Galina lieh ihrem Schwager das Auto für zwei Wochen.
Vier Monate vergingen, und sie verstand: Weder das Auto noch eine Entschuldigung würde kommen.

Aber sie hatte ein Ass im Ärmel, von dem niemand wusste.
Galina legte die Autoschlüssel auf den Tisch und schob sie Pavel zu.
Die Schlüssel glitten mit einem leisen Rascheln über die Wachstuchtischdecke und blieben neben seinem Ellbogen liegen.
— Bis zum Zahltag, Galja.
Höchstens zwei Wochen.
Ich muss zur Baustelle fahren, und mein Auto ist in der Werkstatt.
— Zwei Wochen, Pascha.
Nicht länger.
Er nickte, schnappte sich die Schlüssel und ging hinaus, ohne seinen Tee auszutrinken.
Die Tasse blieb auf dem Tisch stehen.
Galina stellte sie in die Spüle, spülte sie aus und stellte sie umgedreht auf das Handtuch.
Sie schaute aus dem Fenster.
Pavel stieg bereits in ihren silbernen Lada und stellte den Spiegel auf seine Größe ein.
Galinas Mann Kostja saß im Nebenzimmer und schwieg.
Er schwieg immer, wenn es um seinen Bruder ging.
— Bitte lass dir wenigstens eine Quittung geben, sagte Galina, als sie zurückkam.
— Was für eine Quittung, Galja?
Das ist doch Pascha.
Mein Bruder.
Sie wollte etwas erwidern.
Doch sie sah Kostja an, auf seinen gebeugten Rücken in dem ausgeleierten T-Shirt und darauf, wie er mit dem Daumen durch sein Handy scrollte, ohne den Kopf zu heben, und schwieg.
Mit Kostja über Pavel zu streiten, war sinnlos.
Das hatte sie in zwölf Jahren gelernt.
In der ersten Woche rief Pavel selbst an.
Er sagte, alles sei in Ordnung, er habe getankt und das Öl kontrolliert.
Galina hörte zu und nickte, obwohl er das natürlich nicht sehen konnte.
In der zweiten Woche wurden seine Anrufe seltener.
In der dritten Woche rief sie ihn selbst an.
— Pascha, wann gibst du das Auto zurück?
Ich muss mit Aljoscha zum Arzt.
— Galja, es ist so eine Sache.
Mein Gehalt hat sich verspätet.
Noch eine Woche, ja?
— Und was hat dein Gehalt mit dem Auto zu tun?
— Na ja, ich muss doch tanken und die Reifen wechseln.
Ich kann es doch nicht mit leerem Tank zurückgeben.
Sie stand am Küchenfenster und blickte auf den leeren Parkplatz im Hof.
Dort, wo normalerweise ihr Auto stand, parkte jetzt der Nachbar aus dem dritten Stock mit seinem schwarzen Renault.
Der Parkplatz war schon am zweiten Tag besetzt.
Galina bestellte ein Taxi zur Poliklinik.
Aljoscha saß auf dem Rücksitz und ließ die Beine baumeln, weil seine Füße den Boden nicht erreichten.
Er war sechs Jahre alt, und die Welt erschien ihm einfach.
Mama ruft, das Taxi kommt, der Arzt schaut sich den Hals an.
Galina dagegen rechnete.
Dreihundert Rubel hin.
Dreihundert zurück.
Zweimal pro Woche, weil Aljoscha Behandlungen verschrieben bekommen hatte.
Dazu die Lebensmittel, die sie früher aus dem Supermarkt außerhalb der Stadt mit dem Auto geholt hatte und die sie jetzt im Laden um die Ecke kaufte, zum doppelten Preis.
Ein Monat verging.
Pavel rief nicht an.
Galina rief ihn an, aber er drückte sie weg und schrieb: „Beschäftigt, ich rufe zurück.“
Er rief nicht zurück.
Kostja aß schweigend zu Abend.
Galina stellte ihm einen Teller mit Nudeln und einem Schnitzel hin und setzte sich ihm gegenüber.
— Ruf deinen Bruder an.
— Warum?
— Weil er seit einem Monat mit meinem Auto fährt.
— Mit unserem.
— Mit meinem, Kostja.
Ich habe es gekauft.
Mit meinem Geld.
Noch vor unserer Hochzeit.
Er hob den Blick.
Darin lag keine Wut.
