— Probier den Fisch, Julchen.
Das ist wilder Lachs und nicht dieses gefärbte Missverständnis, das in euren Supermarktketten mit der Aktion „drei zum Preis von zwei“ verkauft wird.

Ich habe extra eine Lieferung aus einer Spezialitätenboutique bestellt.
Dort sind die Preise natürlich happig, aber die Gesundheit ist wichtiger.
Auch wenn sich dein Magen vielleicht schon an Antibiotika und Chemie gewöhnt hat, werde ich Andrei nicht erlauben, sich den Magen zu verderben.
Galina Sergejewna sagte das mit jener besonderen, zähen Intonation, in der Fürsorge und Gift im Verhältnis eins zu eins vermischt waren.
Sie saß am Kopfende des massiven Eichentisches und hielt den Rücken so gerade, als hätte sie ein Offizierslineal verschluckt.
Ihre Finger, geschmückt mit schweren goldenen Ringen, hantierten geschickt mit silbernem Besteck und trennten das rosafarbene Fischfleisch von der Haut.
Im Licht des Kristalllüsters, der wie ein Damoklesschwert über dem Tisch hing, wirkte ihr Gesicht wie aus Marmor gemeißelt — kalt, glatt, mit makellosem Make-up, das das Alter verbarg, aber nicht den Charakter.
— Danke, Galina Sergejewna, sehr lecker, — antwortete Julia ruhig.
Sie bemühte sich, die Schwiegermutter nicht anzusehen und konzentrierte sich auf ihren Teller.
Es wollte ihr kein Stück durch den Hals gehen, doch die Etikette verlangte zu essen, zu lächeln und so zu tun, als würde man sie nicht unter dem Deckmantel eines gepflegten Gesprächs mit Dreck bewerfen.
— Aber Andrei und ich bemühen uns auch, auf unsere Ernährung zu achten.
— Sich bemühen und es sich leisten können, sind zwei verschiedene Dinge, Kindchen, — parierte die Schwiegermutter sofort, ohne die Schwiegertochter auch nur anzusehen.
— Andrei sah letzte Woche einfach schrecklich aus.
Eine erdfahle Gesichtsfarbe, Tränensäcke unter den Augen.
Ich habe sofort verstanden: Die Ehefrau spart am Essen, um den letzten Groschen für ihre eigenen… Bedürfnisse zurückzulegen.
Übrigens, dieser Blazer, den du anhast… ist das Polyester?
Ich rieche den billigen Synthetikgeruch sogar von hier aus.
Andrei hat eine Stauballergie, und Synthetik zieht ihn wie ein Magnet an.
Verstehst du überhaupt, dass du deinen Mann mit deiner eigenen Kleidung vergiftest?
Andrei, der bis dahin schweigend seinen Salat gekaut hatte, ließ plötzlich mit einem lauten Knall die Gabel auf den Teller fallen.
Das Geräusch von Metall auf Porzellan klang im Raum wie ein Schuss.
— Mama, hör auf.
Julias Blazer ist ausgezeichnet.
Und ich esse ganz normal.
Wir sind nur zum Abendessen gekommen und nicht, um uns einen Vortrag über die Schädlichkeit von Supermärkten und Stoffen anzuhören.
Galina Sergejewna drehte langsam den Kopf zu ihrem Sohn.
Ihr Blick war voller herablassenden Mitleids, wie bei einer Psychiaterin, die einen tobenden Patienten beobachtet.
— Ich teile doch nur meine Erfahrung, mein Sohn.
Irgendwann werdet ihr verstehen, dass sich Lebensqualität aus Kleinigkeiten zusammensetzt.
Billiges Essen, billige Kleidung, billige Gedanken…
Das sind alles Glieder derselben Kette.
Armut ist nicht das Fehlen von Geld, sondern ein Zustand der Seele.
Und der ist leider ansteckend.
Sie legte das Besteck weg und tupfte sich sorgfältig mit einer gestärkten Serviette die Lippen ab.
Dann, als hätte sie sich an etwas Wichtiges erinnert, berührte Galina Sergejewna mit einer theatralischen Geste ihr Ohrläppchen.
Dort funkelten, eingerahmt von kleinen Diamanten, große, sattgrüne Smaragde.
Die Steine waren wirklich beeindruckend, sie fingen das Licht des Kronleuchters ein und warfen räuberische grüne Reflexe auf den Hals ihrer Besitzerin.
— Übrigens, bewertet sie ruhig.
Ein Geschenk an mich selbst zu meinem Jubiläum.
Smaragde aus Kolumbien.
Der Juwelier sagte, dass solche Steine eine ganz besondere Trägerin brauchen.
An einer einfältigen Person würden sie wie Glassteinchen vom Markt aussehen, aber an einer Frau mit Rückgrat… — Sie verstummte vielsagend und machte damit klar, wer hier die Frau mit Rückgrat war und wer die einfältige Person.
— Ich habe lange überlegt, ob ich sie nehmen soll oder nicht.
Die Summe war schließlich astronomisch.
