— Meine Schwester braucht eine prachtvolle Hochzeit, sie heiratet nur einmal!

Und die Hypothek nehmen wir später auf, du wartest eben noch ein Jahr in dieser gemieteten Bruchbude!

— Wo sind die zwei Millionen geblieben?

Natalja schrie nicht.

Ihre Stimme war versagt und hatte sich in ein trockenes, die Kehle kratzendes Flüstern verwandelt, während sie auf den Bildschirm ihres Smartphones starrte.

Die Zahl „0,00“ auf dem Sparkonto leuchtete unnatürlich hell und brannte sich in ihre Augen.

Sergej, der in ausgeleiertem Haus-T-Shirt am Küchentisch saß, verschluckte sich nicht einmal an seinem Tee.

Langsam biss er ein Stück von seinem Brot mit billiger Wurst ab, kaute gründlich und hob erst dann den schweren, herausfordernden Blick zu seiner Frau.

In der Küche roch es nach feuchtem Putz und nach jener speziellen Moderigkeit, mit der sich Dinge in Erdgeschosswohnungen mit schlechter Belüftung vollsaugen.

— Ich habe sie Ira überwiesen, — antwortete er ruhig, als würde er mitteilen, dass er Brot gekauft habe.

— Sie musste die Anzahlung für das Restaurant „Versailles“ leisten und den Hochzeitskorso bestellen.

Du weißt doch, da gibt es Wartelisten für ein halbes Jahr im Voraus, wir haben uns gerade noch irgendwie dazwischenschieben können.

Natalja spürte, wie der kalte, klebrige Boden unter ihren Füßen schwankte.

Sie stützte sich mit der Hand an der Wand ab, und ihre Finger ertasteten sofort eine feuchte, sich ablösende Stelle der Tapete.

Genau die Stelle, die sie im letzten Monat mit Klebeband geflickt hatten, weil der Vermieter sich geweigert hatte, etwas zu reparieren.

— Du hast… alles überwiesen?

— fragte sie nach und spürte, wie in ihrer Brust ein eisiger Klumpen wuchs.

— Serjoscha, das war die Anzahlung.

Fünf Jahre.

Fünf Jahre lang sind wir nicht ans Meer gefahren.

Ich laufe in Winterstiefeln herum, deren Sohlen auseinanderfallen, und klebe sie mit Sekundenkleber zusammen.

Wir haben leere Nudeln gefressen, damit wir in diesem Frühjahr eine Hypothek aufnehmen können.

Sergej stellte die Tasse mit einem Krachen auf den Tisch.

Der Tee schwappte auf die Wachstuchtischdecke, aber er griff nicht einmal nach einem Lappen.

— Hör auf zu jammern!

— brüllte er, und sein Gesicht lief augenblicklich vor Bosheit rot an.

— Schon wieder fängst du mit deiner Leier an.

— Begreifst du überhaupt, was du getan hast?!

— Meine Schwester braucht eine prachtvolle Hochzeit, sie heiratet nur einmal!

Und die Hypothek nehmen wir später auf, du wartest eben noch ein Jahr in dieser gemieteten Bruchbude!

Ich habe das ganze Geld abgehoben und ihr für das Restaurant und die Limousine gegeben!

Du solltest dich für Iröckchen freuen und nicht Pfennige zählen, du geldgeile Giftschlange!

— Noch ein Jahr warten?

— Natalja deutete mit der Hand auf die Küche.

In der Ecke unter der Decke breitete sich schwarz ein verzweigtes Schimmelgeflecht aus, das sie jedes Wochenende vergeblich mit Chlor bekämpften.

— Serjoscha, du hustest morgens.

Meine Allergie geht seit November nicht weg.

Wir leben in einer Gruft!

Wofür?

Dafür, dass Ira vier Stunden in einer Limousine herumfährt?

— Ich habe gesagt: Du sollst dich für Iröckchen freuen und nicht Pfennige zählen, du geldgeile Giftschlange!

— schrie ihr Mann auf und sprang vom Stuhl auf.

Der Stuhl schrammte mit ekelhaftem Kratzen über das abgewetzte Linoleum.

