— Du bist frei. Mit deinen Sachen.

Und nimm auch deine Mutter mit — ihr zwei seid jetzt eine eigene kleine gesellschaftliche Zelle.

In meinem Haus ist für solche Leute kein Platz mehr.

— Bist du vom Baum gefallen, oder was?

Sweta drehte nicht einmal den Kopf.

Sie stand mit dem Rücken zur Tür, die Hände auf den Rand der Waschmaschine gestützt, und sah zu, wie sich in dem trüben Glas der Trommel ihr geliebtes beiges Kleid überschlug.

Das Kleid war übrigens das einzige Ding in diesem Haus, das noch keine gewichtige Meinung über ihren Charakter, ihre Art der Haushaltsführung und ihr moralisches Erscheinungsbild im Allgemeinen geäußert hatte.

Die Frage blieb in der Luft hängen, dicht und klebrig wie der Geruch von gestrigem Diesel, den Wadim an seinen Schuhen hereingetragen hatte.

— Ich frage dich: Bist du jetzt völlig durchgedreht?

Wadim stand im Türrahmen der Küche und versperrte den Durchgang.

Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt, sodass sich sein ohnehin nicht kleiner Bauch bequem auf seine Unterarme legte wie auf ein Kissen.

Sweta registrierte diese Haltung aus dem Augenwinkel.

Die Haltung hieß „Ich bin der Fels“.

Der Fels war zwar etwas aufgedunsen und bekam am Scheitel eine Glatze, aber offenbar wusste Wadim das selbst noch nicht.

— Vom Baum? — fragte Sweta nach und schaltete endlich die Maschine aus.

Die Trommel kam zum Stillstand, das Kleid erstarrte in einer lächerlichen Falte.

— Nein, ich bin nicht gefallen.

Gibt es Neuigkeiten über andere Bäume?

Bin ich auf eine Espe umgezogen?

Oder auf einen Baobab?

Sie drehte sich um und sah ihren Mann direkt an.

Ihr Blick war ruhig, fast gelangweilt.

So schaut man auf eine Kakerlake, die zu lange ihre Fluchtrichtung auswählt, und man weiß schon, dass sie nirgendwohin entkommen wird.

— Warum hast du meiner Mutter von den Schlüsseln erzählt?

Was für verdammte Schlüssel?

Sie ruft an und heult!

Wadim machte einen Schritt nach vorn, trat aber auf das verstreute Katzenfutter, das Sweta noch nicht weggeräumt hatte.

Der Kater, ein großer gestreifter Bandit namens Kescha, saß auf dem Kühlschrank und beobachtete die Entwicklung der Ereignisse mit philosophischem Interesse.

Das Futter knirschte ekelhaft und wurde ins Linoleum gedrückt.

— Vorsicht, — Sweta nickte zum Boden.

Du zerdrückst es.

Kescha frisst das später nicht mehr, er ist wählerisch.

Fährst du ihm dann neues kaufen?

— Sweta! — brüllte Wadim, aber irgendwie unsicher, weil ein Bein von ihm im Futter stand und er Angst hatte, den Dreck über die ganze Küche zu verschmieren, wenn er sich bewegte.

— Ich meine es ernst!

— Und ich etwa nicht? — Sweta lehnte sich mit dem Rücken an die Waschmaschine und verschränkte die Arme vor der Brust, indem sie seine Pose nachahmte.

Ich, Wadik, bin völlig ernst.

Welche Schlüssel?

Ganz normale, von der Tür.

Die, die ich deiner Mutter vor zwei Jahren gegeben habe, damit sie spazieren gehen kann, wann sie will, und uns nicht ständig nervt.

Nun also: Diese Schlüssel funktionieren nicht mehr.

— Wie bitte — funktionieren nicht mehr?

— Ganz einfach.

Ich habe das Schloss auswechseln lassen.

Heute Morgen kam ein netter Mann, hat den alten Zylinder herausgenommen und einen neuen eingesetzt.

Einen schönen, glänzenden.

Mit Einbruchschutz.

Sweta sagte das in demselben Tonfall, in dem sie sonst mit ihren Freundinnen über Rabattaktionen sprach.

Wadim klappte die Kinnlade herunter.

Schließlich riss er den Fuß vom Boden los, hinterließ auf dem Linoleum eine fettige Spur aus zermahlenen Körnern und setzte sich auf einen Hocker.

Der Hocker knarrte kläglich.

— Du… du bist verrückt geworden.

Ganz und gar.

Mama wollte doch nur vorbeikommen und dir ihre Suppe bringen, die du so liebst…

— Erstens, — Sweta hob den Zeigefinger, — ich hasse ihre Suppe.

Da ist so viel Pfeffer drin, dass man damit Kaminholz anzünden könnte.

Und zweitens, — sie bog den zweiten Finger ein, — wollte sie nicht mit Suppe vorbeikommen.

Sie wollte hereinkommen, um zu kontrollieren, ob ich den Staub im Schrank ordentlich gewischt habe.

Und nebenbei meine Töpfe an ihren Platz zurückstellen.

Denn „praktisch“ und „wie bei normalen Leuten“ existiert nur in ihrem Koordinatensystem.

— Aber sie wollte doch nur helfen!

Du bist ständig bei der Arbeit, du hast keine Zeit, und Mama…

— Und Mama, — unterbrach Sweta ihn, und in ihrer Stimme erschien endlich der Stahl, den sie zwei Jahre lang hinter der Verpackung einer „geduldigen Schwiegertochter“ versteckt hatte, — lebt seit zwei Jahren nur drei Haltestellen von uns entfernt.

Und jeden Tag, hörst du, jeden Tag! findet sie einen Grund, hier aufzukreuzen.

Mal hat sie das Salz vergessen, mal kommt sie wegen Salz, mal gefällt ihr mein Handtuch, mal glaubt sie, dass unsere Toilette besser spült.

Wadim, sie hat ihre eigene Wohnung!

Eine Zweizimmerwohnung in einem guten Haus!

— Aber sie ist doch allein!

Ihr ist langweilig!

— Und mir ist nicht langweilig? — Sweta hob die Stimme.

Kescha auf dem Kühlschrank bewegte zustimmend ein Ohr.