Für dieses Geld hätte man vermutlich eure Küche mit neuen Geräten ausstatten können.
Aber dann habe ich beschlossen: Ich habe es verdient.
Und euch tut es gut, Selbstständigkeit zu lernen.
— Sehr schön, Galina Sergejewna, — nickte Julia höflich und spürte, wie in ihr dumpfer Ärger hochkochte.
Sie kannte diese Taktik: erst die Süßigkeit zeigen und dann erklären, warum man sie dir niemals geben wird.
— Schön? — schnaubte die Schwiegermutter.
— Das ist nicht das richtige Wort.
Das ist Status.
Das ist Niveau.
Obwohl… — Sie verzog plötzlich das Gesicht, als hätte sie Zahnschmerzen, und griff nach dem Verschluss.
— Irgendwie ist das Ohrläppchen müde.
Zu schwer für ein Abendessen zu Hause.
Sie drücken.
Mit dem Alter wird die Haut empfindlich für alles Falsche und Schwere.
Das englische Schloss klickte.
Galina Sergejewna nahm einen Ohrring ab, dann den zweiten.
Sie drehte sie in den Händen und bewunderte das Spiel des Lichts in den Facetten, dann legte sie sie nachlässig, als wären es billige Clips, auf die Kante der Kommode, die direkt hinter Julias Rücken stand.
Dort lag auf der polierten Oberfläche des Mahagoniholzes bereits Julias Tasche — ein abgewetzter Leder-Shopper, der vor dem Hintergrund der antiken Möbel und des funkelnden Schmucks besonders arm und verlassen wirkte.
Das Gold fiel mit einem Klacken neben das billige Leder.
Der Kontrast war so auffällig, dass Andrei unwillkürlich den Blick abwandte.
— Sollen sie hier liegen, — sagte Galina Sergejewna und erhob sich vom Stuhl.
— Ich will sie nicht ins Schlafzimmer tragen, meine Beine brummen.
Ich bringe jetzt das Dessert.
Ich habe extra eine „Napoleon“-Torte nach dem alten Rezept meiner Großmutter gebacken.
Da ist echte Konditorcreme aus Sahne vom Bauern drin und nicht aus Margarine, wie ihr es gewohnt seid.
Julia, du kannst nicht davon essen, wenn du Angst um deine Figur hast, obwohl bei deiner Statur ein zusätzliches Stück Torte auch nichts mehr ausmachen würde.
Sie ging an der Schwiegertochter vorbei, hüllte sie in eine Welle aus süßem, erstickendem Parfüm und verschwand in der Küche.
Die Tür blieb halb offen, und von dort war das Klirren von Tellern zu hören.
Im Wohnzimmer blieben nur zwei Menschen zurück.
Andrei stieß schwer die Luft aus und rieb sich den Nasenrücken.
— Jul, achte nicht darauf, — sagte er leise, ohne seiner Frau in die Augen zu sehen.
— Du kennst doch ihren Kommunikationsstil.
Sie meint es nicht böse, es ist einfach… na ja, das Alter, der Charakter.
Es ist ihr wichtig, sich wie eine Königin zu fühlen.
— Eine Königin? — fragte Julia flüsternd nach und sah auf die Smaragde, die nur wenige Zentimeter von ihrer Tasche entfernt lagen.
— Andrei, das ist kein Kommunikationsstil.
Das ist systematische Zerstörung.
Sie hat sie absichtlich hier hingelegt.
Siehst du das?
Direkt neben meine Tasche.
Als würde sie mich prüfen.
— Ach, komm schon, — winkte er ab und schenkte sich Wasser ein.
— Sie hat sie einfach da hingelegt, wo es bequem war.
Such nicht überall einen Hintergedanken.
Mama liebt ihren Schmuck, sie würde ihn niemals für irgendeine Probe riskieren.
Wir trinken jetzt Tee und fahren dann nach Hause.
Bitte, lass uns ohne Skandal auskommen.
Ich bin müde von der Arbeit, ich habe nicht einmal Kraft, mir ihre Moralpredigten anzuhören.
Halte einfach noch eine halbe Stunde durch.
Julia sah ihren Mann an.
In seinem Blick lag genau jene müde Unterwürfigkeit, die immer auftauchte, wenn er mit seiner Mutter sprach.
Er zog es vor, blind und taub zu sein, nur um den zerbrechlichen Frieden in diesem Museum der Eitelkeit nicht zu zerstören.
Doch Julia spürte: Heute war die Luft im Zimmer stärker aufgeladen als sonst.
Die Smaragde auf der Kommode wirkten nicht einfach wie Schmuck, sondern wie ein Köder in einer Falle, die jeden Moment zuschnappen würde.
Aus der Küche kamen das Klirren von Teelöffeln und die Schritte von Galina Sergejewna, die mit einem Tablett zum Tisch zurückkehrte.
Das Schauspiel begann gerade erst.
— Der Tee scheint perfekt gezogen zu haben.
Das ist echter Milch-Oolong und nicht dieser Staub in Beuteln, den ihr unterwegs trinkt.
