**„Ich habe alles gehört, Gena.“

Der Mann fuhr zu seinem Vater, um die Rohre zu reparieren, vergaß aber, das Handy in seiner Tasche zu sperren.**

„Gen, reich mir bitte das Handtuch.“

Natalja hörte eine Frauenstimme, als er in seiner Tasche versehentlich auf „Annehmen“ drückte.

Sie hatte ihren Mann angerufen, um zu fragen, ob sie das gebratene Fleisch aus dem Ofen holen sollte.

Dieser Satz klang so alltäglich, so häuslich, dass Natalja seinen Sinn zuerst gar nicht begriff.

Sie stand mitten in ihrer Küche, hielt in der einen Hand einen Topflappen, in der anderen das Telefon und sah auf den Timer des Ofens.

Dort blieben noch drei Minuten.

Nur noch ein wenig, bis das Abendessen fertig war.

Und, wie sich herausstellte, drei Minuten bis zum Ende ihrer dreißigjährigen Ehe.

Die Verbindung wurde nicht unterbrochen.

Im Hörer raschelte etwas, Glas klirrte — es klang wie ein Weinglas, das auf einen kleinen Tisch gestellt wird.

Dann antwortete die Stimme ihres Mannes, etwas vom Stoff der Tasche gedämpft:

— Hier.

Warum bist du so nass, du wirst dich noch erkälten.

— Ach komm schon, hier ist es heiß, — lachte die Frauenstimme.

Natalja drückte auf „Auflegen“.

Merkwürdig, aber ihre Hände waren völlig ruhig, nur in ihr drin war alles wie betäubt.

Sie legte das Telefon auf die Arbeitsplatte.

Der Bildschirm erlosch.

**Anruf beim Schwiegervater**

Gennadij war vor vier Stunden weggefahren.

„Zu meinem Vater, Natascha.

Bei ihm tropft der Wasserhahn im Bad, sonst setzt er noch die Nachbarn unter Wasser.

Ich bin schnell zurück, ein Bein hier, das andere schon dort.“

Sie hatte ihm sogar noch einen Behälter mit Piroschki mitgegeben — damit er seinen Vater bewirtete.

Natalja trat ans Fenster.

Der Novemberabend hatte schon alle Farben verschluckt, der Hof versank in grauem Matsch.

Irgendwo dort draußen, in dieser Dunkelheit, „reparierte“ ihr Mann einen Wasserhahn.

Sie nahm das Telefon wieder in die Hand.

Sie suchte die Nummer ihres Schwiegervaters.

Es klingelte lange, alte Leute haben es nicht eilig.

— Hallo?

Nataschenka?

— Papa, hallo.

Ich wollte nur fragen, ist Gena noch bei euch?

Oder ist er schon losgefahren?

Das Abendessen wird kalt.

— Gena?

Die ehrliche Verwunderung am anderen Ende der Leitung schnitt ihr stärker in die Ohren als dieses Frauenlachen.

— Er war doch gar nicht hier.

Wir haben heute Morgen telefoniert, und er sagte, er sei beschäftigt und komme im Laufe der Woche vorbei.

Was ist denn passiert?

— Nichts, Papa.

Ich habe mich geirrt.

Er ist wahrscheinlich noch in den Laden gefahren.

Bleib gesund.

Sie legte auf, bevor ihr Schwiegervater nach dem Wasserhahn fragen konnte.

Nach genau der Reparatur, die nur in Worten existierte.

**Schwarze Säcke**

Natalja öffnete den Ofen.

Die Hitze schlug ihr ins Gesicht, und der Duft von Fleisch mit Rosmarin, den sie so liebte, kam ihr jetzt schwer und fremd vor.

Sie stellte das Gas ab.

Es sollte abkühlen.

Genau wie alles andere.

Sie ging ins Schlafzimmer.

Sie öffnete den Schrank.

Die Sachen ihres Mannes nahmen die rechte Hälfte ein — ordentliche Stapel Pullover, gebügelte Hemden.

Dreißig Jahre lang hatte sie darauf geachtet, dass er geschniegelt aussah.

Damit die Leute sagten: „Wie viel Glück Gena doch mit seiner Frau hat.“

Glück gehabt.

Sie trat in den Flur, öffnete die Abstellkammer und holte eine Rolle schwarzer Bausäcke heraus.

Dicke, 120-Liter-Säcke.

Solche, in denen man den Müll nach einer Renovierung hinausbringt.

Oder das, was von einem früheren Leben übrig geblieben ist.

Natalja kehrte ins Schlafzimmer zurück.

