— Ich habe deine Schwester dabei erwischt, wie sie meine Unterwäsche anprobierte und in meinen Unterlagen herumwühlte!

Das war der letzte Tropfen!

Ich habe sie hochkant rausgeworfen!

— Zieh das sofort aus, oder ich schneide dir die Spitze direkt vom Körper, — Alinas Stimme war leise, trocken und völlig ohne Emotionen, was die Drohung noch beängstigender machte als jedes Geschrei.

Lena, die sich vor dem raumhohen Spiegel im Schlafzimmer drehte, erstarrte.

Sie trug ein schwarzes Set — genau das teure, das Alina sich vor einer Woche von ihrer Prämie gekauft und hinten in der Kommode aufbewahrt hatte, ohne sogar die Etiketten abzuschneiden.

Nun baumelte dieses Etikett lächerlich an der Hüfte der Schwägerin, während sie das Gesäß herausstreckte und ihr Spiegelbild bewunderte.

Aber schlimmer war etwas anderes.

Auf dem makellos gemachten Bett herrschte Chaos: Der Ordner mit den Dokumenten war ausgeräumt worden.

Der Kaufvertrag, Alinas Reisepass, Kontoauszüge — all das lag fächerförmig auf der Tagesdecke, als würde Lena eine Inventur von jemandes fremdem Leben machen.

— Oh, warum bist du denn so früh da? — Lena drehte sich um, ohne auch nur zu versuchen, sich zu bedecken.

Auf ihrem Gesicht lag keine Spur von Scham, nur ein leichter Ärger darüber, dass man sie unterbrochen hatte.

— Ich habe nur geschaut.

Du hast fast meine Größe, nur an der Brust wäre es dir wohl etwas zu klein, und mir sitzt es genau richtig.

Kirill hat gesagt, du kaufst dir Klamotten, trägst aber immer nur Grau.

Also habe ich beschlossen nachzusehen, ob er lügt.

Alina ließ sich auf keine Diskussion ein.

In ihr klickte es, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, der Höflichkeit und gesellschaftliche Normen ausschaltete.

Sie trat vor, griff nach Lenas Jeans und Pullover, die auf dem Hocker lagen, knüllte sie zu einem Ball zusammen und warf sie in den Flur.

— He!

Bist du verrückt? — kreischte die Schwägerin auf, als Alina sie an der nackten Schulter packte.

Ihre Finger gruben sich in die weiche Haut.

— Raus, — stieß Alina hervor und zerrte die sich sträubende Verwandte zur Schlafzimmertür.

— Nimm die Hände weg! — schrie Lena und versuchte sich loszureißen, doch Alina, angetrieben von Ekel und Wut, war stärker.

— Ich werde es meinem Bruder sagen!

Du hast mich geschlagen!

Ich habe es doch nur anprobiert!

Alina stieß sie in den Flur hinaus.

Lena fiel beinahe hin, als sie sich im Teppich verhedderte.

— Zieh dich an und verschwinde, — Alina stand im Türrahmen und versperrte den Weg zurück in die Zimmer.

— Du hast eine Minute.

Wenn du nicht verschwindest, stelle ich dich im Treppenhaus genau so vor die Tür, wie du da stehst.

Und es ist mir egal, was die Nachbarn denken.

Lena, wütend schnaufend und Flüche murmelnd, zog die Jeans direkt über die gestohlene Unterwäsche.

Den Pullover zog sie auf links an, machte sich aber nicht die Mühe, ihn noch einmal umzudrehen.

— Das wirst du bereuen, — zischte sie, während sie sich die Schuhe anzog.

— Kirill wird dir schon zeigen, was Sache ist.

Für ihn bist du niemand, verstanden?

Eine Mitläuferin.

Und ich bin seine Schwester.

Die Tür schlug so heftig hinter ihr zu, dass Putz von der Wand rieselte.

Alina presste die Stirn gegen das kalte Metall der Tür und versuchte, ihr rasendes Herz zu beruhigen.

Sie zitterte nicht vor Angst, sondern vor Abscheu.

Sie kehrte ins Schlafzimmer zurück.

Die Luft darin erschien jetzt klebrig und fremd.

Alina sammelte die Dokumente ein, hob sie angewidert nur mit zwei Fingern auf, als wären sie ansteckend.

Sie überprüfte alles — scheinbar war noch alles da.

Dann ging sie zur Kommode und holte eine Schere heraus.

Wenn Lena die Unterwäsche hiergelassen hätte, hätte Alina sie zerschnitten.

Doch die Schwägerin war darin gegangen.

Bei diesem Gedanken stieg ihr Übelkeit in den Hals.

Zwei Stunden vergingen.

Alina saß in der Küche und starrte auf den kalt gewordenen Tee.

Sie wusste, was jetzt kommen würde.

Kirill ließ nicht lange auf sich warten.

Das Geräusch des sich öffnenden Schlosses war scharf, aggressiv.

Ihr Mann kam in die Wohnung, ohne sich auch nur den Straßenschmutz von den Schuhen abzustreifen.