Es war Müdigkeit, vertraut wie die Tapete in der Küche, die sie seit vier Jahren neu tapezieren wollten und es nie getan hatten.
— Galja, nun übertreib nicht.
Pascha wird es zurückgeben.
Wohin soll er denn damit?
— Wohin soll er damit?
Und wo ist er jetzt?
Er geht nicht ans Telefon.
— Vielleicht ist er auf der Baustelle.
Schlechter Empfang.
Galina stand auf und stellte ihren Teller in die Spüle.
Sie hatte keinen Appetit.
Sie ging auf den Balkon, holte ihr Handy heraus und rief ihre Schwiegermutter an.
— Sinaida Petrowna, guten Abend.
Haben Sie mit Pascha gesprochen?
— Ach, Galotschka, was ist passiert?
— Er hat vor einem Monat mein Auto genommen.
Bis zum Zahltag.
Und er gibt es nicht zurück.
— Nun, Galotschka, du kennst Pascha doch.
Er ist zerstreut.
Ich werde mit ihm sprechen.
Zerstreut.
Galina umklammerte das Balkongeländer so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden.
Pavel war zweiundvierzig Jahre alt.
Er war ein Meter fünfundachtzig groß, hatte Schultern wie ein Kleiderschrank und einen rötlichen Bart, den er sich im vergangenen Jahr wachsen lassen hatte und der ihn wie einen Holzfäller aus einer Werbung aussehen ließ.
Zerstreut.
Natürlich.
Sinaida Petrowna rief ihren Sohn an.
Pavel kam zu seiner Mutter, trank Tee und versprach, das Auto „in den nächsten Tagen“ zurückzugeben.
Galina erfuhr davon von ihrer Schwiegermutter, die sie anrief, um Bericht zu erstatten.
— Er sagte, in den nächsten Tagen, Galotschka.
Mach dir keine Sorgen.
— Danke, Sinaida Petrowna.
Galina legte auf und öffnete den Kalender auf ihrem Handy.
Sie markierte das Datum.
Den fünften Oktober.
Achtunddreißig Tage waren vergangen, seit Pavel die Schlüssel mitgenommen hatte.
Die nächsten Tage kamen nicht nach drei Tagen, nicht nach sieben und auch nicht nach vierzehn.
Anfang November sah Galina ihr Auto.
Zufällig.
Sie fuhr mit einem Kleinbus am Einkaufszentrum am Stadtrand vorbei und sah einen silbernen Lada mit dem Kennzeichen, das sie auswendig kannte.
Das Auto stand auf dem Parkplatz, und der linke Kotflügel war zerkratzt.
Ein langer weißer Streifen zog sich von der Stoßstange bis zur Tür.
Sie stieg an der nächsten Haltestelle aus.
Sie ging zu Fuß zum Parkplatz zurück, am Straßenrand entlang, durch den Schlamm.
November, und unter ihren Füßen war eine Mischung aus Blättern und Lehm.
Sie kam an.
Sie ging um das Auto herum.
Ein Kratzer am linken Kotflügel.
Eine kleine, aber deutlich sichtbare Delle an der hinteren Stoßstange.
Auf dem Rücksitz lag eine fremde Jacke.
Eine gelbe Damenjacke mit Kapuze.
Galina fotografierte alles.
Den Kratzer, die Delle, die Jacke und das Kennzeichen.
Ihre Hände zitterten nicht.
In ihrem Inneren war es still.
Keine Wut.
Etwas anderes, Dichtes und Kaltes, wie ein Stein in der Tasche im Winter.
Sie rief Pavel an.
Er ging beim vierten Klingeln ran.
— Oh, Galja, hallo.
— Pascha, ich stehe beim Einkaufszentrum.
Ich schaue gerade auf mein Auto.
Der Kotflügel ist zerkratzt, die Stoßstange ist eingedellt.
Stille.
Eine Sekunde, zwei, drei.
— Ach, das.
Das ist eine Kleinigkeit.
Jemand hat es auf dem Parkplatz angefahren, ich habe es zuerst nicht einmal bemerkt.
— Und wem gehört die Jacke auf dem Rücksitz?
— Welche Jacke?
— Die gelbe.
— Ach, die.
Ich habe eine Kollegin mitgenommen.
— Pascha.
Wann gibst du das Auto zurück?
— Galja, wirklich.
