Ich rief schweigend die Polizei, und beim Verhör lieferte die Mutter ihren eigenen Sohn aus.
„Hast du schon wieder meine Sachen umgelegt?“, zitterte Polinas Stimme vor ohnmächtiger Wut.

Sie hielt eine verdorbene Seidenbluse fest in den Händen.
Auf dem weißen Stoff prangte ein riesiger blauer Fleck von fremden Sachen.
Die Schwiegermutter, Sinaida Michailowna, rührte ungerührt ihren Tee in der engen Küche um.
Ihr ewiges Grinsen raubte Polina die letzten Kräfte.
Zwei Jahre gemeinsamen Lebens hatten sich in eine endlose Qual verwandelt.
Jeder einzelne Tag bestand aus Nörgeleien, Kontrollen der Schränke und giftigen Bemerkungen.
„Deine Sachen?“, schnaubte Sinaida Michailowna verächtlich.
Sie nahm geräuschvoll einen Schluck von dem heißen Getränk.
„In meinem Haus gibt es nichts, was dir gehört.
Du lebst hier nur auf Abruf.
Sei lieber dankbar, dass ich so eine schlampige Person wie dich überhaupt ertrage.“
„Die Hälfte meines Gehalts gebe ich jeden Monat ab!“, Polina warf die verdorbene Bluse auf die Stuhllehne.
„Igor hat versprochen, dass das nur vorübergehend ist, bis wir für unsere eigene Wohnung gespart haben!
Und Sie bezahlen nicht einmal die Nebenkosten!“
Vom Lärm kam der Ehemann aus dem Zimmer.
Igor rieb sich schläfrig die Augen.
Er versuchte immer, sich nicht in Frauenstreitigkeiten einzumischen.
Aber wenn er sich entscheiden musste, stellte er sich immer auf die Seite seiner Mutter und vergaß dabei seine Frau.
„Mädels, jetzt reicht’s doch, ja?
Es ist Sonntag“, zog er müde die Worte in die Länge, während er zum Kühlschrank ging.
„Igorchen, schau sie dir doch an!“, jammerte die Schwiegermutter sofort los und presste die Hand an ihr Herz.
„Sie will mich noch ins Grab bringen!
Sie schreit ihre Mutter an!
Sie wirft mir ein Stück Brot vor!
Sie hat ja jeden Respekt verloren!“
„Polina, entschuldige dich bei Mama“, sagte Igor streng.
Er schlug die Kühlschranktür zu und ging drohend auf seine Frau zu.
Wut verzerrte sein Gesicht.
„Wofür soll ich mich entschuldigen?
Dafür, dass sie absichtlich meine weiße Bluse mit ihren blauen Hausmänteln gewaschen hat?“
Polina wich keinen Schritt zurück.
In ihr kochte alles vor Ungerechtigkeit.
„Sie macht das absichtlich.
Jeden Tag schikaniert sie mich!“
„Halt den Mund!“, brüllte ihr Mann.
„Meine Mutter ist eine heilige Frau!
Sie hat uns bei sich wohnen lassen, solange das Haus gebaut wird!
Und du bist ständig mit allem unzufrieden!“
Sinaida Michailowna sah ihre Schwiegertochter triumphierend über den Rand ihrer Tasse hinweg an.
Boshaftes Wohlgefallen leuchtete in ihren Augen.
Sie liebte es, die beiden gegeneinander aufzuhetzen.
„Gib dieser Schwiegertochter ordentlich eine!“, schrie die Schwiegermutter plötzlich schrill und durchdringend.
„Damit sie weiß, wer hier das Sagen hat!
Bring deiner Frau Vernunft bei, bevor sie uns noch auf dem Nacken sitzt!“
Igor holte plötzlich aus.
Seine Faust durchschnitt pfeifend die Luft und traf Polina an der Schulter.
Vor Überraschung taumelte sie zurück.
Ihr Fuß rutschte auf den nassen Fliesen aus, die die Schwiegermutter gerade erst gewischt hatte.
Polina verlor das Gleichgewicht.
Mit voller Wucht stürzte sie rücklings nach hinten.
Ein scharfer, blendender Schmerz durchbohrte ihren Hinterkopf.
Ein dumpfer Aufprall war zu hören.
Sofort begann es in ihren Ohren zu klingeln.
Die Dunkelheit vor ihren Augen wurde dichter, doch sie verlor nicht das Bewusstsein.
Polina lag auf dem Boden.