Vielleicht finde ich es wahnsinnig spannend, mir jeden Abend statt Ruhe einen Vortrag darüber anzuhören, dass man Borschtsch mit Markknochen kochen muss und nicht mit diesem „Chemiezeug“ aus dem Laden?

Oder darüber, dass ich meinen Mann falsch ernähre, weil er angeblich so schrecklich dünn sei?

Sie stieß mit dem Finger gegen Wadims Bauch, der frech unter dem T-Shirt hervorquoll.

— Das ist für die Statistik, — murmelte Wadim und zog reflexartig den Bauch ein.

Das gelang schlecht.

— Ich habe eben so eine Konstitution.

— Deine Konstitution heißt „Bier-Abolitionist“, — schnitt Sweta ihm das Wort ab.

Hör mir jetzt zu.

Ich habe heute, während du bei der Arbeit warst, eine Menge erledigt.

Erstens habe ich die Schlösser wechseln lassen.

Zweitens habe ich einen Handwerker geholt und an der Eingangstür einen Türschließer anbringen lassen.

Wadim hob den trüben Blick zu ihr.

— Was?

— Einen Türschließer.

So ein Ding, das die Tür langsam schließt.

Damit sie nicht knallt.

Denn deine Mutter knallt, wenn sie nach ihren „Fünf-Minuten-Besuchen“ geht, die Tür immer so zu, dass bei den Nachbarn unten der Kronleuchter schwankt.

Jetzt wird die Tür sich sanft und würdevoll schließen.

Wie in einem guten Hotel.

— Sweta, du bist krank.

— Nein, Wadik.

Ich bin genesen.

Zwei Jahre lang war ich krank vor Toleranz.

Ich dachte, das würde sich schon einrenken, sie würde die Hinweise verstehen.

Pustekuchen!

Eine russische Oma ist eine Naturkatastrophe, die keine Hinweise versteht.

Sie braucht Klartext und ein Hindernis aus Stahlbeton.

Wadim stand auf.

Sein Gesicht lief in dem vertrauten Rote-Bete-Ton an, der immer einem Streit vorausging.

Er machte einen Schritt auf Sweta zu und baute sich über ihr auf.

Kescha auf dem Kühlschrank spannte sich an.

— Du wagst es nicht, so über meine Mutter zu reden!

Sie ist dir kein fremder Mensch!

Wir sind eine Familie!

— Familie, — nickte Sweta und sah ohne die geringste Spur von Angst zu ihm auf.

Genau.

In einer Familie, Wadim, gibt es verdammt noch mal Grenzen des persönlichen Raums.

Und wenn ich sage: „Mama, leg meine Unterwäsche nicht von einer Schublade in die andere um, so liegt sie besser“, dann heißt das nicht: „Mama, mach genauso weiter, du bist die Beste.“

Aber sie macht weiter!

— Sie sorgt sich doch nur!

— Sie kontrolliert!

Das ist Überfürsorge, die in eine Besatzung ausgeartet ist.

Und weißt du was? — Sweta stieß ihm mit dem Finger gegen die Brust.

Heute ist die Besatzung zu Ende gegangen.

Ich erkläre mein Territorium für souverän.

Wadim öffnete den Mund, um etwas Gewichtiges und Endgültiges hervorzubringen, doch in diesem Moment klingelte es an der Tür.

Die Klingel war nicht gewöhnlich, sondern lang, frech und trilllernd.

Kescha sprang vom Kühlschrank und schoss blitzartig ins Zimmer, um sich unter dem Sofa zu verstecken.

Sein tierischer Instinkt sagte ihm, dass jetzt gleich Fleisch fliegen würde.

Wadim und Sweta erstarrten.

— Das ist sie, — hauchte Wadim, und in seiner Stimme mischten sich Hoffnung und Ergebung.

Die Schlüssel passen ja nicht mehr.

Mach auf.

— Mache ich nicht, — schnitt Sweta ab.

Ich warte auf das Abendessen aus dem Restaurant.

Den Kurier.

Die Klingel ertönte erneut.

Diesmal klang sie wütend, abgehackt: kling-kling-kling.

— Sweta, mach auf, bring es nicht zur Sünde.

Sie stellt sonst die Nachbarn auf den Kopf.

— Meine Hände sind nass.

Ich war im Keller Kartoffeln holen.

Wadim fluchte zwischen den Zähnen und ging selbst zur Tür.

Sweta blieb in der Küche stehen und lauschte.

Sie hörte das Klicken des neuen Schlosses, Wadims Gemurmel und dann, wie Sinaida Petrownas Stimme in den Flur hineinstürmte — schrill wie ein Bohrer und genauso durchdringend.

— Was soll dieser Zirkus, Wadim?

Warum geht mein Schlüssel nicht rein?

Ich habe da draußen eine halbe Stunde gestanden!

Eine halbe Stunde!

Meine Beine tun weh!

Ich hätte fast einen Infarkt bekommen!

Sweta lächelte.

Ruhig, katzenhaft, wischte sie sich die Hände an den Jeans ab und trat in den Flur.

Sinaida Petrowna stand in der Tür, in einer Hand einen großen Topf, der in ein Handtuch gewickelt war, und in der anderen einen Schlüsselbund, den sie schüttelte wie eine Rassel.

Sie trug ihren guten Mantel, den sie ausschließlich für Besuche beim Sohn anzog, und ein Kopftuch, das unter dem Kinn zugebunden war.

Sie sah gleichzeitig beleidigt und kampfbereit aus.

— Guten Tag, — sagte Sweta freundlich.

— Aha, da ist sie ja! — Sinaida Petrowna richtete den Lauf ihrer Wut auf die Schwiegertochter.

Swetlana, sei so gut und erklär mir, was hier vor sich geht.

Warum kann ich nicht ins Haus meines eigenen Sohnes hinein?

— Ins Haus des Sohnes kommt man über den Sohn hinein, — antwortete Sweta ruhig.

Und die Schlüssel, Sinaida Petrowna, habe ich austauschen lassen.

Zu Ihrer eigenen Sicherheit.

Wer weiß, vielleicht gibt es Halunken.

Sie wissen ja, wie viele Fälle es heutzutage gibt.

— Welche Halunken?! — die Schwiegermutter war fassungslos.

Erzähl mir keinen Unsinn!