— Ein Mensch erlebt sein Glück!

Sie hat seit ihrer Kindheit davon geträumt, eine Prinzessin zu sein!

Und du denkst nur an deinen eigenen Komfort.

„Zu feucht für sie“, „zu viel Schimmel für sie“!

Die Leute leben in Baracken und beschweren sich nicht, aber diese Dame will sofort ein Schloss.

Natalja sah ihren Mann an und erkannte ihn nicht wieder.

Der Mensch, mit dem sie Kopeke für Kopeke Prämie zu Prämie gelegt hatte, mit dem sie auf Bauträgerseiten Grundrisse ausgesucht hatte, stand jetzt vor ihr mit verzerrtem Gesicht und verteidigte ein fremdes Fest um den Preis ihrer Zukunft.

— Das war auch mein Geld, — sagte sie leise und sah ihm direkt in die Augen.

— Die Hälfte dieser Summe ist mein Gehalt, meine Nebenjobs, meine nicht gekauften Medikamente.

Du hattest kein Recht, es anzurühren.

Gib es zurück.

Soll Ira einen Kredit aufnehmen, soll ihr Verlobter zahlen.

Warum wir?

Sergej trat dicht an sie heran.

Er roch nach altem Schweiß und nach eben diesem billigen Tee.

Er beugte sich über sie und drängte sie mit seiner bloßen Anwesenheit in die verrottende Ecke der Küche.

— Weil ihr Verlobter ein vielversprechender Kerl ist, aber im Moment vorübergehende Schwierigkeiten hat, — presste Sergej durch die Zähne.

— Und wir sind als Familie verpflichtet zu helfen.

Und ich werde nichts zurückholen.

Das Geld ist schon beim Veranstalter.

Alles.

Punkt.

Wenn du jetzt nicht sofort ein normales Gesicht machst und mit deiner Hysterie aufhörst, setze ich dich vor die Tür zum Durchlüften.

Missgünstige Kröte.

Es frisst dich einfach auf, dass Irka jung und schön ist und ein Fest haben wird, das du nie hattest.

Er steckte die Hand in die Tasche seiner Shorts, zog einen zerknitterten Umschlag aus dichtem perlmuttfarbenem Papier mit Goldprägung heraus und warf ihn Natalja ins Gesicht.

Die Ecke des Umschlags kratzte schmerzhaft über ihre Wange.

— Hier, schau ihn dir an.

Die Einladung.

Und merk dir: Wir gehen dahin als Ehrengäste.

Und du kaufst von deinem nächsten Gehalt ein ordentliches Geschenk.

Eine Mikrowelle oder eine Kaffeemaschine, eine gute, nicht so billigen Plastikschrott.

Wir dürfen uns vor den neuen Verwandten nicht blamieren.

Natalja stand reglos da, während der Umschlag langsam auf den schmutzigen Boden segelte, direkt in eine Pfütze aus verschüttetem Tee.

Das Perlmutt begann sofort dunkler zu werden und die braune Brühe aufzusaugen.

— Ich werde nirgendwo hingehen, — sagte sie.

— Doch, — Sergej packte sie an der Schulter und drückte seine Finger so fest hinein, dass blaue Flecken entstehen würden.

— Du gehst hin, wirst lächeln und Trinksprüche ausbringen.

Sonst verschwinde sofort aus dieser Wohnung.

Ich bezahle in diesem Monat die Miete, also bestimme ich hier die Bedingungen.

Hast du mich verstanden?

Er stieß sie zur Spüle, die voller schmutzigem Geschirr war, drehte sich um und verließ die Küche mit laut schlurfenden Pantoffeln.

Eine Sekunde später drangen aus dem Zimmer Fernsehgeräusche — er hatte Fußball eingeschaltet, als wäre überhaupt nichts passiert.

Natalja blieb stehen und hörte, wie aus dem Wasserhahn monoton und hoffnungslos das Wasser tropfte: plopp, plopp, plopp.

Jeder Tropfen zählte die Sekunden ihres zusammengebrochenen Lebens, das nun genau einen einzigen Tag fremden Besäufnisses wert war.

