— Verlassen Sie diese Reihe sofort. Sie stehen nicht auf der Liste!
Matwei Kornejewitsch rückte nicht zur Seite.

Er umfasste nur etwas fester den rauen Rand eines dicken Papierumschlags, der auf seinen Knien lag.
Über ihm beugte sich ein junger Mann in einem schmalen dunkelblauen Sakko, das ihm an den Schultern sichtbar zu eng war.
Von dem Kerl ging intensiv der Geruch von Minzkaugummi und herbem Parfüm aus — ein völlig fremder Geruch in diesem alten Festsaal des Polytechnischen Instituts, der nach Holzstaub und aufgeheiztem Bühnenvelours roch.
— Hören Sie mich? — der junge Mann schlug ungeduldig mit der Handfläche auf die Rückenlehne des Sessels vor ihm.
— Die dritte Reihe ist vollständig für die Leitung des Baukonzerns reserviert.
Stehen Sie auf und gehen Sie auf den Balkon.
Für die Angehörigen der Studenten sind dort Plätze vorgesehen.
Der Alte hob langsam den Blick.
Der Wollstoff seines Paradeuniformrocks kratzte ein wenig in der stickigen Luft — die alten Klimaanlagen kamen gegen den Atem von fünfhundert versammelten Menschen nicht an.
— Ich habe eine Einladungskarte bei mir, — antwortete Matwei Kornejewitsch mit ruhiger, etwas dumpfer Stimme.
— Ausgestellt vom Dekanat.
Dritte Reihe, Platz acht.
Der Wachmann scharrte gereizt mit der Gummisohle seines lackierten Schuhs über das Parkett und richtete den transparenten Draht seines Headsets, der hinter dem Kragen seines schneeweißen Hemdes verschwand.
— Ihre Reservierung wurde schon heute Morgen annulliert.
Sie stehen nicht in den Listen.
Aufstehen, Vater.
Machen wir hier keine unnötigen Szenen.
Links raschelte missbilligend das Programmheft einer Frau mit hoher Frisur und massiven goldenen Ohrringen.
— Mein Herr, haben Sie doch ein Gewissen! — zischte sie laut und presste unzufrieden die Lippen zusammen.
— Wegen Ihrer Sturheit wird jetzt die ganze Zeremonie aufgehalten.
Gehen Sie dahin, wo man Sie hinschickt, und verderben Sie den Kindern nicht das Fest.
Matwei Kornejewitsch ließ ihren Vorwurf unbeachtet.
Er strich mit einem rau gewordenen Finger über den Aufschlag seines Uniformrocks, wo matt ein einziges schweres Kreuz für besondere Verdienste schimmerte.
In seiner Tasche lag ein Umschlag mit einem Brief.
Die Handschrift von Taisija.
Seine Frau war vor drei Jahren gestorben — ihre Gesundheit hatte völlig nachgelassen, und sie war buchstäblich innerhalb weniger Monate gegangen.
An ihrem letzten Abend hatte sie seine Hand fest gedrückt: „Matjuscha, wenn Ignat sein Ingenieursdiplom bekommt, setz dich in die erste Reihe.
Direkt vor die Bühne.
Damit der Junge in den Saal schaut und sieht, dass wir bei ihm sind.“
Er hatte es versprochen.
Und das Wort eines Mannes, der vor dreißig Jahren auf einem südlichen Pass eine Rundumverteidigung gehalten hatte, wog mehr als eine Granitplatte.
Der Wachmann, der sich durch die Unterstützung der Nachbarin bestärkt fühlte, stemmte frech die Hände in die Seiten.
Unter dem dünnen Stoff seines Sakkos zeichneten sich die Muskeln eines Fitnessstudio-Stammgastes ab.
Er genoss seine Stellung ganz offensichtlich.
— Also gut, Opa.
Ich rufe jetzt meine Kollegen, und wir führen dich direkt am Arm in den Flur hinaus.
Dort kannst du dir deine Abschlussfeier ansehen.
Durch einen Spalt.
Matwei Kornejewitsch richtete den Rücken auf.
— Wage es nur, mich anzufassen, Sohn.
Er sagte das sehr leise.
Ohne die Stimme auch nur im Geringsten zu heben.
Ohne Pathos oder Kränkung.
Doch der junge Mann stockte plötzlich.
Der Blick des Rentners war so schwer und ruhig, dass Drohungen an ihm zerbrachen wie trockene Zweige.
Die Zeit zog sich unerträglich langsam hin.
Der Sekundenzeiger an Matwei Kornejewitschs alter Kommandeursuhr zählte Minute um Minute.
Fünf Minuten bis zu Ignats Auftritt.
Von der Bühne her drang die monotone Stimme des Rektors.
Das Mikrofon pfiff von Zeit zu Zeit unangenehm schrill.
Die Studenten in ihren Talaren traten hinter den Kulissen von einem Fuß auf den anderen.
Der Alte schloss die Augen.
Die stickige Luft des Saales wurde in seiner Erinnerung plötzlich durch die brennende Kälte einer Gebirgsschlucht ersetzt.