Nächste Woche.
Ehrlich.
Sie stritt nicht.
Sie drückte auf „Auflegen“.
Sie blieb noch eine Minute beim Auto stehen und ging dann zurück zur Haltestelle.
Der Kleinbus kam zwölf Minuten lang nicht.
Sie zählte.
Zu Hause erzählte sie Kostja davon.
Er hörte zu und blickte dabei auf den Fernseher.
— Kratzer, Stoßstange, irgendeine Jacke.
Er drehte sich nicht um.
— Na ja, passiert eben.
Auf Parkplätzen fährt ständig jemand irgendwo dagegen.
— Kostja.
— Was?
— Das ist mein Auto.
Mein Auto.
Nicht Paschas.
Und es steht völlig ramponiert beim Einkaufszentrum, mit fremden Sachen darin.
— Nicht völlig ramponiert, Galja.
Ein Kratzer und eine kleine Delle.
— Und wenn mein Bruder dir einen Monat lang deine Werkzeuge wegnehmen und sie mit Kratzern zurückbringen würde?
— Du hast keinen Bruder.
— Stell dir vor, du hättest einen.
Er zuckte mit den Schultern.
Galina ging in die Küche.
Sie stellte den Wasserkocher auf.
Der Wasserkocher rauschte, dann klickte er.
Sie goss kochendes Wasser in eine Tasse, legte den Teebeutel hinein, nahm ihn heraus und legte ihn wieder hinein.
Sie holte ihr Handy heraus und öffnete die Fotos.
Den Kratzer, die Delle, die Jacke.
Aljoscha kam barfuß in seinem Dinosaurier-Pyjama in die Küche gelaufen.
— Mama, fahren wir morgen mit dem Auto?
— Nein, mein Schatz.
Das Auto ist in der Werkstatt.
— Schon wieder?
— Schon wieder.
Er lief weg.
Galina trank ihren Tee aus und öffnete die Notizen auf ihrem Handy.
Sie schrieb: „Kratzer am linken Kotflügel.
Delle an der hinteren Stoßstange.
Fotos vom 7. November.
Anruf bei Pavel, Aufzeichnung vorhanden.“
Sie hatte bereits im September damit begonnen, Gespräche aufzuzeichnen.
Nicht absichtlich.
Es war einfach eine Gewohnheit, die von einem Konflikt mit einem Auftragnehmer bei der Arbeit geblieben war, als sie wegen fremder Aussagen beinahe ihre Prämie verloren hätte.
Dezember.
Das Auto war immer noch weg.
Pavel hörte auf, Anrufe anzunehmen.
Galina schrieb ihm über den Messenger: „Pascha, gib das Auto zurück oder lass uns die Sache klären.
Ich meine es ernst.“
Er las die Nachricht.
Er antwortete nicht.
Sinaida Petrowna rief selbst an.
— Galotschka, lass Pascha in Ruhe.
Er hat gerade eine schwierige Zeit.
— Sinaida Petrowna, er hat mein Auto.
— Nun, Galotschka, ihr seid doch eine Familie.
Man muss sich gegenseitig helfen.
— Vier Monate, Sinaida Petrowna.
— Ach, warum zählst du denn?
Kann man mit seinen Verwandten wirklich so umgehen?
Galina saß auf der Bettkante und hörte zu.
Hinter der Wand sah Aljoscha Zeichentrickfilme, und von dort drang die quiekende Stimme irgendeiner Figur herüber.
Kostja hatte Schicht.
— Sinaida Petrowna, ich werde nicht länger warten.
— Was meinst du damit?
— Ich möchte, dass Pavel das Auto zurückgibt.
Oder dass er die Reparatur und die Miete für die gesamte Zeit bezahlt.
— Welche Miete?
Galotschka, bist du verrückt?
Das ist doch Familie!
Galina legte auf.
Sie legte sich aufs Bett und vergrub das Gesicht im Kissen.
Das Kissen roch nach Waschmittel.
Aljoschas Zeichentrickfilm plärrte hinter der Wand.
Sie lag da und dachte nach.
Nicht über das Auto.
Über das Ferienhaus.
Das Ferienhaus gehörte ihrer Schwiegermutter.
Sechs Ar in Malinowka, vierzig Minuten von der Stadt mit der Regionalbahn entfernt.
