Er braucht ihn fürs Lernen dringender, und du kannst deine Serien auch auf dem Handy schauen!
Und wage es ja nicht, mich wegen eines Stücks Plastik anzuschreien!

— Wo ist er? — Marinas Stimme klang trocken, mit einem leichten Kratzen, als hätte sich ein Sandkorn in ihrer Kehle festgesetzt.
Sie stand im Türrahmen des Wohnzimmers, ohne einmal den Mantel ausgezogen zu haben, und schaute auf ihren Arbeitstisch.
Dort, wo noch am Morgen, matt schimmernd mit seinem dunkelgrauen Magnesiumgehäuse, der professionelle Laptop gestanden hatte, klaffte nun eine empörende, staubige Leere.
Einsam lag das teure Grafiktablett da, an den Rand geschoben, und ein Knäuel aus Kabeln — Ladegerät, HDMI, Kabel für den zweiten Monitor — hing von der Tischplatte herunter und erinnerte an ausgeweidete Eingeweide irgendeiner komplizierten Maschine.
Daneben stand eine leere Tasse mit einem eingetrockneten braunen Kaffeerand — ein Ergebnis der täglichen Lebensaktivität ihres Mannes.
Andrej, der in Unterhosen und ausgeleiertem grauem Unterhemd auf dem Sofa hing, drehte nicht einmal den Kopf.
Er war völlig, mit Haut und Haar, in das Geschehen auf dem Bildschirm des riesigen Fernsehers vertieft.
In seinen Händen zuckte hektisch der Gamecontroller, die Finger hämmerten rhythmisch und geübt auf die Knöpfe und trommelten den Takt der Ermordung virtueller Monster.
— Bist du taub geworden? — Marina trat ins Zimmer, ohne die Schuhe auszuziehen.
Der Schmutz ihrer Herbststiefel blieb als dunkle Flecken auf dem hellen Laminat zurück, aber das war ihr egal.
Die Einkaufstüte, die sie noch immer in der Hand zusammendrückte, war plötzlich unerträglich schwer geworden und zog ihr an der Schulter.
— Wo ist mein Laptop, Andrej?
Da lief seit dem Mittag ein Rendering.
Ich habe dich gebeten, den Tisch nicht anzurühren.
Ihr Mann geruhte sich schließlich, auf Pause zu drücken.
Auf dem Bildschirm erstarrte irgendein Krieger mit blutiger Axt.
Andrej drehte sich langsam, demonstrativ träge, um und warf seiner Frau einen satten, leicht benebelten Blick zu.
In seinen Augen stand die Gereiztheit eines Menschen, der von einem lebenswichtigen Vorgang wegen irgendeines Unsinns weggerissen worden war.
Er kratzte sich über die unrasiert Wange, gähnte und zeigte dabei keinen besonders frischen Mund, dann wedelte er lässig in Richtung Fenster, hinter dem sich die Novemberdämmerung verdichtete.
— Ach, du meinst diesen Sarg? — er schnaubte und zog am Gummibund seiner Unterhose.
— Dein Rechner ist weg.
Sozusagen in ein neues Leben gefahren.
Zu Slawik.
Marina erstarrte.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus und sackte dann irgendwo in den Magen, sodass ihre Eingeweide kalt wurden.
Einen Augenblick lang glaubte sie, sich verhört zu haben.
Dass es irgendein idiotischer, geschmackloser Scherz war, ganz in seinem primitiven Humor.
— Zu welchem Slawik? — fragte sie nach und spürte, wie ihre Fingerspitzen taub wurden.
— Zu deinem Neffen?
Du hast mein Arbeitsgerät einem zwölfjährigen Kind gegeben?
Bist du noch ganz bei Verstand?
Andrej rollte mit den Augen und zeigte mit jeder Faser seines Körpers, wie sehr ihn diese dummen weiblichen Hysterien aus heiterem Himmel ermüdeten.
Er setzte sich auf dem Sofa auf, spreizte die Beine weit und nahm die Pose beleidigter Tugend an, die zu Unrecht des Edelmut bezichtigt wird.
— Ich habe deinen Laptop meinem Neffen gegeben!
Er braucht ihn fürs Lernen dringender, und du kannst deine Serien auch auf dem Handy schauen!
Und wage es ja nicht, mich wegen eines Stücks Plastik anzuschreien!
Verwandtschaft ist heilig, und du bist eine Egoistin, die einem Kind eine Sache nicht gönnt!
Wenn du nicht sofort den Mund hältst, schlage ich dein Handy gegen die Wand, damit du begreifst, dass Dinge vergänglich sind! — kreischte der Mann, der beschlossen hatte, über das Arbeitsgerät seiner Frau zu verfügen, ohne sie zu fragen, nur für den Komfort seines verwöhnten Neffen.
Sein Gesicht lief augenblicklich rot an vor gerechtem Zorn.
Er glaubte aufrichtig an jedes Wort, das er sagte.
In seiner kleinen, gemütlichen Welt hatte er gerade eine echte männliche Tat vollbracht — seiner armen Schwester, die angeblich nie Geld hatte, geholfen, und zwar auf Kosten des „überflüssigen“ Gerümpels, das im Haus herumstand.
Marina stellte die Einkaufstüte langsam auf den Boden.
Ein Glas Tomatensoße stieß dumpf gegen ein Glas Erbsen.
Sie öffnete den Mantel und spürte, wie ihr kalter, klebriger Schweiß den Rücken hinunterlief.
Nicht aus Angst.
Vor Entsetzen über den Abgrund menschlicher Einfalt, der schlimmer als Diebstahl war und sich direkt vor ihr in ihrer eigenen Wohnung auftat.
— Andrej, — sagte sie sehr leise und sah ihm direkt auf den Nasenrücken, als wolle sie mit dem Blick ein Loch in seinen Schädel bohren und darin wenigstens einen Tropfen Gehirn finden.
— Dieses „Stück Plastik“ kostet zweihundertvierzigtausend.