Und auf dem Boden, in der Teepfütze, verschwammen die goldenen Buchstaben: „Wir laden zum Fest der Liebe ein.“

Am nächsten Abend stürmte das Fest in ihre modrige, von Feuchtigkeit durchtränkte Wohnung.

Genauer gesagt, es klingelte fordernd und beharrlich an der Tür — drei kurze, ein langer Ton.

Es war Ira.

Mit ihr trat eine Wolke aus schwerem, süßem Parfüm über die Schwelle, die augenblicklich eine chemische Reaktion mit dem Schimmelgeruch einging und eine widerwärtige Mischung erzeugte.

Die Schwester ihres Mannes sah aus, als sei sie gerade den Seiten eines Hochglanzmagazins entstiegen, das zufällig in eine schmutzige Pfütze gefallen war.

Ein beiger Trenchcoat, perfekt gelegte Locken, frische Maniküre.

Sie verzog angeekelt das Näschen, als sie über das aufgequollene Linoleum im Flur stieg, und dachte nicht einmal daran, die Schuhe auszuziehen.

— Pfui, Serjoschka, was habt ihr hier für eine Atmosphäre, — zog sie anstelle einer Begrüßung heraus und küsste ihren Bruder auf die Wange.

Auf Natalja glitt ihr Blick wie über ein Möbelstück, das man vergessen hatte, auf den Müll zu werfen.

— Ihr hättet wenigstens mal lüften können.

Hier ist es ja wie im Keller, ehrlich.

— Das ist nur vorübergehend, Irisch, du weißt doch, wir sind hier nicht mehr lange, — beeilte sich Sergej zu sagen und strahlte mit einem Lächeln, das Natalja seit mindestens drei Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Er schoss in die Küche, um einen Hocker zu holen, denn auf das alte Sofa mit den Flecken würde sich die „Prinzessin“ offensichtlich nicht setzen.

— Komm rein, komm rein, willst du Tee?

Natascha, stell den Wasserkocher an!

Und hol die Kekse raus, diese Jubiläumsdinger, die ich gestern gekauft habe.

Natalja drückte schweigend auf den Knopf des Wasserkochers.

Ihre Hände zitterten.

Sie wollte schreien, diese geschniegelt wirkende Puppe eigenhändig hinauswerfen, aber ihr Körper schien wie gelähmt.

Sie fühlte sich wie ein Gespenst im eigenen Haus.

Ira setzte sich auf die äußerste Kante des Hockers und achtete darauf, dass die Säume ihres teuren Mantels den Boden nicht berührten.

Sie schüttete einen Haufen Hochglanzkataloge, Speisekarten und Stoffmuster auf den Küchentisch und schob Nataljas Tasse mit dem halbleeren Kaffee rücksichtslos zur Seite.

— Schau mal, Serjosch, — zwitscherte sie und ignorierte die Hausherrin.

— Der Dekorateur schlägt vor, den Saal in Pudertönen zu gestalten.

Das ist gerade Trend.

Aber frische Pfingstrosen außerhalb der Saison kosten ein Vermögen!

Gut, dass du das Geld überwiesen hast, sonst hätten wir diese schrecklichen künstlichen Rosen nehmen müssen.

Kannst du dir vorstellen, was das für eine Blamage gewesen wäre?

— Für dich nur das Beste, Schwesterchen, — antwortete Sergej stolz und sah sie voller Bewunderung an.

— Du bist bei uns eine auffallende Braut, da sollen sich alle vor Neid die Ellbogen zerbeißen.

Natalja stellte ihrer Schwägerin eine Tasse Tee hin.

Ira betrachtete angewidert den dunklen Rand aus eingebranntem Belag in der Tasse, der sich mit keiner Chemie mehr entfernen ließ, und schob sie mit der Spitze ihres gepflegten Nagels weg.

— Übrigens, was das Geschenk angeht, — Ira hob den Blick zu Natalja, und in diesem Blick lag die kalte Berechnung eines Inkassoeintreibers.

— Mama und ich haben uns beraten und entschieden, dass Bettwäsche oder Services das letzte Jahrhundert sind.