Mit einer scharfen Bewegung fegte sie den Stapel Pullover direkt in das weit aufgerissene Maul eines Sacks.

Die Jeans flogen hinterher.

Die Hemden nahm sie nicht einmal von den Bügeln — sie warf sie mitsamt den Plastikbügeln hinein, die knirschten und unter ihrem eigenen Gewicht zerbrachen.

In diesem Geräusch lag etwas Beruhigendes.

Knacks.

Da flog sein Lieblingskaschmirpullover hinein, den sie ihm zum Jahrestag geschenkt hatte.

Knacks.

Da ging der feine Anzug für besondere Anlässe hinterher.

Sie arbeitete präzise.

Badezimmer: Rasierer, Parfüm — auch ein Geschenk von ihr —, Zahnbürste.

Arbeitszimmer: Ladekabel, irgendwelche Papiere vom Schreibtisch.

Sie sortierte nichts.

Sie kontrollierte keine Taschen.

Alles, was ihm gehörte, flog jetzt in die Säcke.

Zwei riesige schwarze Bündel standen mitten im Flur.

Natalja sah auf die Uhr.

Eine Stunde war vergangen.

Er musste bald kommen.

Die Geschichte mit dem Wasserhahn setzte ja eine Rückkehr zum Abendessen voraus.

Sie ging in die Küche und schenkte sich Wasser ein.

Das Glas klirrte an ihren Zähnen.

Da war es.

Es hatte begonnen.

Das Adrenalin, das sie diese Stunde lang getragen hatte, begann nachzulassen.

Aber sie erlaubte sich nicht, zusammenzubrechen.

Nicht jetzt.

Später.

Es klingelte an der Gegensprechanlage.

Natalja sah auf den Hörer.

Sie nahm nicht ab.

Sie wusste, dass er Schlüssel hatte.

Ein Klicken des Schlosses.

Die Tür flog auf.

— Natascha, warum gehst du nicht an die Gegensprechanlage?

Gennadijs Stimme klang munter, zufrieden mit sich selbst.

Er trat ein und ließ den Geruch des kalten Treppenhauses herein und … ein schwaches, kaum wahrnehmbares Aroma von Frauenduft.

Süß.

Schwer.

Nicht ihres.

In den Händen hielt er eine schöne, mit einem Band gebundene Schachtel.

— Ich habe übrigens Torte gekauft!

„Ptitschje Moloko“, so wie du sie magst.

Ich bin furchtbar müde.

Bei meinem Vater sind die Rohre völlig durchgerostet, ich musste ganz schön schuften …

Er verstummte.

Das Lächeln glitt langsam aus seinem Gesicht.

Er sah die Säcke.

Zwei riesige schwarze Säcke, die den Weg in die Wohnung versperrten.

Gennadij erstarrte, ohne die Tür hinter sich zu schließen.

Der Luftzug zog über seine Beine, aber das bemerkte er nicht.

Sein Blick wanderte von den Säcken zu Natalja, die im Durchgang zur Küche stand und die Arme vor der Brust verschränkt hatte.

Sie trug ihr Hauskleid, genau dieses gemütliche, aber sie sah ihn an, als sähe sie ihn zum ersten Mal.

Oder als wäre er ein Kurier, der die Adresse verwechselt hatte.

— Nat, was ist denn los?

Machst du Großputz?

Seine Stimme zitterte, sie verlor jene Sicherheit, mit der er noch vor einer Minute über die Rohre gelogen hatte.

— Was sind das für Säcke?

Er machte einen Schritt nach vorn und versuchte, über das schwarze Polyethylen zu steigen.

— Bleib dort stehen, — sagte Natalja leise.

Sie befahl es nicht.

Sie stellte nur eine Tatsache fest.

Eine Grenze.

Gennadij blieb stehen und hielt die Torte immer noch mit ausgestreckten Armen wie ein lächerliches Schild vor sich.

— Was ist denn überhaupt passiert?

Ich komme von meinem Vater, müde, hungrig …

Worauf hast du dich denn jetzt wieder hereingesteigert?

Natalja ging schweigend zu den Sachen.

Sie packte den Knoten des ersten Sacks und schleifte ihn mit einer Kraft, die man in ihrem Alter nicht erwartet hätte, auf den Treppenabsatz, direkt vor die Füße ihres Mannes.

Dann den zweiten.

Die Plastikbügel darin knackten ein letztes Mal.

— Natascha!

Er begann zu kochen, sein Gesicht bekam rote Flecken.

— Hör auf mit diesem Zirkus!

Was ist bloß in dich gefahren?

