Kira blies den grauen Staub von der Werkbank.
In der Luft der Werkstatt, durchzogen vom Geruch nach Klebstoff und Steinsplittern, tanzten feine Partikel.

Sie liebte diesen Moment: wenn das Chaos aus zerbrochenem Marmor und Glas begann, sich zu einem einzigen Muster zusammenzufügen.
Ihr Beruf — Mosaikkünstlerin — verlangte nicht nur künstlerischen Geschmack, sondern auch stählerne Finger, Geduld und die Fähigkeit, das Ganze in Tausenden von Splittern zu sehen.
In der Ecke des Raumes standen Säcke mit zerschlagener Smalte, und auf dem Tisch lagen schwere Zangen, die an die Scheren eines stählernen Krebses erinnerten.
Die Wohnungstür knallte so laut zu, dass beinahe eine Vase vom Regal gefallen wäre.
Kira zuckte nicht zusammen.
Sie war den Lärm gewohnt, mit dem Jegor nach Hause kam.
Ihr Mann, der sich für einen großen Fachmann für antike Möbel hielt (obwohl er in Wirklichkeit nur das weiterverkaufte, was er auf Flohmärkten fand, und den Preis dabei verdreifachte), betrat den Raum, ohne sich auch nur die Schuhe auszuziehen.
— Sitzt du schon wieder im Dreck? — verzog er das Gesicht und musterte ihre Arbeitsschürze, die mit einem weißlichen Belag bedeckt war.
— Das ist kein Dreck, sondern Marmormehl, — antwortete Kira ruhig und hob ein Stück blaues Glas auf. — Du bist früh dran. Ist der Deal geplatzt?
Jegor ging in die Mitte des Zimmers, trat gegen eine Kiste mit Werkzeugen und breitete demonstrativ die Arme aus.
Er trug genau das Jackett, das sie von ihrem Honorar für die Gestaltung einer Metrostation gekauft hatten — aus Samt, in einem tiefen Kirschton.
An seinem Handgelenk glänzte eine Uhr, die auf Kredit gekauft worden war, der bis heute nicht abbezahlt war.
— Der Deal wurde verschoben, — presste er durch die Zähne. — Aber ich bin nicht deswegen gekommen. Opa hat angerufen. Er hat eine Idee. Eine großartige. Einfach der Hammer.
Kira spannte sich an.
Jegors Großvater, Matwei Iljitsch, war ein schwerer Mensch, absurd geizig und schlau wie ein alter Fuchs.
Seine ganze Familie — der Großvater, Jegors Bruder Stas und Jegor selbst — erinnerte sie an ein Rudel Schakale, das ständig nur danach suchte, wo es sich das fetteste Stück reißen konnte.
— Was denn für eine Idee? — fragte sie, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.
— Ein Haus. Eine Villa auf dem Land, — Jegors Augen glänzten mit einem ungesunden Feuer. — Stas hat ein Grundstück gefunden, Opa ist bereit, mit seinen Verbindungen einzusteigen. Wir müssen nur noch etwas Geld dazulegen. Gar nicht viel.
— Wir haben kein Geld. Deine „Investitionen“ in, wie du das nennst, „vielversprechenden Vintage“, haben all unsere Ersparnisse aufgefressen.
Jegor trat näher und baute sich über ihr auf.
Er roch nach Parfüm, vermischt mit abgestandenem Tabak.
— Geld ist da. Wir haben diesen Vermögenswert, — er machte eine Handbewegung in Richtung ihrer kleinen, aber gemütlichen Studiowohnung mit hohen Decken, die Kira von ihrem Vater geerbt hatte. — Wir verkaufen diese Hundehütte, stecken das Geld in den Bau, und in einem Jahr leben wir wie Könige. Opa meinte, wir machen alles über einen Familientrust, dann zahlen wir weniger Steuern.
Kira legte die Zange beiseite.
Das schwere Metall klirrte auf der Tischplatte.
Langsam stand sie auf.
Sie war kleiner als ihr Mann, doch die Jahre der Arbeit mit Stein hatten ihre Schultern kräftig und ihren Blick hart gemacht.
