Der Schütze zielte auf seine Schwester, doch die kampferprobte Krankenschwester wurde zur einzigen Frau, der Radomir sein Leben anvertraute …

— Der Schütze hat nicht auf Sie gezielt.

Maxim sprach diese Worte leise aus, doch sie veränderten augenblicklich Radomirs Gesichtsausdruck, als hätte jemand die letzten Reste seiner Ruhe ausgeschaltet.

— Auf Julia? — fragte er nach, obwohl er die Antwort bereits kannte.

Maxim nickte kurz und zeigte ihm den Bildschirm seines Handys, auf dem eine Nachricht von einem Mann zu sehen war, der die Straße beobachtet hatte.

— Die Kamera in der Nähe des Parkplatzes hat ein Auto aufgezeichnet, das fast vierzig Minuten lang gegenüber dem Eingang stand.

— Warum hat es niemand früher bemerkt? — fragte Radomir.

— Weil der Fahrer nicht ausgestiegen ist und das Kennzeichen auf eine Mietwagenfirma registriert war.

Tatjana stand neben ihm und beobachtete aufmerksam das Gesicht des Mannes, der noch vor wenigen Minuten völlig unerschütterlich gewirkt hatte.

Jetzt waren seine Augen kalt und unbeweglich, und sein Blick war so konzentriert, dass sogar Maxim instinktiv einen halben Schritt zurückwich.

— Wo ist Julia? — fragte Radomir.

— Drinnen, unter ärztlicher Beobachtung — antwortete Tatjana.

Er ging sofort auf die Türen zu, doch sie packte ihn am Ellbogen und brachte ihn zum Stehen.

— Sie gehen nirgendwohin, bevor der Chirurg Ihre Wunde untersucht hat.

Radomir sah langsam auf ihre Finger, die auf seinem Ärmel lagen, und richtete seinen Blick anschließend wieder auf das Gesicht der Frau.

— Lassen Sie mich los.

— Nein.

Maxim runzelte kaum merklich die Stirn und erwartete die übliche Reaktion seines Bosses, doch Radomir schwieg überraschenderweise.

Tatjana nahm ihre Hand weg und fügte ruhig hinzu, dass sich sein Zustand aufgrund einer inneren Blutung plötzlich verschlechtern könne.

— Sie haben genug Blut verloren, um wenigstens eine Stunde lang aufzuhören, den Unsterblichen zu spielen.

Auf Radomirs Lippen erschien ein kaum wahrnehmbares Lächeln, das fast sofort wieder verschwand.

— Reden Sie immer so mit Ihren Patienten?

— Nur mit denen, die nach einer Schussverletzung versuchen, vor dem Chirurgen wegzulaufen.

— Und wenn der Patient sehr gefährlich ist?

Tatjana zuckte mit den Schultern und antwortete, dass die Gefährlichkeit eines Patienten nichts an den medizinischen Vorschriften ändere.

— Sie haben also tatsächlich keine Angst vor mir.

— Ich habe Angst vor Dummheit, denn manchmal erweist sie sich als weitaus gefährlicher als eine Waffe.

Maxim wandte sich ab, um sein Lächeln zu verbergen, und Radomir erlaubte sich zum ersten Mal an diesem Abend ein leises Lachen.

Doch dieser kurze Moment endete, als eine Krankenschwester aus dem Flur gelaufen kam und mitteilte, dass Julia wieder zu Bewusstsein gekommen war.

Radomir versuchte sofort, hineinzugehen, doch Tatjana hielt ihn erneut auf.

— Zuerst der Chirurg.

— Sie ist meine Schwester.

— Und Sie sind mein Patient.

— Sie sind stur.

— Und Sie sind anstrengend.

— In welcher Hinsicht?

Tatjana sah ihn von oben bis unten an und antwortete vollkommen ernst, dass dies sowohl körperlich als auch emotional gemeint sei.

Maxim räusperte sich, um ein weiteres Lachen zu unterdrücken, woraufhin Radomir den Ärzten schließlich erlaubte, ihn in den Operationssaal zu bringen.

Während die Chirurgen die Wunde versorgten, blieb Tatjana bei ihm, weil der Zustand des Patienten eine ständige Überwachung erforderte.