Er beruhigt die Nerven, und euch beiden würde das jetzt nicht schaden, wenn man bedenkt, wie angespannt ihr seid.
Galina Sergejewna trug ein silbernes Tablett herein, auf dem ein Porzellankännchen und ein Teller mit perfekt geschnittenen Tortenstücken standen.
Sie bewegte sich sanft wie ein Eisbrecher auf ruhigem Wasser, und jede ihrer Bewegungen war von Bedeutsamkeit erfüllt.
Das Klirren der Tassen auf den Untertassen klang in der Stille des Zimmers viel zu laut, fast herausfordernd.
Sie stellte das Geschirr hin, ließ den Tisch mit dem Blick einer Hausherrin überfliegen und erlaubte sich schließlich ein leichtes, kaum sichtbares Lächeln der Zufriedenheit.
— Nun gut, jetzt können wir auch über die Zukunft sprechen.
Andrei, ich habe da über deine Beförderung nachgedacht… — begann sie und wandte sich zur Kommode, um offenbar eine Serviette zu nehmen, die neben der Stelle lag, wo vor einer Minute noch die Smaragde geglänzt hatten.
Ihre Hand blieb in der Luft stehen.
Zuerst wirkte es wie Teil des Schauspiels — eine theatralische Pause, berechnet für die Zuschauer ganz hinten.
Galina Sergejewna strich langsam mit der Handfläche über die glatte Oberfläche des Mahagonis, als würde sie unsichtbaren Staub wegwischen.
Dann runzelte sie die Stirn, neigte leicht den Kopf und blickte hinter die Vase mit den Trockenblumen.
— Seltsam… — sagte sie halblaut, aber so, dass jede Ecke des Zimmers es hören konnte.
— Ich habe sie doch gerade erst hier hingelegt.
Genau hierhin, direkt neben deine Tasche, Julia.
Andrei, der gerade schon nach einem Stück Torte greifen wollte, erstarrte.
— Was ist passiert, Mama?
Was suchst du?
— Die Ohrringe, — ihre Stimme wurde härter, und in ihr erschienen stählerne Töne.
— Meine neuen Ohrringe mit den Smaragden.
Ich habe sie vor fünf Minuten abgenommen, weil sie an den Ohren gezogen haben.
Ich habe sie genau hier hingelegt.
Und jetzt sind sie weg.
Sie drehte sich scharf zu ihren Gästen um.
In ihren Augen war keine Panik, nur das kalte, berechnende Leuchten eines Scheinwerfers, der sein Ziel gefunden hatte.
— Vielleicht sind sie heruntergefallen? — Andrei kroch sofort unter den Tisch und schob den Stuhl zur Seite.
— Sie sind schwer, vielleicht sind sie abgerutscht.
— Gold rutscht nicht einfach von allein herunter, Andrjuschka, — schnitt die Mutter ihm das Wort ab und beobachtete ihren unter dem Teppich herumkriechenden Sohn mit dem Ausdruck angeekelten Unverständnisses.
— Die Oberfläche ist eben.
Es gibt keinen Luftzug.
Und ich habe auch keine Katze.
Wir sind allein im Zimmer.
Wunder gibt es nicht, es gibt nur flinke Hände.
Julia saß aufrecht und rührte sich nicht.
Sie spürte, wie das Blut aus ihrem Gesicht wich, aber nicht vor Angst, sondern vor Abscheu.
Das Puzzle hatte sich zusammengesetzt.
Dieses ganze Abendessen, die Gespräche über Armut, die Vorführung des Reichtums — all das war nur das Vorspiel für diesen Moment gewesen.
— Galina Sergejewna, wollen Sie damit sagen, dass ich Ihren Schmuck genommen habe? — fragte sie mit ruhiger, gleichmäßiger Stimme und sah der Schwiegermutter direkt auf den Nasenrücken.
— Ich will gar nichts sagen, Kindchen, — die Schwiegermutter warf die Hände hoch, aber die Geste wirkte karikaturenhaft.
— Ich stelle nur eine Tatsache fest.
Der Gegenstand lag hier.
Du saßt mit dem Rücken zur Kommode.
Deine Tasche stand daneben.
Jetzt ist der Gegenstand weg.
Die Logik ist eine hartnäckige Wissenschaft.
— Mama, hier ist nichts! — Andrei kroch unter dem Tisch hervor und klopfte sich die Knie ab.
Er sah verwirrt aus.
— Vielleicht hast du sie in die Tasche deines Kleides gesteckt und es vergessen?
So etwas passiert doch, ganz automatisch.
— Ich habe keine Taschen, Andrei, — Galina Sergejewna strich demonstrativ über ihr Seidenkleid.
— Und mit meinem Gedächtnis ist, Gott sei Dank, alles in bester Ordnung, im Gegensatz zu manchen Menschen, die vergessen haben, was Gewissen bedeutet.
Julia, sei so gut und zeig deine Handtasche.
— Was? — Julia glaubte ihren Ohren nicht.