Ich habe sieben Monate lang dafür gespart und mir alles versagt.
Darauf läuft lizenzierte Software, deren Schlüssel an die Hardware gebunden sind.
Darauf liegen Archive aus drei Jahren Arbeit.
Darauf sind die Quelldateien des Projekts für „Stroj-Grupp“, das ich morgen um neun Uhr abgeben muss.
Begreifst du überhaupt, was du getan hast?
Du hast nicht irgendeinen Gegenstand weggegeben.
Du hast mein Gehalt weggegeben.
Meinen Ruf.
— Ach hör doch auf zu übertreiben! — winkte er ab und griff schon wieder nach dem Joystick, als wäre er das Zepter seiner Macht.
— Zweihunderttausend… Märchenerzählerin.
Ich habe doch gesehen, was du da machst.
Bunte Bildchen malen.
Häuschen, Blümchen, Schriften hin- und herschieben.
Nennst du das Arbeit?
Bergleute arbeiten im Schacht, krümmen ihren Rücken, und du klickst mit der Maus und trinkst Kaffee.
Slawik muss Referate schreiben, bei ihm hat jetzt Informatik richtig angefangen.
Lenka hat angerufen und eine halbe Stunde geheult, dass der alte Rechner vom Jungen nicht mal „Word“ packt, alles hängt, der Junge nervös wird und schlechte Noten bekommt.
Und wir sind nun wirklich keine armen Leute, wir können es uns leisten, dem eigenen Blut zu helfen.
Du hast doch dein Tablet, darauf kannst du deine Kritzeleien machen.
— Keine armen Leute? — Marina lächelte, und dieses Lächeln ähnelte dem Zähnefletschen eines in die Enge getriebenen Tieres.
— Ich bin nicht arm, Andrej.
Ich habe diesen Laptop gekauft.
Und du hast ein Jahr lang den Kredit für dieses Sofa abbezahlt, auf dem du gerade sitzt, mit deinem Lagerarbeitergehalt.
Du hast nicht bloß eine Sache weggegeben.
Du hast mein Eigentum gestohlen.
— Nicht gestohlen, sondern Ressourcen in der Familie umverteilt! — brüllte Andrej und sprang vom Sofa auf.
Sein verletzter Stolz schnellte wie eine Kobra hoch.
Das Wort „Lagerarbeiter“ hatte ihn an seiner wunden Stelle getroffen.
Er hatte schon immer Komplexe deswegen, dass seine Frau, die zu Hause am Computer saß, dreimal mehr verdiente als er, der in einem kalten Lager Kisten schleppte.
Und diese Geste der „Großzügigkeit“ war seine Art gewesen, die Hierarchie wiederherzustellen.
Zu zeigen, wer hier in Wahrheit Entscheidungen traf.
— Wir sind eine Familie!
Bei uns gehört alles allen! — schrie er und sprühte Speichel.
— Und ich habe als Familienoberhaupt entschieden, dass der Junge es nötiger hat.
Und du kannst dir, wenn du so schlau bist, eben einen neuen zeichnen.
Oder dir bei deiner Arbeit einen erbetteln, wenn du so eine wertvolle Angestellte bist.
So, das Gespräch ist beendet.
Lass mich spielen, ich schaffe das Level nicht, der Boss ist schwer.
Und du geh in die Küche und mach das Abendessen warm.
Ich habe Hunger, während ich gute Taten vollbracht habe.
Er ließ sich wieder mit dem Hintern auf das weiche Polster fallen, drehte sich demonstrativ zum Bildschirm und setzte sich einen Kopfhörer auf ein Ohr.
Für ihn war das Problem gelöst.
Die Frau würde meckern, schreien und sich dann beruhigen, wie immer.
Wohin sollte sie schon verschwinden?
Marina schaute auf seinen krummen Rücken, auf die Fettfalte, die über dem Gummibund seiner Unterhose hing, auf den kahlen Hinterkopf, der durch die dünnen Haare schimmerte.
In ihrem Inneren breitete sich eine schwarze, eisige Leere aus und verdrängte alle anderen Gefühle.
Sie erinnerte sich daran, wie Slawik, dieser verwöhnte, ständig sabbernde schwerfällige Kerl, beim letzten Mal ihr Handy gegen die Wand geschleudert und kaputtgemacht hatte, nur weil er bei einem Spiel verloren hatte.
Und wie ihre Schwägerin, Andrejs Schwester, nur mit den Schultern gezuckt hatte: „Er ist doch ein Kind, er hat eine feine seelische Organisation, das war nicht absichtlich.“
Sie stellte sich vor, wie in genau diesem Moment die von Chips fettigen Finger Slawiks auf der Tastatur ihres Laptops herumdrückten.
Wie er den Ordner „WORK_2024“ löschte, um Platz für irgendein „Dota“ oder „Tanks“ zu schaffen.
Wie er die Festplatte formatierte und damit Wochen ihrer schlaflosen Nächte, ihre Nerven, ihr Geld auslöschte.
Wie ihr Auftraggeber morgen früh die Entwürfe nicht bekommen würde.
Strafen.
Vertragsstrafe.
Schande.
— Du rufst jetzt sofort Lenka an, — sagte Marina.
Ihre Stimme zitterte nicht mehr.
Sie war hart, flach und schwer geworden wie eine Beton-Grabplatte.
— Und du sagst ihr, dass sie den Laptop nicht einschalten sollen.
Ich rufe jetzt ein Taxi und fahre hin.
Andrej drückte abrupt wieder auf Pause.
Diesmal drehte er sich nicht einfach nur um — er sprang auf und schleuderte den Joystick aufs Sofa.
Sein Gesicht verzerrte sich vor Wut.
Er hasste es, wenn man ihm Befehle gab.
Vor allem eine Frau, die er seiner Meinung nach schon allein durch seine Anwesenheit in ihrer Eigentumswohnung beglückt hatte.
— Du fährst nirgendwohin, — zischte er und machte einen Schritt auf sie zu.