Warum wechselst du ohne Erlaubnis die Schlösser?

Da hätte man auch Wadim fragen müssen!

— Fragen Sie Wadim, — nickte Sweta zu ihrem Mann hinüber, der im Flur herumstand wie ein ertappter Teenager.

Wadim, man fragt dich.

Wadim ließ den Blick von seiner Mutter zu seiner Frau und wieder zurück wandern.

Ein Ölgemälde: Auf der einen Seite ein Topf Borschtsch — übrigens mit viel Pfeffer — als Symbol für Fürsorge und Behaglichkeit, auf der anderen Seite eine Ehefrau, die heute nach Pulver und Entschlossenheit roch.

— Mama, na ja, du verstehst… — fing er an.

— Was gibt es da zu verstehen? — fuhr Sinaida Petrowna auf.

Bist du ein Mann oder was?

Sag ihr, dass sie mir sofort einen Schlüssel gibt!

— Das wird sie nicht, — sagte Sweta.

Und fügte weich, fast zärtlich hinzu:

Kommen Sie doch rein, warum an der Schwelle stehen bleiben?

Der Borschtsch wird sonst kalt.

Wadim, nimm den Topf.

Wadim streckte sich gehorsam wie ein gut dressierter Hund nach dem Topf.

Sinaida Petrowna, die mit so einer Wendung nicht gerechnet hatte, lockerte verwirrt ihren Griff.

Der Topf wanderte zu ihrem Sohn.

Sweta trat zur Seite und ließ den Gast in die Wohnung.

Sinaida Petrowna kam herein, fühlte sich aber nicht mehr als Herrin der Lage, sondern eher wie jemand, der zu einer Audienz geladen worden war.

Sie zog den Mantel mit misstrauischem Blick aus und musterte den Flur: ob noch alles an seinem Platz war, ob ihr geliebter Schirmständer nicht verrückt worden war.

— Kommen Sie in die Küche, — lud Sweta sie ein.

Wir trinken Tee.

Wir reden.

— Wir haben uns einiges zu sagen! — bedeutungsvoll sagte die Schwiegermutter und marschierte in die Küche.

Sie setzte sich auf genau den Hocker, auf dem eben noch Wadim gesessen hatte, und legte die Hände auf den Tisch, bereit für eine lange Belagerung.

Sweta setzte den Wasserkocher auf.

Wadim platzierte sich seitlich und stellte den Topf auf den Herd.

— Also, — begann Sinaida Petrowna und bohrte Sweta mit Blicken an.

Ich höre.

Erklär mir, junge Dame, was diese Eigenmächtigkeit soll.

Sweta drehte sich um und lehnte sich mit der Hüfte gegen den Tisch.

— Sinaida Petrowna, ich liebe und respektiere Sie sehr, — log sie mit dem ehrlichsten Gesicht der Welt.

Aber lassen Sie uns Folgendes vereinbaren.

Meine Wohnung — meine Regeln.

Sie kommen gern zu Besuch, wir freuen uns immer.

Aber ohne Anruf, ohne Vorwarnung, zu jeder Tages- und Nachtzeit — so geht das nicht.

— Ach, zu Besuch?! — Die Augen der Schwiegermutter wurden rund.

Also bin ich für euch jetzt eine Besucherin?

Ich bin immerhin die Mutter deines Mannes!

Ich habe ihn geboren, großgezogen, ernährt!

— Ich weiß, — nickte Sweta.

Das sagen Sie mir seit zwei Jahren jeden einzelnen Tag.

Ich kenne inzwischen sogar die Chronologie auswendig.

In welchem Jahr er in die Schule kam, woran er in der dritten Klasse krank war und wie Sie nachts nicht geschlafen haben, als ihm die Zähne wuchsen.

Das ist natürlich unbezahlbar, hat aber mit meinem Recht, Sie nicht ohne Klopfen in mein Schlafzimmer zu lassen, überhaupt nichts zu tun.

Wadim verschluckte sich an der Luft.

— Ins Schlafzimmer? — fragte er nach.

— Ja. — Sweta wandte sich zu ihm.

Du dachtest wohl, ich merke das nicht?

Am Dritten, als wir auf die Datscha gefahren waren, ist sie ins Schlafzimmer gegangen und hat unser Bett neu bezogen.

Sie sagte, die Bettwäsche sei „nicht frisch“.

Dabei war sie frisch, ich hatte sie erst vorgestern gewechselt.

Sie glaubte bloß, dass die mintfarbenen Muster auf dem Laken Schmutz seien und kein Druck.

Sinaida Petrowna lief rot an.

— Ich habe dort übrigens Ordnung gemacht!

Und bei euch liegt unter dem Bett eine halbe Fingerbreite Staub!

— Und warum sind Sie unter das Bett gekrochen? — fragte Sweta sanft.

Haben Sie Schätze gesucht?

Oder kontrolliert, ob ich dort nicht einen Liebhaber verstecke?

Wenn ich einen verstecken würde, säße er im Schrank.

Das wäre bequemer.

— Sweta! — brüllte Wadim.

— Was heißt hier „Sweta“? — fauchte sie nun endlich.

Zwei Jahre lang habe ich geschwiegen!

Zwei Jahre lang habe ich gelächelt, wenn sie meinen Ficus umgestellt hat, weil „es ihm so besser geht“!

Zwei Jahre lang habe ich Vorträge darüber angehört, wie man Suppe kocht, Böden wischt und seinen Mann liebt!

Ich bin übrigens Kandidatin der Wissenschaften!

Ich schreibe Fachartikel!

Und sie behandelt mich wie eine dumme Hausfrau, die ohne ihre Ratschläge verhungern und im Dreck lebendig verrotten würde!

— Du hältst dich wohl für etwas Besseres! — fuhr die Schwiegermutter auf.

Akademikerin!

Sehr klug!

Aber im Haushalt kannst du nichts!

Ich werde ja sehen, wie hier alles verkommt, wenn du ohne mich klarkommen musst!

— Und genau das, — Sweta hob den Finger, — ist der wichtigste Punkt.

Ich will es ausprobieren.

Es verkommen lassen.

Selbst.

Ohne Ihre Kontrolle.

Und wenn ich etwas falsch mache, dann ist das MEIN Fehler.