— Die Tasche, habe ich gesagt, zeig sie.
Öffne sie, wir sehen nach, überzeugen uns, dass nichts drin ist, und ich werde mich entschuldigen.
Es ist doch ganz einfach, nicht wahr?
Wenn du nichts zu verbergen hast, öffnest du die Tasche jetzt sofort, und wir schließen diesen unangenehmen Zwischenfall ab.
Und wenn du anfängst, dich zu weigern… na ja, die Schlussfolgerungen drängen sich von selbst auf.
— Ich werde gar nichts öffnen, — Julia verschränkte die Arme vor der Brust.
— Das ist demütigend.
Ich bin keine Diebin, und Sie wissen das ganz genau.
Sie veranstalten hier einen Zirkus, nur um Ihr Ego zu befriedigen.
— Jul, zeig sie ihr doch einfach, — mischte sich Andrei ein, und in seiner Stimme lag Flehen.
Er wollte nur, dass dieser Albtraum aufhört.
Er glaubte nicht, dass seine Frau irgendetwas genommen hatte, aber er wollte den Konflikt auf dem einfachsten Weg ersticken.
— Öffne sie einfach, sie wird sehen, dass nichts drin ist, und sich beruhigen.
Bitte.
Mir zuliebe.
— Dir zuliebe? — Julia drehte sich zu ihrem Mann um.
— Andrei, bittest du mich gerade wirklich ernsthaft, meine Taschen auszuleeren wie ein Schulmädchen, das im Supermarkt erwischt wurde?
Begreifst du überhaupt, was sie da macht?
— Ich tue das, was eine Hausherrin tun muss, wenn in ihrem Haus Dinge im Wert eines Autos verschwinden! — schrie Galina Sergejewna und verlor die Maske der feinen Dame.
— Du armseliges Ding, glaubst du, ich hätte nicht gesehen, wie dir beim Anblick dieser Steine die Augen geleuchtet haben?
Du dachtest wohl, die alte Frau sei senil geworden, und man könne sich schnell etwas unter den Nagel reißen?
Die Schwiegermutter machte zwei schnelle Schritte auf den Stuhl der Schwiegertochter zu.
Ihre Bewegungen waren abrupt, räuberisch.
Julia schaffte es nicht einmal zu reagieren, als die gepflegte Hand mit der Maniküre nach dem Riemen ihres alten Shoppers griff.
— Fassen Sie sie nicht an! — rief Julia und versuchte, die Tasche abzufangen, aber es war zu spät.
Galina Sergejewna riss die Tasche mit einer für ihr Alter überraschenden Kraft an sich, drehte sie um und schüttelte ihren gesamten Inhalt direkt auf die schneeweiße Tischdecke, neben das halb aufgegessene Stück „Napoleon“.
Der Krach war beeindruckend.
Ein Haufen Kleinigkeiten, aus denen das Leben einer gewöhnlichen Frau besteht, fiel auf den Tisch: ein Schlüsselbund, eine Packung Feuchttücher, eine halb leere Tube Handcreme, eine Bürste mit darin hängen gebliebenen Haaren, ein altes Portemonnaie, ein Handy-Ladegerät.
Und mitten in diesem prosaischen Kram, fröhlich funkelnd im Licht des Kronleuchters, blinkten sie mit einem schlangenartigen grünen Auge — die Smaragdohrringe.
Sie lagen auf einem zerknitterten Kassenzettel aus dem Supermarkt und wirkten fremd und provozierend teuer.
Im Zimmer wurde es still.
Man hörte nur das schwere Atmen von Galina Sergejewna, die über dem Tisch stand wie eine Staatsanwältin über den Beweisstücken.
Langsam hob sie den Blick zu ihrem Sohn, und in ihren Augen war der Triumph einer Siegerin zu lesen, die endlich unwiderlegbare Beweise für ihre Richtigkeit bekommen hatte.
— Na, mein Sohn? — presste sie zwischen den Zähnen hervor und zeigte mit dem Finger auf den Fund.
— Wirst du deine heilige Ehefrau immer noch verteidigen?
Oder wirst du vielleicht sagen, dass die Smaragde von selbst hineingekrochen sind, um sich zu wärmen?
Da liegt sie, eure Familienidylle.
Ganz offen auf dem Tisch.
Schmutz und Diebstahl.
Julia sah die Ohrringe an, und es kam ihr vor wie ein böser Traum.
Sie spürte körperlich, wie das klebrige Spinnennetz aus Lügen, das die Schwiegermutter so sorgfältig gewebt hatte, sie endlich an Händen und Füßen fesselte.
Aber am schlimmsten war nicht die Beschuldigung.
Am schlimmsten war der Gesichtsausdruck von Andrei, der auf den Tisch blickte und in dessen Augen das Vertrauen langsam starb.
— Julia… — hauchte er, und es klang wie ein Urteil.
— Wie sind sie dahin gekommen?
— Fragst du mich das gerade wirklich? — Julias Stimme war trocken wie ein Herbstblatt.