— Meine Wohnung verkaufen? — fragte sie leise nach. — Damit wir in Luft investieren, die dein Bruder verkauft? Und wo sollen wir dann wohnen? Bei deiner Mutter? Oder in einer Hütte?
— Du machst immer alles unnötig kompliziert! — fuhr Jegor auf. — Das ist nur vorübergehend! Aber danach — drei Stockwerke, ein Pool! Du verstehst doch, dass eine normale Familie sich in dieser Besenkammer nicht entfalten kann?
Kira sah ihm direkt in die Augen.
— Ja, die Wohnung ist klein, aber sie gehört mir, und was hast du eigentlich? — fragte Kira ihren Mann und verschränkte die Arme vor der Brust. — Ein Auto? Dann wohn eben darin.
Jegors Gesicht lief rot an.
— Du… du hältst mir das vor? — zischte er. — Ich tue das alles für uns! Und du… du bist eine Ratte, Kira. Eine ganz gewöhnliche graue Maus, die Angst hat, aus ihrem Loch herauszukommen.
Er drehte sich um und stürmte aus dem Zimmer, wobei er die Tür laut hinter sich zuschlug.
Kira blieb mitten in der Werkstatt stehen.
Sie sah auf ihre Hände, die mit Steinstaub bedeckt waren.
Diese Hände konnten Granit spalten.
Sollten sie wirklich nicht mit einem einzigen selbstverliebten Parasiten fertigwerden?
—
Eine Villa konnte man das kaum nennen, eher ein Denkmal der Gier.
Das alte Haus von Matwei Iljitsch, zugeklebt mit lächerlichen Anbauten, Türmchen und Veranden, erinnerte an eine Warze am Körper einer malerischen Siedlung.
Es roch hier nach altem Papier, Medikamenten und Holzlack.
Der Familienrat war vollzählig versammelt.
An einem langen Tisch, bedeckt mit einer Wachstuchdecke in Goldmuster, thronte Matwei Iljitsch höchstpersönlich — ein massiger Alter mit kleinen, unruhigen Augen.
Daneben saß Stas, Jegors jüngerer Bruder, lässig auf seinem Stuhl und stocherte mit einem Zahnstocher in den Zähnen.
Stas arbeitete nirgendwo und nannte sich selbst „freier Immobilienagent“.
Galina Petrowna, Jegors Mutter, hantierte geschäftig mit den Tellern und bemühte sich, den Blick nicht zu heben.
Sie war der einzige Mensch in dieser Familie, dem gegenüber Kira Wärme empfand.
Eine stille, von ihrem herrischen Schwiegervater und ihren frechen Söhnen eingeschüchterte Frau, die stets versuchte, Kira das beste Stück Kuchen zuzustecken.
— Na, Schwiegertochter, — krächzte der Großvater, ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten. — Jegorka meinte, du stellst dich quer. Das schickt sich nicht. Eine Familie ist ein einziger Organismus. Wohin sich der Kopf dreht, dahin gehen auch die Beine.
— Und ich bin dann wohl die Beine? — lächelte Kira spöttisch, ohne das Essen anzurühren.
— Du bist eine Ressource, — erklärte Stas frech und spuckte ein Stück Fleisch an den Rand seines Tellers. — Deine Bude ist gerade auf dem Höchstpreis. Wir haben einen Trottel gefunden, der bereit ist, mehr als den Marktpreis zu zahlen. Wir stoßen sie ab, das Geld kommt in den Gemeinschaftstopf, und dann starten wir das Bauprojekt des Jahrhunderts. Mein Projekt ist schon genehmigt.
— Welches Projekt, Stas? — Kira sprach ruhig. — Das, bei dem du vor zwei Jahren versprochen hast, eine Cottage-Siedlung zu bauen, und am Ende das Geld der Investoren beim Wetten verloren hast?
Im Zimmer breitete sich Schweigen aus.
Stas lief rot an, sein Hals schwoll an.
— Pass lieber auf, was du laberst, — knurrte er. — Das waren vorübergehende Schwierigkeiten. Jetzt läuft alles sauber.