Das Haus war aus Holz und alt, mit einer Veranda, die Kostja zwei Sommer hintereinander umgebaut hatte.
Apfelbäume, Himbeeren, ein Gewächshaus.
Sinaida Petrowna war schon lange nicht mehr dort gewesen.
Ihre Beine taten weh, ihr Rücken ebenfalls, und der Bus vom Bahnhof war holprig.
Alle nutzten das Ferienhaus.
Kostja und Galina brachten Aljoscha im Sommer dorthin.
Pavel kam mit Freunden zum Grillen und übernachtete manchmal dort.
Aber es gab ein Detail, das nicht jeder kannte.
Im Jahr zweitausendzweiundzwanzig hatte Sinaida Petrowna Galina um Hilfe bei der Eigentumsübertragung gebeten.
Bei ihrer Schwiegermutter hatten sich Schulden bei den Mitgliedsbeiträgen angesammelt.
Vier Jahre lang waren die Rechnungen nicht bezahlt worden.
Der Vorsitzende drohte mit einer Klage.
Galina bezahlte.
Sie gab siebenundvierzigtausend Rubel aus ihren Ersparnissen.
Und damals schlug ihre dankbare und verängstigte Schwiegermutter vor, das Ferienhaus auf sie zu überschreiben.
— Galotschka, lass es auf dich eintragen.
Ich kann es sowieso nicht mehr schaffen.
Und du bist so ordentlich und tüchtig.
Galina widersprach nicht.
Sie fuhr mit Sinaida Petrowna zum Notar.
Die Schenkungsurkunde wurde im März zweitausendzweiundzwanzig ausgestellt.
Galina ließ ihr Eigentumsrecht beim Rosreestr registrieren.
Alles war gesetzeskonform.
Alles war sauber.
Kostja wusste davon.
Pavel offenbar nicht.
Oder er wusste es, hatte dem Ganzen aber keine Bedeutung beigemessen.
Im Januar rief Galina Pavel von einer unbekannten Nummer aus an.
Er ging ran.
— Hallo?
— Pascha, hier ist Galina.
— Ach, Galja.
Hallo.
— Gib das Auto zurück.
— Galja, ich habe es doch gesagt.
Bald.
— Viereinhalb Monate, Pascha.
— Na ja, es ist so.
Ohne Auto geht es für mich gerade überhaupt nicht.
Die Baustelle ist weit weg.
— Und für mich ist es mit dem Kind im Kleinbus zu den Ärzten angenehm?
— Na ja, du kommst doch irgendwie zurecht.
Sie schloss die Augen.
Die Finger ihrer rechten Hand fanden die Naht ihrer Jeans und begannen, sie vor und zurück zu reiben.
Vor und zurück.
Vor und zurück.
— Pascha, ich gebe dir eine Woche.
Wenn das Auto in einer Woche nicht zurück ist, schließe ich das Ferienhaus ab.
— Welches Ferienhaus?
— Malinowka.
— Was hast du damit zu tun?
— Das Ferienhaus gehört mir, Pascha.
Stille.
Eine lange Stille.
Galina hörte auf seiner Seite ein Brummen.
Vielleicht eine Lüftung, vielleicht eine Heizung.
— Wie meinst du, es gehört dir?
— Ich weiß nicht, was sie dir erzählt hat.
Sinaida Petrowna hat es vor drei Jahren auf mich überschrieben.
Schenkungsurkunde, Rosreestr, alles offiziell.
— Das …
Warte.
Mutter hat mir nichts davon gesagt.
— Ich weiß nicht, was sie dir gesagt hat.
Das Ferienhaus gehört mir.
Und wenn ich in einer Woche das Auto nicht auf meinem Parkplatz sehe, werde ich die Schlösser austauschen.
— Galja, meinst du das ernst?
— Absolut.
Sie legte auf und legte das Handy mit dem Bildschirm nach unten auf den Tisch.
Ihre Hände fühlten sich an, als hätte sie zwei Stunden lang schwere Taschen getragen.
Pavel rief zwanzig Minuten später Kostja an.
Galina hörte das Gespräch aus dem Flur.
— Weißt du eigentlich, dass deine Frau mich bedroht?
— Womit?
— Sie will mir das Ferienhaus wegnehmen.
— Pascha, das Ferienhaus gehört tatsächlich ihr.
— Und du hast geschwiegen?
— Wann gibst du das Auto zurück?
