— Verschwinde von hier, solange ich noch nett bin.
— Unterschreib die Vollmacht, solange wir noch freundlich fragen!

— Und tu nicht so, als wärst du hier die Herrin im Haus — du bist einfach nur zufällig in diese Wohnung hineingeraten!
Nina Wassiljewna warf eine prall gefüllte Mappe auf das Schränkchen im Flur, so heftig, dass Vera die Schlüssel in ihrer Hand zittern spürte.
Die Papiere darin klappten dumpf zusammen wie eine Ohrfeige.
Daneben stand ein hagerer Mann in einem billigen Anzug — einer von diesen Anwälten, deren Aktentasche immer nach Bürokratie und fremden Problemen riecht.
Vera schloss langsam die Tür.
Nicht ab — noch nicht.
Sie schloss sie einfach nur, damit der Geruch aus dem Treppenhaus und die neugierigen Ohren der Nachbarn nicht in die Wohnung drangen.
Wobei die neugierigen Ohren vermutlich ohnehin schon hinter der Tür standen: In ihrem Haus lief jede Familienszene wie eine Fernsehserie, nur eben ohne Abspann.
— Welche Vollmacht, Nina Wassiljewna? — Vera sah sie direkt an.
— Hören Sie sich eigentlich selbst zu?
— Ich höre mich ausgezeichnet! — Die Schwiegermutter stapfte mit Schuhen über die Matte, ohne auf die Aufschrift „Bitte Schuhe ausziehen“ zu achten.
— Olya wird mit den Kindern aus der Mietwohnung rausgeworfen!
— Verstehst du das?
— Raus-ge-wor-fen!
— Und du sitzt hier in dieser Dreizimmerwohnung wie eine Zarentochter und zuckst nicht einmal mit der Wimper!
Der Anwalt räusperte sich, als wolle er daran erinnern, dass er hier eine „offizielle Person“ sei und nicht bloß Statist.
— Vera Sergejewna, — begann er geschniegelt höflich, — wir schlagen eine friedliche Lösung vor.
— Die Wohnung ist… ähm… eine Ressource Ihrer Familie.
— Man könnte eine Generalvollmacht für den Verkauf ausstellen.
— Das geht schnell, ohne Konflikte.
— Ohne Konflikte? — Vera musste sogar lachen.
— Sie sind gerade in mein Zuhause eingedrungen und schreien mich im Flur an.
— Nennen Sie das „ohne Konflikte“?
Nina Wassiljewna hob das Kinn, als wollte sie gleich eine Gerichtsverhandlung eröffnen.
— Mach dich nicht lächerlich!
— Familie muss einander helfen!
— Olya ist Paschas Schwester, sie hat zwei Kinder und nirgendwohin!
— Willst du etwa, dass sie von Bekannten zu Bekannten ziehen?
— Ich will, dass Sie aufhören, über meine Wohnung zu verfügen, als wäre sie Ihr Portemonnaie, — sagte Vera ruhig.
— Und dass Sie aufhören so zu tun, als hätte Ihr Sohn damit nichts zu tun.
Absichtlich blickte sie zur Tür.
Auf dem Treppenabsatz, ein Stück zur Seite, stand Pascha.
Er kam nicht herein.
Seine Finger spielten nervös mit dem Riemen seiner Tasche.
Sein Blick ging zu Boden.
Er sah aus wie ein Schuljunge, der sein Hausaufgabenheft vergessen hat, aber hofft, dass die Lehrerin heute gnädig ist.
— Pascha! — bellte die Schwiegermutter, als rufe sie keinen erwachsenen Mann, sondern einen Hofhund.
— Komm her.
— Erklär deiner Frau, dass sie nicht allein auf der Welt ist!
Pascha trat ein, als hätte ihn eine unsichtbare Hand hineingeschoben.
— Ver… also… — er schluckte.
— Olya hat es wirklich schwer.
— Mama hat recht.
— Wir sind jung, wir verdienen schon noch Geld… wir nehmen eben eine Hypothek auf.
— So wie alle.
— So wie alle? — Vera wandte sich zu ihm um.
— „So wie alle“ heißt, dass Menschen sich zusammensetzen und gemeinsam entscheiden, nicht dass deine Mutter einen Anwalt mitbringt und mir die Mappe an die Kehle drückt.