Sein massiger Körper versperrte den Durchgang wie eine Barrikade.
— Und anrufen wirst du auch niemanden.
Was ich gesagt habe, gilt.
Das Geschenk ist gemacht.
Geschenke zurückzufordern ist der letzte Geiz.
Willst du mich vor meiner Schwester blamieren?
Willst du, dass sie denkt, ich sei ein Pantoffelheld?
Dass ich mein männliches Wort nicht halten kann?
— Es ist mir egal, was deine Schwester denkt, — Marina drückte die Entsperrtaste auf dem Bildschirm ihres Handys.
Ihre Finger gehorchten ihr nicht, sie glitten über das Glas.
— Und dein „männliches Wort“, das du auf meine Kosten gibst, ist mir ebenfalls egal.
Wenn du nicht anrufst, rufe ich an.
Und ich erkläre ihr ganz verständlich, dass ihr Bruder ein Dieb ist, der einen Gegenstand aus dem Haus getragen hat, der ihm nicht gehört.
Andrej sah, wie der Bildschirm des Handys in ihrer Hand aufleuchtete, und seine Augen verengten sich zu zwei bösen Schlitzen.
In seinen Kopf wollte nicht hinein, wie sie es wagte.
Wie sie es wagte, ihm zu widersprechen, obwohl er doch schon alles entschieden hatte.
Er hatte es doch gut gemeint!
Er hatte doch der gute Onkel, der Retter, der Wohltäter sein wollen.
Und sie zerstörte dieses schöne Bild und verwandelte ihn in einen gewöhnlichen häuslichen Tyrannen.
— Das ist nicht einfach nur eine Sache! — schrie Marina plötzlich und verlor die Beherrschung.
Ihre Stimme überschlug sich zu einem Kreischen, das in den Ohren schnitt.
— Da ist mein Leben drin!
Da sind Dateien, von denen es keine Kopien gibt!
Die Cloud ist voll, ich habe es nicht geschafft, die letzten Änderungen hochzuladen!
Andrej, das ist kein Spielzeug, das ist meine Karriere!
Wenn ich das Projekt morgen nicht abgebe, feuern sie mich und ich werde auf ewig gebrandmarkt sein!
Begreifst du, dass wir ohne Geld dastehen?
Von deinem Gehalt können wir nicht einmal die Hypothek bezahlen!
Diese Worte, erfüllt von verzweifelter Wahrheit, trafen Andrej härter als eine Ohrfeige.
Sie erinnerten ihn an das, woran er nicht denken wollte: an sein Versagen.
Daran, dass er in einer Wohnung lebte, die seine Frau bezahlte, Essen aß, das seine Frau kaufte, und dass sogar der Fernseher, in den er abends glotzte, von ihrer Prämie bezahlt worden war.
Sein männliches Ego, ohnehin zerbrechlich, bekam einen Riss.
— Halt endlich den Mund! — brüllte er, und sein Gesicht bekam dunkelrote Flecken.
— Karriere hat sie!
Ein großer Vogel ist sie!
Du malst deine Bildchen, und dabei hast du einen Stolz wie ein Minister!
„Ich werde gefeuert“, „wir haben kein Geld“…
Wir gehen schon nicht unter!
Ich bin ein Mann, ich werde die Familie ernähren, wenn’s hart auf hart kommt!
Und dein Gemale ist nichts weiter als Spielerei.
Ein Hobby.
Eine normale Frau sollte Borschtsch kochen und nicht Tag und Nacht auf einen Monitor starren, während dem Mann die Socken ungewaschen bleiben!
Er machte einen plötzlichen Ausfall, überraschend schnell für seine schwere Statur.
Marina schaffte es nicht mehr auszuweichen.
Seine breite, schwielige Hand packte ihr Handgelenk.
Die Finger schlossen sich wie ein Schraubstock und verursachten einen stechenden Schmerz.
— Au!
Was machst du da?!
Lass los! — schrie sie auf und versuchte, den Arm loszureißen, aber Andrej hielt fest.
— Gib das Handy her, — presste er zwischen den Zähnen hervor und sah auf sie herab mit triumphierender Bosheit.
— Wage es nicht, mich vor meiner Schwester zu blamieren und Geschenke zurückzufordern!
Du beruhigst dich jetzt sofort, gehst in die Küche und kümmerst dich um die Arbeit.
Und Slawik wird lernen.
Der Junge muss sich entwickeln, er hat eine Zukunft!
Und du hast deine Zukunft schon hinter dir.
Er verdrehte ihr grob das Handgelenk.
Marina schrie vor Schmerz auf, ihre Finger öffneten sich unwillkürlich, und das Smartphone fiel ihr aus der Hand.
Andrej fing das Gerät geschickt, mit dem Grinsen eines Siegers, noch in der Luft auf, bevor es den Boden berührte.
— So ist es richtig, — sagte er selbstzufrieden und ließ ihr Handgelenk los.
Auf der blassen Haut zeichneten sich sofort rote Abdrücke seiner Finger ab.
— Es bleibt jetzt erst einmal bei mir.
Damit du keinen Unsinn machst.
Ich kenne euch hysterische Weiber.
Du rufst gleich irgendwo an, sagst irgendwelche Gemeinheiten, und ich darf mich dann vor der Verwandtschaft schämen.
Er steckte ihr Handy in die Tasche seiner Hausschorts und trat wieder zum Sofa zurück, als setze er einen endgültigen Punkt in den Streit.
— Und komm ja nicht auf die Idee, nach einem zweiten Handy zu suchen oder mit dem Tablet zu schreiben, — fügte er hinzu, setzte sich wieder und schlug besitzergreifend ein Bein über das andere.
— Ich habe das Internet am Router abgestellt.
Das Passwort geändert.
Also sitz still.
Denk über dein Verhalten nach.
Vielleicht begreifst du dann wenigstens, dass in einer Familie der Respekt vor der Entscheidung des Mannes wichtig ist und nicht deine… Dateien.