Neunundachtzig.
Eine schwere Prüfung auf dreitausend Metern Höhe.
Sein Trupp hielt einen schmalen steinigen Pfad und deckte den Rückzug einer Kolonne.
Auf den grauen Felsblöcken lag stechender Reif, die Lungen brannten von der dünnen Luft.
Der Funker Paschka war auf Geröll ausgerutscht und auf einen tiefer gelegenen Vorsprung gestürzt.
Ihn zu holen schien unmöglich.
Doch Matwei stieg hinunter.
Er schleppte den Jungen über scharfe Steine auf seinem Rücken, wobei er sich die Hände schwer verletzte.
Das Gewicht des fremden Körpers war damals ein echter Schlag für seinen Rücken gewesen, die Muskeln verkrampften sich schmerzhaft, doch er löste die Finger nicht.
Wenn er diese Prüfung ausgehalten hatte, sollte er dann etwa vor einem geschniegelt wirkenden Jüngling mit Namensschild kapitulieren?
Der Wachmann drückte scharf die Taste an seinem Kragen.
— Wlad, komm ins Parkett.
Dritte Reihe, Mitte.
Hier weigert sich ein Besucher, eine Reservierung freizugeben.
Wir werden ihn entschlossen hinausführen.
Zwei Minuten vergingen.
Aus dem Seitengang kamen mit sicherem Schritt zwei kräftige Kerle in Uniform heran.
Der erste Wachmann nickte ihnen aufmunternd zu.
— Hebt ihn hoch, — befahl er.
Einer der Neuankömmlinge trat vor und streckte seine breiten Hände nach den Schultern des Alten aus.
Und genau in diesem Moment schwangen die schweren Eichentüren am Ende des Mittelgangs auf.
Der Aufprall der Türflügel gegen die Stopper klang so scharf, dass das Stimmengewirr im Raum augenblicklich verstummte.
Die Leute auf den hinteren Reihen drehten sich erschrocken um.
Vierzehn Männer betraten den Saal.
Sie trugen weder strenge Anzüge noch festliche Krawatten.
Abgetragene Sturmjacken, dunkle grob gestrickte Pullover, gewöhnliche Jeans und schwere Stiefel.
Doch die Art, wie sie gingen, ließ die Zuschauer tiefer in ihre Sitze sinken.
Sie hielten die Formation so gerade, als hätten sie ihr ganzes Leben dafür trainiert, genau über diesen Teppich zu marschieren.
Vorn ging Stepan.
Ein schwerer, breitschultriger Mann mit hartem grauem Stoppelbart.
In seiner rechten Hand hielt er einen hölzernen Stock.
Tock.
Ein dumpfer Schlag auf das Parkett.
Tock.
Dieses Geräusch kam unaufhaltsam näher und zerschnitt die gespannte Stille des Festsaals.
Hinter Stepan gingen die anderen — genau jene Männer, mit denen Matwei Kornejewitsch die letzte trockene Ration geteilt hatte.
Sie waren aus den Nachbarstädten gekommen und hatten alles stehen und liegen lassen.
Einfach deshalb, weil Matwei am Vortag in einem Telefonat beiläufig erwähnt hatte, dass die örtliche Verwaltung wegen wichtiger Gäste Probleme mit den Plätzen machen könnte.
Der Wachmann, der eben noch nach dem Rentner greifen wollte, zog abrupt die Hände zurück und trat unsicher einen Schritt zurück, wobei er sich schmerzhaft mit der Hüfte am Armlehnenende stieß.
Stepan blieb genau einen halben Meter vor dem Schichtleiter stehen.
Er stützte sich schwer mit beiden Händen auf den Knauf seines Stocks und sah aufmerksam in das verwirrte Gesicht des jungen Mannes.
— Probleme mit den Karten, Kommandeur? — Stepans Stimme klang wie knirschender Schotter unter den Rädern eines Lastwagens.
Der junge Mann schluckte nervös.
Von seiner mentholfrischen Selbstsicherheit war keine Spur geblieben.
Er sah auf diese Mauer harter Männer.
Kein Geschrei, kein Fuchteln mit den Händen.
Nur die absolute, unerschütterliche Gewissheit von Menschen, die den Wert des Lebens kennen.
— Hier… sind Plätze für die Leitung des Trusts, — brachte der Wachmann unsicher hervor und wich noch einen Schritt zurück.
— Die Leitung wird im Flur stehen, — sagte der gedrungene Mann neben Stepan mit der tiefen blassen Narbe auf der Wange ruhig.
— Und unser Kommandeur bleibt auf seinem Platz.
Haben wir uns verstanden?
Niemand vom Sicherheitspersonal wagte zu widersprechen.
Der Schichtleiter wechselte hastig einen Blick mit seinen Kollegen, sein Adamsapfel zuckte nervös, und er murmelte etwas Unverständliches.
Die drei kräftigen Männer drehten sich schweigend um und verschwanden eilig in der Dunkelheit des Seitengangs.
Die Frau mit den goldenen Ohrringen versank in ihr Telefon und bemühte sich, den Blick nicht zu heben.