— Glaubst du wirklich, ich wäre so dumm, Ohrringe zu stehlen und dann mit ihnen dazusitzen und Tee zu trinken?
— Fakten, mein Liebchen, sind hartnäckige Dinge, — Galina Sergejewna verschränkte siegessicher die Arme vor der Brust.
— Du hast vermutlich damit gerechnet, leise zu verschwinden, während ich in der Küche beschäftigt war.
Hat nicht geklappt.
Gott zeichnet den Schurken.
Sie griff nach den Ohrringen, um sie zurückzunehmen, als rette sie etwas Wertvolles aus dem Schmutz, aber genau in diesem Moment geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte.
— Da hast du es, Andrjuschka.
Sieh es dir an. — Galina Sergejewna hob einen Ohrring angeekelt mit zwei Fingern hoch, als hielte sie eine tote Kakerlake fest.
— Deine Frau ist nicht nur arm, sondern auch noch kleptomanisch.
Wollte sie sich auf meine Kosten fürs Alter absichern?
Oder wollte sie sie im Pfandhaus versetzen, um sich endlich vernünftige Kleidung zu kaufen?
Julia schwieg.
Sie sah ihren Mann an und wartete darauf, dass er jetzt aufsteht, sie in Schutz nimmt und eine Ausrede findet, so wie immer, um die Ecken zu glätten.
Aber Andrei bewegte sich nicht.
Er sah auf die über den Tisch verstreuten Dinge: auf das alte Portemonnaie, auf den Lippenstift und auf die funkelnden grünen Steine.
In seinen Augen geschah etwas — die Pupillen wurden einmal weit und dann wieder eng, als versuche er, seinen Blick auf etwas Unsichtbares zu fokussieren.
Plötzlich stieß er ein Geräusch aus.
Es war ein kurzes, trockenes Lachen.
Es klang wie Husten oder wie das Knacken eines trockenen Astes, der bricht.
— Weinst du, mein Sohn? — Galina Sergejewna wechselte sofort vom Zorn zur gespielten Milde und trat mit einem Ausdruck leidvollen Mitgefühls näher an ihn heran.
— Tu das nicht.
Sie ist es nicht wert.
Gut, dass wir das jetzt geklärt haben, bevor ihr Kinder habt.
Stell dir vor, welche Gene sie ihnen weitergegeben hätte?
Eine Diebin, eine Lügnerin…
Andrei lachte lauter.
Es war kein hysterisches Lachen, sondern das schreckliche, bellende Lachen eines Menschen, der plötzlich die Absurdität der ganzen Situation erkannt hat.
Er lehnte sich gegen die Stuhllehne zurück und sah seine Mutter an.
Zum ersten Mal seit dreißig Jahren sah er sie nicht von unten nach oben an, sondern direkt, hart, und entblößte sie mit seinem Blick bis auf den Kern.
— Du bist unglaublich, Mama, — sagte er, und das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht und machte einer Maske aus eisiger Wut Platz.
— Du bist einfach eine geniale Schauspielerin.
Ich hätte beinahe geglaubt.
Für einen Moment habe ich wirklich geglaubt, dass Julia so etwas tun könnte.
Aber du hast übertrieben.
Weißt du, wo du dich verraten hast?
Galina Sergejewna erstarrte.
Der Smaragd in ihren Fingern zitterte.
— Wovon redest du?
Du fantasierst vor Schock.
— Von dem Spiegel, Mama.
Von diesem riesigen Spiegel im Flur, der genau gegenüber dem Eingang zur Küche hängt. — Andrei stand langsam auf.
Er war einen Kopf größer als seine Mutter, und jetzt bedeckte sein Schatten sie vollständig.
— Als du das Dessert holen wolltest, saß ich so, dass ich die Spiegelung des Flurs sehen konnte.
Ich habe gesehen, dass du nicht sofort in die Küche gegangen bist.
Du bist stehen geblieben.
Du standest ungefähr zehn Sekunden an der Kommode.
Damals habe ich dem keine Bedeutung beigemessen, ich dachte, du richtest deine Frisur oder bewunderst dich selbst.
Aber du hast Beweise untergeschoben.
Galina Sergejewnas Gesicht überzog sich mit roten Flecken, das Puder konnte die Wut, die durch die Maske brach, nicht länger verbergen.
— Wie kannst du es wagen? — zischte sie.
— Du beschuldigst deine Mutter, um dieses Weib zu decken?
Du hast gesehen, was du sehen wolltest!
— Ich habe gesehen, wie deine Hand in ihre Tasche getaucht ist! — brüllte Andrei und schlug mit der Faust so heftig auf den Tisch, dass die Porzellankanne hüpfte.
— Ich habe geschwiegen, weil mein Verstand sich geweigert hat zu glauben, dass meine Mutter zu so einer Niedertracht fähig ist.
Aber jetzt hat sich alles zusammengesetzt.
All diese Gespräche über Armut, über Geld, über eine „Jägerin auf Vermögen“.
Er griff das alte, abgewetzte Portemonnaie seiner Frau vom Tisch und warf es zurück in die Tasche.