Er ging in Oberkleidung, mit offener Jacke, in die Küche, und sein Gesicht war vor Wut verzerrt.

— Was hast du da veranstaltet? — bellte er statt einer Begrüßung, stützte sich mit den Fäusten auf den Tisch und beugte sich über seine sitzende Frau.

— Lenka hat mich angerufen, sie heult ins Telefon!

Sie sagt, du bist auf sie losgegangen, hast ihr fast die Haare ausgerissen und sie auf die Straße gejagt!

Hast du völlig den Verstand verloren, Alina?

Alina hob langsam den Blick zu ihm.

In seinen Augen lag keine Frage, dort stand schon das fertige Urteil.

— Deine Schwester ist in unser Schlafzimmer gegangen, während ich nicht da war, — sagte Alina deutlich.

— Sie hat in meinen Unterlagen gewühlt.

Sie hat meine neue Unterwäsche angezogen.

Die, die ich nicht einmal gewaschen hatte.

Findest du das normal?

— Na und? — Kirill verzog verächtlich den Mund und richtete sich auf.

— Mein Gott, sie hat sie eben angezogen!

Sie ist ein Mädchen, sie ist neugierig.

Vielleicht wollte sie sehen, wie es an der Figur sitzt, um sich so etwas selbst zu kaufen.

Und deine Papiere …

Wen interessieren die schon?

Sie hat nur ein Ladegerät oder einen Stift gesucht und sie dabei aus Versehen berührt.

Du machst aus einer Mücke einen Elefanten, weil du geizig bist.

— Geizig? — Alina stand auf.

Der Stuhl schrammte mit einem widerlichen Geräusch nach hinten.

— Kirill, das sind meine persönlichen Sachen.

Mein Körper.

Mein Raum.

Es geht hier schließlich auch um Hygiene!

— Das sind doch nur Lumpen! — schrie er und spuckte dabei förmlich.

— Lumpen, die ich übrigens aus unserem gemeinsamen Budget bezahle!

Lenka ist Familie, sie steht mir näher als irgendjemand sonst.

Und du benimmst dich wie ein Hund auf dem Heu.

Alina spürte, wie in ihr dieselbe kalte Wut hochkochte, die ihr geholfen hatte, die Schwägerin hinauszuwerfen.

Sie ballte die Fäuste so fest, dass sich ihre Nägel in die Handflächen bohrten.

— Ich habe deine Schwester dabei erwischt, wie sie meine Unterwäsche anprobierte und in meinen Unterlagen herumwühlte!

Das war der letzte Tropfen!

Ich habe sie hochkant rausgeworfen!

Sie wird nie wieder einen Fuß hier hineinsetzen! — Alina bebte vor Wut, als sie ihren persönlichen Raum verteidigte.

Jedes Wort fiel wie ein schwerer Stein.

Der Mann grinste nur verächtlich und machte einen Schritt nach vorn, wobei er seine Frau mit der Schulter anstieß und sie gegen den Kühlschrank drängte.

Es war kein Schlag, sondern eine erniedrigende, herrische Geste, die zeigen sollte, wer hier das dominante Männchen war.

— Du bist einfach eine neidische Hysterikerin, — spuckte er ihr ins Gesicht.

— Lenka ist meine geliebte kleine Schwester, sie darf alles.

Verstanden?

Alles.

Mein Haus ist ihr Haus.

Und du wohnst hier nur, solange ich deine Marotten ertrage.

Er ging zum Schrank, nahm ein Glas und schenkte sich Wasser ein, wobei er die Anwesenheit seiner Frau demonstrativ ignorierte, als wäre sie bloße Luft.

Dann drehte er sich nach einem Schluck mit einem eisigen Grinsen zu ihr um.

— Also gut.

Jetzt nimmst du dein Telefon.

Du rufst sie an und bettelst sie an zurückzukommen, sonst mache ich dir die Hölle heiß, so dass du selbst davonläufst.

Und du rufst sie nicht einfach nur an, sondern entschuldigst dich dafür, dass du eine durchgeknallte Idiotin bist.

Du sagst, du hattest PMS, Magnetstürme, was auch immer.

Hauptsache, in einer Stunde ist sie hier und du springst vor ihr herum.

— Ich werde das nicht tun, — sagte Alina leise.

— Ich werde mich nicht bei einer Diebin und einer Frechen entschuldigen.

Kirill stellte das Glas langsam auf den Tisch.

Das Glas klirrte.

Er sah seine Frau an, wie man ein kaputtes Haushaltsgerät ansieht, das man leichter wegwirft als repariert, dem man aber vorher noch einen kräftigen Schlag verpassen möchte.

— Wirst du nicht? — fragte er schmeichelnd.

— Bist du sicher, Alina?

Denn wenn du jetzt auf deinem Prinzip beharrst, garantiere ich dir: Du wirst jede Sekunde deiner Sturheit bereuen.

Hast du vergessen, wer dich versorgt?

Hast du vergessen, wessen Wohnung das ist?

Denkst du, der Stempel im Pass gibt dir das Recht, den Mund gegen mein Blut aufzumachen?