Die Kugel war durch seinen Körper hindurchgegangen, ohne lebenswichtige Organe zu verletzen, doch die Verletzung war trotzdem ernst genug.

Als der Arzt die Behandlung der Wunde beendet hatte, fragte Radomir nur nach einer Sache.

— Lebt Julia?

— Ja — antwortete Tatjana.

Er schloss die Augen und zeigte zum ersten Mal seine wahre Erschöpfung.

Einige Sekunden lang sagte niemand etwas, bis Tatjana bemerkte, wie fest er seine Finger zusammenpresste.

— Entspannen Sie sich.

— Es geht nicht.

— Dann stellen Sie sich vor, dass Sie jetzt nicht der Anführer eines Clans sind.

Er öffnete die Augen und sah sie leicht gereizt an.

— Sondern wer?

— Ein ganz gewöhnlicher Mann, der heute angeschossen wurde und sich ausruhen muss.

Radomir schwieg eine Weile und fragte dann, warum sie überhaupt bei ihm geblieben sei.

— Weil Sie mein Patient sind.

— Nur deshalb?

Tatjana erwiderte seinen Blick und spürte eine unerwartete Spannung, die nichts mit medizinischer Sorge zu tun hatte.

— Vorerst nur deshalb.

Radomir lächelte spöttisch, sagte aber nichts weiter.

Unterdessen begann die Polizei, das Gelände rund um die Wohltätigkeitsstiftung zu untersuchen.

Die Beamten fanden mehrere Glassplitter, Bremsspuren und eine Patronenhülse, die neben der Wand des benachbarten Gebäudes lag.

Die wichtigste Entdeckung war jedoch eine Überwachungskamera, die einige Monate vor dem Anschlag auf dem Parkplatz installiert worden war.

Auf der Aufnahme war zu sehen, dass der Schütze die Position seines Autos mehrmals verändert hatte und darauf wartete, dass Julia zum Eingang kam.

Der am Tatort eingetroffene Ermittler erkannte sofort, dass der Anschlag sorgfältig geplant worden war.

Doch eine entscheidende Frage blieb offen.

Wem war Julias Tod gelegen?

Radomir erhielt diese Information noch vor dem Ende der Operation, und sein Gesicht wurde wieder undurchdringlich.

— Verstärkt die Bewachung meiner Schwester — befahl er.

Maxim nickte.

— Ist bereits geschehen.

— Überprüft alle Menschen, die von der heutigen Veranstaltung wussten.

— Auch die Mitarbeiter der Stiftung?

— Besonders die Mitarbeiter der Stiftung.

Tatjana hörte das Gespräch mit und verstand, dass die Ermittlungen weitaus komplizierter sein konnten als ein gewöhnlicher Anschlag.

Julia war Radomirs jüngere Schwester, doch viele hielten sie für das schwächste Glied der Familie.

Sie kümmerte sich um Wohltätigkeitsprogramme und war kaum an den Geschäften beteiligt, die ihr Bruder leitete.

Genau deshalb verstand niemand, warum jemand eine Frau beseitigen wollte, die praktisch keine Feinde hatte.

Einige Stunden später kam Julia endgültig zu sich.

Radomir betrat das Krankenzimmer erst nach der Erlaubnis des Arztes, obwohl sein offensichtlicher Wunsch darin bestand, seine Schwester sofort zu sehen.

Julia lag zwischen weißen Kissen und wirkte blass, doch sie lächelte, als sie ihn sah.

— Du bringst schon wieder alle um den Verstand.

— Du hättest mir sagen müssen, dass du unverletzt bist.

— Ich dachte, du wärst damit beschäftigt, den Unsterblichen zu spielen.

Radomir setzte sich neben sie und nahm vorsichtig ihre Hand.

Tatjana beobachtete sie vom Türrahmen aus und sah zum ersten Mal den Mann, der unabhängig von seinem furchteinflößenden Ruf existierte.

Seiner Schwester gegenüber war er einfach nur der ältere Bruder.

Warmherzig, aufmerksam und beinahe schutzlos.

Julia bemerkte Tatjana und lächelte.

— Hat sie dich gerettet?

Radomir sah über seine Schulter.

— Sie hat mich nicht weglaufen lassen.