Und ich werde ihn mit meinem Löffel aus meinem Teller ausessen.

Und ich werde mir nicht anhören müssen: „Ich hab’s dir doch gesagt!“

Sinaida Petrowna stand auf.

Ihre Augen funkelten.

— Klar.

Verstanden.

Ihr wollt mich hier vertreiben.

Wadim, siehst du das?

Wirst du zulassen, dass diese… diese Göre deine Mutter rauswirft?

Wadim zog den Kopf in die Schultern.

— Mama, niemand wirft dich raus…

— Und die Schlüssel?! — schrie sie.

Und die Schlösser?!

Was soll das dann sein, wenn keine Einladung zum Hinauswerfen?

— Das ist die Garantie dafür, dass ich beim nächsten Mal, wenn ich mit deinem Sohn Sex auf dem Küchentisch haben will, nicht beim Geräusch eines Schlüssels in der Tür zusammenzucke.

In der Küche entstand eine Stille, in der man hören konnte, wie unter dem Sofa Kescha das Herz schlug.

Wadim öffnete den Mund und vergaß, ihn wieder zu schließen.

Sinaida Petrowna griff sich ans Herz, allerdings nicht sehr überzeugend, eher pro forma.

— Wie vulgär! — stieß sie hervor.

— Das ist das Leben, — korrigierte Sweta sie.

Das intime Leben.

Das übrigens auch ein Recht hat zu existieren.

Und auf Privatsphäre.

Sie trat an den Herd, hob den Deckel vom Topf, roch daran und verzog das Gesicht.

— Schon wieder zu viel Pfeffer.

Sinaida Petrowna, wie oft denn noch?

Wadim hat Gastritis, er darf nichts Scharfes essen.

Und Sie schleppen trotzdem immer wieder diese feurige Hölle an.

— Ohne Pfeffer isst er nicht! — schnitt die Schwiegermutter ab, aber schon ohne die frühere Sicherheit.

— Ohne Bier isst er nicht, — konterte Sweta.

Und der Pfeffer ist Ihre Fantasie.

Na gut.

Möchten Sie Tee?

Sinaida Petrowna stand verloren mitten in der Küche.

Ihr Schlachtruf war auf eine absolute, ruhige Missachtung ihrer Spielregeln gestoßen.

Sie war es gewohnt, dass die Schwiegertochter schwieg, die Augen senkte und nachgab.

Und hier kam ein direkter Angriff.

An allen Fronten.

Und ihr Sohn, ihr verlässlicher Rückhalt, saß da und schwieg wie ein Partisan.

— Deinen Tee trinke ich nicht! — stieß sie schließlich hervor.

Verschluckt euch an eurem Tee!

Wadim, begleite mich!

Sie glitt würdevoll in den Flur hinaus.

Wadim trottete hinter ihr her und warf Sweta einen flehenden Blick zu.

Sweta blieb in der Küche.

Sie hörte, wie die Tür zufiel — aber sanft, der Türschließer funktionierte perfekt.

Sie grinste.

Fünf Minuten später kam Wadim zurück.

Sein Gesicht war rot, sein Blick verwirrt.

— Also wirklich, — sagte er und setzte sich an den Tisch.

Sie hat da draußen auf der Treppe geheult.

— Geheult oder Heulen gespielt? — fragte Sweta nach, während sie ihm Tee eingoss.

Da gibt es einen Unterschied.

— Swet, und wenn wir mal ernsthaft reden? — Er hob die Augen zu ihr.

Wir sind doch Familie.

Wie sollen wir jetzt leben?

Sweta setzte sich ihm gegenüber und umfasste ihre Tasse mit beiden Händen.

— Wadim, ich sage dir wie.

Ab heute gelten bei uns neue Regeln.

Erste Regel: Deine Mutter kommt nur auf Einladung.

Sie ruft an und fragt: „Darf ich?“, statt uns vor vollendete Tatsachen zu stellen.

Zweite Regel: Sie fasst meine Sachen nicht an.

Überhaupt keine.

Wenn sie meint, dass es bei uns staubig ist, schweigt sie und geht nach Hause.

Dort hat sie ihren eigenen Staub.

Dritte Regel: Sie mischt sich weder in meine Arbeit noch in meine Kleidung noch in meinen Herd ein.

Ich entscheide selbst, was ich anziehe und was ich koche.

— Und wenn sie beleidigt ist? — fragte Wadim kläglich.

— Und wenn ich beleidigt bin und gehe? — entgegnete Sweta im selben Ton.

Hast du darüber nachgedacht?

Zwei Jahre lang habe ich das ertragen.

Meine Geduld ist gerissen.

Jetzt liegt die Entscheidung bei dir: Entweder wir bauen normale Beziehungen nach meinen Bedingungen auf, oder ich baue ein neues Leben ohne dich und ohne deine Mutter auf.

Die Wohnung gehört mir, also wirst du deine Sachen packen.

Wadim schwieg lange.

Er trank Tee und sah aus dem Fenster, hinter dem es bereits dunkel geworden war.

Kescha, der spürte, dass die Gefahr vorüber war, kroch unter dem Sofa hervor, kam in die Küche und rieb sich demonstrativ an Swetas Beinen, wobei er Wadim ignorierte.

— Na gut, — sagte Wadim schließlich.

Ich werde versuchen, es ihr zu erklären.

— Du wirst es nicht versuchen.

Du wirst es tun, — schnitt Sweta ab.

Und noch etwas.

Am Samstag fahren wir ins Möbelhaus.

— Warum?

— Weil ich einen neuen Schrank fürs Schlafzimmer will.

Und den alten, den deine Mutter uns zur Hochzeit geschenkt hat, will ich wegwerfen.

Weil er für all das steht, was mir in diesem Leben nicht gefällt.

Und wenn deine Mutter fragt, wo das „Familienerbstück“ geblieben ist, wirst du ihr sagen, dass wir einen neuen, bequemeren Schrank gekauft haben.

Ohne Diskussion.

Wadim seufzte schwer.

Nickte aber.

— Und noch was, — fügte Sweta hinzu und trank ihren Tee aus.

Ihren Borschtsch werde ich nicht essen.

Morgen früh kippst du ihn ins Klo.