Marina stand mitten im Zimmer und hielt den verletzten Arm an sich.
In ihr klingelte alles vor Anspannung, aber Tränen gab es keine.
Die Tränen waren getrocknet, verdampft in der Hitze der Demütigung.
Sie sah den Menschen an, mit dem sie fünf Jahre verbracht hatte, und erkannte ihn nicht wieder.
Das war nicht Andrej.
Das war irgendein Ungeheuer, zusammengeflickt aus Komplexen, Neid und dumpfer, undurchdringlicher Selbstgefälligkeit.
Er hatte nicht einfach nur ihre Arbeit entwertet.
Er hatte sie als Person, als Profi, mit Füßen getreten, nur weil er sich auf ihre Kosten wichtig fühlen wollte.
— Also sind das bloß Bildchen? — fragte sie nach.
Ihre Stimme war erschreckend ruhig, leise, fast ein Flüstern.
— Also ist meine Arbeit Spielerei?
Und Slawik, der in der sechsten Klasse nicht einmal das Einmaleins kann, braucht es dringender?
— Na also, langsam begreifst du, — schnaubte Andrej, ohne sich umzudrehen.
Er setzte die Kopfhörer wieder auf, schob aber eine Hörmuschel zur Seite, um zu hören, falls seine Frau wieder aufbegehren sollte.
— Komm schon, Marisch, schmoll nicht.
Mach irgendwas zu essen, dann ist wieder Frieden.
Morgen kaufe ich dir eine Schokolade.
Er drehte sich zum Bildschirm zurück, überzeugt, einen vollständigen und endgültigen Sieg errungen zu haben.
Die Frau war niedergeschlagen, das Handy konfisziert, die Autorität wiederhergestellt.
Man konnte in Ruhe den Boss im Spiel fertig machen.
Marina schaute auf seinen Hinterkopf.
In ihrem Kopf schossen Gedanken an den morgigen Morgen vorbei.
An den Anruf des Auftraggebers.
Daran, wie sie erklären würde, dass das Projekt nicht da war.
An die Vertragsstrafen, die im Vertrag standen.
Daran, dass dieser Mensch auf dem Sofa gerade mit einem einzigen Schlag alles zerstört hatte, was sie über Jahre aufgebaut hatte.
Und plötzlich kam eine seltsame, kristallklare Ruhe.
Als hätte sich der Nebel verzogen.
Sie begriff, dass Worte vorbei waren.
Hier hatten Worte keinerlei Macht mehr.
Andrej verstand nur noch eine Sprache — die Sprache von Macht und materiellen Werten.
Die Sprache, in der „Dinge vergänglich sind“, solange sie nicht ihm gehören.
Marina ließ den Blick langsam vom Hinterkopf ihres Mannes zur Kommode unter dem Fernseher wandern.
Dort stand, mit blau blinkendem Licht, sein ganzer Stolz.
Sein „Schatz“.
Die Spielkonsole des neuesten Modells, die er vor drei Monaten gekauft hatte, wobei er all sein Urlaubsgeld aufgebraucht hatte und von der er jedes Staubkorn wegpustete.
Schwarz, glänzend, teuer.
Ihre Augen wurden schmal.
In ihrer Brust stieg eine heiße Welle hoch, aber es war keine Hysterie.
Es war kalte, berechnende Wut.
— Schokolade, sagst du? — sagte sie leise und machte einen Schritt auf den Fernseher zu.
— Frieden, sagst du?
Andrej antwortete nicht.
Er war beschäftigt.
Er rettete die virtuelle Welt und ahnte nicht einmal, dass seine reale Welt gleich zusammenbrechen würde.
Marina trat dicht an die Konsole heran.
— He, warum stehst du da rum? — murrte Andrej ungeduldig und hämmerte wütend auf die Knöpfe des Controllers.
Auf dem Bildschirm kämpfte seine Figur gerade mit dem Endboss des Levels.
— Zappel nicht vor dem Bildschirm herum, du blendest.
Geh lieber den Wasserkocher anstellen, mein Hals ist von deinen Hysterien ganz trocken.
Marina antwortete nicht.
Sie stand über der schwarzen matten Kiste der Konsole wie ein Chirurg über einem geöffneten Patienten.
In diesem Moment sah sie nicht bloß ein teures Gerät.
Sie sah das Symbol seines Egoismus.
Dieses summende Stück Plastik war Andrej wichtiger als ihre Arbeit, wichtiger als ihr Budget, wichtiger als ihre Nerven.
Es war sein Götze, den er jeden Abend anbetete und dabei alles andere vergaß.
Sie beugte sich langsam hinunter.
Ihre Finger, die noch vor einer Minute vor Schmerz im verdrehten Handgelenk gezittert hatten, bewegten sich jetzt mit erschreckender Präzision.
Sie ertastete die Rückseite der Konsole, wo die festen Stecker in den Buchsen saßen.
Ein Ruck.
Auf dem Fernsehbildschirm wechselte das grelle, satte Bild der Schlacht augenblicklich zu toter, tintenschwarzer Schwärze.
Der Klang von Explosionen und Schwertgeklirr brach ab und hinterließ eine klingende Stille.
In der oberen Ecke erschien gleichgültig die Meldung: „Kein Signal.“
— He!
Was machst du da?! — Andrej fuhr auf dem Sofa hoch, als hätte man ihn mit Strom getroffen.
Er begriff noch nicht, was passiert war, und dachte, sie hätte zufällig mit dem Bein ein Kabel berührt.
— Mach das sofort wieder an!
Ich habe nicht gespeichert!
Bist du völlig ohne Verstand, du dumme Kuh?
Er begann, sich zu ihr umzudrehen, und sein Gesicht verzog sich vor Gereiztheit, bereit, eine neue Ladung Beleidigungen auszuschütten.
Doch die Worte blieben ihm im Hals stecken.
Marina richtete sich auf.