Er trat ganz nah an sie heran und drängte sie in die Ecke zwischen Kühlschrank und Fensterbank.

Er roch nach dem teuren Parfüm, das Alina ihm geschenkt hatte, und dieser Duft löste jetzt Erstickungsgefühle in ihr aus.

— Ruf sie an, — befahl er.

— Sofort.

Alina schwieg und sah ihrem Mann direkt in die Augen.

Die Angst, die ihr noch vor einer Minute die Lungen wie ein eiserner Reif zugeschnürt hatte, wich plötzlich einer schweren, bleiernen Erkenntnis der Ausweglosigkeit.

Vor ihr stand nicht der Mann, den sie vor drei Jahren geheiratet hatte, sondern ein fremder, grausamer Mensch, dem ihre Gefühle keinen Pfifferling wert waren.

— Ich habe „nein“ gesagt, — wiederholte sie fester, obwohl ihre Knie unter dem dünnen Stoff der Hausanzughose verräterisch zitterten.

— Ich werde sie nicht anrufen.

Und ich werde mich nicht entschuldigen.

Sie hat meine Unterwäsche gestohlen, Kirill.

Sie hat in meinen Unterlagen gewühlt.

Das sind keine kindischen Streiche, das ist …

das ist irgendeine Perversion.

Kirill trat langsam zurück.

Auf seinen Lippen erschien ein schiefes, unheilvolles Lächeln, bei dem Alina ein Schauer über den Rücken lief.

Er schrie nicht, schlug nicht mit der Faust gegen die Wand.

Er nickte nur, als hätte er eine Entscheidung getroffen, und gerade diese Ruhe jagte ihr mehr Angst ein als sein Geschrei.

— Du wirst also nicht? — zog er gedehnt die Worte in die Länge und betrachtete dabei seine Maniküre.

— Stolz, was?

Prinzipientreu?

Na schön.

Für Prinzipien muss man bezahlen, Alina.

Lenka weint gerade, sie hat Stress.

Und Stress muss kompensiert werden.

Er drehte sich abrupt um und ging schnellen Schrittes aus der Küche.

Alina folgte ihm, von einer bösen Vorahnung getrieben.

Kirill betrat das Schlafzimmer — genau das, in dem seine Schwester vor Kurzem noch gewütet hatte — und ging direkt auf den Schminktisch seiner Frau zu.

— Was machst du da? — hauchte Alina und blieb in der Tür stehen.

Kirill antwortete nicht.

Er raffte die Cremedöschen rücksichtslos zusammen, warf die Bürste zur Seite und griff nach dem Parfümflakon.

Genau jenem französischen Vintage-Parfüm, nach dem Alina ein halbes Jahr gesucht und das sie sich selbst zu ihrem Geburtstag für ein Vermögen geschenkt hatte.

Der Flakon aus schwerem Glas blitzte räuberisch in seiner Hand auf.

— Lena wollte schon lange so eins, — sagte er beiläufig und wog das Parfüm in der Hand.

— Sie meinte, der Duft sei klasse, süß, genau wie sie es mag.

Du wolltest es ihr ja nicht schenken?

Dann schenke ich es eben.

Als moralische Entschädigung dafür, dass du sie, die Arme, beinahe halbnackt in den Frost gejagt hast.

— Leg es zurück! — Alina stürzte auf ihn zu und versuchte, ihm den Flakon aus der Hand zu reißen.

— Das sind meine Sachen!

Du hast kein Recht dazu!

Kirill wich mühelos aus und hob die Hand mit dem Parfüm nach oben, wo Alina selbst mit aller Mühe nicht herankommen konnte.

Mit der anderen Hand öffnete er den Kleiderschrank.

Sein Blick huschte über die Regale und suchte nach dem nächsten Opfer.

— Und hier ist ja die Handtasche, — schnurrte er und zog vom oberen Regal eine beige Ledertasche einer bekannten Marke hervor.

Alina hatte sie erst vor einem Monat gekauft und für besondere Anlässe aufgehoben.

— Lena hat so eine in einer Zeitschrift gesehen.

Sie sagte: „Alinka hat’s gut, Kirill kauft ihr alles.“

Na, dann hat Lena jetzt eben auch Glück.

— Die habe ich gekauft!

Von meinem Geld! — schrie Alina und verlor die Beherrschung.

Sie packte den Riemen der Tasche und versuchte, sie ihrem Mann aus der Hand zu reißen.

— Gib sie her!

Du bist mit deiner Schwester völlig verrückt geworden!

— Lass los, — presste Kirill zwischen den Zähnen hervor.

Sein Gesicht verfinsterte sich.

— Nein!

Sie gehört mir! — Alina riss mit aller Kraft an der Tasche.

Kirills Reaktion war augenblicklich und brutal.

Er spielte kein Tauziehen.

Er stieß seine Frau einfach mit der freien Hand heftig vor die Brust.

Alina verlor das Gleichgewicht, flog nach hinten und schlug schmerzhaft mit der Schulter gegen den Türrahmen.