— Kira, mein Kind, — begann Matwei Iljitsch honigsüß, — du verstehst nichts vom Geschäft. Risiko ist eine noble Sache. Deine Wohnung ist totes Kapital. Und wir bieten dir Zukunft. Wir machen eine Schenkung an mich, sozusagen um das Geschäft vor Betrügern zu schützen. Ich bin ein Mann der alten Schule, mich legt keiner rein. Und sobald das Haus gebaut ist, bekommst du sofort deinen Anteil. Mit so etwas wirft man nicht leichtfertig um sich.
Galina Petrowna ließ plötzlich eine Gabel fallen.
Das Klirren des Silbers erschien wie ein Donnerschlag.
— Matwei Iljitsch, vielleicht sollte man nicht… — begann sie leise. — Für Kira ist das die einzige Wohnung.
— Ruhe, du Huhn! — brüllte der Großvater und schlug mit der Faust auf den Tisch. — Deine Sache ist es, in der Küche herumzuwuseln. Misch dich nicht ein, wenn Männer Geschäfte machen.
Jegor saß daneben und schwieg.
Er goss sich nur Cognac nach und vermied es, seiner Frau in die Augen zu sehen.
Sein Schweigen war beredter als jedes Wort.
Er hatte sie bereits verraten.
Genau jetzt, in diesem Augenblick, verkaufte er sie für einen gespenstischen Traum vom Reichtum, für die Anerkennung seines Großvaters und seines Bruders.
Kira spürte, wie in ihr jenes Gefühl aufflammte.
Wut.
Sie wurde dicht, greifbar.
Sie sah sie alle ganz klar: Diese Menschen hatten nicht vor, irgendetwas zu bauen.
Sie brauchten Geld, um die Löcher in Stas’ Schulden zu stopfen und die Launen des Großvaters zu bezahlen.
Und sie wollten sie auf die Straße werfen wie eine benutzte Serviette.
— Ich werde keine Dokumente unterschreiben, — sagte Kira fest. — Und die Wohnung werde ich auch nicht verkaufen.
— Das werden wir ja noch sehen, — grinste Stas und zwinkerte Jegor zu. — Das Leben ist so eine Sache, Kira… gestreift. Heute bist du die Herrin, und morgen… kann alles passieren. Rohre brennen, Kabel geraten in Kurzschluss. Denk mal drüber nach.
Das war eine direkte Drohung.
Kira stand auf.
— Danke für das Abendessen, Galina Petrowna. Es war lecker, — sagte sie zu ihrer Schwiegermutter und ging hinaus, während sie auf dem Rücken die klebrigen, hasserfüllten Blicke der Männer spürte.
—
Ein riesiges Auftragsmosaik für die Eingangshalle einer Privatklinik nahm fast die ganze Wand des Hangars ein, den Kira für große Projekte gemietet hatte.
Es war kalt hier, doch diese Kälte machte den Kopf klar.
Methodisch legte sie Stücke grüner Smalte und formte so ein Farnblatt.
Die Tür quietschte auf.
Marina trat ein, Kiras Schulfreundin und Restauratorin von Glasfenstern.
Sie hatte kurze rote Haare und immer mit Farbe verschmierte Hände.
— Ich habe dir Kaffee mitgebracht, — Marina stellte den Becher auf den Tisch. — Du siehst aus, als würdest du gleich jemanden umbringen. Hat das mit Jegor zu tun?
— Sie wollen mir die Wohnung wegnehmen, Marin. Sie drohen mir, — Kira unterbrach ihre Arbeit nicht.
— Ich hab dir doch gesagt, dass er ein Schlappschwanz ist, — seufzte ihre Freundin. — Du musst ihn rauswerfen. Dich scheiden lassen.
— Eine Scheidung dauert lange. Sie werden nicht locker lassen. Sie brauchen das Geld jetzt sofort. Stas steckt offenbar wieder bis zum Hals drin, und Opa deckt ihn.
In diesem Moment flog die Tür erneut auf.
Auf der Schwelle stand Jegor.
Er sah zerzaust aus, seine Augen huschten nervös umher.