— Was hat das Auto damit zu tun?
— Alles.
Kostja sprach ruhig.
Galina stand hinter der Tür und hörte jedes Wort.
Zum ersten Mal seit vier Monaten war Kostja nicht auf der Seite seines Bruders.
Oder er war es, zeigte es aber nicht mehr.
Das Gespräch war schnell beendet.
Kostja kam in den Flur und sah Galina an.
— Meinst du das mit dem Ferienhaus ernst?
— Und du meinst ernsthaft, dass ich noch ein halbes Jahr warten werde?
Er rieb sich den Hinterkopf.
Eine Gewohnheit aus seiner Kindheit.
Galina wusste, dass er das tat, wenn er keinen Ausweg wusste.
— Galja, er ist mein Bruder.
— Und ich bin deine Frau.
Und Aljoscha ist dein Sohn.
Wir sind seit vier Monaten ohne Auto.
Ich habe mehr als zwanzigtausend Rubel für Taxis und Kleinbusse ausgegeben.
Der Kotflügel ist zerkratzt, die Stoßstange ist eingedellt.
Er hat sich nicht einmal entschuldigt.
Kostja schwieg.
Dann nickte er.
Er ging ins Zimmer.
Sinaida Petrowna rief am nächsten Tag an.
Ihre Stimme war anders.
Nicht liebevoll, nicht versöhnlich.
— Galina, was erlaubst du dir?
— Guten Tag, Sinaida Petrowna.
— Ich habe dir das Ferienhaus geschenkt, und du erpresst meinen Sohn?
— Ich erpresse niemanden.
Ich verlange, dass er mein Eigentum zurückgibt.
— Das Auto?
— Das Auto.
— Dann sag es Pascha ordentlich, ohne Drohungen.
— Sinaida Petrowna, ich habe ordentlich mit ihm gesprochen.
Vier Monate lang.
Ich habe angerufen, geschrieben und ihn gebeten.
Er geht nicht ans Telefon.
— Na, dann ist er eben beschäftigt.
— Dann wird das Ferienhaus geschlossen.
— Ich nehme das Geschenk zurück!
— Eine Schenkung kann nicht einseitig widerrufen werden, Sinaida Petrowna.
Das ist das Gesetz.
Stille.
Galina hörte, wie ihre Schwiegermutter ins Telefon atmete.
Schwer, schnell.
— Du Schlange, Galina.
— Ich bin diejenige, die Ihre Schulden bezahlt und das Grundstück seit drei Jahren unterhält.
Einen schönen Abend.
Sie legte auf.
Ihre Hände zitterten nicht.
In ihrem Inneren war es leer, wie in einem Zimmer nach einem Umzug.
Nackte Wände, Staub auf dem Boden, Licht vom Fenster und sonst nichts.
Eine Woche verging.
Das Auto war nicht da.
Galina nahm sich einen Tag frei und fuhr nach Malinowka.
Erst mit der Regionalbahn, dann mit dem Bus und anschließend zu Fuß über die Straße am Wald entlang.
Die Luft im Januar war so dicht, dass es schien, als könne man sie schneiden.
Der Schnee knirschte unter ihren Schuhen, und dieses Geräusch war das einzige in der ganzen Straße.
Das Ferienhaus empfing sie mit Stille.
Das Gartentor war festgefroren, also musste sie daran ziehen.
Im Haus roch es nach kaltem Holz und alten Äpfeln, die Galina im Herbst in eine Kiste auf der Veranda gelegt hatte.
Die Äpfel waren angefroren und mit Raureif bedeckt.
Sie ging um das Haus herum.
Sie überprüfte die Fenster, die Türen und das Schloss am Schuppen.
Alles war an seinem Platz.
Auf der Veranda standen Paschas Gummistiefel, die er im Sommer zurückgelassen hatte.
Größe vierundvierzig.
Daneben eine leere Bierflasche und ein Sack mit Grillkohle.
Galina packte Paschas Sachen in einen Sack.
Die Stiefel, die Flasche, die Kohle und eine Mütze, die er an einem Nagel vergessen hatte.
Sie trug alles durch das Gartentor und stellte es am Zaun ab.
Sie rief einen Handwerker.
Er kam zwei Stunden später mit einer alten Gazelle.
Ein älterer Mann in einer wattierten Jacke, mit Restalkoholatem vom Vortag und Bohrern in den Taschen.