Der Anwalt warf hastig ein:
— Niemand drückt hier irgendwem etwas an die Kehle.
— Aus juristischer Sicht—
— Aus Ihrer „juristischen Sicht“, — unterbrach Vera ihn, — befinden Sie sich gerade in einer fremden Wohnung, ohne Einladung, und versuchen, einen Menschen dazu zu bringen, ein Papier zu unterschreiben, das für ihn nachteilig ist.
— Verschonen Sie mich also mit Vorträgen.
Nina Wassiljewna schlug mit der Handfläche auf das Schränkchen.
— Du Undankbare!
— Ich wusste es!
— Paschka, sag es ihr!
— Sag ihr, dass du nicht mit ihr zusammenleben wirst, wenn sie nicht unterschreibt!
— Ich bin deine Mutter, ich habe dich großgezogen!
Pascha verzog das Gesicht und sagte leise, fast flüsternd:
— Ver, ehrlich… ich halte diese Skandale nicht aus.
— Du verstehst doch, Mama wird nicht locker lassen.
— Lass es uns einfach so machen, wie sie will, und gut ist.
Vera fühlte sich… nicht verletzt.
Nicht einmal beleidigt.
Es wurde ihr kalt.
— Ich habe verstanden, — sagte sie ebenmäßig.
— Gut.
— Geben Sie mir eine Woche.
Die Schwiegermutter kniff triumphierend die Augen zusammen.
— Na also!
— So spricht man vernünftig.
— Eine Woche.
— Hörst du, Pascha?
— Sie kann also doch normal sein, wenn es nötig ist.
Der Anwalt zog schon einen Stift hervor, als wollten sie alles direkt im Flur erledigen.
— In einer Woche kommen wir vorbei, und Sie unterschreiben.
— Ich bereite die endgültige Fassung vor.
— In einer Woche, — wiederholte Vera.
— Aber nicht hier.
— Und laufen Sie nicht עוד פעם mit Schuhen über die Matte.
Nina Wassiljewna schnaubte, als sei die Matte bloß eine lächerliche weibliche Schrulle, und zog ihren Sohn zum Ausgang.
— Komm.
— Soll sie nachdenken.
— Aber zieh es nicht in die Länge, Vera.
— Olyas Kinder sind nicht aus Eisen.
Die Tür fiel ins Schloss.
Ein paar Sekunden lang blieb Vera reglos stehen.
Dann drehte sie den Schlüssel um — klick.
Noch einmal — klick.
Erst danach atmete sie aus.
Eine Minute später klingelte das Telefon.
Natürlich Pascha.
Vera sah auf das Display wie auf Werbung für einen dubiosen Ratenkredit und ging ran.
— Ja?
— Ver, warum bist du so… — seine Stimme klang zugleich schuldbewusst und gereizt.
— Mama meint es doch nicht böse.
— Bei Olya ist wirklich alles schlimm.
— Ist das dein Ernst? — Vera ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank, als läge die Antwort darin.
— „Nicht böse gemeint“ ist, wenn jemand dir aus Versehen auf den Fuß tritt und sich entschuldigt.
— Aber deine Mutter ist mit einem Anwalt gekommen.
— Mit einem Anwalt, Pascha.
— Das ist kein „Familiengespräch“ mehr, das ist familiäres Raubrittertum.
— Nenn es doch nicht so… — zischte Pascha.
— Du übertreibst mal wieder alles.
— Ich übertreibe? — Vera lachte trocken.
— Du hast gerade zugestimmt, dass ich eine Vollmacht für den Verkauf meiner Wohnung unterschreiben soll.
— Meiner.
— Und dann Hypothek „wie alle“.
— Hörst du dir eigentlich selbst zu?
— Aber wir leben doch zusammen… — er versuchte, sich an dieses „wir“ zu klammern.
— Wir sind doch Familie.
— Familie? — Vera stellte die Tasse etwas lauter auf den Tisch, als sie wollte.
— Familie ist, wenn ein Mann sagt: „Mama, stopp.
— Das ist unser Zuhause.