Hinter ihm tauchte Stas mit einem hämischen Grinsen auf.
— Oh, die kleine Freundin ist auch da, — spuckte Stas auf den Betonboden. — Hau ab, Rothaarige. Wir haben ein Familiengespräch.
Marina verschränkte die Arme vor der Brust.
— Ich bin auf meinem Territorium. Und was habt ihr hier verloren?
— Misch dich nicht ein, — Jegor trat auf Kira zu. — Kira, wir müssen reden. Friedlich. Du hast gestern auf der Datscha eine Szene gemacht, Opa aufgeregt. Sein Blutdruck ist hoch.
— Sein Blutdruck ist mir egal, — Kira nahm den Hammer zum Spalten von Stein in die Hand.
Er war schwer, mit kurzem Griff und einer scharfen Hartmetallspitze.
— Du verstehst nicht! — schrie Jegor plötzlich, und sein Gesicht verzerrte sich. — Du wirst diese Papiere unterschreiben! Wir fahren jetzt sofort zum Notar, Opa hat alles arrangiert. Du schuldest mir das! Ich habe meine besten Jahre an dich verschwendet! Ich habe deinen Staub ertragen, deine… diese schmutzige Arbeit! Ich verdiene ein besseres Leben!
— Du verdienst nichts außer einem Tritt, — antwortete Kira ruhig.
Stas ging auf sie zu und umrundete den Tisch von der anderen Seite.
— Hör mal, du Schaf, du hast es nicht kapiert, — zischte er. — Wir machen dich hier jetzt dicht, und keiner wird etwas erfahren. Sei lieber vernünftig. Oder wir zerschlagen deinen Schmierkram hier.
Er holte mit dem Fuß nach dem fertigen Mosaik aus, das daneben stand.
In diesem Moment schaltete sich in Kira etwas um.
Sie hatte keine Angst.
Sie trat Stas mit einer solchen Geschwindigkeit entgegen, dass er verdutzt stehen blieb.
— Fass es nur an, — sagte sie leise. — Und ich breche dir die Finger. Einen nach dem anderen. Wie Streichhölzer.
Kiras Blick war so furchteinflößend, dass Stas einen Schritt zurückwich.
Marina griff nach dem Brecheisen, das am Eingang lag.
— Jegor, nimm deinen degenerierten Bruder und verschwinde, — sagte Kira. — Sonst stehe ich für mich selbst nicht ein.
— Wir reden noch, — murmelte Jegor und wich zurück.
Sie gingen.
Aber Kira wusste: Das war nicht das Ende.
Sie hatten Widerstand gespürt und würden jetzt versuchen, noch härter zuzuschlagen.
—
Zwei Tage später rief Jegor an.
Seine Stimme war unnatürlich sanft.
— Kir, verzeih. Wir haben übertrieben. Ich war ein Idiot. Lass uns einfach hinfahren und uns das Grundstück ansehen. Wenn es dir nicht gefällt, ist das Thema beendet. Ich schwöre es. Tu Opa einfach den Gefallen, er ist ein alter Mann und will dir zeigen, was er sich ausgedacht hat.
Kira verstand, dass das eine Falle war.
Aber ewig davonlaufen konnte sie nicht.
Es war Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen.
Sie stimmte zu, steckte aber vor dem Aufbruch eine schwere, scharf geschliffene Glasscherbe, mit Isolierband umwickelt — ein Werkzeug zum Anpassen der Fugen — in die Jackentasche.
Rein instinktiv.
Sie fuhren schweigend.
Jegors Auto — derselbe gebrauchte Crossover, auf den er so stolz war, obwohl Kira die Hälfte des Preises bezahlt hatte — bog von der Straße auf einen aufgeweichten Feldweg ab.
Der Ort, den sie „Elite-Siedlung“ nannten, entpuppte sich als verlassenes Feld mit einigen unfertigen Fundamenten, die bereits mit Unkraut überwachsen waren.
Der Wind trieb Müll über die Baugruben, die mit schmutzigem Wasser gefüllt waren.
Dort wartete bereits Matwei Iljitschs Jeep auf sie.