Die ehemaligen Kameraden setzten sich nicht hin.
Sie stellten sich in einer geraden Reihe an der Wand entlang neben der dritten Sitzreihe auf und verschränkten die Arme vor der Brust.
Auf der Bühne erklang ein feierlicher Tusch.
— Das Diplom mit Auszeichnung wird an Ignat Kornejew verliehen!
Matwei Kornejewitsch beugte sich vor.
Hinter den Kulissen trat ein großer, blondhaariger junger Mann in einem strengen weißen Hemd hervor.
Er trat an den Tisch des Rektorats, nahm die feste Schachtel entgegen und schüttelte den Professoren kräftig die ausgestreckten Hände.
Dann wandte er sich dem Saal zu.
Ignat suchte nicht nach seinen Freunden.
Sein Blick fiel sofort auf die dritte Reihe.
Er sah seinen Großvater.
Er sah vierzehn ernste Männer an der Wand — genau jene, die zu ihnen auf die Datscha gekommen waren, um den Zaun zu reparieren und ihm den Umgang mit Tischlerwerkzeug beizubringen.
Der Junge machte einen Schritt an den Rand der Bühne und senkte langsam und mit tiefem Respekt den Kopf.
Das war nicht einstudiert.
Die Studenten in den ersten Reihen, die die Energie dieses Moments instinktiv spürten, begannen unsicher zu klatschen.
Nach einer Sekunde schlossen sich die Eltern an.
Der Applaus rollte in einer dichten Welle durch den Saal.
Matwei Kornejewitsch presste die Kiefer fest zusammen.
Er blinzelte die aufsteigende Feuchtigkeit rasch weg und nickte seinem Enkel kaum merklich zu.
Anderthalb Stunden später war der offizielle Teil beendet.
Sie traten auf die Freitreppe des Instituts hinaus.
Der Abend empfing sie mit kühlem Wind und dem Duft aufblühenden Flieders.
Die Studenten zerfielen in laute Gruppen, machten Fotos und lachten.
Ignat lief die steinernen Stufen hinunter, trat zu seinem Großvater und umarmte ihn fest.
— Danke, dass du gekommen bist.
Ich habe von der Bühne aus gesehen, wie diese Typen in den Sakkos um dich herumgeschlichen sind.
Ich wollte alles hinschmeißen und herunterkommen…
— Das war nicht nötig, — antwortete Matwei Kornejewitsch ruhig.
Er zog den eingerissenen Umschlag aus der Innentasche.
— Hier.
Großmutter hat mich gebeten, ihn dir genau heute zu geben.
Ignat nahm das vergilbte Papier vorsichtig entgegen.
Die Männer aus der Einheit standen nicht weit entfernt, rauchten und redeten leise über die Preise für Baumaterialien, als wäre vor einer Stunde überhaupt nichts Besonderes geschehen.
Der Junge faltete das Blatt auseinander.
Dort stand in vertrauter, sorgfältiger Handschrift geschrieben: „Enkelchen, wenn du das liest, bedeutet es, dass du dein Diplom bekommen hast und dein Großvater im Saal sitzt.
Ich möchte, dass du dir das Wichtigste merkst: Würde kann man nicht kaufen.
Man kann sie nur bewahren, wenn die Umstände versuchen, dich zu beugen.
Sei ehrlich und weiche niemals vor fremder Unverschämtheit zurück.
Ich bin sehr stolz auf dich.“
Am Morgen rollte die alte „Wolga“ sanft über die holprige Straße hinaus aufs Land.
Im Innenraum roch es nach Benzin und frischer Morgenfeuchtigkeit.
Sie kamen an einen stillen Ort, an dem die Großmutter ruhte.
Die Luft war rein.
Irgendwo in der Ferne klopfte gleichmäßig ein Specht.
Ignat trat an die Marmorplatte und legte sein rotes Diplom neben einen kleinen Strauß Nelken auf den kalten Stein.
Matwei Kornejewitsch stand neben ihm und stützte sich mit der Hand auf den Zaun.
— Opa, warum warst du dir so sicher, dass sie keine Leute in Uniform rufen würden? — fragte Ignat leise und sah auf das Foto der Großmutter.
— Es hätte doch ein großer Skandal werden können.
Matwei Kornejewitsch richtete den Kragen seiner Jacke und blickte in den hellen Himmel.
— Verstehst du, Ignat…
Skandale machen nur jene, die sich ihrer Sache nicht sicher sind.
Und die, die nach fremden Anweisungen leben, weichen vor echten Prinzipien immer zurück.
Wir haben keine Sekunde gezweifelt.
Die Welt steht nicht auf denen, die am lautesten schreien und kommandieren.
Sie steht auf denen, die ihre Versprechen halten können.
Sie standen noch ein wenig schweigend da und hörten dem Rascheln der Birkenblätter zu.
Dann drehten sie sich um und gingen zum Wagen.
Der Kies knirschte weich unter ihren Füßen.
Ignat lag das ganze Leben noch vor ihm, und nun wusste er ganz genau, auf welches Fundament er sich stützen musste.