— Wir entscheiden selbst.“
— Und nicht, wenn der Mann sich im Treppenhaus versteckt und abwartet, wie es ausgeht.
Pascha schwieg.
Dann atmete er aus:
— Gut.
— Ohne Hysterie.
— Eine Woche, also eine Woche.
— Aber… Ver, mach nur nichts Dummes.
— Nichts Dummes? — Vera schnaubte.
— Dumm wäre es gerade, etwas zu unterschreiben, das mich für deine Schwester auf die Straße setzt.
— Die übrigens… wo ist eigentlich ihr Mann?
— Wo ist der Vater der Kinder?
— Das ist kompliziert! — Pascha fuhr auf.
— Du weißt doch gar nichts!
— Eben, — sagte Vera ruhig.
— Ich weiß es nicht.
— Und du weißt es auch nicht.
— Aber zahlen und das Risiko tragen soll irgendwie ich.
Sie beendete das Gespräch und starrte aus dem Fenster.
Draußen lebte der Hof sein eigenes Leben: Jemand parkte viel zu nah an den Müllcontainern, jemand führte seinen Hund aus, und jemand stand natürlich am Eingang und besprach fremde Schicksale, als wäre das sein Beruf.
Noch am selben Abend kam eine Nachricht von der Schwiegermutter: „EINE WOCHE.
— ZIEH ES NICHT IN DIE LÄNGE.“
Und direkt noch eine: „OLYA WEINT.“
Vera schnaubte laut.
— Natürlich weint sie.
— In unserer Familie ist es ja immer so: Olya weint, und Vera unterschreibt.
Am nächsten Tag fuhr Vera zu ihrer Großmutter.
Nicht um sich „auszuheulen“, sondern weil es reichte, weiter in der Illusion zu leben, man könne die Unverschämtheit anderer still aussitzen.
Die Vorortbahn war voller Menschen, die so schwiegen, als trüge jeder sein eigenes Drama in einer Supermarkttüte mit sich herum.
Vera fuhr in ein privates Seniorenheim im Umland — ein anständiger Ort, sauber, ohne Prunk, aber auch ohne dieses „Tun wir so, als wäre es hier ein Kurhaus“.
Die Großmutter hatte selbst entschieden, dort zu leben: „So ist es für mich ruhiger, ich muss im Winter nicht um Heizkörper und eure kommunalen Wunder tanzen.“
Die Großmutter empfing sie in der Halle: ordentlich, mit kurzem Haarschnitt, in einer hellen Strickjacke.
Und mit einem Blick, bei dem jeder Anwalt sofort Lust bekommen hätte, den Beruf zu wechseln.
— Na, hallo, mein Mädchen, — die Großmutter umarmte Vera und trat dann gleich wieder einen Schritt zurück.
— Und jetzt erzähl.
— Du siehst aus, als würdest du gleich jemandem alles sagen, was du denkst, und das wird nicht hübsch.
— Oma, du bist wie ein Röntgengerät, — Vera atmete aus und ging neben ihr her.
— Hier läuft so eine… Familienshow.
— Nina Wassiljewna hat beschlossen, dass unsere Wohnung eine gemeinsame Hilfskasse ist.
— Sie kam mit einem Anwalt.
— Sie verlangt eine Verkaufsvollmacht.
Die Großmutter blieb stehen.
— Eine Vollmacht? — fragte sie ruhig nach.
— Für den Verkauf?
— Ja, — Vera nickte.
— Damit Olya das Geld bekommt.
— Ich habe um eine Woche gebeten… na ja, um Zeit zu gewinnen.
— Brav, — die Großmutter lächelte sogar.
— Zeit ist der beste Verbündete, wenn der Verstand noch funktioniert.
— Und jetzt der Reihe nach: Was ist mit Pascha?
Vera verzog das Gesicht.
— Pascha… wie immer.
— „Mama wird nicht locker lassen“, „lass es uns machen wie alle“, „ich halte die Skandale nicht aus“.
— Er stand im Treppenhaus, während seine Mutter mich angeschrien hat.
Die Großmutter seufzte, aber ohne Tragik.
Eher mit dem Ärger eines Menschen, der den Preis fremder „Ach, ich wollte doch nicht“ schon lange verstanden hat.
— Also gut, — sagte sie.