Der Großvater stand, auf seinen Stock gestützt, daneben, und Stas rauchte.
— Hier! — breitete der Großvater die Arme weit aus, als Kira aus dem Auto stieg.
Der Schlamm schmatzte unter ihren Stiefeln.
— Weite! Luft! Hier wird das Familiennest entstehen.
— Hier ist ein Sumpf, — sagte Kira und sah auf das Wasser. — Und dieses Land ist, soweit ich heute Morgen auf der Katasterkarte gesehen habe, wegen der Schulden des Bauträgers beschlagnahmt.
Das Gesicht des Alten zuckte.
— Ganz schön schlau, was? — zischte er und wechselte den Ton. — Also gut. Die Papiere beim Notar sind schon vorbereitet. Du fährst jetzt mit uns hin und unterschreibst eine Generalvollmacht für den Verkauf der Wohnung. Und das Geld überweist du sofort auf mein Konto. Gleich jetzt, per App.
— Und wenn nicht? — Kira ließ die Hände in den Taschen.
— Und wenn nicht, — grinste Stas und holte einen Baseballschläger aus dem Kofferraum, — dann rutschst du hier eben aus. Ein einsamer Ort. Du fällst in eine Grube, schlägst mit dem Kopf auf. Ein Unglücksfall. Und Jegor erbt als gesetzlicher Ehemann ohnehin alles.
Jegor stand da und hatte den Kopf gesenkt.
— Jegor? — rief Kira ihn an. — Bist du damit einverstanden? Mich für Geld umzubringen?
— Nicht umbringen, sondern dir eine Lektion erteilen, — murmelte ihr Mann. — Unterschreib, Kira. Treib es nicht zur Sünde. Wir brauchen das Geld dringend. Stas wird von Inkassoleuten bedroht.
Die Angst war endgültig verschwunden.
Sie hatten sie hierhergebracht, in den Schlamm, um ihr mit dem Tod zu drohen.
Drei „Männer“ gegen eine Frau.
— Also Inkassoleute… — sagte Kira gedehnt. — Und ich dachte, du wärst einfach nur ein gieriges Schwein. Dabei bist du auch noch ein Feigling.
Sie drehte sich abrupt um und ging auf das Auto zu.
— Bleib stehen! — brüllte Stas und stürzte auf sie zu.
Kira drehte sich auf den Fersen um.
Jahre körperlicher Arbeit, des Schleppens von Säcken mit Zement und Steinen, hatten ihren Körper in eine gespannte Feder verwandelt.
Sie lief nicht weg.
Sie trat ihm entgegen.
Als Stas ausholte, duckte sie sich nur nach unten und rammte ihm die Schulter in den Solarplexus.
Der Stoß war so heftig, dass der „freie Agent“ aufstöhnte, sich zusammenkrümmte und den Schläger fallen ließ.
Der Großvater rang empört nach Luft.
— Was tust du da, du Miststück?!
Kira hob den Schläger auf.
— Rein ins Auto, sofort! — schrie sie Jegor an, so laut, dass Krähen aus den nahen Büschen aufflogen.
Es war ihr egal, wie sie aussah.
Sie war die Verkörperung von Zorn.
Sie schwang den Schläger und zerschlug den Scheinwerfer am Jeep des Großvaters.
Das Klirren des Glases kam ihr wie Musik vor.
— Noch einen Schritt, und ich zerlege eure Karren in Stücke! — schrie sie. — Ihr dachtet, ich hätte Angst? Ihr dachtet, ich würde weinen? Ihr seid Nullen!
Stas versuchte stöhnend, im Schlamm wieder aufzustehen.
Der Großvater wurde blass und wich zu seinem Wagen zurück.
Jegor stand da und zog den Kopf in die Schultern.
Er hatte seine Frau noch nie so gesehen.
Für ihn war sie immer die stille Künstlerin gewesen, die mit ihren Steinchen herumhantierte.
— Ans Steuer! — befahl Kira ihrem Mann und riss die Tür seines Autos auf. — Fahr mich in die Stadt. Wenn du auch nur piepst — bringe ich dich um.