Dann wandte er sich der Mutter zu, und sein Gesicht verzerrte sich vor dem Schmerz, der sich über Jahre angestaut hatte.
— Hör auf, meine Frau eine Diebin zu nennen!
Ich habe ihr selbst meine Karte gegeben!
Du hast ihr deine Ohrringe absichtlich in die Tasche gesteckt, um sie zu beschuldigen!
Ich bin deine Intrigen leid, Mama!
Wir ziehen noch heute in eine Mietwohnung, und du wirst uns nicht wiedersehen!
Lebe allein mit deinem Gift!
Der Schrei des Sohnes hallte von den hohen Decken, vom Kristall, von den teuren Möbeln wider.
In der Wohnung wurde es still, aber es war nicht die Stille des Friedens, sondern das Vakuum nach einer Explosion.
Galina Sergejewna wich einen Schritt zurück und presste die Hand an die Brust.
Ein Smaragdohrring fiel ihr aus den Fingern und schlug mit einem Klirren gegen die Untertasse.
— Du… du entscheidest dich für sie? — flüsterte sie, und zum ersten Mal klang in ihrer Stimme echte Angst mit.
Nicht um den Sohn, sondern um sich selbst.
Um die Tatsache, dass ihre perfekte Welt, in der sie die Puppenspielerin war, zusammenbrach.
— Du verlässt deine Mutter wegen… wegen dieses Wesens?
Sie hat dich umgarnt!
Sie hat dich hypnotisiert!
Du verstehst nicht, was du tust!
Du wirst nichts mehr haben!
Ich streiche dich aus dem Testament!
— Schieb dir dein Testament in den Hals, — entgegnete Andrei kalt.
— Ich brauche dein Geld nicht, wenn es zusammen mit deiner Kontrolle kommt.
Du denkst, wir leben bescheiden, weil wir arm sind?
Nein, Mama.
Wir leben so, weil wir auf unser eigenes Haus sparen.
Damit wir nicht von Leuten wie dir abhängig sind.
Damit meine Kinder niemals hören müssen, wie ihre Großmutter ihre Mutter wegen des „falschen“ Stoffes ihrer Kleidung erniedrigt.
Er drehte sich zu Julia um, die die ganze Zeit reglos gesessen und ihren Mann mit weit aufgerissenen Augen angesehen hatte.
Sie sah vor sich einen neuen Menschen.
Einen Menschen, der gerade die Brücken verbrannt hatte, über die er sein ganzes Leben gegangen war.
— Pack deine Sachen, Jul, — sagte er ruhig, aber fest.
— Nimm alles mit.
Jede Kleinigkeit.
Wir kommen hier nie wieder her.
Nicht einmal zu einer Beerdigung.
Galina Sergejewna begann plötzlich zu lachen.
Es war ein schrilles, unangenehmes Lachen, voller Verzweiflung und Bosheit.
— In eine Mietwohnung?
Noch heute? — kreischte sie.
— Und wohin wollt ihr so spät noch gehen?
Ihr habt doch keinen Groschen in der Tasche!
Ihr werdet in zwei Tagen zurückgekrochen kommen, wenn euch das Geld ausgeht.
Du, Andrjuschka, bist an Komfort gewöhnt.
Du wirst in irgendeinem verlausten Loch mit dieser Bettelliese nicht überleben!
— Lieber in einem verlausten Loch mit der Frau, die ich liebe, als in einem Palast mit einem Aufseher, — Andrei sammelte die Sachen seiner Frau von der Tischdecke ein und stopfte sie achtlos in die Tasche, ohne auf Ordnung zu achten.
— Du hattest solche Angst, dass dir jemand dein Gold stiehlt?
Herzlichen Glückwunsch, du hast dein Gold gerettet.
Aber deinen Sohn verloren.
Ich hoffe, die Smaragde wärmen dich an kalten Abenden.
Sie sind schließlich so „statusvoll“.
Er nahm Julia an der Hand und zog sie mit einem Ruck vom Stuhl hoch.
Seine Handfläche war heiß und feucht.
Er zitterte, aber nicht vor Angst, sondern vor Adrenalin, das endlich den Damm seiner Geduld gesprengt hatte.
— Komm, — sagte er, ohne die Mutter anzusehen.
— Hier stinkt es.
Es stinkt nach Alter und Lüge.
Sie gingen zum Ausgang des Wohnzimmers.
Galina Sergejewna blieb am Tisch stehen.
Sie sah ihnen nach, und ihr Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse des Hasses.
Sie verstand, dass sie verloren hatte, aber ihre Niederlage einzugestehen, lag über ihren Kräften.
— Wagt es nur, durch diese Tür zu gehen! — schrie sie ihnen mit schriller Stimme hinterher.
— Ich werde euch verfluchen!
Hörst du, Andrei?
Du wirst unter einem Zaun sterben wie ein Hund, und sie wird dich als Erste verlassen!
Andrei drehte sich nicht einmal um.