— Erstens freue ich mich, dass die Wohnung auf mich eingetragen ist.
— Zweitens freue ich mich, dass du mit dieser Tatsache nicht herumgeworfen hast.
— Menschen zeigen sich nicht in Worten, sondern dann, wenn sie glauben, dass ihnen etwas winkt.
— Und jetzt zur Sache.
— Du willst, dass sie dich in Ruhe lassen?
— Ich will, dass sie begreifen: Mit mir kann man das nicht machen, — Vera sah zum Fenster, wo jemand Blumen auf der Fensterbank goss.
— Und dass Pascha… das auch begreift.
— Er wird es nicht begreifen, — sagte die Großmutter fast beiläufig.
— Er ist daran gewöhnt, geführt zu werden.
— Die Mutter hält ihn an der Hand.
— Du nimmst ihn unter den Arm.
— Er geht nicht selbst, er wird bewegt.
Vera schnaubte leise.
— Treffend.
— Treffend ist dann gut, wenn es auf den Punkt kommt, — nickte die Großmutter.
— Hör zu.
— Ich kann zwei Dinge tun.
— Erstens: Ich kann offiziell ein Verbot für jegliche Registrierungshandlungen ohne meine persönliche Anwesenheit eintragen lassen.
— Schnell.
— Zweitens: Ich kann einen Nutzungsvertrag für dich aufsetzen, damit du ruhig dort wohnen kannst und dich niemand „familiär“ rausdrängen kann.
— Und die Schwiegermutter?
— Die wird doch wieder herumschreien, ich sei hinterlistig und hätte alle getäuscht.
— Soll sie schreien, — die Großmutter zuckte mit den Schultern.
— Unser Land ist so: Wer lauter ist, hält sich für im Recht.
— Aber Dokumente sind lauter als jedes Geschrei.
Vera schwieg einen Moment und fragte dann doch:
— Oma… erinnerst du dich, was Nina Wassiljewna auf der Hochzeit gesagt hat?
Die Großmutter lächelte spöttisch, und in diesem Lächeln steckte so viel Erfahrung, dass es in Vera klickte: Genau das ist echte Standfestigkeit.
— Natürlich erinnere ich mich.
— Sie war damals überzeugt, dass ich mich vor ihr verbeugen würde, weil ihr Sohn dich „zur Frau genommen“ hat.
— Eine komische Frau.
— Ich bin nicht beleidigt.
— Ich ziehe nur meine Schlüsse.
— Ich will, dass du weißt: Ich werde die Wohnung nicht hergeben.
— Und ich werde das nicht einmal diskutieren.
— Ich bin einfach… — Vera schluckte.
— Ich bin es leid, bequem zu sein.
Die Großmutter nahm ihre Hand.
— Dann sei es nicht.
— Bequeme Dinge liegen meistens im Schrank und schweigen.
— Aber du lebst.
— Also so: Morgen erledige ich alles.
— Und du bereitest dich auf ihren Besuch vor.
— Und, Vera… sprich mit Pascha so, wie du mit mir gesprochen hast.
— Ehrlich.
— Ohne den Versuch, ihn zu „retten“.
— Er wird doch sagen, ich sei grausam.
— Grausam ist seine Mutter, — sagte die Großmutter ruhig.
— Du hast nur aufgehört, eine Fußmatte an der Tür zu sein.
Vera lächelte.
— Unsere Fußmatte leidet übrigens auch.
— Heute ist wieder jemand über sie hinweggetrampelt.
— Kauf dir eine neue.
— Und bau ein gutes Schloss ein, — zwinkerte die Großmutter.
— Dann bin ich ruhiger.
Eine Woche später war das Klingeln an der Tür so selbstsicher, als hätte die Schwiegermutter in Gedanken schon die Schlösser ausgetauscht.
Vera öffnete, ohne zu lächeln.
Nina Wassiljewna kam als Erste herein wie ein Panzer, hinter ihr Pascha und dahinter derselbe Anwalt.
Die Schwiegermutter warf sofort ihren Mantel an die Garderobe, als wäre es ihre, und ging in die Küche.
— Also, — warf sie im Gehen hin, — hast du es dir überlegt?
— Der Anwalt wartet, er hat Termine.