Ihr schossen Tränen in die Augen — nicht so sehr vor Schmerz, sondern vor Demütigung.

Sie glitt an der Wand zu Boden und hielt sich die geprellte Schulter.

Kirill machte nicht einmal den kleinsten Versuch, ihr zu helfen.

Ganz ruhig rückte er nur den verrutschten Hemdkragen zurecht, nahm Tasche und Parfüm in eine Hand und sah mit unverhohlener Verachtung auf seine Frau hinab.

— Deins ist hier nur das, was ich dir erlaube, als deins zu betrachten, — sagte er kalt.

— Glaubst du, du bist etwas Besonderes?

Von deinesgleichen gibt es jede Menge.

Aber eine Schwester habe ich nur eine.

Eigenes Blut.

Wir sind seit der Kindheit zusammen, wir haben Dinge durchgemacht, von denen du, du Gewächshauspflanze, nicht einmal träumen kannst.

Er trat einen Schritt näher und ragte wie ein Fels über ihr auf.

— Sieh dich doch an, — fuhr er fort, und in seiner Stimme lag Ekel.

— Zerzaust, rot, kleinlich.

Du zitterst wegen eines Stücks Leder und eines stinkenden Wässerchens.

Und Lenka — sie ist Seele.

Sie ist gutherzig, offen.

Na gut, sie hat sich etwas ausgeliehen, na gut, sie hat sich die Papiere angesehen — und was dann?

Ist dir etwas verloren gegangen?

Nein.

Aber du hast ein Theater veranstaltet und die Familie blamiert.

Alina blickte zu ihm auf und hatte das Gefühl, ein Monster vor sich zu sehen.

Wie hatte sie nur mit ihm leben können?

Wie hatte sie mit ihm das Bett teilen und Pläne schmieden können?

— Du bist ein Dieb, — flüsterte sie.

— Du bist einfach ein kleiner Dieb, Kirill.

Du stiehlst bei deiner Frau, um deine Schwester zu befriedigen.

Das ist krankhaft.

— Halt den Mund, — er stieß mit der Spitze seines Hausschuhs gegen ihr Bein.

Nicht stark, aber deutlich genug, um ihr ihren Platz zu zeigen.

— Noch ein Wort, und ich sammle deine ganze Garderobe ein und bringe sie auf den Müll.

Oder ich fahre sie zu Lena, dann kann sie sie tragen, wenn du keine Anständigkeit hast zu teilen.

Er ging zur Schlafzimmertür, blieb dort aber stehen.

— Ich bringe ihr jetzt diese Geschenke.

Ich beruhige sie.

Und du denkst in der Zwischenzeit über dein Verhalten nach.

Und bring dich in Ordnung.

Es ist ekelhaft, dich anzusehen.

Kirill ging in den Flur hinaus.

Alina hörte, wie er mit einer Tüte raschelte, in die er ihre Sachen packte, wie er seine Jacke anzog.

Jede seiner Bewegungen verursachte in ihr einen dumpfen Schmerz.

Sie stand nicht auf.

Sie saß auf dem Boden, zog die Knie an die Brust und starrte auf das leere Regal, auf dem vor fünf Minuten noch ihre Lieblingstasche gestanden hatte.

Die Eingangstür knallte zu.

Das Schloss drehte sich zweimal — Kirill sperrte sie von außen ein wie einen unartigen Welpen und schnitt ihr den Rückzugsweg ab.

Obwohl sie im Moment ohnehin nirgendwohin fliehen konnte und in nichts hinausgehen konnte.

In der Wohnung hing eine klingende Stille, die nur vom Summen der Autos draußen durchbrochen wurde.

Doch in dieser Stille begriff Alina plötzlich eines ganz klar: Die Familie, die sie aufzubauen, zu schützen und zu bewahren versucht hatte, existierte nicht mehr.

Sie war nicht heute zerstört worden.

Es hatte sie nie gegeben.

Es war nur eine Kulisse gewesen, hinter der sich Kirills wahnhafte Verehrung für seine Schwester verborgen hatte, und in diesem Tempel war Alina die Rolle einer Putzfrau zugedacht, die man jederzeit vor die Tür setzen konnte.

Sie stand langsam auf und spürte, wie ihre geprellte Schulter schmerzte.

Sie trat vor den Spiegel.

Aus dem Spiegel sah ihr eine blasse Frau mit verschmierter Wimperntusche und wildem Blick entgegen.

— Nein, — flüsterte sie ihren ausgetrockneten Lippen zu.

— Kompensation, sagst du?

Gut, Kirill.

Du wirst deine Kompensation bekommen.

Doch Kirill ahnte noch nicht, dass dieser kleine Sieg der Anfang seines Untergangs werden würde.

Er fuhr im Aufzug hinunter, freute sich schon auf die Begeisterung seiner Schwester und fühlte sich wie ein Held, der die Gerechtigkeit wiederhergestellt hatte.

Es kam ihm nicht einmal in den Sinn, dass die Feder, die er jahrelang gespannt hatte, gerade eben gerissen war.