Ich brauche eine ordentliche Kaffeemaschine.

Eine Einbaukaffeemaschine.

Ich habe dir das Modell im Messenger geschickt, Serjosch.

Die kostet ungefähr achtzigtausend.

Natalja verschluckte sich fast an der Luft.

Achtzigtausend.

Das war mehr als ihr Monatsgehalt selbst mit allen Überstunden zusammen.

— Ira, bist du verrückt geworden?

— Nataljas Stimme klang heiser, aber fest.

— Wir haben dir zwei Millionen gegeben.

Zwei!

Wir sind ohne einen einzigen Kopeken geblieben.

Was für eine Kaffeemaschine?

Ira hob erstaunt die Augenbrauen, als hätte plötzlich ein sprechender Hund zu ihr gesprochen.

Langsam wandte sie den Blick zu ihrem Bruder.

— Serjoscha, warum spricht deine Frau in diesem Ton mit mir?

Ich heirate.

Das ist ein Ereignis!

Habe ich denn kein ordentliches Geschenk von meinem eigenen Bruder verdient?

Oder wollt ihr mit einem leeren Umschlag kommen, in dem dreitausend liegen?

Damit ich mich vor den Gästen meines Bräutigams blamiere?

Sergej lief rot an.

Seine Kiefermuskeln spielten.

Ruckartig drehte er sich zu seiner Frau um.

— Halt den Mund, — zischte er.

— Fängst du schon wieder an?

Wir haben vereinbart: keine Hysterie.

— Wir haben überhaupt nichts vereinbart!

— Natalja spürte, wie in ihr die Wut hochkochte.

— Du hast mich einfach vor vollendete Tatsachen gestellt!

Serjoscha, komm zu dir!

Wir haben noch Schulden bei den Nebenkosten, bald reicht mir das Geld nicht mal mehr für den Fahrweg zur Arbeit, und sie verlangt eine Kaffeemaschine zum Preis eines Flugzeugflügels?

Dann soll ihr „vielversprechender“ Bräutigam ihr eben die Technik kaufen!

— Wage es nicht, meinen Verlobten anzurühren!

— kreischte Ira und sprang auf.

Die Kataloge flogen auf den Boden.

— Du bist einfach eine missgünstige Versagerin!

Du sitzt in deinem Schimmel und erstickst an deiner Wut, dass bei mir alles schön sein wird und bei dir — gar nichts!

Serjoscha, tu doch irgendetwas!

Sie verdirbt mir vor der Hochzeit die Stimmung, mein Blutdruck schießt gleich hoch!

Sergej packte Natalja am Ellbogen und riss sie mit Gewalt zu sich, sodass sie ihm den Rücken zu seiner Schwester zudrehte.

Seine Augen waren weiß vor Raserei.

— Hör mir gut zu, — flüsterte er ihr direkt ins Gesicht und spuckte dabei.

— In drei Tagen bekommst du den Vorschuss und die Prämie.

Du gehst los und kaufst diese verdammte Kaffeemaschine.

Auf Kredit, in Raten, leih es dir — ist mir egal.

Aber wenn Ira auf der Hochzeit wegen deines Geschenks traurig ist, fliegst du schneller hier raus als ein Korken aus einer Sektflasche.

Ich lasse nicht zu, dass du mich vor meiner Familie blamierst.

— Du schmeißt mich wegen einer Kaffeemaschine raus?

— fragte Natalja und sah diesen fremden, verschwitzten Menschen an, den sie einmal geliebt hatte.

— Ich schmeiße dich wegen deines verdorbenen Charakters raus, — schnitt Sergej ihr das Wort ab.

— Alles, das Gespräch ist beendet.

Ira, beruhige dich, Aufregung ist nicht gut für dich.

Alles wird so sein, wie du es willst.

Natascha ist nur müde, sie hat nicht nachgedacht.

Er drehte sich zu seiner Schwester um und wechselte augenblicklich von der Maske der Wut zu einer fürsorglichen Grimasse.

— Setz dich, Irischka, der Tee wird kalt.

Erzähl vom Kuchen.