— Dann hat sie dich bereits gerettet.

Tatjana wollte widersprechen, doch Julia sagte plötzlich, dass sie ihren Bruder noch nie so ruhig in der Nähe einer fremden Frau erlebt habe.

Radomir warf ihr einen warnenden Blick zu.

Julia lachte, verzog dann aber vor Schmerzen das Gesicht.

— Lach nicht — sagte er streng.

— Du kannst mir nicht das Lachen verbieten.

— Ich kann es versuchen.

Tatjana lächelte, während sie ihrem Gespräch zusah, bemerkte jedoch, dass Radomir ständig zur Tür blickte.

Er hatte offensichtlich Angst vor einem weiteren Anschlag.

Nach einiger Zeit bat der Ermittler ihn, für ein Gespräch hinauszukommen.

— Wir haben noch etwas gefunden — sagte er.

Radomir runzelte die Stirn.

— Was genau?

— Der Angreifer hat Julia mindestens drei Wochen lang beobachtet.

— Woher wissen Sie das?

Der Ermittler zeigte ihm Fotos des Autos, die in verschiedenen Stadtteilen aufgenommen worden waren.

Das Fahrzeug war in der Nähe der Stiftung, bei Julias Haus und sogar bei der Klinik aufgetaucht, in der sie eine Vorsorgeuntersuchung hatte.

— Hat jemand aus Ihrer Familie in letzter Zeit Drohungen erhalten?

Radomir sah Maxim an.

— Es gab einige anonyme Nachrichten.

— Warum haben Sie die Polizei nicht informiert?

— Weil die meisten Drohungen bei leeren Worten enden.

Der Ermittler antwortete ruhig, dass eine davon heute beinahe mit dem Tod geendet hätte.

Radomir sagte nichts.

Er wusste, dass der Ermittler recht hatte.

Wenige Minuten später wurde ihm ein weiteres Detail mitgeteilt.

Der Schütze hatte eine Route benutzt, die nur jemand kennen konnte, der Zugriff auf den Zeitplan des Wohltätigkeitsabends hatte.

Das bedeutete, dass die Informationen innerhalb der Organisation durchgesickert waren.

Radomir ließ sofort eine Liste aller Mitarbeiter bringen.

Tatjana hörte zufällig den Nachnamen eines Mannes und blieb abrupt stehen.

— Wiederholen Sie das.

Maxim sah sie an.

— Was genau?

— Den Nachnamen.

Er nannte ihn erneut.

Tatjana wurde blass.

— Ich kenne diesen Mann.

Radomir drehte sich zu ihr um.

— Woher?

— Er arbeitete als Freiwilliger in dem Militärkrankenhaus, in dem ich vor einigen Jahren gedient habe.

Im Krankenzimmer trat Stille ein.

— Und was wissen Sie über ihn? — fragte Radomir.

— Er war nie ein Freiwilliger.

— Woher wollen Sie das so genau wissen?

Tatjana sah den Ermittler an.

— Weil ich seinen echten Ausweis gesehen habe.

Sie erzählte, dass dieser Mann vor einigen Jahren versucht hatte, Zugang zu den medizinischen Daten von Patienten zu bekommen, die nach Militäreinsätzen behandelt worden waren.

Damals wurde er nach einer internen Untersuchung entlassen.

Der wahre Grund für seine Entlassung wurde jedoch nie offiziell bekannt gegeben.

— Hat er für jemanden gearbeitet? — fragte Radomir.

— Wir vermuteten es.

— Für wen?

Tatjana schüttelte den Kopf.

— Niemand konnte es beweisen.

Radomir sah den Ermittler an.

— Finden Sie ihn.

Zwanzig Minuten später wurde bekannt, dass der Verdächtige verschwunden war.

Seine Wohnung war leer, sein Telefon ausgeschaltet und sein Auto am Stadtrand gefunden worden.

Im Wagen entdeckte man jedoch einen alten Ausweis, mehrere Fotos von Julia und einen ausgedruckten Plan der Wohltätigkeitsveranstaltung.

Auf der Rückseite eines der Fotos standen nur zwei Worte.

„Erste Phase.“

Radomir betrachtete das Foto lange.