— Olya hat schon etwas im Auge.
— Die Gegend ist zwar nicht besonders, aber für den Anfang geht es.
Pascha setzte sich an den Tisch, als wäre er zu einem Vorstellungsgespräch gekommen, das er gar nicht führen wollte.
— Ver… — fing er an.
— Setzen Sie sich, — Vera nickte in Richtung des Stuhls für die Schwiegermutter.
— Ich fasse mich kurz, aber es wird Ihnen gefallen.
— Oh, jetzt geht’s los! — Nina Wassiljewna setzte sich und verschränkte die Arme.
— Mach nur kein Theater, ja?
— Wir unterschreiben und gehen.
Vera legte eine dünne Plastikmappe auf den Tisch.
Nicht dick, nicht einschüchternd.
Einfach nur eine Mappe.
Und genau darin lag ein ganz eigener Hohn.
— Lesen Sie, Nina Wassiljewna.
Die Schwiegermutter griff nach den Unterlagen gierig, als läge darin Geld.
Sie überflog die erste Seite.
Dann die zweite.
Das Lächeln floss langsam aus ihrem Gesicht wie Mayonnaise von einem billigen Döner.
— Was ist das? — Ihre Stimme wurde schriller.
— Was für ein… Verbot?
— Was für ein… „Eigentümer — dritte Person“?
Der Anwalt beugte sich vor und streckte den Hals.
Pascha lehnte sich ebenfalls näher heran.
— Ich erkläre es, — Vera legte die Hände auf dem Tisch zusammen.
— Ich kann nichts verkaufen, was mir nicht gehört.
— Diese Wohnung war nie mein Eigentum.
— Die Schlüssel — ja, die hatte ich.
— Die Unterlagen — nein.
— Eigentümerin ist meine Großmutter.
Nina Wassiljewna riss den Kopf hoch.
— Lüg nicht!
— Du hast selbst gesagt: „Ich habe die Wohnung bekommen!“
— Ich habe gesagt: „Man hat mir erlaubt, darin zu wohnen“, — Vera zuckte mit den Schultern.
— Sie haben nur das gehört, was Ihnen passte.
— Das ist Ihre Superkraft.
Der Anwalt fand endlich seine Stimme wieder:
— Formal… ja.
— Wenn Sie nicht die Eigentümerin sind, ergibt eine Vollmacht von Ihnen keinen Sinn.
— Ach was Sie nicht sagen! — Die Schwiegermutter fuhr zu ihm herum, als hätte er persönlich ihren Traum verraten.
— Sie sind doch Anwalt!
— Ich bin Anwalt, — erwiderte er trocken, — aber kein Zauberer.
— Dokumente sind hartnäckiger als Ihre Emotionen.
Pascha sah Vera an, und in seinem Blick lag alles zugleich: Verwirrung, Wut und der stille Vorwurf „Du hättest mich warnen können“.
— Ver… warum hast du geschwiegen? — fragte er.
— Weil es niemanden etwas anging, bis ihr beschlossen habt, einen Ausverkauf zu veranstalten, — sagte Vera ruhig.
— Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass ich mich vor meiner eigenen Familie schützen muss.
Nina Wassiljewna schlug mit der Hand auf den Tisch.
— Dann ruf deine Oma an!
— Soll sie eben unterschreiben!
— Was will sie denn?
— Dort hat sie doch sowieso alles.
— Und hier haben Kinder keinen Platz zum Wohnen!
Vera beugte sich ein wenig vor.
— Und jetzt kommt der interessanteste Teil.
— Ich habe sie angerufen.
— Und nicht nur angerufen — ich bin hingefahren.
— Und meine Großmutter ist, stellen Sie sich vor, völlig klar im Kopf und hat ein besseres Gedächtnis als manche andere.
— Sie hat sich alles angehört und gesagt: „Mich da nicht mit hineinziehen.“
— Danach hat sie — Achtung — offiziell ein Verbot für jegliche Handlungen mit der Wohnung ohne ihre persönliche Anwesenheit eintragen lassen.
— Wie kann sie es wagen! — Die Schwiegermutter rang nach Luft.
— Wer ist sie denn überhaupt, dass sie—
— Die Eigentümerin, — lächelte Vera.