Er ging weiter zum Ausgang und hielt die Hand seiner Frau fest, und jeder seiner Schritte auf dem Parkett klang wie ein Hammerschlag, der Nägel in den Sarg ihrer früheren Beziehung trieb.
Im Flur roch es nach teurem Lufterfrischer mit dem Duft „Meeresbrise“, aber jetzt wirkte dieser Geruch wie der Geruch steriler Krankenhausluft.
Andrei und Julia zogen sich schweigend und schnell an, als wäre im Haus ein Gasleck ausgebrochen.
Die Bewegungen des Sohnes waren knapp und präzise: das Rucken des Reißverschlusses an der Jacke, der harte Knoten der Schnürsenkel an den Schuhen.
Er blickte nicht in Richtung Wohnzimmer, aus dem Galina Sergejewna langsam, mit schlurfenden Pantoffeln über das Parkett, in den Flur glitt.
Sie blieb im Türrahmen stehen und lehnte die Schulter an die Zarge.
In dieser Haltung lag weder Reue noch der Versuch, sie aufzuhalten.
Im Gegenteil, sie erinnerte an eine Aufseherin, die beobachtet, wie Gefangene das Gelände verlassen, in dem Wissen, dass sie draußen hungrige Wölfe erwarten.
Ihr Gesicht, nun ohne die Maske der gastfreundlichen Gastgeberin, sah räuberisch und alt aus.
Tiefe Nasolabialfalten durchzogen die makellose Foundation und verwandelten ihren Mund in einen verächtlichen Schlitz.
— Wohin denn so eilig? — ihre Stimme klang knarrend wie ein ungeöltes Scharnier.
— Zum Bahnhof?
Oder zu ihrer Mutter aufs Dorf, Mist schaufeln?
Du, Andrei, bist an orthopädische Matratzen und Klimaanlage gewöhnt.
Mal sehen, wie du singen wirst, wenn dir auf einem durchgelegenen Sofa in irgendeiner Plattenbauwohnung der Rücken zusammenklappt.
Andrei richtete sich auf und legte den Schal um.
Er warf seiner Mutter einen Blick über die Schulter zu, und in diesem Blick lag so viel eisige Entfremdung, dass Galina Sergejewna unwillkürlich den Kragen ihres Hauskleides zurechtrückte, als würde ihr kalt werden.
— Wir nehmen uns ein Zimmer im Hotel, Mama.
Und morgen finden wir eine Wohnung.
Ich habe genug Geld, um meiner Familie Komfort zu bieten, ohne deine Almosen und Bedingungen.
— Er hat genug Geld… — äffte sie ihn mit verzogenem Mund nach.
— Das gilt nur so lange, wie du in der Firma arbeitest, in die ich dich über deinen Vater gebracht habe.
Schon vergessen?
Ein einziger Anruf, Andrei, nur ein einziger Anruf bei Onkel Mischa, und du fliegst dort mit einem Wolfspass hinaus.
Dann kannst du als Möbelpacker arbeiten, um diese… — sie nickte in Richtung Julia, die sich mit zitternden Händen den Schal band, — …durchzufüttern.
— Ruf an, — antwortete Andrei ruhig.
Er ging zum Spiegel, aber nicht, um sich darin anzusehen, sondern um vom Bord die Autoschlüssel zu nehmen.
— Ruf meinetwegen sogar den Präsidenten an.
Ich lade lieber Waggons aus, als täglich dein Gift löffelweise zu essen und mich noch für Nachschlag zu bedanken.
Übrigens, was die Arbeit betrifft…
Ich bin schon lange über diese Position hinausgewachsen.
Die Konkurrenz lockt mich seit einem halben Jahr, ich habe nur deinetwegen abgelehnt.
Jetzt sind meine Hände frei.
Galina Sergejewna wurde blass.
Das war ein Schlag unter die Gürtellinie.
Sie hatte die Karriere ihres Sohnes immer als ihre eigene Leistung, als ihr Projekt betrachtet, und nun stellte sich heraus, dass er ihre Kontrolle einfach nur ertragen hatte.
— Du undankbares Stück Vieh, — zischte sie und verlor die letzten Reste ihrer Beherrschung.
— Ich habe mein Leben für dich geopfert!
Ich habe mir alles versagt, damit aus dir ein Mensch wird!
Und du tauschst deine Mutter gegen einen Rock ein!
Gegen diese graue Maus, die nicht einmal zwei Worte zusammenhängend sagen kann!
Julia, bereits vollständig angezogen, drehte sich plötzlich zur Schwiegermutter um.
Ihre Augen waren trocken und hart.
Die Angst war verschwunden und hatte kalter Entschlossenheit Platz gemacht.
— Ich mag vielleicht eine Maus sein, Galina Sergejewna, — sagte sie leise und blickte der Schwiegermutter direkt auf den Nasenrücken.
— Aber ich würde mich niemals so tief erniedrigen, eigene Angehörige aus Spaß am eigenen Ego zu verleumden.
Sie sind keine Mutter.
Sie sind eine Besitzergreifende.