Sie spürte, wie etwas Warmes und Nasses ihren Hals hinunterlief.
Das Zimmer schwamm vor ihren Augen.
„Ganz recht so“, drang die Stimme Sinaida Michailownas wie aus weiter Ferne zu ihr.
In ihr lag nicht ein Funken Mitleid.
„Steh auf jetzt, tu nicht so!
Selbst schuld!“
Polina öffnete mühsam die Augen.
Igor stand über ihr, blass und mit verwirrtem Gesicht.
Er sah auf das Blut, machte aber nicht einmal den Versuch, ihr aufzuhelfen.
Er stand einfach nur da und starrte.
In genau diesem Moment begriff Polina alles.
Ihre Ehe existierte nicht mehr.
Und eine Familie gab es ebenfalls nicht mehr.
Sie tastete in der Tasche ihres Hausmantels nach ihrem Handy.
Mit zitternden, verschmierten Fingern wählte sie den Notruf.
Und gleich danach rief sie die Polizei an.
„Sie ruft einen Krankenwagen!
Als ob sie sich sonst was getan hätte!“, empörte sich die Schwiegermutter und lief in der Küche hin und her.
Aber Polina hörte schon nicht mehr zu.
Sie schloss einfach die Augen und wartete auf die Ärzte.
Die weißen Wände des Krankenzimmers drückten schmerzhaft auf ihre Augen.
Ihr Kopf schien in Stücke zu zerbrechen.
Der Arzt sagte streng: schwere Gehirnerschütterung und eine verborgene Kopfverletzung.
Absolute Ruhe und eine lange Behandlung seien notwendig.
Gegen Abend knarrte die Tür des Zimmers leise.
Der Ermittler trat ein.
Es war ein Mann mittleren Alters mit müdem Gesicht und einer dicken Mappe in der Hand.
„Polina Sergejewna?
Wie fühlen Sie sich?“, fragte er höflich und setzte sich auf den Stuhl neben dem Krankenhausbett.
„Es ging mir schon besser“, antwortete Polina leise.
Sprechen fiel ihr schwer.
„Wo ist mein Mann?“
„In Untersuchungshaft“, antwortete der Ermittler vollkommen ruhig.
„Gegen ihn wurde ein Strafverfahren eingeleitet.
Zufügung von Körperverletzungen.
Die Beweise liegen auf der Hand, die Ärzte haben alles dokumentiert.“
Polina schloss die Augen.
Es tat weh, aber tief in ihr breitete sich eine seltsame, kalte Erleichterung aus.
„Er hat geschrien, es sei ein Unfall gewesen.
Dass ich selbst auf dem nassen Boden ausgerutscht sei“, sagte sie und erinnerte sich an die letzten Minuten in der Küche.
Der Ermittler lächelte spöttisch und öffnete seine Mappe.
Er zog mehrere Blätter heraus, dicht mit kleiner Handschrift beschrieben.
„Ihr Mann hat tatsächlich versucht, alles abzustreiten.
Er hat vom nassen Boden und Ihrer Unachtsamkeit geschrien.
Aber die Ärzte haben nicht nur die Verletzung vom Sturz festgestellt, sondern auch die Spur des Schlages an der Schulter.
Seine Mutter hingegen zeigte sich deutlich kooperativer.
Sobald es nach einem echten Strafverfahren und Mittäterschaft roch, legte Sinaida Michailowna sehr ausführliche Aussagen ab.“
Polina sah den Polizisten überrascht an.
Der Schmerz in ihrem Hinterkopf wich für einen Moment zurück.
„Was für Aussagen denn noch?“
„Sie erklärte, dass sie abseits gestanden und alles von Anfang bis Ende gesehen habe.
Sie sagte, ihr Sohn habe Sie absichtlich geschlagen, wodurch Sie das Gleichgewicht verloren und gestürzt seien.“
Der Ermittler blätterte um und fuhr fort:
„Sinaida Michailowna hat die gesamte Schuld auf ihn abgewälzt.
Sie behauptete, sie habe noch versucht, ihn aufzuhalten, habe sich aber sehr vor seiner Aggression gefürchtet.
Nun geht sie als Hauptzeugin der Anklage durch.
Und Ihr Mann ist der einzige Angeklagte.“
Polina hielt es nicht aus und lachte bitter auf.
Das Lachen pochte als dumpfer Schmerz in ihrem Kopf, aber aufzuhören war einfach unmöglich.