Das Geräusch des sich im Schloss drehenden Schlüssels klang wie das Klacken eines Verschlusses.

Alina zuckte zusammen, obwohl sie diesen Moment die letzte Stunde lang erwartet hatte, während sie auf dem Hocker im Flur saß und die Tür anstarrte.

Sie weinte schon nicht mehr.

Die Tränen waren getrocknet und hatten eine spannungsvolle Kruste auf ihren Wangen hinterlassen, und in ihrem Inneren hatte sich eine klingende, kalte Leere gebildet.

Kirill kam in die Wohnung und brachte den Geruch der Straße mit sowie den kaum wahrnehmbaren Duft genau jenes Parfüms, das er gerade zu seiner Schwester gebracht hatte.

Er sah siegreich aus, beinahe festlich.

Er öffnete die Jacke, warf die Schlüssel auf die Kommode und sah seine Frau an wie ein unartiges Kätzchen, das er gnädigerweise doch nicht ertränkt hatte.

— Na, bist du wieder abgekühlt? — fragte er schon von der Tür aus und machte sich nicht einmal die Mühe, seine Selbstzufriedenheit zu verbergen.

— Übrigens, Lenka ist begeistert.

Die Tasche passt ihr perfekt.

Sie sagte, du seist natürlich eine seltene Ziege, aber Geschmack hast du.

Also kannst du es als ersten Schritt zur Versöhnung ansehen.

Alina sah ihn schweigend an und ballte die Fäuste in der Tasche ihrer Hausjacke so fest, dass ihre Finger weiß wurden.

Sie wollte schreien, auf ihn losgehen, dieses satte Gesicht zerkratzen, doch sie verstand: Jetzt war das nutzlos.

Er war stärker, er berauschte sich an seiner Macht, und jede Regung würde nur sein Ego nähren.

— Das freut mich, — sagte sie trocken, und ihre Stimme klang fremd, wie ein mechanisches Kratzen.

— So ist es brav, — Kirill zog die Schuhe aus und ging ins Wohnzimmer, während er sein Telefon hervorholte.

— Aber das reicht nicht.

Ich habe unterwegs nachgedacht …

Von Geschenken allein wird man nicht satt.

Seelische Verletzungen müssen mit seelischer Wärme geheilt werden.

Darum kommt Lena heute zum Abendessen.

Um acht Uhr.

Alina spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen wegsank.

— Hierher?

Heute? — fragte sie nach.

— Kirill, machst du dich über mich lustig?

Nach allem, was passiert ist?

— Was ist denn schon passiert? — fragte er aufrichtig verwundert, ließ sich aufs Sofa fallen und legte die Beine auf den Couchtisch.

— Na gut, ihr habt euch gestritten.

Wem passiert das nicht?

Du hast sie verletzt, also musst du die Sache wieder in Ordnung bringen.

Marsch in die Küche.

Sie liebt dein Kalbfleisch mit Pilzen in Sahnesoße.

Und den Salat mit Rucola und Garnelen.

Der Tisch soll um acht fast zusammenbrechen vor Essen.

— Ich werde nicht für sie kochen, — sagte Alina fest, obwohl sich in ihr alles aus Angst vor seinem nächsten Wutanfall zusammenzog.

— Ich bin keine Köchin, Kirill.

Und keine Dienstmagd.

Wenn du deine Schwester füttern willst, bestell etwas oder stell dich selbst an den Herd.

Kirill nahm langsam die Beine vom Sofa.

Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht und machte einem harten, stacheligen Ausdruck Platz.

Er zog das Portemonnaie aus der Tasche, nahm daraus sein Smartphone und tippte schnell einige Male auf den Bildschirm.

Eine Sekunde später piepte Alinas Telefon, das auf der Kommode lag.

Dann noch einmal.

Und noch einmal.

— Schau nach, — nickte er in Richtung ihres Geräts.

Alina nahm das Telefon.

Auf dem Bildschirm leuchteten drei Nachrichten der Bank: „Vorgang abgelehnt.

Karte vom Kontoinhaber gesperrt.“

„Limit der Karte auf 0 Rubel geändert.“

— Du hast meine Karten gesperrt? — sie hob die Augen zu ihm, voller Entsetzen.

Ja, das Konto war ein Gemeinschaftskonto auf seinen Namen, aber dorthin floss auch ihr ganzes Gehalt.

— Wozu brauchst du Geld, wenn du dich nicht zu benehmen weißt? — fragte Kirill ruhig und stand auf.

Er ging zur Kommode im Flur, auf der die Schlüssel zu ihrem Auto lagen, und steckte sie in die Tasche.

— Und das Auto rührst du vorerst auch nicht an.

Benzin ist heutzutage teuer, und du hast anscheinend vergessen, wer hier im Haus der Ernährer ist.

Du wirst zu Fuß gehen, das ist gut für die Figur und für das Gehirn.

— Du hast kein Recht dazu …

Das ist mein Geld!

Mein Gehalt vom letzten Monat ist da drauf! — ihre Stimme überschlug sich fast zum Kreischen.