— Das ist so ein langweiliger Status, aber ein sehr nützlicher.
Der Anwalt räusperte sich:
— Das Verbot ist registriert.
— Es lässt sich nicht umgehen.
Pascha fragte leise:
— Und was jetzt?
— Jetzt, — Vera zog noch ein Blatt hervor, — habe ich einen Nutzungsvertrag für zehn Jahre.
— Mit Wohnrecht.
— Und noch etwas: Meine Großmutter bat mich ausdrücklich, Ihnen, Nina Wassiljewna, auszurichten, dass sie sich bestens an Ihre Rede auf unserer Hochzeit erinnert.
— Besonders an den Teil, in dem Sie versucht haben, sie vor allen zu demütigen, weil Sie dachten, Sie könnten es sich erlauben.
Die Schwiegermutter wurde blass, dann rot — wie ein Teekessel, den man vergessen hat auszuschalten.
— Ich… ich… — ihre Lippen flatterten, aber es kamen keine Worte heraus.
— Das war… das war überhaupt nicht so!
— Doch, so war es, — sagte Vera ruhig.
— Und wissen Sie, was das Lustigste daran ist?
— Damals dachte ich noch: „Na ja, die Frau ist eben nervös.“
— Aber es stellte sich heraus: Die Frau ist einfach daran gewöhnt, Druck auszuüben.
Pascha sprang plötzlich auf.
— Ver, warte mal… — er versuchte den Tonfall von „Lass uns reden“.
— Wir… wir können doch alles besprechen.
— Olya ist wirklich in Not.
— Mama ist zu weit gegangen, ja.
— Aber du auch… du machst das irgendwie absichtlich…
— Absichtlich was? — Vera hob die Brauen.
— Absichtlich nicht zugelassen, dass ihr eine fremde Wohnung verkauft?
— Ja, Pascha.
— So bin ich.
Nina Wassiljewna sprang auf.
— Also hast du uns belogen!
— Du wusstest, dass wir glauben, die Wohnung gehört dir, und hast geschwiegen!
— Ich habe Sie nicht belogen, — sagte Vera etwas lauter, damit man sie nicht unterbrechen konnte.
— Sie haben sich selbst ein Märchen ausgedacht.
— Und als das Märchen nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmte, haben Sie „Betrug!“ geschrien.
Pascha klammerte sich an die Stuhllehne.
— Aber… du hast doch eine Woche versprochen.
— Du hast „gut“ gesagt!
— Ich habe gesagt: „Gebt mir eine Woche“, — nickte Vera.
— Ich habe diese Woche genutzt, um mich vorzubereiten.
— Auch moralisch.
Die Schwiegermutter funkelte sie an.
— Das heißt, du wirfst uns hinaus?
— Mich?
— Die Mutter deines Mannes?
— Ich werfe die Leute hinaus, die mit einem Anwalt und der Forderung nach einer Vollmacht zu mir gekommen sind, — Vera deutete Richtung Flur.
— Die Tür ist dort.
— Die Schuhe können Sie anlassen, Sie sind ohnehin schon überall durchgelaufen, wo Sie wollten.
Pascha machte einen Schritt auf sie zu.
— Ver, bitte nicht so… wir… ich doch…
— Du doch was? — Vera sah ihm direkt in die Augen.
— Du standest im Treppenhaus und hast gewartet, bis Mama alles für dich entscheidet.
— Du hast gesagt, dass du dich von mir scheiden lässt, wenn ich nicht unterschreibe.
— Erinnerst du dich?
— Oder schaltet sich dein Gedächtnis nur ein, wenn es dir passt?
Pascha wurde blass.
— Ich… ich war im Affekt… Mama hat Druck gemacht…
— Mama hat Druck gemacht, — wiederholte Vera.
— Und du hast es zugelassen.
— Das war deine Entscheidung.
— Nicht meine.
Sie stand auf, ging in den Flur und kam mit zwei Koffern zurück.
— Hier, — sagte sie ruhig.
— Deine Sachen.
— Ich habe sie gepackt.
— Ohne Hysterie, ohne Geschirr zu zerschlagen — das ist nämlich nicht mein Stil.
— Nimm sie und geh.