Genau diese „heilige Frau“, die zur Abrechnung mit ihrer Schwiegertochter aufgerufen hatte, hatte ihren eigenen Sohn bei der ersten Gefahr ausgeliefert.
Sie hatte ihn verraten, um ihre eigene Haut zu retten.
Am nächsten Tag schaute Sinaida Michailowna zaghaft ins Zimmer.
Sie brachte eine Tüte mit grünen Äpfeln mit.
Die Schwiegermutter sah erbärmlich aus: zerzaust, gealtert, der Blick huschte unruhig hin und her.
„Polinchen, mein Kind“, begann sie einschmeichelnd und trat unbeholfen an der Türschwelle auf der Stelle.
„Du könntest die Anzeige doch zurückziehen, hm?
Igorchen kommt sonst noch ins Gefängnis!
Wir brauchen einen guten Anwalt, die verlangen riesige Summen.
Sag dem Ermittler, dass du selbst gestolpert bist!
Du bist doch ein gutes Mädchen!“
Polina setzte sich langsam im Bett auf.
Sie sah die Frau an, die noch gestern nach Vergeltung verlangt und heute ihr eigenes Kind an den Ermittler verkauft hatte.
„Verschwinden Sie, Sinaida Michailowna“, sagte Polina mit fester und kalter Stimme.
Wie geschärfter Stahl.
Kein Tropfen Mitgefühl lag darin.
„Aber wie denn nur?“, jammerte die Schwiegermutter und presste die Hände an ihr Herz.
„Wir sind doch eine Familie!
Igorchen liebt dich doch, du Dummerchen!
Und ich bin eine alte, kranke Frau!
Allein schaffe ich das nicht!
Willst du mich etwa auf die Straße setzen?“
„Das ist nicht mehr mein Problem“, schnitt Polina hart ab.
„Die Scheidungsunterlagen hat mein Anwalt bereits beim Gericht eingereicht.
Die Klage auf Vermögensaufteilung ist ebenfalls eingereicht.
Ich werde alles nehmen, was mir zusteht.
Und Ihrem Sohn richten Sie aus: Ich werde keinen einzigen Schritt zurückweichen.
Ihr beide habt genau das bekommen, was ihr verdient habt.“
„Dann sei verflucht!“, zischte die Schwiegermutter, die Maske der guten Mutter augenblicklich abwerfend.
Wütend schleuderte sie die Tüte mit den Äpfeln auf den Boden und stürmte aus dem Zimmer.
Polina drückte ruhig auf den Knopf, um die Krankenschwester zu rufen.
Sie wollte den Müll so schnell wie möglich aus ihrem Zimmer entfernt haben.
Und aus ihrem Leben gleich mit.
Der Prozess fand nach einigen langen Monaten statt.
Igor wurde schuldig gesprochen.
Dank eines guten Anwalts bekam er eine Bewährungsstrafe, doch wegen des Eintrags im Führungszeugnis wurde er sofort von seiner angesehenen Arbeit entlassen.
Die Scheidung verlief schwer, aber gerecht.
Polina gelang es, vor Gericht all das Geld zurückzubekommen, das sie für das Wohnen in der Wohnung der Schwiegermutter gezahlt hatte.
Sinaida Michailowna blieb allein mit ihrem arbeitslosen, verbitterten Sohn zurück.
Igor konnte seiner Mutter diesen Verrat im Büro des Ermittlers bis zuletzt nicht verzeihen.
Nun stritten sie jeden Tag in ihrer stickigen Küche und fraßen sich gegenseitig bei lebendigem Leib auf.
Polina hingegen mietete ein gemütliches, sehr helles Studio in der Nähe eines großen Parks.
Sie veränderte ihre Frisur komplett, erneuerte ihre Garderobe und bekam eine neue Führungsposition bei der Arbeit.
Jeden Morgen bereitete sie sich ein frisches Getränk zu und trat an das breite Fenster.
Sie sah auf die erwachende Stadt und lächelte aufrichtig.
In ihrem neuen Zuhause war es unglaublich still.
Niemand kontrollierte ihre Regalbretter im Schrank, niemand schrie sie an und niemand schrieb ihr vor, wie sie zu leben hatte.
Ihr altes, schweres Leben zerschellte auf dem Fliesenboden jener Küche in tausend Stücke.
Aber gerade aus diesen Scherben konnte Polina sich selbst neu zusammensetzen.
Und diese neue, starke, selbstbewusste Frau gefiel ihr sehr viel besser.
Sie hatte endlich gelernt, sich selbst zu verteidigen.