— Du sollst meiner Familie dienen und nicht Ansprüche stellen! — brüllte er und war augenblicklich bei ihr, packte sie am Ellenbogen.

— Noch einmal rührst du Lenka an oder machst den Mund auf — dann Scheidung und wieder dein Mädchenname.

Und du gehst von hier nackt und barfuß raus, so wie du gekommen bist.

Hast du mich verstanden?

Er schüttelte sie kräftig, sodass ihre Zähne aufeinander schlugen.

— Und jetzt, — er ließ ihren Arm los und verzog das Gesicht wieder zu einem widerlichen Lächeln, — rufen wir unser Mädchen an.

Wir erfreuen sie damit, dass du sie mit offenen Armen erwartest.

Er wählte die Nummer und schaltete demonstrativ auf Lautsprecher, wobei er das Telefon direkt vor das Gesicht seiner Frau hielt.

— Hallo, Kirjusch? — erklang Lenas kapriziöse, schleppende Stimme.

— Na, hast du diese Hysterikerin bestraft?

— Hallo, meine Liebe! — Kirill zwinkerte Alina zu.

— Natürlich.

Die erzieherische Unterredung hat stattgefunden.

Alinka hat alles eingesehen, sie bereut es schrecklich.

Sie wartet heute Abend auf dich, ist schon in die Küche gerannt und klappert mit den Töpfen.

Sie kocht dein Lieblingskalbfleisch.

— Ach wirklich? — Lena schnaubte ins Telefon.

— Bereut sie es tatsächlich?

Spuckt sie mir nicht in den Teller?

Pass da lieber auf, Brüderchen.

Ich kenne diese stillen Typen.

— Sie wird nicht spucken, — Kirill sah seine Frau hart an.

— Sie ist mein kluges Mädchen.

Sie versteht, dass von ihrem Verhalten …

sagen wir mal, ihr Komfort abhängt.

Sag Lena, dass du auf sie wartest, Alina.

Alina stand da und spürte, wie in ihr der letzte Rest Hoffnung auf ein normales Gespräch starb.

Sie sah ihren Mann an, der ihre Erniedrigung genoss, hörte die Stimme der Schwägerin, die diese Wohnung als ihr Eigentum betrachtete, und verstand: Das war eine Sackgasse.

Die Falle war zugeschnappt.

Ohne Geld, ohne Auto, eingesperrt in vier Wänden mit einem Tyrannen.

Doch irgendwo auf dem Grund dieser Verzweiflung regte sich plötzlich etwas Dunkles und Schweres.

Wut.

Nicht jene heiße, hysterische Wut vom Tage, sondern eine kalte, berechnende Raserei eines in die Enge getriebenen Tieres.

— Komm, Lena, — sagte Alina mit ruhiger Stimme und blickte ihrem Mann direkt in die Pupillen.

— Ich warte schon sehr auf dich.

Der Tisch wird auf höchstem Niveau gedeckt sein.

— Siehst du! — freute sich Kirill.

— Hörst du, Len?

Ganz zahm.

Na gut, dann bis heute Abend.

Küsschen.

Er beendete das Gespräch und klopfte Alina gegen die Wange.

Die Geste war erniedrigend, wie das Lob für einen dressierten Hund.

— Du kannst es also doch, wenn du willst, — brummte er.

— Los, mach dich an die Arbeit.

Die Lebensmittel sind im Kühlschrank.

Und pass bloß auf, dass das Fleisch zart wird.

Gott bewahre, dass es trocken wird — dann setze ich dir den Teller auf den Kopf.

Kirill drehte sich um und ging ins Zimmer, um den Fernseher einzuschalten.

Eine Minute später drangen von dort die Geräusche eines Fußballspiels herüber.

Er fühlte sich als Herr des Lebens.

Er hatte gesiegt, gebrochen, unterworfen.

Alina blieb im Flur stehen.

Langsam, sehr langsam stieß sie die Luft aus ihren Lungen.

Dann drehte sie sich um und ging in die Küche.

Sie holte ein Stück Fleisch aus dem Kühlschrank und legte es auf das Schneidebrett.

Sie nahm das größte und schärfste Messer.

Das Metall blitzte räuberisch im Lampenlicht.

— Zart also, — flüsterte sie und prüfte die Klinge mit dem Finger.

— Du wirst es zart bekommen, Kirill.

Du wirst ein Abendessen bekommen, das du und deine Schwester bis ans Ende eures Lebens nicht vergessen werdet.

Sie begann das Fleisch zu schneiden.

Methodisch, ruhig, mit erschreckender Genauigkeit.

Der Plan entstand in ihrem Kopf augenblicklich, als fügte sich ein Puzzle von selbst zusammen.

Sie hatte kein Geld und keine Schlüssel, aber sie hatte Zugang zu dem, was sie sich in den Magen stopfen wollten.

Und sie hatte Zugang zu den Dingen, die Kirill mehr liebte als sie.

Der Abend versprach unvergesslich zu werden.

Punkt acht klingelte es an der Tür.

Der Ton war fordernd, lang und herrisch.