In den Händen hielt sie seine Lieblingsspielkonsole.
Die grob aus den Buchsen gerissenen Kabel schleiften über den Boden wie abgerissene Rattenschwänze.
Das HDMI-Kabel, an dem sie zu stark gezogen hatte, war zusammen mit einem Stück der Buchse herausgerissen worden und klingelte kläglich auf dem Laminat.
— Stell sie hin, — sagte Andrej leise, doch mit drohender Schwingung in der Stimme.
Er stand langsam vom Sofa auf, seine Augen wurden groß, in ihnen schwamm echte Angst.
Nicht um seine Frau.
Um sein Spielzeug.
— Marina, stell sie hin.
Sie kostet siebzigtausend.
Du lässt sie noch fallen.
— Siebzigtausend? — fragte sie und wog die Konsole in der Hand.
Schwer.
Solide.
— Was für eine Kleinigkeit.
Mein Laptop hat zweihundertvierzig gekostet.
Aber du hast doch gesagt, das sei bloß Plastik.
Dass Dinge vergänglich sind.
Weißt du noch?
— Das wirst du nicht wagen, — flüsterte er und machte einen Schritt nach vorn.
Seine Hände zitterten.
— Das ist meins!
Ich habe sie gekauft!
Wage es nicht!
Ich bringe dich um, wenn du…
— Verwandtschaft ist heilig, Andrej? — unterbrach sie ihn und sah ihm direkt in die vor Entsetzen geweiteten Pupillen.
— Und Familie heißt, dass alles allen gehört?
Na also.
Ich verfüge über unser gemeinsames Eigentum.
Zu deinem Besten.
Damit du nicht verblödest.
Damit du dich entwickelst, so wie Slawik.
Sie hob die Konsole über ihren Kopf.
Andrej heulte wie ein verletztes Tier auf und stürzte auf sie zu, um ihren Arm zu packen, aber es war zu spät.
Marina schleuderte die Konsole mit aller Kraft auf den Boden und legte in diesen Wurf ihren ganzen Schmerz, ihre ganze Kränkung über fünf Jahre Erniedrigung, über jeden seiner betrunkenen Vorwürfe, über jeden Rubel, den er für seinen gehalten hatte.
Das Geräusch war furchtbar.
Es war kein dumpfer Schlag, sondern ein trockenes, widerliches Krachen brechender komplizierter Technik.
Das schwarze Gehäuse platzte wie eine Eierschale.
Nach allen Seiten spritzten kleine Plastikscherben, der Lüfter flog heraus, und das grüne Innenleben der Mikrochips lag offen.
Etwas darin knackte kläglich und verstummte für immer.
Doch Marina war das nicht genug.
Das Adrenalin schlug ihr gegen die Schläfen und verlangte nach Vollendung dieses Zerstörungsrituals.
Sie wich nicht zurück, als Andrej, keuchend vor Schock, vor den Überresten seines „Schatzes“ auf die Knie fiel.
Sie trat vor und ließ ihren schweren Stiefel krachend direkt auf die Hauptplatine niedersausen, die aus dem Bruch herausragte.
Krach.
Krach.
— Was hast du getan?!
Schlampe!
Was hast du getan?! — schrie Andrej und griff sich mit beiden Händen an den Kopf.
Er kroch auf allen vieren um den Haufen Trümmer herum und versuchte, sie wieder zusammenzusetzen, als hoffte er, wenn er die Teile nur fest genug aneinanderdrückte, würden sie wieder zusammenwachsen.
— Sie war doch neu!
Ich habe den Kredit dafür noch nicht abbezahlt!
Du bist krank!
Du bist ein Psychopath!
Er hob die Augen zu ihr, voller Tränen.
Echter, aufrichtiger Tränen, die sie nie gesehen hatte, wenn sie krank gewesen war oder wenn sie selbst Probleme hatte.
Er weinte über ein Stück Metall.
— Tut es weh? — fragte Marina und blickte von oben auf ihn herab.
Ihr Atem ging ruhig, ihr Herz schlug dumpf und fest.
— Ist es schade?
Warum schreist du denn?
Das ist doch nur ein Spielzeug.
Bilder auf einem Bildschirm.
Du hast doch selbst gesagt — wage es ja nicht, wegen eines Stücks Plastik zu schreien.
— Das ist etwas anderes! — kreischte er, sprang auf und wurde knallrot im Gesicht, die Adern an seinem Hals schwollen an.
Er ballte die Fäuste, und für einen Augenblick dachte Marina, er würde sie jetzt schlagen.
— Das ist meins!
Ich habe dafür gearbeitet!
Und du… du bist einfach nur ein neidisches Miststück!
Du wirst mir das bezahlen!
Du kaufst mir eine neue!
— Nein, Andrej, — Marina trat gegen ein Stück des Gehäuses und schleuderte es ihm vor die Füße.
— Das war ein gleichwertiger Austausch.
Dein Neffe hat meinen Laptop fürs Lernen bekommen.
Und du hast eine Lektion in Lebensweisheit erhalten.
Dinge sind vergänglich.
Jetzt sind wir quitt.
— Quitt?! — er rang nach Luft vor Wut und spritzte Speichel.
— Dein Laptop ist doch nur Arbeitsmüll!
Und das hier ist eine Konsole!
Eine limitierte Edition!
Hast du überhaupt eine Ahnung, was eine Grafikkarte heutzutage kostet?!
Ich werde dich…
Er stürzte auf sie zu und hob die Hand zum Schlag, endgültig ohne jede menschliche Gestalt.
Doch Marina rührte sich nicht.
Sie sah ihn mit einer solchen eisigen Ruhe, mit einer so offenen Verachtung an, dass er stehen blieb, bevor seine Faust ihr Gesicht erreichte.
In ihren Augen war keine Angst.
Dort war die Leere eines Menschen, der nichts mehr zu verlieren hat.
— Los, — sagte sie leise.
— Schlag zu.
Beweise endgültig, dass du kein Mann bist, sondern ein Nichts.