Wird er mehrstöckig?

Natalja stand an der Spüle und spürte, wie der blaue Fleck an ihrem Arm pochte, dort, wo ihr Mann sie gepackt hatte.

Hinter ihrem Rücken begann Ira, beruhigt und zufrieden über ihren Sieg, wieder zu zwitschern und mit dem Finger auf Bilder zu tippen.

— Natürlich, drei Etagen, mit Fondant!

Und oben Figuren, ich habe Porträtfiguren bestellt, sehr teuer, aber das ist doch eine Erinnerung fürs ganze Leben…

Und die Kaffeemaschine nimm besser in Silber, die passt zur Küche.

Natalja sah auf das Wasser, das in den schmutzigen Abfluss lief.

Es schien ihr, als würde mit diesem Wasser der letzte Rest ihrer Selbstachtung in die Kanalisation gespült.

Aber tief in ihr, unter den Schichten aus Kränkung und Angst, begann sich ein kalter, schwerer Klumpen zu formen.

Er war noch nicht reif zur Explosion, doch der Mechanismus hatte bereits zu ticken begonnen.

Zwei Tage vor dem „Ereignis des Jahrhunderts“ gehörte die Wohnung endgültig nicht mehr ihnen.

Als Natalja am Abend, nach einer Zwölfstundenschicht vor Erschöpfung kaum noch die Beine hinter sich herziehend, den Schlüssel ins Schloss steckte, konnte sie die Tür nicht ganz öffnen.

Etwas Weiches, Voluminöses und Raschelndes versperrte den Weg.

Irgendwie zwängte sie sich durch den schmalen Spalt und blieb wie angewurzelt stehen.

Mitten in ihrem einzigen Zimmer, vom Türrahmen an einem eigens eingeschlagenen Nagel hängend, hing Es.

Das Hochzeitskleid.

Groß, bauschig, in einen dichten, undurchsichtigen weißen Kleidersack gehüllt, erinnerte es an einen gigantischen Kokon eines fremden Wesens, das beschlossen hatte, ihre Wohnung zu erobern.

Das Gebilde nahm gut die Hälfte des freien Raums ein, versperrte den Weg zum Sofa und nahm dem Fenster das Licht.

Sergej lief auf Zehenspitzen um diesen weißen Eisberg herum wie ein Priester um eine Gottheit.

In der Hand hielt er eine Sprühflasche mit Wasser, aber er sprühte nicht auf das Kleid, sondern in die Luft ringsherum, um den Staub niederzuschlagen.

— Vorsicht!

— zischte er wie eine Schlange, kaum dass Natalja einen Schritt tiefer ins Zimmer machte.

— Lehn dich nicht daran!

Du bist in Straßenkleidung, an dir sind Mikroben und der Dreck der Stadt.

Ira hat gebeten, das Kleid bei uns zwischenzulagern.

Bei ihnen zu Hause herrscht Chaos, Gäste sind angekommen, rauchen auf dem Balkon, und der Stoff nimmt Gerüche sofort auf.

Das ist italienische Spitze, Natascha, die ist so viel wert wie deine Niere.

Natalja stellte die schwere Tasche auf den Boden.

Drinnen klirrten billige Nudeln gegeneinander.

Sie sah ihren Mann an, dann diesen weißen Sarg, der nun Herr im eigenen Haus war.

— Serjoscha, machst du Witze?

— fragte sie leise.

— Bei uns liegt die Luftfeuchtigkeit bei achtzig Prozent.

Der Pilz kriecht schon über die Fußleisten.

Wenn diese Spitze bis morgen früh schimmelt, bin dann ich schuld?

— Beschrei es nicht!

— fuhr ihr Mann sie an und strich liebevoll über die Plastikseite des Kleidersacks.

— Ich habe an alles gedacht.

Fenster nicht öffnen — damit kein Rauch von der Straße reinkommt.

Wäsche nicht auf dem Balkon trocknen — damit die Luftfeuchtigkeit nicht steigt.

Und übrigens, was das Abendessen betrifft.

Heute kochen wir nicht.

Natalja öffnete langsam ihre Jacke.

