
Oder für eine Flasche Wodka, um dein Elend zu ersäufen.
— Marin, hör auf mit diesem Zirkus, — versuchte er, den Ton zu wechseln und weicher, beschwichtigender zu klingen, doch in seinen Augen flackerte immer noch Wut.
— Na gut, du bist ausgeflippt, du hast den Anzug zerschnitten — scheiß drauf, ich kaufe einen neuen.
Aber lass uns jetzt normal reden.
Ich komme rein, wir trinken Tee, wir besprechen alles.
Man kann doch nicht wegen Geld die Familie zerstören.
Na und, die Wohnung eben…
Dann mieten wir etwas anderes und sparen weiter.
Wir sind doch ein Team.
— Ein Team? — Marina lächelte bitter.
— Es gibt kein Team, Ljosh.
Da war ich, die diese Last gezogen hat, und da warst du, der auf meinem Rücken mitgefahren ist.
Und jetzt sitzt du eben auf dem Nacken deines Bruders.
Also fahr zu ihm.
Soll er dir Tee eingießen.
Sie bückte sich, hob vom Boden einen Haufen blauer Fetzen auf — das, was vom „Black-Tie“-Anzug übrig geblieben war — und schleuderte sie ihrem Mann ins Gesicht.
Die Stoffreste trafen ihn weich und bedeckten ihn mit abgeschnittenen Fäden.
— Nimm deinen Lumpen mit! — schrie sie so laut, dass im Stockwerk darüber irgendwo eine Tür knallte.
— Vielleicht näht dir Dimon daraus eine Fliege!
Dann bist du der bestangezogene Clown auf seinem Fest!
— Fahr zur Hölle! — Alexej platzte nun endgültig der Kragen.
Er trat gegen den Stoffhaufen und sah seine Frau hasserfüllt an.
— Verrückte Hysterikerin!
Ich gehe!
Ich gehe, hörst du?
Und du wirst noch angekrochen kommen!
Wenn du begreifst, dass du mit dreißig allein bist, ohne Mann, in einer Mietwohnung!
Wer wird dich dann noch brauchen?
Und ich werde aufsteigen!
Dimon nimmt mich mit ins Geschäft, wir reißen Berge nieder!
Dann wirst du dir in die Ellbogen beißen, aber zu spät!
— Dann geh doch Berge versetzen! — Marina packte den Griff der schweren Metalltür.
— Du kennst die Adresse des Restaurants!
Du kannst gleich dort wohnen, unter dem Tisch!
Da ist dein Platz — die Reste der reichen Verwandtschaft aufessen!
Sie stieß die Tür mit aller Kraft zu.
Alexej sprang gerade noch beiseite, damit ihn das Türblatt nicht traf.
— Miststück! — konnte er noch schreien.
Metall krachte.
Das Schloss klirrte.
Eine Umdrehung.
Die zweite.
Die dritte.
Dann fiel noch der Riegel — dumpf und endgültig.
Alexej blieb auf dem Treppenabsatz stehen.
Um ihn herum lagen die Fetzen teurer italienischer Wolle.
Der Koffer lag auf der Seite wie ein angeschossenes Tier.
Unten im Hausflur knallte irgendwo eine Eingangstür, und wieder trat Stille ein, nur das Summen des Aufzugs blieb.
Er stand eine Minute lang da und starrte auf den Türspion, in der Hoffnung, dass sich die Tür jetzt öffnen würde.
Dass Marina sich wieder beruhigen, Angst vor dem Alleinsein bekommen und ihn zurückrufen würde.
Doch hinter der Tür blieb es still.
Kein Schritt, kein Rascheln.
— Na und, Dummkopf, — sagte er laut in die Leere, um sich selbst Mut zu machen.
— Selbst schuld.
Ich komme sowieso nicht mehr zu dir zurück, merk dir das.
Er hob den Koffer auf und fluchte wegen des abgebrochenen Rades.
Das Gepäck war schwer.
Es war unbequem, ihn zu tragen.
Alexej ging ein Stockwerk tiefer, setzte sich auf die Fensterbank, die mit Staub und Zigarettenkippen bedeckt war, und zog das Handy heraus.
Das Display war gesprungen — vermutlich, als die Sachen eingepackt wurden — aber es funktionierte noch.
„Nichts, — dachte er fieberhaft, während er den Kontakt seines Bruders suchte. — Ich rufe jetzt Dimon an.
Er lässt mich nicht im Stich.
Wir sind doch Blut.
Ich sage ihm, dass ich mich mit Marinka wegen seiner Hochzeit völlig zerstritten habe.
Das wird er zu schätzen wissen.
Er nimmt mich auf, schenkt mir was ein, unterstützt mich.