— Das bedeutet, dass dies erst der Anfang ist.

Tatjana spürte eine unangenehme Kälte, die ihr über die Wirbelsäule lief.

Sie wusste, dass Radomir es gewohnt war, mit gefährlichen Menschen zu tun zu haben.

Doch nun galt die Bedrohung nicht nur seinem Geschäft.

Sie galt seiner Familie.

Später in der Nacht wollte Tatjana die Klinik verlassen, als sie hinter sich eine Stimme hörte.

— Frau Wovk.

Sie blieb stehen.

Radomir stand am Fenster und war nach der Operation noch immer blass.

— Sie müssen sich ausruhen — sagte sie.

— Antworten Sie immer mit einer Frage auf eine Frage?

— Nein.

— Warum sind Sie dann heute geblieben?

Tatjana sah ihn an und schwieg einige Sekunden.

— Weil Sie verletzt waren.

— Das ist keine Antwort.

— Für einen Arzt ist das eine ausreichende Antwort.

Radomir trat näher.

Er war so groß, dass Tatjana den Kopf etwas heben musste.

— Frauen haben normalerweise entweder Angst vor mir oder wollen etwas von mir.

— Und ich?

— Sie haben mich angesehen, als wäre ich einfach nur ein Mensch.

Tatjana wich seinem Blick nicht aus.

— Weil Sie einfach nur ein Mensch sind.

Radomir lächelte spöttisch.

— Das ist ein gefährlicher Gedanke.

— Warum?

— Weil ich, wenn ich Ihnen glaube, zugeben müsste, dass mir Ihre Anwesenheit gefällt.

Tatjana spürte, wie ihr Herz plötzlich schneller schlug.

Sie wollte gerade antworten, als Maxim auf dem Flur erschien.

— Boss, wir müssen reden.

Radomir wurde augenblicklich ernst.

— Was ist passiert?

— Wir haben den Mann gefunden, der dem Schützen die Informationen gegeben hat.

— Wer?

Maxim sah zuerst Radomir und dann Tatjana an.

— Einer der Mitarbeiter Ihrer Stiftung.

Radomir nickte langsam.

— Sein Name?

Maxim nannte den Nachnamen.

Tatjana erkannte ihn sofort.

Es war der Mann, den sie nach dem Anschlag neben Radomirs Auto gesehen hatte.

— Er war bei uns — sagte sie.

Maxim nickte.

— Genau.

Radomir sah Tatjana an.

— Haben Sie ihn schon einmal gesehen?

— Ja.

— Warum haben Sie nichts gesagt?

— Weil ich nicht wusste, dass er etwas mit dem Anschlag zu tun hatte.

Radomir sah sie einige Sekunden lang an und fragte sie dann überraschend, ob sie ihm vertraue.

Tatjana runzelte die Stirn.

— Sie sind der Anführer eines Mafia-Clans.

— Das ist keine Antwort.

— Ich vertraue Menschen nicht nur aufgrund ihres Rufes.

— Und mir?

Sie sah ihm direkt in die Augen.

— Ich vertraue Ihren Taten.

Radomir nickte schweigend.

In diesem Moment klingelte Maxims Telefon erneut.

Er nahm ab, hörte seinem Gesprächspartner zu und steckte das Telefon langsam wieder ein.

— Boss, wir haben ein Problem.

— Welches?

— Der Verdächtige ist nicht allein.

— Wie viele?

Maxim sah ihn an.

— Nach den gefundenen Daten befinden sich mindestens fünf Personen in Ihrem Umfeld.

Radomir erstarrte.

Tatjana verstand, dass sich die Situation endgültig verändert hatte.

Der Feind befand sich nun nicht mehr außerhalb.

Er war innerhalb ihrer Reihen.

Und möglicherweise gerade jetzt direkt neben ihnen.

Die nächsten zwei Tage vergingen in angespannter Atmosphäre.

Die Sicherheitsmaßnahmen wurden verstärkt, und Radomir verbot Julia, die Klinik ohne Begleitung zu verlassen.

Er schlief praktisch überhaupt nicht und überprüfte ständig Kameras, Telefone und Nachrichten.

Tatjana zwang ihn mehrmals, seine Medikamente einzunehmen und sich auszuruhen, obwohl ihn das reizte.