Los, Andrej.
Deine Hände jucken doch schon.
Du kannst doch nur gegen Frauen und Kinder Krieg führen, indem du ihnen die Handys abnimmst.
Andrej ließ die Hand sinken.
Schwer atmend trat er einen Schritt zurück und sah abwechselnd seine Frau und den Müllhaufen an, der einmal sein Stolz gewesen war.
Langsam begann er zu begreifen, dass etwas Unumkehrbares passiert war.
Dass das gewohnte Muster, in dem er schrie und sie weinte und sich entschuldigte, genauso hoffnungslos zerbrochen war wie diese Konsole.
— Du… du wirst dafür bezahlen, — heiserte er, aber in seiner Stimme war nicht mehr die frühere Sicherheit.
Da war Angst.
Tierische Angst vor dieser neuen, unbekannten Frau, die mitten im verwüsteten Wohnzimmer stand.
— Du hast mir das Leben kaputtgemacht.
— Das Leben? — Marina lächelte bitter.
— Oh nein, mein Lieber.
Ein Leben geht anders kaputt.
Das war nur die Generalprobe.
Der echte Skandal liegt noch vor uns.
Sie drehte sich um und ging ins Schlafzimmer.
Sie musste Sachen packen.
Nicht alles.
Nur das Nötigste.
Pass, Unterlagen zur Wohnung.
Denn hierzubleiben, in dieser Gruft aus zerbrochenen Hoffnungen und zerstörter Technik, beabsichtigte sie keine Sekunde länger.
— Bleib stehen! — schrie Andrej ihr nach und gewann seine Stimme wieder.
— Wohin gehst du?!
Gib das Handy her!
Und räum das hier alles weg!
Ich habe gesagt, räum deinen Dreck weg, du Schwein!
Marina blieb im Türrahmen stehen.
Langsam drehte sie den Kopf.
— Aufräumen wirst du, — sagte sie scharf.
— Zusammen mit deinem Neffen.
Ihr könnt sie mit euren Rotzfäden wieder zusammenkleben.
Und das Handy…
Sie steckte die Hand in die Tasche, in die sie ihr Smartphone umgelegt hatte, während Andrej auf dem Boden herumgekrochen war, und zog es heraus.
— Du wolltest es gegen die Wand schlagen? — fragte sie.
— Damit ich begreife, dass Dinge nicht wichtig sind?
Ich habe es begriffen, Andrej.
Ich habe alles sehr gut begriffen.
Aber sie zerschlug das Handy nicht.
Das wäre zu dumm gewesen.
Sie brauchte es noch.
Sie hielt ihm nur den Bildschirm hin, auf dem das Symbol der Banking-App leuchtete.
— Ich werde jetzt alle Karten sperren, Andrej.
Auch die Zusatzkarte, die du hast.
Und das Konto, von dem die Hypothek abgeht.
Du bist doch das Familienoberhaupt?
Dann bezahl eben.
Und sie schlug ihm die Tür des Schlafzimmers direkt vor der Nase zu und drehte den Riegel um.
Das Klicken des Schlosses klang wie ein Schuss auf einem Schießstand und trennte Marina vom Wahnsinn, der im Wohnzimmer herrschte.
Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die kühle Tür und atmete tief ein und langsam wieder aus.
Ihre Hände zitterten nicht mehr.
In ihr, dort, wo noch vor einer Stunde Panik und Kränkung geschlagen hatten, breitete sich nun kalte, kristallklare Gleichgültigkeit aus.
Als hätte jemand das Licht in einem Raum voller Emotionen ausgeschaltet und nur die Notbeleuchtung der Logik angelassen.
Draußen im Flur tobte Andrej.
Zuerst rüttelte er nur an der Klinke und versuchte, die schwache Schlosszunge herauszubrechen, dann begann er mit den Fäusten gegen das Türblatt zu hämmern.
— Mach auf!
Mach auf, du Miststück! — schrie er, und seine Stimme riss ins Kreischen.
— Was hast du mit den Karten gemacht?
Ich habe eine Benachrichtigung bekommen!
„Vorgang abgelehnt“!
Du hast das gemeinsame Konto gesperrt?
Weißt du überhaupt, dass morgen die Rate für den Autokredit abgebucht wird?!
Marina antwortete nicht.
Sie ging von der Tür weg und holte eine Reisetasche aus dem Schrank.
Ihre Bewegungen waren sparsam und präzise, wie die eines Soldaten, der sich für einen Gewaltmarsch rüstet.
Keine überflüssigen Dinge.
Keine Sentimentalität.
Sie zog die untere Schublade der Kommode auf.
Mappe mit Wohnungsunterlagen.
Pass.
Diplom.
Schachtel mit dem Goldschmuck, den ihre Eltern ihr geschenkt hatten.
All das flog in die Tasche.
Kleidung nahm sie nicht mit — wozu brauchte sie alte Lumpen, die nach dieser Wohnung und dieser Ehe rochen?
Nur Wechselwäsche, Jeans und einen Pullover.
— Marin, jetzt reicht’s doch! — Andrejs Ton hinter der Tür änderte sich plötzlich.
Aggression wich jämmerlichen, einschmeichelnden Tönen.
Er verstand, dass rohe Gewalt nicht funktionierte, und legte seine Lieblingsplatte vom „armen Verwandten“ auf.
— Komm, wir haben uns eben erhitzt, und gut.
Na, ich habe was kaputtgemacht, du hast was kaputtgemacht…
Wir sind doch eine Familie.
Man kann doch nicht wegen Geld so…
Ich bekomme doch eine Mahnung, die Bank wird mir Zinsen draufschlagen!
Marina zog den Reißverschluss der Tasche zu.
Sie trat an den Spiegel und strich sich das zerzauste Haar zurecht.
Aus dem Spiegel blickte ihr eine müde, aber diesem Haus völlig fremde Frau entgegen.
In ihren Augen stand nicht mehr die Frage „Warum?“.