— Sollen die Schlösser ausgetauscht werden?
— Alle.
Das Gartentor, das Haus und der Schuppen.
— Das macht drei Stück.
— Wechseln Sie sie aus.
Er arbeitete vierzig Minuten lang.
Galina stand auf der Veranda, trank heißen Tee aus der Thermoskanne, die sie mitgebracht hatte, und sah die Apfelbäume an.
Die Äste waren kahl und schwarz und oben mit Schnee bedeckt.
Im Sommer würden sie weiß von Blüten sein.
Aljoscha würde zwischen ihnen herumlaufen und Fallobst sammeln.
Der Handwerker war fertig.
Er gab ihr drei neue Schlüssel.
Galina bezahlte ihn, begleitete ihn bis zum Gartentor und schloss hinter ihm ab.
Sie blieb stehen.
Still.
Nur irgendwo krächzte eine Krähe, und das Geräusch hing in der frostigen Luft wie eine Note, die niemand aufzulösen wusste.
Pavel kam am folgenden Wochenende.
Galina wusste es, weil er Kostja wütend anrief.
— Du hast die Schlösser ausgetauscht!
Ich komme nicht hinein!
— Pascha, das ist ihr Ferienhaus.
— Das ist Mamas Ferienhaus!
— Die Dokumente laufen auf Galina.
Du weißt das.
— Ich werde vor Gericht gehen!
— Dann geh.
Kostja erzählte das Gespräch am Abend.
Sie saßen in der Küche.
Aljoscha schlief bereits.
Auf dem Tisch standen zwei Tassen Tee und ein Teller mit Keksen, die Galina auf dem Heimweg von der Arbeit gekauft hatte.
— Wird er wirklich vor Gericht gehen?
— Nein, Galja.
Ein Anwalt kostet Geld.
Und Pascha hat kein Geld.
— Kein Geld, aber seit vier Monaten fährt er mit meinem Auto.
— Fünf.
— Was?
— Es sind schon fünf Monate.
Galina rechnete nach.
August, September, Oktober, November, Dezember, Januar.
Kostja hatte recht.
Fast fünf.
— Und was schlägst du vor?
— Nichts.
Du hast alles richtig gemacht.
Sie sah ihn an.
Er wich ihrem Blick nicht aus.
Das war ungewohnt.
Zwölf Jahre lang hatte Kostja den Blick gesenkt, wenn es um seinen Bruder ging.
Er hatte sich krumm gemacht, war ins Handy geflüchtet und hatte gemurmelt: „Wir werden das klären.“
Doch jetzt saß er aufrecht da und sah sie an.
— Kostja.
— Was?
— Danke.
Er nickte und griff nach einem Keks.
Drei Tage später brachte Pavel das Auto zurück.
Er rief nicht an und kündigte es nicht an.
Galina trat morgens auf den Balkon, und der silberne Lada stand auf seinem Platz.
Als wäre er nie weggefahren.
Sie zog sich an und ging hinunter.
Sie ging um das Auto herum.
Der Kratzer am Kotflügel war überlackiert worden, schief.
Man sah, dass er es nicht in einer Werkstatt, sondern selbst mit einer Sprühdose gemacht hatte.
Die Stoßstange war ausgebeult worden, aber die Spur war geblieben.
Innen war alles sauber.
Die Jacke war weg.
Auf dem Armaturenbrett lag ein Zettel, aus einem Notizblock gerissen:
„Galja, entschuldige.
Pavel.“
Ohne Punkt, ohne Komma nach „Galja“.
Zwei Wörter und ein Name.
Sie setzte sich ans Steuer.
Sie stellte den Spiegel wieder so ein, wie er vor Pavel gewesen war.
Sie drehte den Schlüssel.
Der Motor sprang beim ersten Versuch an.
Der Tank war zu einem Viertel voll.
Galina saß etwa fünf Minuten im Auto und fuhr nirgendwohin.
Sie saß einfach da.
Die Hände am Lenkrad.
Das Lenkrad war kalt.
Januar.
Das Auto hatte die ganze Nacht draußen gestanden.
Sie umschloss das Lenkrad fester und lockerte dann ihren Griff.
Sie schaltete die Heizung ein.
Warme Luft strömte aus den Düsen, und die Scheiben begannen aufzutauen.