Ihr Magen zog sich vor Hunger zusammen.

Seit dem Mittag hatte sie nichts gegessen und sich die Kantine verkniffen, um wenigstens etwas für diese verfluchte Kaffeemaschine zurückzulegen.

— Was heißt hier — wir kochen nicht?

— fragte sie nach und ging in die Küche.

— Ich habe Hunger.

Ich habe Fisch gekauft, Seelachs im Sonderangebot.

Ich werde den Fisch braten und essen.

Sergej stand sofort in der Küchentür.

Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Mischung aus Entsetzen und Wut.

— Bist du völlig bescheuert?

— schrie er im Flüsterton, um offenbar das Kleid nicht zu erschrecken.

— Was für ein Fisch?!

Hast du eine Ahnung, was für ein Gestank hier stehen wird?

Der Stoff zieht den Geruch von gebratenem Öl und deinem billigen Fisch in sich hinein!

Ich verbiete dir, den Herd anzumachen.

Natalja holte schweigend das Paket mit dem aufgetauten Fisch aus der Tasche.

Der glitschige, kalte Fischkörper klatschte auf das Schneidebrett.

Der Geruch von rohem Fisch stieg sofort in die Nase und mischte sich mit dem Aroma der Feuchtigkeit.

— Ich will essen, Serjoscha, — sagte sie monoton und holte die Pfanne heraus.

— Ich habe den ganzen Tag gearbeitet, um deiner Schwester ein Geschenk zu kaufen.

Ich habe das Recht, in meinem eigenen Zuhause zu Abend zu essen.

Wenn deiner Iröckchen ihr Kleid so teuer ist, soll sie es in einem Bankschließfach oder in einer Luxussuite lagern und nicht in unserer verschimmelten Höhle.

— Du Miststück… — stieß Sergej hervor.

— Du machst das absichtlich.

Du tust das aus Bosheit.

Du willst nur alles ruinieren, weil dich der Neid zerfrisst!

Er sprang zum Herd und riss ihr die Pfanne aus der Hand.

Das Gusseisen krachte gegen die Spüle und hätte beinahe die Emaille abgesprengt.

— Friss trockenes Zeug!

— schrie er nun ohne jede Zurückhaltung.

— Mach dir ein Butterbrot!

Brüh dir eine Instantnudel mit kochendem Wasser auf, da ist weniger Dampf!

Aber ich lasse nicht zu, dass du deinen stinkenden Fisch neben einem Kleid für zweihunderttausend brätst!

Begreifst du eigentlich, wer du bist und wer sie ist?

Ira ist die Braut, sie hat ihr Fest, sie ist die Königin dieses Tages!

Und du… du bist nur das Dienstpersonal, das schweigen und nicht auffallen soll.

Deine Aufgabe ist es, das Geschenk zu kaufen und die Luft nicht mit deiner Anwesenheit zu verderben!

Natalja stand da und drückte den unteren Rücken gegen die kalte Kante der Arbeitsplatte.

Die Worte ihres Mannes fielen in die Stille wie schwere Steine in trübes Wasser.

„Dienstpersonal.“

Also so war das.

Fünf Jahre Sparen, fünf Jahre Unterstützung, fünf Jahre gemeinsames Leben — alles war auf die Funktion einer Bedienung für seine erhabene Familie zusammengeschrumpft.

— Gib mir die Pfanne zurück, — sagte sie in eisigem Ton.

In ihr klickte etwas und starb.

Für immer.

— Nein, — Sergej nahm den Fisch vom Brett und warf ihn in den Mülleimer.

— Da ist dein Abendessen.

Darauf kaust du herum und gehst schlafen.

Und ich will nicht hören, wie du nachts auf die Toilette gehst.

Die Dielen knarren, du könntest mich wecken, und ich muss morgen früh aufstehen, das Kleid zum Dämpfen bringen.

Er verließ die Küche und schlug laut die Tür zu, damit der Geruch des Mülleimers nicht in den „Thronsaal“ drang.

Natalja blieb allein zurück.

Sie sah auf den Mülleimer, in dem zwischen den Schalenresten ihr Abendessen lag.