Irgendwann sah er sie an und sagte, dass noch nie jemand so mit ihm gesprochen habe.

— Vielleicht, weil die anderen ihren Arbeitsplatz behalten wollen.

— Und Sie?

— Ich will, dass mein Patient nicht an seiner eigenen Dummheit stirbt.

Er lächelte.

— Sie nennen mich schon wieder Patient.

— Solange Ihre Wunde nicht verheilt ist, sind Sie nichts anderes.

Er lachte leise.

Genau in diesem Moment sagte Julia, die sie vom Nachbarbett aus beobachtet hatte:

— Ihr beiden braucht schrecklich lange, um das Offensichtliche zu verstehen.

Tatjana wurde rot.

Radomir runzelte die Stirn.

— Julia.

— Was?

— Misch dich nicht ein.

— Ich liege hier wegen eines Mannes, der mich umbringen wollte, also darf ich mich wenigstens ein bisschen einmischen.

Tatjana lachte.

Radomir sah zuerst seine Schwester und dann sie an und lächelte plötzlich.

Es war ein seltenes Lächeln.

Ohne Drohung.

Ohne Macht.

Einfach das Lächeln eines Mannes, der sich zum ersten Mal seit vielen Jahren erlaubte, wenigstens für ein paar Sekunden glücklich zu sein.

Doch die Ruhe hielt nicht lange an.

Noch am selben Abend erhielt Tatjana eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.

„Kommen Sie Hricenko nicht näher.“

Sie las die Nachricht mehrmals.

Dann kam eine zweite.

„Sie werden das nächste Ziel sein.“

Tatjana bekam keine Angst.

Aber sie wusste, dass sich nun alles verändert hatte.

Sie zeigte Radomir die Nachricht.

Er las sie, und sein Gesicht wurde eisig.

— Sie gehen nicht mehr allein irgendwohin.

— Ich brauche keinen Schutz.

— Das steht nicht zur Diskussion.

— Ich bin nicht Ihr Eigentum.

Er sah ihr direkt in die Augen.

— Das weiß ich.

— Dann befehlen Sie mir nicht, was ich zu tun habe.

Radomir machte einen Schritt zurück.

— Gut.

Sie war überrascht.

Er gab nur selten nach.

— Aber erlauben Sie mir wenigstens, bei Ihnen zu sein.

Tatjana schwieg einige Sekunden.

Dann streckte sie ihre Hand aus.

— Dann gehen Sie neben mir.

Radomir sah auf ihre Handfläche, als hätte er mit dieser Geste nicht gerechnet.

Langsam nahm er ihre Hand.

Und zum ersten Mal seit vielen Jahren erlaubte er jemandem, seine Hand nicht deshalb zu halten, weil die Situation es erforderte, sondern weil er es selbst wollte.

Julia beobachtete sie und lächelte leise.

Sie verstand bereits, was keiner von beiden noch auszusprechen wagte.

Radomir Hricenko hatte keine Angst vor einer Kugel.

Nicht vor seinen Feinden.

Nicht vor dem Tod.

Er hatte Angst davor, sich an einen Menschen zu binden, den er verlieren könnte.

Und Tatjana Wovk hatte zum ersten Mal in ihrem Leben keine Angst vor einem Mann, vor dem die ganze Stadt Angst hatte.

Denn sie sah nicht seinen Ruf.

Sie sah den Menschen.

Und genau deshalb begann ihre Geschichte erst jetzt.

In dieser Nacht erhielt Radomir die letzte Nachricht von einem unbekannten Absender.

„Du glaubst, du hast deine Schwester gerettet.“

Die nächste Zeile erschien einige Sekunden später.

„Aber das eigentliche Ziel ist bereits bei dir.“

Radomir hob den Blick zu Tatjana.

Sie stand am Fenster und ahnte nicht, dass hinter ihrem Rücken bereits eine neue Jagd begonnen hatte.

Er verstand, dass der Feind von ihr wusste.

Und zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte Radomir nicht um sich selbst Angst.

Er hatte Angst um die Frau, die einst vor allen anderen seine Hand genommen und ihm nicht erlaubt hatte, seinen eigenen Schmerz zu verbergen.