Oder iss ihn selbst, wenn du willst.

Aber wenn du ihn isst, dann wundere dich nicht, wenn du nachts auf dem Klo sitzt statt mit mir im Arm.

Ich warne dich gleich.

Sie stand auf, stellte ihre Tasse ins Spülbecken und strich ihrem Mann im Vorbeigehen über den kahlen Scheitel.

— Keine Panik, Wadik.

Das nennt man Erwachsenwerden.

Spät, aber besser spät als nie.

Und sie ging ins Schlafzimmer — nachsehen, ob die Schwiegermutter heute wieder in ihre Schublade mit der Unterwäsche gekrochen war.

Und um sich auszudenken, wo der neue Schrank stehen sollte.

Wadim blieb allein in der Küche sitzen.

Vor ihm stand der Topf mit dem pfeffrigen Borschtsch, auf dem Herd pfiff der vergessene Wasserkocher, und in seinem Kopf drehte sich langsam, knarrend, der Gedanke, dass seine stille, gefügige Frau offenbar nicht nur schweigen, sondern auch beißen konnte.

Und sie biss schmerzhaft.

Kescha sprang ihm auf den Schoß und verlangte Aufmerksamkeit.

Wadim kraulte dem Kater mechanisch hinter dem Ohr und starrte die Wand an.

Das Leben bekam eindeutig Risse.

Aber in diesem Riss begann, seltsamerweise, ein neues, beängstigendes, aber verlockendes Licht sichtbar zu werden.

Das Licht der Freiheit.

Oder einfach Licht am Ende des Tunnels des Familienlebens, in dem bis zu diesem Moment seine Mutter die Hauptlokomotive gewesen war.

Und jetzt, so schien es, hatte der Lokführer gewechselt.

Am Morgen wachte Sweta früh auf.

Wadim schnarchte noch, die Nase ins Kissen gedrückt.

Sie stand auf, zog ihren Morgenmantel an und ging in die Küche.

Als Erstes öffnete sie den Kühlschrank.

Der Topf stand noch da.

Sweta zog ihn heraus, stellte ihn auf den Boden und hob den Deckel ab.

Der Borschtsch war über Nacht unter einer Fettschicht erstarrt.

Sie trug den Topf zur Toilette, kippte den Inhalt ins Klo und drückte die Spülung.

Das Wasser wirbelte fröhlich die pfeffrige Brühe von Sinaida Petrowna herum und trug sie auf eine weite Reise durch die Kanalisation davon.

Danach spülte sie den Topf gründlich aus und stellte ihn zum Trocknen auf das Abtropfgitter.

Bei Gelegenheit würde sie ihn zurückgeben.

Leer, sauber, ohne die geringste Andeutung dessen, dass sich darin einmal etwas anderes befunden hatte als neutrales Wasser.

Als Wadim eine Stunde später aufwachte, fand er sie dabei vor, wie sie ganz ruhig auf dem Tablet Solitaire legte.

— Wo ist der Borschtsch? — fragte er gähnend.

— Gegessen, — antwortete Sweta, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen.

War sehr lecker.

Zum Fingerabschlecken.

Wadim sah sie misstrauisch an, sagte aber nichts.

Kratzte sich am Bauch und trottete los, um sich Kaffee zu kochen.

Das Leben ging weiter.

Neu.

Anders.

Ein Leben, in dem Frauen nicht nur ein Recht auf eine Stimme haben, sondern auch das Recht, alles ins Klo zu spülen, was ihnen das Leben schwer macht.

Selbst wenn es Mamas Borschtsch ist.

Der Samstagmorgen begann damit, dass Kescha auf den Teppich im Flur einen Haarballen auskotzte, vermischt mit den Resten von gesternigem Katzenfutter.

Sweta, die in Slip und Top aus dem Schlafzimmer kam, trat mit nacktem Fuß hinein.

— Verdammt noch mal! — schrie sie so laut, dass Wadims Blutdruck, obwohl er noch gar nicht wach war, sofort in die Höhe schoss.

Kescha, der auf dem kleinen Schrank saß und mit Interesse die Folgen seines Ernährungsexperiments betrachtete, kniff zufrieden die Augen zusammen.

Er rächte sich für den gestrigen Stress.

Der Kater war seelisch fein organisiert und billigte es nicht, wenn im Haus geschrien wurde.

Und gestern war viel geschrien worden.

Wadim kroch in den Flur, die Hand aufs Herz gepresst.

Er sah Sweta, die auf einem Bein hüpfte und an dem anderen diesen widerlichen Klumpen hatte, und bemerkte philosophisch:

— Du hättest Hausschuhe anziehen sollen.

— Ich hätte dich gestern in diesem Borschtsch ersäufen sollen! — fauchte Sweta und hielt ihren Fuß unter den Wasserhahn im Bad.

Mach dich fertig!

In einer Stunde fahren wir!

— Wohin? — Wadim blinzelte verschlafen.

— Ins Möbelhaus!

Wegen des Schranks!

Hast du das vergessen?

Oder soll ich es dir auf die Stirn schreiben?

Wadim verzog das Gesicht.

Er hatte gehofft, dass Sweta es vergessen würde.

Dass dieser plötzliche Anfall von Haushaltsaktivität sich von selbst verflüchtigen würde wie ein Pickel nach einer Woche ohne Süßes.

Aber der Pickel verflüchtigte sich nicht.

Mehr noch: Er entzündete sich sichtbar.

— Swet, vielleicht lassen wir es einfach? — jammerte Wadim, während er versuchte, seinen Bauch in Jeans zu pressen, die eindeutig bessere Zeiten erlebt hatten.

Der alte Schrank ist doch noch ganz normal.

Mama hat ihn gekauft, hat dafür immerhin Geld zurückgelegt…

— Genau das ist ja das Problem: Mama, — schnitt Sweta ab und trocknete den Fuß mit einem Handtuch.

Er macht mich wahnsinnig.

Jeden Morgen, wenn ich die Tür öffne und diese dämlichen Röschen auf der Front sehe, bekomme ich einen Tick.

Ich will im 21. Jahrhundert leben und nicht in einem Museum sowjetischer Wohnkultur.

Also, entschieden.

Los.