Ihre Hände zitterten nicht.

Sie weinte nicht.

Da war nur noch kristallklare, klingende Klarheit.

Sie holte den Fisch aus dem Eimer.

Ganz ruhig spülte sie ihn unter dem Wasserhahn ab.

Dann holte sie ebenso ruhig aus dem Schrank eine alte, rußige Bratpfanne, die Sergej nicht bemerkt hatte.

Sie stellte sie auf den Herd.

Sie goss Öl hinein — viel, großzügig, damit es zischte und spritzte.

Dann drehte sie das Gas voll auf.

Als das Öl zu rauchen begann, legte sie den Fisch in die Pfanne.

Der scharfe, eigentümliche, allgegenwärtige Geruch von gebratenem Seelachs, gemischt mit dem Rauch des überhitzten Öls, stieg in einer dichten Wolke zur Decke auf und kroch in Richtung Flur, drang in jede Ritze, sog sich in die Tapeten, in die Kleidung und natürlich in das, was im Zimmer hing.

Natalja riss die Küchentür weit auf.

Sie setzte sich auf den Hocker, legte die Hände auf die Knie und wartete, während sie diesen fetten, schweren Geruch einatmete, der ihr nun wie der Duft der Vergeltung vorkam.

— Wieso stinkt das so?

Mein Gott, wonach stinkt das hier?!

Sergejs Schrei zerriss die schwere, klebrige Morgenstille.

Er schoss in Unterhose aus dem Schlafzimmer, sog gierig die Luft durch die Nase ein und begann sofort zu husten.

In der Wohnung stand ein dichter, fast greifbarer Gestank von überbratenem, ranzigem Fischfett, der über Nacht nicht etwa verschwunden war, sondern sich festgesetzt, in die Wände gefressen und die Dichte von Nebel angenommen hatte.

Natalja saß in der Küche, bereits vollständig angezogen.

Sie trug ihren einzigen anständigen Mantel, und neben ihr stand ein alter, abgewetzter Rollkoffer.

Ganz ruhig trank sie Kaffee aus eben jener Tasse mit dem dunklen Belag und blickte aus dem Fenster, hinter dem ein grauer Morgen dämmerte.

Sergej stürzte, ohne seine Frau anzusehen, zum Türrahmen, an dem der weiße Kleidersack hing.

Mit zitternden Händen zog er den Reißverschluss auf und steckte den Kopf hinein, zu der „italienischen Spitze“.

Sekunden später fuhr er zurück, als hätte ihn der Schlag getroffen.

Sein Gesicht wurde aschgrau.

— Du… du hast es getötet, — flüsterte er und sah Natalja mit vor Entsetzen geweiteten Augen an.

— Das Kleid.

Es stinkt wie eine Bahnhofskneipe!

Es hat sich vollgesogen!

Jeder einzelne Faden!

Er stürzte auf Natalja zu und schlug ihr die Tasse aus der Hand.

Heißer Kaffee spritzte auf ihren Mantel, doch sie zuckte nicht einmal zusammen.

Sie wandte nur langsam den Blick zu ihrem Mann, der vor Wut und Panik bebte.

— Das ist das Ende…

Ira bringt mich um, — murmelte Sergej und raste durch die enge Küche.

— Reinigung!

Sofortige chemische Reinigung!

Wir haben noch drei Stunden bis zur Auslösung.

Wo ist das Geld?

Natascha, gib das Geld für das Geschenk her!

— Es gibt kein Geld, — antwortete Natalja gleichgültig und wischte den Fleck auf ihrem Mantel mit einer Serviette ab.

Sergej erstarrte.

Seine Augen liefen blutrot an.

— Wie bitte, es gibt kein Geld?

Achtzigtausend!

Du hast gestern Gehalt und Prämie bekommen!

Wag es nicht, mich anzulügen, du Bestie!

Gib die Karte her, sofort!

Das Kleid muss in eine VIP-Reinigung, die ziehen uns bei der Eile drei Häute ab, aber wir schaffen es noch!

— Ich habe gesagt — es gibt kein Geld, — Natalja stand auf.