Die Leute werden doch lachen!

Sie richtete sich auf.

Sie sah ihm direkt in die Augen.

In genau diese Augen, die ihr dreißig Jahre lang vertraut erschienen waren und jetzt einfach nur wässrig-grau waren.

Leer.

— Ich habe dich angerufen, Gena, — sagte sie ruhig.

— Na ja, du hast angerufen, und was dann?

Ich habe mir die Hände gewaschen und nichts gehört!

Da rauschte das Wasser!

— Du hast abgenommen.

Aus Versehen.

In der Tasche.

Gennadij wurde blass.

Die roten Flecken verschwanden und machten einer Maske der Verwirrung Platz.

Sein Mund öffnete sich ein wenig, aber kein Ton kam heraus.

Er versuchte krampfhaft, sich zu erinnern.

Die Tortenschachtel in seinen Händen neigte sich verräterisch zur Seite.

— Ich habe alles gehört, Gena.

Und wie du von „nass“ gesprochen hast und davon, dass es heiß ist.

Sie machte eine Pause und ließ die Worte wie schwere Steine zu Boden fallen.

— Hast du ihr das Handtuch wenigstens gereicht?

**Der Schlusspunkt**

Die Stille im Treppenhaus wurde schrill.

Man hörte, wie irgendwo in den oberen Stockwerken der Aufzug summte.

Gennadij versuchte etwas zu sagen, eine gewohnte Ausrede hervorzuwürgen, aber seine Zunge gehorchte ihm nicht.

Die Tatsache war zu offensichtlich.

Es gab nichts, womit er sich hätte verteidigen können — weder mit dem Vater noch mit den Rohren.

Natalja bückte sich, nahm von der Ablage an der Tür seine Hausschuhe — alt, ausgelatscht, in denen er abends gern vor dem Fernseher saß.

Und sie stellte sie ordentlich oben auf den schwarzen Sack.

— Und jetzt ruf dir ein Taxi.

Dorthin, wo es heiß ist.

— Natascha, warte …

Dreißig Jahre …

Du kannst doch nicht einfach so …

Wegen so einer Kleinigkeit …

Er machte einen Schritt auf sie zu und wollte nach ihrer Hand greifen, prallte aber auf ihren eisigen Blick.

— Doch, Gena.

Ich kann alles.

Aber ich habe keine Lust mehr, mir Lügen anzuhören.

Sie trat zurück in ihre Wohnung.

In ihre Welt, die gerade viel kleiner geworden war, aber hundertmal sauberer.

— Leg die Schlüssel auf die Kommode.

Oder wirf sie in den Sack, das ist mir egal.

Sie begann, die Tür zu schließen.

Langsam.

Damit er die Gelegenheit hatte, sich ihr Gesicht einzuprägen.

Nicht verheult, nicht erbärmlich.

Stolz.

— Nat!

rief er schon durch den Türspalt.

— Du wirst es bereuen!

Wer braucht dich mit fünfundfünfzig noch?!

Die Tür fiel zu.

Das Schloss klickte.

Eine Umdrehung.

Die zweite.

Natalja lehnte ihre Stirn an das kalte Metall der Tür.

Auf der anderen Seite war es still.

Dann hörte man ein Rascheln, irgendein Fluchen zwischen zusammengebissenen Zähnen und das Geräusch des gerufenen Aufzugs.

Er war gegangen.

Zusammen mit der Torte, den Säcken und dreißig Jahren ihres Lebens.

Sie ging in die Küche.

Das Fleisch im Ofen war längst kalt geworden.

Natalja nahm eine schöne Tasse, goss sich heißen Tee mit Zitrone ein und setzte sich auf einen Stuhl, während sie in das dunkle Fenster sah.

Es war unerquicklich.

Sie log sich nicht an — sie war sehr unruhig.

Die Leere in der Wohnung drückte auf ihre Ohren.

Doch dann sah sie ihr Spiegelbild im Glas an.

Dort saß eine Frau, die keinen lügnerischen Ehemann mehr hatte.

Eine Frau, die es nicht mehr ertrug.

— Schon gut, — sagte sie laut in die Stille.

— Wenigstens gehören die Handtücher jetzt nur noch mir.

Sie nahm einen Schluck.

Der Tee war stark und heiß.

Das Leben ging weiter.

Und es schien, als habe es gerade erst begonnen, ihr zu gehören.

**Hättest du das auch gekonnt — sofort, ohne Gespräche, ihn nach 30 Ehejahren vor die Tür setzen?

Oder hätte man ihn doch anhören sollen?**