Kirill, der sich lässig mit einem Glas Whisky im Sessel ausgestreckt hatte, rührte sich nicht einmal, sondern nickte seiner Frau nur zur Tür hinüber, wie ein Gutsherr, der seiner leibeigenen Magd einen Befehl erteilt.

— Mach auf.

Und zieh ein einfacheres Gesicht auf.

Lächle.

Alina wischte sich die Hände am Handtuch ab, atmete tief ein und ging in den Flur.

Als sie die Tür öffnete, schlug ihr ein scharfer, schmerzhaft vertrauter Duft entgegen — ihr Vintage-Parfüm.

Lena hatte sich offenbar einen halben Flakon übergegossen.

Die Schwägerin stand auf der Schwelle und glänzte wie ein blank polierter Samowar.

Über ihrer Schulter hing genau jene beige Tasche, die Kirill seiner Frau nur wenige Stunden zuvor gestohlen hatte.

— Na, hallo, Hysterikerin, — Lena überschritt die Schwelle, ohne sich auch nur ordentlich zu begrüßen.

Sie rückte demonstrativ den Taschenriemen zurecht und stellte die Trophäe zur Schau.

— Kirjuscha hat gesagt, du hast deine Nichtigkeit eingesehen?

Na schön, ich bin heute großzügig.

Ich verzeihe dir.

Aber das nächste Mal, Schätzchen, fliegst du hier schneller raus als ein Sektkorken.

— Komm herein, Lena, — Alinas Stimme war leise, fast zärtlich.

— Das Abendessen steht auf dem Tisch.

Im Zimmer schenkte Kirill bereits Wein ein.

Als er seine Schwester sah, breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus, er sprang auf und umarmte sie, als hätten sie sich ein Jahr nicht gesehen.

— Meine Schöne! — er küsste seine Schwester auf die Wange.

— Na, wie ist es?

Hat dir das Geschenk gefallen?

Alinka hat zwar einen an der Waffel, aber Sachen auswählen kann sie.

Setz dich, alles ist fertig.

Alina, bring das Warme rein!

Schneller!

Lena setzte sich ans Kopfende des Tisches — auf Alinas Platz.

Die Tasche stellte sie nicht auf den Boden und auch nicht über die Stuhllehne, sondern direkt auf den Tisch neben den Teller, als wäre sie der heilige Gral.

— Hoffentlich hast du da nicht reingespuckt? — kicherte sie, als Alina mit einem großen dampfenden Topf ins Zimmer kam.

Der Duft von Pilzen und Sahne erfüllte den Raum.

— Nein, — Alina trat an den Tisch.

Ihr Gesicht war vollkommen ruhig, die Maske der Unterwürfigkeit war ihr wie angewachsen.

— Ich habe meine ganze Seele hineingelegt.

Und meine ganze Haltung zu eurer Familie.

— Ach hör auf mit diesem Pathos, — winkte Kirill ab und schob sein Glas zurecht.

— Servier einfach.

Lenka mehr Pilze, die mag sie.

Alina stellte sich direkt Lena gegenüber.

Der Topf in ihren Händen war schwer und heiß.

Sie sah ihren Mann an, dann die Schwägerin, die bereits nach dem Brotkorb griff.

— Du hast gesagt, Kirill, meine Sachen seien nur Lumpen? — fragte Alina.

— Was? — Kirill runzelte die Stirn und verstand nicht, worauf das hinauslief.

— Fängst du schon wieder an?

Servier, habe ich gesagt!

— Und du, Lena, hast gesagt, dass dir diese Tasche sehr gefällt?

Dass sie geräumig ist?

— Bist du taub? — empörte sich Lena.

— Ja, sie gefällt mir!

Sei einfach still neidisch!

— Gut.

Dann iss, — mit diesen Worten kippte Alina plötzlich den Topf um.

Die dicke, fettige, kochend heiße Masse aus Sahne, Pilzen und Fleisch ergoss sich nicht auf den Teller.

Sie stürzte direkt in die geöffnete Tasche der teuren Markenhandtasche und platschte, über den Rand laufend, auf Lenas Knie, tränkte ihre Jeans und ihren Pullover.

Im Zimmer herrschte für den Bruchteil einer Sekunde Grabesstille, die von Lenas wildem, schrillem Schrei zerrissen wurde.

— A-a-a!

Heiß!

Was hast du getan, du Miststück?!

Meine Tasche!

Meine Beine! — sie sprang auf, stieß den Stuhl um und fuchtelte mit den Händen, wobei sie die fettige Soße nur noch mehr auf ihrer Kleidung verschmierte.

Die Tasche, gefüllt mit „Kalbfleisch Stroganoff“, fiel mit einem schmatzenden Geräusch auf den Boden und bildete eine Pfütze.

Kirill erstarrte mit offenem Mund, sein Gesicht lief dunkelrot an.

— Du …

du … was … — er sprang auf und stieß dabei das Glas mit Rotwein um, das sich über die weiße Tischdecke ergoss.

Der Fleck breitete sich aus wie Blut.

— Ich bringe dich um!