Und Sie haben gerade das Einzige verloren, das Sie wirklich hatten.
Bleiben Sie bei Ihren Smaragden.
Die werden Sie nicht verraten, denn sie sind genauso kalt und tot wie Sie.
— Raus! — kreischte Galina und stampfte mit dem Fuß auf.
— Raus aus meinem Haus!
Dass ich euch hier nie wieder sehe!
Ich verfluche euch!
Ich zünde eine Totenkerze für euch an!
Andrei zog einen Schlüsselbund aus der Tasche.
Am Ring hing ein Anhänger in Form eines kleinen silbernen Hauses — ein Geschenk der Mutter zur Einweihung, als er vor fünf Jahren von ihr ausgezogen war, nur um ihr später unter ihrem Druck wieder zu erlauben, sein Leben zu kontrollieren.
Er löste den Anhänger ab und schleuderte ihn in die Ecke, wo ein Schirmständer stand.
Das Klirren von Metall auf Keramik klang wie ein letzter Gong.
Die Schlüssel legte er sorgfältig auf die Kommode, direkt auf die lackierte Oberfläche, ohne Unterlage.
— Das sind die Schlüssel zu deiner Wohnung, Mama.
Und zur Datscha.
Und zur Garage.
Die Ersatzschlüssel liegen auch hier.
Ruf nicht mehr an.
Schreib nicht mehr.
Versuch nicht, uns zu treffen.
Für dich sind wir sehr weit weggezogen.
Er öffnete die Eingangstür.
Ein Luftzug, der nach Feuchtigkeit und Freiheit roch, strömte ins Treppenhaus.
— Komm, Jul.
Sie traten auf den Treppenabsatz hinaus.
Die Tür fiel nicht mit einem Knall hinter ihnen ins Schloss.
Andrei schloss sie langsam und fest, bis zum trockenen Klicken des Schlosses.
Dieses Geräusch — „Klick“ — trennte sie verlässlicher von der Vergangenheit als jede Mauer.
Galina Sergejewna blieb im Flur stehen.
Die Stille legte sich sofort auf sie, schwer, wattig, ohrenbetäubend.
Sie hörte, wie Wasser in den Rohren rauschte, wie die teure Standuhr im Wohnzimmer tickte und die Sekunden ihrer Einsamkeit zählte.
Langsam, wie im Traum, kehrte sie ins Zimmer zurück.
Der Tisch war noch immer mit den Resten des misslungenen Abendessens bedeckt.
Der zerwühlte „Napoleon“, der abgekühlte Tee im feinen Porzellan, zerknüllte Servietten.
Und mitten in diesem gastronomischen Chaos lagen sie wie ein Hohn — die Smaragdohrringe.
Galina trat an den Tisch.
Ihre Beine zitterten, aber sie erlaubte sich nicht, sich zu setzen.
Sie nahm den Schmuck in die Hand.
Das schwere Gold kühlte angenehm ihre Handfläche.
Sie hob die Ohrringe an die Augen und betrachtete das Spiel des Lichts in den grünen Facetten.
— Es macht nichts, — flüsterte sie in die Leere der riesigen, luxuriösen Wohnung.
— Es macht nichts.
Sie werden zurückgekrochen kommen.
Hunger ist kein Onkel.
Das Geld wird ausgehen, die Liebe wird welken, und er wird zurückkommen.
Er ist immer zurückgekommen.
Sie trat vor den großen Spiegel über dem Kamin.
Aus dem Spiegel blickte ihr eine gepflegte ältere Frau mit einem wahnsinnigen Glanz in den Augen entgegen.
Sie steckte sich die Ohrringe in die Ohren.
Die Verschlüsse klickten.
Die grünen Steine flammten in einem unheilvollen Licht auf.
— Schön, — sagte sie zu ihrem Spiegelbild und zog die Lippen zu einem grausigen Lächeln auseinander.
— Sehr schön.
Und nur für mich.
Niemand ist ihrer würdig.
Sie setzte sich an das Kopfende des Tisches, direkt vor den schmutzigen Teller ihres Sohnes.
Sie nahm die Gabel und stach mit wilder Heftigkeit in das Stück Torte.
Die Creme spritzte in alle Richtungen und beschmutzte die polierte Tischoberfläche, aber Galina Sergejewna verzog keine Miene.
Sie aß die Süße, verschluckte sich fast daran, und über ihr Kinn lief die Konditorcreme, die aussah wie der Schaum der Raserei.
Um sie herum stand die tote Stille eines reichen Hauses, aus dem das Leben verschwunden war.
Jetzt herrschten hier nur noch Dinge.
Und sie war das wichtigste Ding in dieser Sammlung — teuer, statusvoll und absolut von niemandem gebraucht.
Draußen begann es zu regnen, aber die Vorhänge waren fest zugezogen.
Galina Sergejewnas Welt hatte sich auf die Größe ihrer Wohnung verengt, und den Schlüssel zu dieser Gruft hielt sie in der eigenen Hand, während sie die Gabel so fest umklammerte, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden…