Eine Stunde später parkten sie an einem riesigen Einkaufszentrum, in dessen zweiter Etage sich der „Möbel-Gigant“ befand — ein Ort, an dem man nach Swetas Meinung alles finden konnte, vom Hocker bis zur kompletten Wohnwand im Stil „Milliardär-Lump“.

Wadim trottete hinter ihr her wie ein ertappter Hund, den man zum Tierarzt führt, um etwas Unangenehmes machen zu lassen.

Er ahnte den Anruf seiner Mutter schon voraus.

Sinaida Petrowna besaß die phänomenale Fähigkeit zu spüren, wann ihr Sohn im Begriff war, familiäre Werte zu verraten.

Sie hatte wahrscheinlich irgendwo unter dem Herzen einen eingebauten Sensor.

In der Möbelabteilung roch es nach Holz, Lack und der Verzweiflung junger Familien, die sich vor jedem Regal stritten.

Sweta steuerte sofort auf die riesigen Kleiderschränke mit Schiebetüren zu, glänzend vor Spiegeln und Hochglanzflächen.

— Hier, — sagte sie und blieb vor einem weißen Monster mit schwarzen Einsätzen stehen.

Schau mal.

Drei Sektionen.

Innen Stangen, Regalböden, Schubladen mit Dämpfern.

Ein Spiegel über die ganze Wand.

Vergrößert optisch den Raum.

Wadim warf einen Blick auf das Preisschild.

Ihm traten die Augen hervor.

— Sweta… bist du wahnsinnig geworden?

Das ist doch die Hälfte meines Gehalts!

— Von deinem, ja, — stimmte Sweta zu und strich über die glänzende Oberfläche.

Aber mein Gehalt, Wadik, erlaubt es mir, solche Schränke alle halbe Jahre zu kaufen, ohne mich anzustrengen.

Und weißt du was?

Ich kaufe ihn selbst.

Für mich.

Ein Geschenk.

Zum Tag der Befreiung vom Joch der Schwiegermutter.

Wadim schwieg beleidigt.

Das Thema Geld war für ihn schmerzhaft.

Er arbeitete als Meister in einer Autowerkstatt und verdiente nicht schlecht, aber Sweta brachte mit ihrem Doktortitel und ihrer Arbeit in einem analytischen Zentrum etwa doppelt so viel nach Hause.

Er versuchte, nicht darüber nachzudenken.

Er zog es vor, sich einzureden, dass sie „einfach Familie“ seien und das Geld allen gehöre.

Aber jetzt hatte Sweta klar gemacht: Der Schrank ist ihrer.

Und das tat weh.

Und es war demütigend.

Und… gerecht.

— Na gut, — murmelte er.

Nimm ihn.

Aber Mama sagen wir, dass wir gemeinsam gespart haben.

— Sagen wir nicht, — schnitt Sweta ab.

Ich werde die Wahrheit sagen.

Ich habe ihn für mich gekauft.

Von meinem Geld.

Sie soll ruhig wissen, dass ihr Söhnchen nicht der einzige Ernährer in diesem Haus ist.

— Machst du dich über mich lustig?

Sie frisst mich doch auf!

— Dann lass dich eben nicht fressen. — Sweta winkte schon einen Verkäufer heran — einen jungen Mann in blauer Uniform mit dem Namensschild „Eduard, Berater“.

Eduard sah so aus, als hätte er schon alles gesehen und könnte nichts mehr überraschen.

— Gnädige Frau, Sie haben eine ausgezeichnete Wahl getroffen, — begann Eduard geschniegelt aufzuzählen, als er näherkam.

Das ist unser bestes Modell.

Italienisches Design, deutsche Beschläge, Montage…

— Die Montage organisiere ich selbst, — unterbrach ihn Sweta.

Ich habe meinen eigenen Monteur.

Wadik, — sie stieß ihren Mann in die Seite, — zeig deine Hände.

Wadim streckte gehorsam die Hände aus.

Es waren Arbeitshände, kräftig, schwielig und mit ewig schmutzigen Nägeln, die er nie ganz sauber bekam.

— Gute Hände, — nickte Eduard anerkennend, ohne auch nur die geringste Verlegenheit zu zeigen.

Kräftig.

Dann machen wir also die Lieferung fertig?

— Machen wir, — nickte Sweta.

Für übermorgen.

Dienstag.

Sie zog bereits ihre Karte hervor, als in Wadims Tasche „Wladimirskij Zentral“ ertönte — Sinaida Petrownas Lieblingsklingelton, den sie auf ihrem Sohns Handy für ihre Nummer eingerichtet hatte.

Wadim zuckte zusammen, als hätte ihn ein Stromschlag getroffen.

Er sah auf das Display.

Mama.

— Geh nicht ran, — sagte Sweta leise.

— Ich kann nicht.

Sie macht sich doch Sorgen.

— Soll sie.

Das tut ihr gut.

Doch Wadim hatte bereits die grüne Taste gedrückt und hielt das Handy ans Ohr.

— Mama?

Hallo.

Ja, wir sind im Laden.

Ja, wir suchen einen Schrank aus.

Ja, einen neuen.

Na ja, den alten… den alten haben wir… also…

Sweta verdrehte die Augen.

Eduard tat so, als würde er die Rechnung studieren.

Wadim hörte zu, und sein Gesicht zog sich in die Länge wie Gummi.

— Mama, nun hör doch auf…

Mama, das war nicht ich…

Mama, sie selbst…

Ja, sie bezahlt…

Mama, schrei nicht…

Hallo?

Mama?

Er nahm das Telefon vom Ohr und sah Sweta mit runden Augen an.

— Sie hat aufgelegt.

— Brav, — lobte Sweta.

Der Mensch wächst.

Er lernt, mit Wut umzugehen.

Na gut, Eduard, machen Sie weiter.

Eduard, der an dem Familiendrama in Echtzeit sichtlich Gefallen fand, begann mit doppeltem Eifer die Unterlagen auszufüllen.

So eine Unterhaltung bekam man nicht alle Tage.

Sie waren schon beim Unterschreiben des Vertrags, als Sweta aus dem Augenwinkel eine Bewegung am Eingang der Abteilung bemerkte.

Sie hob den Kopf und erstarrte.

Durch den Hauptgang marschierte, den Schritt markierend wie der Kreuzer „Aurora“ vor dem historischen Schuss, Sinaida Petrowna.