Das Geräusch des Motors war vertraut und gleichmäßig wie ein Puls.
Ihr Puls.
Am Abend rief Sinaida Petrowna an.
Ihre Stimme war leise und vorsichtig.
— Galotschka, hat Pascha das Auto zurückgebracht?
— Ja.
— Na also.
Und du hast dir Sorgen gemacht.
— Sinaida Petrowna.
— Was?
— Das Ferienhaus werde ich nicht zurückgeben.
Schweigen.
— Aber Pascha hat das Auto doch zurückgebracht.
— Das Ferienhaus ist auf meinen Namen eingetragen.
Ich bezahle die Beiträge, kümmere mich um das Grundstück und habe die Schlösser ausgetauscht.
Wenn Sie kommen möchten, rufen Sie vorher an.
Dann gebe ich Ihnen einen Schlüssel.
— Das heißt … ich muss dich anrufen?
Für mein eigenes Ferienhaus?
— Für mein Ferienhaus, Sinaida Petrowna.
— Galina …
— Gute Nacht.
Sie legte auf.
Kostja stand in der Küchentür und hatte alles gehört.
— Das war hart, Galja.
— Und fünf Monate ohne Auto mit einem Kind waren weich?
Er antwortete nicht.
Er ging vorbei, in die Küche, schenkte sich Wasser ein und trank es.
Dann stellte er das Glas auf den Tisch.
— Mutter wird beleidigt sein.
— Dann soll sie beleidigt sein.
— Pascha auch.
— Soll er.
Galina holte die drei Schlüssel zum Ferienhaus aus ihrer Tasche.
Sie legte sie auf das Regal im Flur, neben Aljoschas Handschuhe und ihre Fahrkarte.
Die Schlüssel lagen ordentlich da, silbern und neu, mit den Anhängern des Handwerkers.
Kostja sah sie an.
— Gibst du mir einen?
— Natürlich.
Du bist mein Mann.
Sie lächelte.
Zum ersten Mal seit fünf Monaten.
Und es war nicht das Lächeln, das man zeigt, um jemanden zu beruhigen.
Es war ein anderes.
Eines, das erscheint, wenn etwas wieder an seinen Platz fällt.
Februar.
Galina fuhr Aljoscha von der Poliklinik nach Hause.
Mit ihrem eigenen Auto, eingeschalteter Heizung und dem Radio, das irgendetwas über das Wetter erzählte.
Aljoscha saß auf dem Rücksitz und malte mit dem Finger auf die beschlagene Scheibe.
— Mama, fahren wir im Sommer zum Ferienhaus?
— Ja.
— Und Onkel Pascha?
— Ich weiß es nicht, mein Schatz.
— Ist er gut?
Galina sah in den Rückspiegel.
Aljoscha sah sie an und wartete auf eine Antwort.
Graue Augen, wie Kostjas.
— Er ist kompliziert, Aljoscha.
— Was bedeutet das?
— Es bedeutet, dass ein Mensch nicht schlecht ist, aber Dinge tut, die es anderen schwer machen.
Und er merkt es nicht.
Aljoscha dachte nach.
— Wie Wiktor aus dem Kindergarten?
— Vielleicht.
Er widmete sich wieder seiner Zeichnung auf der Scheibe.
Er malte ein Haus, einen Baum und etwas Rundes.
— Das ist ein Apfelbaum, Mama.
— Ich sehe es.
Galina fuhr weiter und dachte daran, dass die Apfelbäume in Malinowka im Mai blühen würden.
Dass sie auch am Gewächshaus neue Schlösser anbringen würde, weil Pavel dort einige seiner Angelruten aufbewahrte.
Dass Aljoscha barfuß über das Grundstück laufen würde und das Gras vom Morgentau nass wäre.
Und dass er vor Kälte und Glück kreischen würde.
Ob Pavel kommen würde oder nicht, war seine Entscheidung.
Ihre hatte sie bereits getroffen.
Das Auto fuhr gleichmäßig.
Draußen fiel Schnee, selten und träge.
Die Scheibenwischer strichen ihn in gleichmäßigen Bewegungen von der Scheibe.
Hin und her.
Hin und her.
Auf dem Parkplatz vor dem Haus stellte Galina den Motor ab.
Sie saß noch eine Minute da.
Sie legte ihre Hände auf das vom Heizungsluft warme Lenkrad.
Das war alles.