Er hat eine große Wohnung, da ist Platz für alle.“
Das Freizeichen dauerte lange.
Alexej begann schon nervös zu werden und stellte sich vor, wie er die Nacht auf dem Bahnhof verbringen würde, doch endlich wurde abgenommen.
— Ljokha! — brüllte Dimon gegen die laute Musik und irgendein betrunkenes Gelächter an.
— Warum rufst du an?
Wir sind jetzt in die Sauna weitergezogen!
Das ist der totale Wahnsinn!
Wann kommst du morgen?
Sei bloß nicht zu spät, wir müssen noch das Auslösen der Braut proben!
— Dimon, hör zu, es ist was passiert, — Alexej versuchte, ruhig zu sprechen, doch seine Stimme zitterte.
— Marinka hat mich rausgeworfen.
Endgültig.
Mit Sachen.
Ich sitze direkt im Treppenhaus.
Wegen des Geldes, kannst du dir das vorstellen?
Sie hat erfahren, dass ich es dir überwiesen habe, und ist komplett durchgedreht.
— Ach was? — die Stimme des Bruders wurde etwas weniger fröhlich, doch die Musik im Hintergrund blieb laut.
— Boah, sind Frauen dumm, was?
Na nichts, Bruder, mach dir keinen Kopf!
Morgen finden wir dir auf der Hochzeit eine neue!
Bei Swetka gibt es einen ganzen Haufen unverheirateter Freundinnen!
— Dimon, ich habe keinen Platz zum Schlafen, — unterbrach ihn Alexej und spürte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief.
— Kann ich jetzt zu dir kommen?
Nur für ein paar Tage, bis ich etwas finde?
Ich habe einen Koffer dabei.
Am anderen Ende entstand eine Pause.
Die Musik hämmerte weiter: „Für dich zahle ich das Brautgeld…“
— Äh… Bruder… — zog Dimon die Worte in die Länge, und sein Ton änderte sich abrupt.
Er wurde sachlich und distanziert.
— Bei mir geht’s gerade gar nicht.
Wirklich überhaupt nicht.
Die Bude ist voller Leute.
Verwandtschaft aus Krasnodar ist gekommen, meine Tante mit drei Kindern, Onkel Walera schnarcht im Wohnzimmer.
Ich selbst schlafe auf einem Luftbett auf dem Balkon.
Hier kann nicht mal ein Apfel zu Boden fallen, so voll ist es.
Und Swetka rastet aus, wenn ich noch jemanden anschleppe.
Morgen ist hier doch auch das ganze Chaos mit dem Schminken und den Vorbereitungen.
Geht nicht, Ljokh.
— Dimon, ich habe dir drei Millionen gegeben… — sagte Alexej leise.
— Ich kann nirgendwo hin.
Ich habe zweitausend Rubel auf der Karte.
Ich habe dir alles gegeben.
— Was fängst du denn jetzt damit an? — in der Stimme des Bruders klang bereits Gereiztheit.
— Ich bin dir doch dankbar, bestreite ich doch gar nicht!
Aber versetz dich mal in meine Lage!
Ich habe Hochzeit!
Den wichtigsten Tag meines Lebens!
Willst du mir mit deinem langen Gesicht und deinen Koffern das Fest verderben?
Nimm dir ein Zimmer in irgendeinem Hotel oder geh zu Freunden.
Du bist doch ein erwachsener Mann.
Komm, belast mich nicht.
Morgen will ich, dass du geschniegelt wie aus dem Ei gepellt da bist!
Und vergiss den Anzug nicht!
— Dimon… — begann Alexej, doch im Hörer waren schon nur noch kurze Abbrüche zu hören.
Alexej ließ die Hand mit dem Handy langsam sinken.
Der Bildschirm erlosch und spiegelte sein verstörtes Gesicht wider.
Er saß auf einer schmutzigen Fensterbank im Treppenhaus eines fremden Hauses.
Hinter der Wand, in der Wohnung, die er für seine gehalten hatte, war sein früheres Leben zurückgeblieben.
Auf dem Bankkonto war null.
Sein Anzug lag als Haufen Lumpen eine Etage höher.
Und sein geliebter Bruder, für den er sein Leben zerstört hatte, hatte einfach aufgelegt, weil es „nicht ging“.
Alexej sah auf seinen Koffer mit dem abgebrochenen Rad.
Dann blickte er zur verschlossenen Tür des Vorraums.
In seiner Hosentasche vibrierte das Handy — eine Benachrichtigung von der Bank war eingegangen: „Abbuchung der Kartenservicegebühr: 150 Rubel“.
Er war allein geblieben.
Absolut allein.
Und schuld daran war niemand außer ihm selbst.