Sie trug ihren guten Mantel, ein gepunktetes Kopftuch und zog eine Einkaufstasche auf Rollen hinter sich her wie einen Rammbock.

Ihre Augen brannten im heiligen Feuer der Gerechtigkeit.

— Wadim, — sagte Sweta ruhig.

Nur keine Panik.

Aber deine Mutter ist hier.

Wadim drehte sich um.

Sein Gesicht bekam die Farbe von frischem Schnee.

— Mama?!

Woher?

— Offenbar hat sie ein Radar.

Oder sie verfolgt uns einfach.

Das Satellitenlenksystem „Schwiegermutter-2000“.

Jetzt startet die Rakete.

Sinaida Petrowna kam näher.

Eduard spürte Ärger, versteckte den Vertrag hinter dem Rücken und trat einen Schritt zurück.

Offenbar hatte er keine Lust, Zeuge eines Mordes zu werden.

— Also, — zischte die Schwiegermutter, flog auf sie zu und blieb zwei Zentimeter vor Sweta stehen.

Was geht hier vor?

— Sinaida Petrowna, — sang Sweta mit süßer Stimme.

Was für eine Begegnung!

Wollen Sie auch Ihr Interieur erneuern?

Sie brauchen bestimmt einen neuen Schrank?

Dort drüben in der Ecke stehen sehr hübsche, mit Kristallglas.

Genau passend für Ihre Generation.

— Vernebel mir nicht den Kopf! — schrie die Schwiegermutter und bohrte ihren Blick in Sweta.

Ich weiß von dem Schrank!

Du willst mein Geschenk wegwerfen?!

— Nicht wegwerfen, — korrigierte Sweta.

Verdrängen.

Das ist nicht dasselbe.

Den alten Schrank stellen wir in Keschas Zimmer.

Dann hat der Kater seine eigene Garderobe.

Für Mäuse.

— Machst du dich lustig?! — Sinaida Petrowna wandte sich an ihren Sohn.

Wadim, warum schweigst du?!

Sag ihr was!

Das ist doch Erinnerung!

Ich habe ihn von meinem letzten Gehalt gekauft!

Du bist damals aufs Institut gekommen, ich habe nachts nicht geschlafen, Geld zurückgelegt…

— Mama, wir erinnern uns, — sagte Wadim müde.

Du hast das tausendmal erzählt.

— Tausendmal ist noch zu wenig!

Weil ihr nichts versteht! — Sinaida Petrowna hatte ihre Stimme nicht mehr unter Kontrolle.

Andere Kunden begannen sich umzudrehen.

Eduard tat überhaupt so, als müsse er dringend ins Lager, und verschwand zusammen mit dem Vertrag.

— Mama, beruhige dich, — versuchte Wadim einzugreifen, aber seine Stimme ging in der anwachsenden Hysterie unter.

— Ich werde mich nicht beruhigen!

Sie hetzt dich gegen mich auf!

Sie hat dich zu einem Knäuel gewickelt!

Sieh dich doch an!

Bist du ein Mann oder ein Lappen?

Erlaubst einer Frau, dich herumzukommandieren, über die Wohnung zu kommandieren, über die Schränke zu kommandieren!

Und die Mutter wird auf die Straße gesetzt!

Die Schlüssel wurden weggenommen!

Die Schlösser ausgewechselt!

Sweta schwieg.

Sie stand mit vor der Brust verschränkten Armen da und sah die Schwiegermutter mit einem Ausdruck ruhigen Interesses an, wie man in der U-Bahn einen epileptischen Anfall bei einem Fremden betrachtet: schade, aber anfassen möchte man es nicht.

Sinaida Petrowna, die keinen Widerstand bekam, schaukelte sich noch weiter hoch.

Sie riss einen Werbeprospekt vom Ständer und begann damit vor dem Gesicht ihres Sohnes zu wedeln.

— Du Verräter!

Du hast deine Mutter verraten!

Ich habe dich ausgetragen, ernährt, nachts nicht geschlafen, und jetzt läufst du vor dieser Otter auf den Hinterpfoten!

Sieh dir doch ihre schamlosen Augen an!

Sie wird dich verlassen!

Sobald sie dir alles weggenommen hat, wird sie dich verlassen!

— Alles von ihm? — fragte Sweta leise nach.

Und was hat er denn schon, Sinaida Petrowna?

Die Wohnung gehört mir.

Das Auto übrigens auch, er fährt meines, weil seine „Neun“ in der Garage verrostet ist.

Der Schrank, den wir kaufen, gehört mir.

Sogar der Kater gehört mir.

Was ist Wadik bei uns?

Wadik ist Mitgift.

Ich behandle ihn übrigens finanziell auch nicht schlecht.

Ich füttere ihn, kleide ihn ein, nehme ihn mit in den Urlaub.

Und Sie erzählen hier etwas von Verrat.

Sinaida Petrownas Kinnlade klappte herunter.

Mit so einer Wendung hatte sie nicht gerechnet.

Sie war es gewohnt zu glauben, dass ihr Sohn der Ernährer, Versorger und Nabel der Welt sei.

Und jetzt kamen solche Details ans Licht.

— Wadim, ist das wahr? — fragte sie leise.

Lebst du auf ihre Kosten?

Wadim wurde so rot wie eine überreife Tomate.

Er schämte sich.

Vor seiner Mutter, vor seiner Frau, vor den Verkäufern, die bereits aus den Lagerräumen hervorkamen und die Show interessiert beobachteten.

— Na ja, also… wir haben ein gemeinsames Budget, — murmelte er.

Wir sind doch Familie.

— Gemeinsam, — spottete Sweta.

Gemeinsam ist es dann, wenn beide etwas einbringen.

Und wie ist es bei uns?

Mein Geld ist unser Geld.

Dein Geld ist dein Geld.

Du, Wadik, gibst dein Gehalt für Bier mit Freunden aus, für Ersatzteile für deine „Neun“, die du nie repariert bekommst, und für Geschenke für Mama.

Aber die Nebenkosten, die Lebensmittel, die Kleidung und den Urlaub bezahle ich.

Soll ich Mama erzählen, wie viele Blumen du ihr zum Geburtstag von meinem Geld schenkst?