Jegor setzte sich gehorsam hin.
Seine Hände zitterten.
—
Das Ende dieser Geschichte hätte anders aussehen sollen.
Sie hatten vorgehabt, ihren Sieg zu feiern, überzeugt davon, dass sie ihr Angst gemacht hatten.
Ein Tisch im Restaurant war bereits im Voraus reserviert worden — von dem Geld, das Jegor eine Woche zuvor aus Kiras Geldbörse gestohlen hatte.
Jegor brachte sie nicht nach Hause, sondern zu dem Restaurant und murmelte etwas davon, dass man sich „beruhigen und mit Mama reden müsse, sie wartet dort“.
Kira verstand: Sie hatten nicht aufgegeben.
Sie hatten einfach beschlossen, die Taktik zu ändern und über Galina Petrowna Druck auf sie auszuüben.
Im Saal spielte Live-Musik.
An einem runden Tisch saß Galina Petrowna, blass wie ein Laken.
Matwei Iljitsch und Stas (bereits in saubere Kleidung umgezogen, aber immer noch gekrümmt) waren ihnen gefolgt und saßen schon dort, während sie Wodka einschenkten.
Als Kira hereinkam, trug sie noch immer dieselbe Jacke, bespritzt mit Schlamm vom brachliegenden Gelände.
Ihr Haar war zerzaust.
Die Leute drehten sich nach ihr um.
Aber es war ihr egal.
— Setz dich, — brummte der Großvater. — Wir wollen keine Aufmerksamkeit erregen. Galja, sag es ihr.
Die Schwiegermutter hob die verweinten Augen zu Kira.
— Kirötschka… sie haben mich gezwungen, meine Datscha zu beleihen… Wenn du nicht hilfst, werfen sie auch mich hinaus…
Da war sie.
Die letzte Karte.
Erpressung durch Mitleid.
Jegor wurde mutiger, als er die Leute um sich herum sah.
— Kira, sei keine Schlampe. Hab Mitleid mit meiner Mutter. Unterschreib, und wir lassen dich in Ruhe.
In Kira riss etwas.
Der letzte Faden ihrer Geduld zerplatzte mit ohrenbetäubendem Klang.
Plötzlich lachte sie laut und furchteinflößend.
— Mitleid haben? — fragte sie nach.
Sie packte die Tischkante und zog mit Kraft daran, kippte den Tisch aber nicht um, sondern zog ihn abrupt heran und klemmte Jegors Bauch an der Tischkante ein.
— Du… Stück Dreck, — sagte sie laut.
Die Musik verstummte.
Die Stille im Saal wurde totenstill.
Jegor versuchte aufzustehen.
— Du bist krank! Sicherheit!
Kira ließ ihn nicht aufstehen.
Sie packte ihn an den Aufschlägen genau dieses kirschfarbenen Jacketts.
Der Stoff knackte.
— Du willst Geld? — schrie sie. — Du willst meine Wohnung?! Hast du dir überhaupt Socken selbst verdient, du Monster?!
Sie riss so heftig am Jackett, dass die Knöpfe wie Schrapnelle in alle Richtungen spritzten.
Das teure Futter riss auf.
Jegor quiekte und versuchte, sie wegzustoßen.
Sie krallte sich in sein Hemd und riss es bis zum Bauchnabel auf.
— Schaut euch diesen „Geschäftsmann“ an! — schrie Kira und schüttelte ihren Mann wie eine Puppe. — Er lebt auf meine Kosten! Er fährt ein Auto, das von meinem Geld gekauft wurde! Er wollte mich im Wald töten, nur für das Erbe!
Sie schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht.
Das Geräusch der Ohrfeige hallte unter den Gewölben des Restaurants wider.
Kein bloßes Klatschen, sondern ein schwerer, wuchtiger Schlag einer Arbeitshand.
Jegor fiel auf den Stuhl zurück und hielt schützend die Hände vors Gesicht.
— Straßenhure! — kreischte der Großvater und holte mit seinem Stock aus.
Kira fing den Stock mitten in der Bewegung ab.