Er stürzte auf seine Frau zu und hob bereits die Faust, doch Alina wich nicht zurück.

Sie zog das Küchenmesser unter der Schürze hervor — genau das, mit dem sie das Fleisch geschnitten hatte.

Kirill bremste abrupt, als sein Blick auf die Klinge fiel.

— Versuch es nur, — zischte sie.

In ihren Augen war keine Angst, nur eisige Leere.

— Setzt euch.

Beide setzen sich!

— Du bist krank!

Du bist verrückt! — kreischte Lena, die versuchte, das Fett mit einer Serviette abzuwischen, aber alles nur noch schlimmer machte.

— Halt den Mund! — brüllte Alina so laut, dass der Schwägerin die Luft wegblieb.

— Und jetzt hört mir gut zu.

Kirill, du hast gesagt, wenn ich deine Schwester anfasse — Scheidung?

Betrachte es als eingereicht.

Du hast gesagt, ich hätte die Lumpen für mich behalten?

Ich habe dieses Missverständnis korrigiert.

— Welche Lumpen?

Für die Tasche wirst du zahlen, du kaufst mir eine neue! — schrie Kirill und ließ das Messer nicht aus den Augen.

— Werde ich nicht, — Alina grinste schief.

— Aber wir sind quitt.

Während das Fleisch schmorte, habe ich in deinen Kleiderschrank geschaut, mein Lieber.

Deine italienischen Anzüge?

Die, auf die du so stolz bist?

Sie sehen jetzt großartig in Form von Fetzen aus.

Ich habe alles zerschnitten.

Sakkos, Hosen, Hemden.

Alles, woran ich herankam.

Du hast doch selbst gesagt, es seien nur Lumpen.

Kirill erbleichte.

Er schoss in den Flur zum Kleiderschrank.

Eine Sekunde später drang aus dem Flur das Heulen eines verwundeten Tieres.

Er kam mit dem Ärmel eines „Hugo Boss“-Sakkos in der Hand zurück.

— Du …

Du hast alles zerstört … — flüsterte er und sah sie mit Hass und Entsetzen an.

— Ich werde dich ins Gefängnis bringen!

Ich mache dich zu Staub!

— Wirst du nicht, — Alina warf das Messer auf den Tisch.

Es schlug klirrend gegen den Teller.

— Ruf die Polizei.

Nur zu.

Dann erzählen wir ihnen, wie du deiner Frau Sachen gestohlen hast, wie du Gewalt angewendet und erpresst hast.

Und erzähl ihnen auch von deiner Schwarzbuchhaltung, deren Unterlagen du so unvorsichtig in der unteren Schublade des Schreibtischs aufbewahrst.

Ich habe sie fotografiert, Kirill.

Und Kopien in meine Cloud geladen.

Fass mich auch nur mit einem Finger an — und das Finanzamt erfährt, woher du das Geld für diese Anzüge und für die Versorgung deiner Schwester nimmst.

Kirill erstarrte.

Die Erwähnung der Dokumente wirkte besser als das Messer.

Er sank auf einen Stuhl und umklammerte das nutzlose Stück Stoff in seiner Hand.

— Wo sind meine Autoschlüssel? — fragte Alina ruhig.

— In der Jacke … — brachte er heiser hervor.

Alina ging zur Garderobe und holte ihre Schlüssel heraus.

Dann zog sie aus der Jackentasche seines Mantels das Portemonnaie.

— Was machst du da? — zuckte Kirill zusammen.

— Ich nehme eine Entschädigung.

Für den moralischen Schaden und für die gesperrten Karten.

Da ist gerade genug für die erste Zeit drin, — sie nahm das ganze Bargeld aus der Geldbörse und warf das leere Portemonnaie auf den Boden, direkt in die Soßenpfütze.

Im Flur stand bereits ein gepackter Koffer.

Alina hatte sich auf diesen Moment vorbereitet, während das Fleisch schmorte.

— Lebt, — warf sie hin, während sie die Eingangstür öffnete.

— Liebt euch.

Riecht an meinem Parfüm, esst das Fleisch aus der Tasche.

Ihr seid einander wert.

— Alina, halt!

Du kannst nicht einfach so gehen! — rief Kirill ihr hinterher, als ihm klar wurde, dass sein bequemes Leben gerade vor seinen Augen zusammenbrach.

— Ich bin schon gegangen, — antwortete sie.

Die Tür schlug zu.

Alina trat in das kühle Treppenhaus hinaus.

Sie zitterte, das Adrenalin hämmerte in ihren Schläfen, doch zum ersten Mal seit drei Jahren Ehe atmete sie frei durch.

Hinter der Tür hörte man Lenas hysterisches Kreischen und Kirills dumpfes Fluchen, aber diese Geräusche hatten bereits nichts mehr mit ihr zu tun.

Es war der Lärm eines fremden Lebens, in dem für sie kein Platz mehr war.

Sie drückte den Aufzugsknopf und umklammerte die Autoschlüssel in ihrer Hand.

Vor ihr lag das Unbekannte, aber es war besser als diese Hölle.