Dort war nur noch die Antwort: „Es reicht.“
Sie drehte den Riegel scharf zurück und riss die Tür auf.
Andrej wäre fast durch seinen eigenen Schwung ins Schlafzimmer gefallen.
Er stand vor ihr — verschwitzt, mit rotem Gesicht, im ausgeleierten Unterhemd, barfuß, mitten zwischen den Trümmern seines eigenen Komforts.
Als er die Tasche in ihrer Hand sah, wurde er bleich.
Seine kleinen Augen huschten hin und her.
— Wohin gehst du?
Um diese Uhrzeit? — er versuchte, ihr mit ausgebreiteten Armen den Weg zu versperren wie eine Krabbe.
— Ich lasse dich nicht.
Du hast kein Recht zu gehen, bevor wir das mit den Finanzen geklärt haben.
Du musst das Konto wieder freischalten!
Die Hälfte des Geldes ist meins!
— Deins? — Marina blieb einen Schritt vor ihm stehen.
Sie sprach leise, aber jedes Wort fiel wie ein schwerer Stein.
— Dein Geld, Andrej, war genau in dem Moment zu Ende, als du diese Konsole gekauft hast.
Und alles, was auf der Karte war, ist meine Prämie vom letzten Projekt gewesen.
Das es übrigens dank dir nicht mehr gibt.
— Aber ich wusste das doch nicht! — heulte er und griff sich an den Kopf.
— Ich wollte es doch nur gut machen!
Für Slawik!
— Dann soll Slawik dir jetzt auch helfen, — Marina machte einen Schritt nach vorn und zwang ihren Mann, in den Flur zurückzuweichen.
— Ruf deine Schwester an.
Sie soll deinen Autokredit bezahlen.
Sie soll dir Essen kaufen.
Du bist doch so großzügig, so ein guter Onkel.
Du hast ihnen doch einen Laptop für zweihundertvierzigtausend geschenkt.
Ich denke, aus Dankbarkeit können sie dich durchaus ein paar Monate unterhalten.
Andrej wich zurück und stolperte über herumliegende Schuhe.
Langsam begann der ganze Horror der Situation in ihn einzudringen.
Er blieb allein zurück.
In einer Wohnung, deren Hypothek seine Frau bezahlte.
Mit einem Autokredit, den er in Erwartung ihres Gehalts aufgenommen hatte.
Mit einem leeren Kühlschrank.
— Du kannst nicht so mit mir umgehen! — schrie er mit einer Stimme, die ins Falsett kippte.
— Die Wohnung gehört uns beiden!
Ich werde dich verklagen!
Ich bin hier gemeldet!
— Gemeldet, — nickte Marina und zog die Stiefel an.
— Dann leb hier.
Ich werfe dich ja nicht raus.
Nur werde ich ab morgen die Hypothek nicht mehr bezahlen.
Ich rufe bei der Bank an und beantrage für meinen Anteil Zahlungspause, oder ich höre einfach auf zu zahlen.
Sollen sie die Wohnung doch nehmen.
Es ist mir egal.
Eine Mietwohnung kann ich mir selbst verdienen.
Aber wo du wohnen wirst, „Familienoberhaupt“, wenn die Gerichtsvollzieher die Tür versiegeln — das ist eine große Frage.
Sie richtete sich auf und warf sich den Mantel um.
Andrej stand an die Wand gelehnt, und sein Mund klappte auf und zu wie der eines Fisches, der aufs Eis geworfen wurde.
Er versuchte, Worte zu finden, versuchte sich ein Argument, eine Drohung, eine Bitte auszudenken — irgendetwas, um diesen Albtraum aufzuhalten.
Doch in seinem Arsenal waren keine Patronen mehr geblieben.
— Marina… — krächzte er.
— Und was ist mit mir?
Ich gehe doch ohne dich zugrunde.
Du hast doch versprochen…
In guten wie in schlechten Zeiten…
— In guten wie in schlechten Zeiten, — wiederholte sie mit eisigem Lächeln.
— Aber nicht in Dummheit und Niedertracht, Andrej.
Du hast meine Arbeit zerstört.
Du hast mich erniedrigt.
Du hast beschlossen, dass ich nur ein Zubehör zu deinem Komfort bin.
Eine Funktion, die Geld bringt und Borschtsch kocht.
Die Funktion ist ausgefallen.
Dienst nicht verfügbar.
Sie griff nach dem Griff der Wohnungstür.
— Halt! — er riss sich los und packte den Ärmel ihres Mantels.
In seinen Augen stand tierischer Schrecken.
— Hol den Laptop zurück!
Nimm ihn Lenka wieder ab!
Ich rufe an, ich bringe alles zurück!
Geh nur nicht!
Ich schaffe das nicht allein!
Marina schüttelte seine Hand angeekelt ab, als wäre sie ein schmutziges Insekt.
— Zu spät, — sagte sie.
— Ich brauche ihn nicht mehr.
Ich kaufe mir einen neuen.
Selbst.
Für mich.
Und der andere soll bei Slawik bleiben.
Als Denkmal deiner Dummheit.
Und weißt du, was das Lustigste ist?
Lenka wird ihn dir nicht zurückgeben.
Sie wird sagen, dass ein Geschenk heilig ist.
Und damit wirst du leben.
— Du bist eine Hexe! — schrie er ihr ins Gesicht und spritzte vor Ohnmacht Speichel.
— Eine Egoistin!
Ein Geizhals!
Wen brauchst du überhaupt, so alt, mit deinem ganzen Problemgepäck?!
Ich finde mir eine andere, eine normale, die ihren Mann respektiert!
— Viel Glück, — warf Marina hin.
— Aber warn sie gleich, sie soll ihre Wertsachen verstecken.
Sie öffnete die Tür und trat auf den Treppenabsatz hinaus.
Die kalte Luft des Hausflurs schlug ihr ins Gesicht und brachte den Geruch von Tabak und Feuchtigkeit mit sich, aber für sie war es der Geruch der Freiheit.