Sie riss ihn dem Alten aus den Händen und zerbrach ihn mit einem Krachen über ihrem Knie.
Das Holz splitterte.
— Raus hier! — brüllte sie und ging mit den Stockhälften auf sie zu. — Ihr Ratten! Raus!
Als Matwei Iljitsch den Wahnsinn in ihren Augen und den zerbrochenen Stock sah, wurde er so blass, dass er einer Leiche glich.
Stas, der sich noch an den Schlag auf dem Brachland erinnerte, wich bereits zum Ausgang zurück und stieß dabei Stühle um.
— Wir gehen! — kreischte Stas. — Die ist irre! Die Bullen werden gerufen!
Sie stürzten zum Ausgang, stießen sich gegenseitig und kamen einander in die Quere.
Der große Patriarch und sein „Geschäftspartner“ flohen mit eingezogenem Schwanz und ließen Jegor ihrem Zorn überlassen.
Kira blieb über ihrem Mann stehen.
Er saß da in zerrissener Kleidung, mit einem roten Abdruck auf der Wange, winselnd und die Rotze verschmierend.
Sein ganzer Glanz war verschwunden.
Der Restaurantleiter trat an den Tisch, doch Kira stoppte ihn mit einer Handbewegung.
Dann wandte sie sich Galina Petrowna zu.
Diese sah ihre Schwiegertochter mit Schrecken und… Bewunderung an.
— Galina Petrowna, — sagte Kira schwer atmend. — Haben Sie in Ihrer Tasche den Ersatzschlüssel für die Datscha? Den, von dem Ihr Mann nichts weiß?
Die Schwiegermutter zog mit zitternder Hand einen Schlüsselbund hervor.
— Und die Fahrzeugpapiere, — fügte Kira hinzu und sah Jegor an. — Sie laufen auf meinen Namen. Die Schlüssel her. Sofort.
Jegor zog schluchzend die Schlüssel aus der Tasche seiner zerrissenen Hose.
— Und jetzt hör mir gut zu, — Kira beugte sich ganz nah zu seinem Gesicht hinunter. — Du stehst jetzt auf und gehst. Zu Fuß. Ohne Auto, ohne Geld, ohne mich. Wenn ich dich noch einmal sehe — begrabe ich dich. Ich gieße dich lebendig in Smalte ein. Hast du mich verstanden?
Jegor nickte, ohne den Blick zu heben.
Er hatte mit allem gerechnet — mit Tränen, Hysterie, Bitten.
Doch er war auf eine urtümliche Kraft gestoßen, auf die er nicht vorbereitet war.
Er war gebrochen.
Er kroch zum Ausgang und hielt seinen nackten Oberkörper mit den Lumpen seines Jacketts bedeckt, während einige Gäste ihn höhnisch auspfiffen.
Kira ließ sich auf einen Stuhl sinken.
— Galina Petrowna, — sagte sie ruhig und strich sich das Haar zurecht. — Packen Sie Ihre Sachen. Sie ziehen zu mir. Und Ihre Datscha verkaufen wir und kaufen Ihnen dafür ein kleines Haus auf dem Land, wo niemand Sie finden wird. Diesen Idioten werde ich die Adresse nicht sagen.
Galina Petrowna lächelte plötzlich.
— Und ich saß da, Kirötschka, nicht einfach nur so, — flüsterte sie und beugte sich über den Tisch. — Ich habe ihr Gespräch mit dem Diktiergerät aufgenommen. Über das Brachland, über die Drohungen und über Stas’ Steuerbetrügereien. Ich bin nämlich nicht dumm, ich hatte nur Angst. Aber jetzt… jetzt habe ich keine Angst mehr.
Kira sah ihre Schwiegermutter an und lachte.
Diesmal leicht und frei.
Der Bösewicht war nicht nur bestraft worden.
Er war durch seine eigene Nichtigkeit vernichtet worden, und sein Gefolge war auseinandergerannt, sobald man nur die Zähne zeigte.
— Kellner! — rief Kira laut. — Bringen Sie uns die Speisekarte. Wir feiern den Beginn eines neuen Lebens.