Wadim erstarrte.

Sinaida Petrowna ließ den Blick zwischen den beiden hin- und herwandern.

Die Information war zu fett.

Sie passte nicht in ihren Kopf.

— Du… du schenkst mir Blumen von ihrem Geld? — fragte sie langsam.

Das heißt, ich bekomme von dir Geschenke, die von ihrem Geld gekauft wurden?

— Ja, — nickte Sweta.

Woher, dachten Sie denn, hat er Geld für Sträuße für dreitausend?

So viel vertrinkt er im Monat nicht einmal an Bier.

Und dann heißt es: bitte, Mütterchen, alles Gute.

Und danach rufen Sie an und loben: „Ach, Wadik, wie fürsorglich du doch bist!“

Und Wadik schweigt bescheiden.

Ist ja peinlich zuzugeben, dass die Ehefrau bezahlt.

Sinaida Petrowna ließ sich langsam auf einen Hocker bei den Kissen nieder.

Ihre Beine gaben nach.

Sie sah ihren Sohn an, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen.

Durch die rosarote Brille der Mutterliebe brach das harte Licht der Realität.

— Wadim… — hauchte sie.

Ist das wahr?

Wadim schwieg.

Dieses Schweigen war redseliger als jedes Wort.

Er stand da, den Kopf in die Schultern gezogen, und starrte auf den Boden.

Ein erwachsener Mann, vierzig Jahre alt, Meister in einer Autowerkstatt, und er sah aus wie ein ertappter Zweitklässler, den man beim Abschreiben erwischt hatte.

— Na, du bist ja… — Sinaida Petrowna beendete den Satz nicht.

Sie stand auf, rückte den Mantel zurecht und sah Sweta an.

Ihr Blick war schwer, aber nicht mehr kämpferisch.

Etwas Neues stand darin.

Respekt?

Nein, der würde später kommen.

Vorerst waren es Verwirrung und der erste zaghafte Gedanke, dass sie sich vielleicht in diesem Menschen geirrt hatte.

— Na gut, — sagte sie unerwartet leise.

Kauft den Schrank.

Welchen ihr wollt.

Das ist nicht meine Sache.

Und sie drehte sich zum Gehen um.

— Sinaida Petrowna, — rief Sweta ihr nach.

Die Schwiegermutter wandte sich um.

Und kommen Sie morgen zu Bliny vorbei.

Ich backe selbst.

Ohne Pfeffer.

Ehrenwort.

Sinaida Petrowna sah sie lange an.

Dann nickte sie einmal kurz.

Und ging.

Die Tasche auf Rollen klapperte kläglich über die Fugen der Fliesen.

Wadim atmete aus.

Er war nass wie eine Maus.

— Warum… warum hast du ihr von den Blumen erzählt? — fragte er mit gefallener Stimme.

Jetzt wird sie mich nicht mehr respektieren.

— Wadik, — Sweta trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.

Sie hat dich nie respektiert.

Sie hat dich angebetet.

Das ist nicht dasselbe.

Anbetung ist blind.

Respekt muss man sich verdienen.

Vielleicht hast du jetzt eine Chance.

Vorsichtig lugte Eduard aus dem Lager hervor.

— Gnädige Frau, unterschreiben wir den Vertrag? — fragte er schüchtern.

— Wir unterschreiben, — nickte Sweta.

Und die Lieferung auf Dienstag.

Und den Monteur nehme ich vielleicht auch von Ihnen.

Denn meiner, — sie nickte zu Wadim hin, — ist heute irgendwie nicht in Form.

Wadim seufzte.

Ihm kam es so vor, als hätte der Tag gerade erst begonnen, und er hätte schon den Jahresvorrat an Stress erlebt.

Und irgendwo tief in ihm, unter Schichten von Scham und Demütigung, glomm ein seltsamer, ungewohnter Gedanke: Seine Frau hatte recht.

In allem.

Und genau das war das Beleidigendste daran.

Am selben Abend saß Sweta in einer Badewanne voller Schaum und trank Weißwein direkt aus der Flasche.

Wadim kam herein, setzte sich auf den Toilettendeckel und druckste herum.

— Swet, — fing er an.

Warum hast du sie zu Bliny eingeladen?

Sweta nahm einen Schluck Wein.

— Deshalb, Wadik, weil man den Feind ins Gesicht kennen muss.

Und aus der Hand füttern muss.

An die Hand gewöhnt man sich.

Und später kann dieselbe Hand streicheln oder eine Ohrfeige geben, wenn es nötig ist.

Wir werden sehen, wie sie sich morgen verhält.

Wenn sie kommt, bedeutet das, dass ihr Gehirn noch funktioniert.

Wenn nicht, geht der Krieg weiter.

Aber nach ihrem Gesicht heute zu urteilen, hat ihr Gehirn wieder eingesetzt.

Und das ist gut.

— Und wenn sie wieder anfängt, dir beizubringen, wie man Bliny backt?

— Dann soll sie eben lehren.

Ich höre zu.

Ich sage sogar Danke.

Und dann mache ich es auf meine Weise.

Und das wird sie begreifen.

Denn heute hat sie das Wichtigste verstanden: Ich bin nicht dumm.

Und ich bin nicht ihr Feind.

Ich bin einfach ein Mensch, der auf seine eigene Weise leben will.

Und sie hat übrigens dieselbe Chance.

Sie kann auf ihre eigene Weise leben.

Bei sich zu Hause.

Und nicht in unseren Köpfen.

Wadim schwieg eine Weile.

Dann stand er auf.

— Du bist seltsam, — sagte er.

— Ich bin bequem, — korrigierte Sweta ihn und trank den Wein aus.

Für diejenigen, die meine Regeln respektieren.

Und wenn du rausgehst, mach die Tür zu.

Und füttere den Kater nicht, ich habe ihn schon gefüttert.

Sonst kotzt er wieder.

Wadim ging hinaus.

Sweta schloss die Augen und lächelte.

Morgen würde es Bliny geben.

Und eine neue Runde des großen Familienspiels.

Aber der Spielstand war nicht mehr 0:10 zugunsten der Schwiegermutter.

Jetzt stand es unentschieden.

Und das ist bekanntlich das Interessanteste.