— Hau ab! — hallte es ihr in den Rücken.
Andrej stand im Türrahmen, erbärmlich in seiner Familienunterhose, vor dem Hintergrund der verwüsteten Wohnung.
— Und komm nicht zurück!
Du wirst schon noch angekrochen kommen!
Ganz von selbst, wenn dir das Geld ausgeht!
Ich bin ein Mann!
Ich bin das Oberhaupt!
Marina drehte sich nicht um.
Sie rief den Aufzug.
Während die Kabine herankam, hörte sie, wie er weiterbrüllte und sie, seine Schwester, Slawik und die ganze Welt verfluchte.
In diesem Geschrei lag keine Kraft.
Es war das Heulen eines Parasiten, der von seiner Futterquelle abgerissen worden war.
Die Aufzugtüren öffneten sich.
Sie trat hinein und drückte den Knopf für das Erdgeschoss.
Die Türen schlossen sich und schnitten die Schreie ihres Mannes ab.
Stille trat ein.
Marina zog das Handy heraus.
Auf dem Bildschirm stand die Nachricht der Bank: „Die Sperrung der Karten wurde erfolgreich durchgeführt.“
Gleich darauf kam eine Nachricht von ihrer Schwägerin: „Marina, Andrej hat eben angerufen und gebrüllt wie abgestochen, dass du uns Diebe genannt hast.
Bist du völlig durchgedreht?
Wir sind schließlich Verwandte!
Slawik weint und hat Angst, den Laptop einzuschalten!“.
Marina drückte auf „Kontakt blockieren“.
Der Aufzug ruckte an und fuhr nach unten.
Vor ihr lagen die Nacht, ein Hotel, die Suche nach einer neuen Wohnung und ein schwieriges Gespräch mit dem Auftraggeber.
Aber das waren ihre Probleme.
Probleme eines erwachsenen Menschen, der selbst Verantwortung für sein Leben trägt.
Und sie wusste, dass sie sie lösen würde.
Weil sie arbeiten und erschaffen konnte und nicht nur konsumieren und fordern.
Der Aufzug hielt sanft im Erdgeschoss.
Marina trat in die kalte Halle, stieß die schwere Metalltür des Hauses auf und stand auf der Straße.
Der Novemberwind kroch ihr sofort unter den offenen Mantelkragen, aber selbst das war angenehm.
Als würde er die Reste der stickigen Luft aus dieser Wohnung aus ihr herausblasen.
Sie ging an den Bordstein und hob den Kopf.
Die Fenster ihrer Wohnung im fünften Stock leuchteten in einem nervösen gelben Licht.
Andrejs Schatten hetzte von einer Seite zur anderen wie das Pendel einer kaputten Uhr.
Er tobte noch immer, suchte noch immer nach Schuldigen, versuchte vermutlich noch immer, seine kostbare Konsole zusammenzukleben oder die Bank anzurufen, die jetzt taub für sein Flehen war.
Lautlos rollte ein gelbes Taxi vor das Haus.
Marina setzte sich auf den Rücksitz.
— Guten Abend, wohin fahren wir? — fragte der Fahrer gleichgültig und sah sie im Rückspiegel an.
— Zum nächsten Hotel, — antwortete sie und setzte sich bequemer hin.
— Und bitte, machen Sie die Musik etwas lauter.
Irgendetwas Ruhiges.
Der Fahrer nickte und fuhr an.
Das Auto gewann sanft an Geschwindigkeit und ließ das Haus hinter sich, das fünf Jahre lang vorgegeben hatte, ihre Festung zu sein, in Wahrheit aber ein Hochsicherheitsgefängnis gewesen war.
Marina zog ihr Handy heraus.
Sie musste dem Auftraggeber schreiben.
Ihre Finger tippten schnell den Text: „Guten Abend, Igor Petrowitsch.
Ich hatte einen Ausfall höherer Gewalt mit meiner Technik.
Ich bitte um Aufschub um zwei Tage.
Als Ausgleich gewähre ich 15 % Rabatt auf die nächste Etappe.
Die Quelldateien werde ich aus dem Gedächtnis wiederherstellen, das Konzept habe ich im Kopf.“
Sie drückte auf „Senden“.
Die Antwort kam fast augenblicklich, trotz der späten Stunde: „Marina, die Hauptsache ist Qualität.
Wenn Sie zwei Tage brauchen — nehmen Sie sie.
Wir schätzen Sie nicht wegen der Geschwindigkeit, sondern wegen Ihres Verstandes.
Wir warten.“
Sie lächelte.
Zum ersten Mal an diesem endlosen Abend war ihr Lächeln echt und nicht böse.
Die Stadt hinter dem Fenster verschwamm zu bunten Lichtstreifen.
Marina dachte an ihren Laptop, der jetzt wahrscheinlich irgendwo im Zimmer des Neffen lag, beschmiert und schon nutzlos.
Zweihundertvierzigtausend.
Eine gewaltige Summe.
Doch plötzlich begriff sie eine einfache Sache.
Das war nicht der Preis des Verlusts.
Das war der Preis des Freikaufs.
Sie hatte zweihundertvierzigtausend Rubel und eine Spielkonsole bezahlt, um die Wahrheit zu erfahren.
Um das wahre Gesicht des Menschen zu sehen, mit dem sie eigentlich alt werden wollte.
Um nicht noch fünf, zehn oder zwanzig Jahre ihres Lebens an ihn zu verschwenden.
— Günstig davongekommen, — flüsterte sie und sah ihr Spiegelbild im dunklen Fensterglas an.
Das Taxi bog auf die Allee ein und trug sie fort von zerbrochenem Plastik, fremden Krediten und kleinlichen Menschen.
Vor ihr lag die Ungewissheit, aber diese Ungewissheit gehörte nur ihr.
Und in ihr war kein Platz mehr für „Geschenke“, die man mit der eigenen Seele bezahlen muss.