— Zu Olya, zu Mama, wohin auch immer, wo es schön still ist.
— An dieser Stille hängst du ja so sehr.
Nina Wassiljewna fuhr zu ihrem Sohn herum:
— Pascha, was stehst du da?!
— Sag ihr was!
Pascha starrte die Koffer an wie ein Urteil.
Dann hob er den Blick.
— Ver… meinst du das ernst?
— Absolut, — nickte Vera.
— Ich bin es leid, Möbelstück in eurem Familieninterieur zu sein.
— Ich bin ein Mensch.
— Und ich unterschreibe nichts unter Druck.
— Niemals.
Die Schwiegermutter versuchte den letzten Schuss abzugeben:
— Du… du wirst das noch bereuen!
— Wir erzählen es allen!
— Alle werden erfahren, was für eine du bist!
Vera lächelte spöttisch.
— Erzählen Sie es ruhig.
— Vergessen Sie nur nicht hinzuzufügen, dass Sie mit einem Anwalt gekommen sind und eine fremde Wohnung zugunsten des „eigenen Blutes“ verkaufen wollten.
— Das wird der Hit der Saison hier am Eingang.
Der Anwalt stand leise auf.
— Ich gehe dann wohl besser.
— Meine Stunde ist bezahlt, meine Geduld aber nicht.
Er ging als Erster hinaus, als wolle er sich in Luft auflösen.
Nina Wassiljewna schoss hinterher, drehte sich an der Tür aber noch einmal um.
— Du glaubst, du hast gewonnen? — zischte sie.
— Du glaubst, du bist so klug?
Vera antwortete ruhig:
— Ich glaube nicht.
— Ich weiß: Sie haben verloren.
— Denn diesmal sind Sie nicht zu jemandem gekommen, der Angst hat, sondern zu jemandem, der müde geworden ist.
Pascha nahm den einen Koffer.
Dann den zweiten.
Seine Hände zitterten, die Rollen blieben im Übergang des Bodens hängen, der Koffer ruckte, und Pascha fluchte leise vor sich hin.
— Siehst du, — sagte Vera fast ohne Zorn.
— Sogar die Koffer wehren sich gegen deine Selbstständigkeit.
Pascha verzog das Gesicht.
— Du immer… mit deinem Sarkasmus.
— Und du immer… mit deinem „Mama hat gesagt“, — konterte Vera.
— Geh jetzt, Pascha.
Er ging hinaus.
Die Schwiegermutter sagte kein Wort mehr — zum ersten Mal in der ganzen Zeit.
Vera schloss die Tür.
Klick — das Schloss.
Noch ein Klick — das zweite.
Dann lehnte sie die Stirn gegen die Tür und atmete aus, als hätte sie die ganze Woche die Unverschämtheit anderer in sich festgehalten.
Das Telefon vibrierte.
Eine Nachricht von Olya.
Vera sah darauf und musste sogar lächeln: „Na danke.
— Ich dachte, du wärst normal.“
Vera tippte eine Antwort und löschte sie wieder.
Dann schrieb sie noch einmal.
Und löschte wieder.
Am Ende schickte sie nur kurz:
„Du kannst deine Wohnungsfrage lösen, ohne fremdes Eigentum zu verkaufen.
— Viel Glück.“
Sie ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank, holte Saft heraus und goss sich ein volles Glas ein.
Sie setzte sich.
In der Wohnung war es still.
Nicht „leer“ — still.
So ist es, wenn man endlich aufhört, Arena für die Aufführungen anderer zu sein.
Eine Minute später waren Schritte vor der Tür zu hören und die gedämpfte Stimme der Schwiegermutter — eindeutig am Telefon: „Ja, sie ist so… ja, stell dir vor…“
Vera hob ihr Glas, als spräche sie einen Toast auf einen unsichtbaren Saal aus.
— Na los, Nina Wassiljewna, — sagte sie halblaut.
— Erzählen Sie nur.
— Die Wirklichkeit wird trotzdem lauter sein als Ihre Geschichten.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte Vera weder Angst noch Schuld, sondern einfach nur menschliche Leichtigkeit.
Als hätte jemand ihr einen Sack von den Schultern genommen, auf dem stand: „Sei bequem.“