Jetzt blickte sie auf ihn herab, obwohl sie kleiner war.

In ihrem Blick lag so viel eisige Verachtung, dass Sergej unwillkürlich einen Schritt zurückwich.

— Ich habe damit meine Schulden bezahlt.

Und ich habe mir ein Zimmer gemietet.

Ein richtiges, trockenes Zimmer in einer Wohnung, in der es nicht nach Schimmel und Fäulnis riecht.

Und den Rest habe ich für ein Taxi ausgegeben, das in fünf Minuten kommt.

— Du… du gehst?

— Sergej rang nach Luft vor Empörung, sein Verstand weigerte sich, diese Information anzunehmen.

— Heute?

Am Hochzeitstag meiner Schwester?

Du hast beschlossen, mich jetzt in Stich zu lassen, wo wir einen Notfall haben?!

— Du hast einen Notfall, Serjoscha, — verbesserte sie ihn mit kalter, fremder Stimme.

— Und ich habe Befreiung.

Erinnerst du dich, was du mir vor zwei Tagen entgegengeschrien hast?

„Meine Schwester braucht eine prachtvolle Hochzeit, sie heiratet nur einmal, und die Hypothek nehmen wir später auf, du wartest eben noch ein Jahr in dieser gemieteten Bruchbude.“

Ich habe mir jedes Wort gemerkt.

So also.

In dieser Bruchbude werde ich nicht länger warten.

Sergej schlug sich an den Kopf und lief wieder zum Kleid.

Er begann hektisch, es mit seinem teuren Eau de Cologne einzusprühen und den Fischgeruch mit dem scharfen Duft von Moschus zu vermischen.

Der entstehende Cocktail rief Brechreiz hervor.

— Du gehst nirgendwohin!

— schrie er und spuckte dabei.

— Du beschaffst jetzt sofort Geld!

Leih es dir, stiehl es, gebär es — mir egal!

Wenn Ira erfährt, dass das Kleid nach Seelachs stinkt, sagt sie die Hochzeit ab!

Begreifst du, was du getan hast, du neidische Schlampe?!

Du hast einen Traum zerstört!

— Einen Traum auf meine Kosten?

— Natalja griff nach dem Griff ihres Koffers.

— Dann soll deine Prinzessin nach dem riechen, wonach ihr Bruder lebt.

Nach billiger Angeberei und Fäulnis.

Das ist der ehrlichste Geruch für eure ganze Sippe.

— Hau ab!

— kreischte Sergej, als er begriff, dass es kein Geld geben würde.

— Hau ab von hier!

Ich will deinen Atem hier nicht mehr spüren!

Aber merk dir, ich werde dir das Leben zur Hölle machen!

Du wirst zu mir zurückgekrochen kommen, wenn dir das Geld ausgeht, und mich anflehen!

Natalja lächelte.

Es war ein furchtbares Lächeln — ohne den geringsten Hauch von Freude.

— Serjoscha, du hast anscheinend ein Detail vergessen.

Der Mietvertrag für diese Wohnung läuft auf meinen Namen.

Der Vermieter hat die Verzögerungen nur geduldet, weil ich mit ihm verhandelt habe.

Gestern habe ich ihn angerufen und gesagt, dass wir ausziehen.

Ich habe den Vertrag gekündigt.

Sergej ließ die Flasche Eau de Cologne aus der Hand fallen.

Das Glas klirrte kläglich auf den Boden, zerbrach aber nicht.

— Was?

— Er kommt heute um zwölf die Schlüssel holen, — Natalja sah auf die Wanduhr.

— Genau dann, wenn bei euch die Brautauslösung sein wird.

Du hast ein paar Stunden Zeit, um deine Sachen, dieses stinkende Kleid und dich selbst auf die Straße zu schaffen.

Die Kaution bekommt ihr nicht zurück, sie wird mit dem letzten Monat verrechnet, den du auf Limousinen versoffen hast.

Also hast du überhaupt kein Geld mehr.

Es klingelte an der Tür.

Das Taxi.

— Du lügst… — flüsterte Sergej und sank auf den Hocker.

Um ihn hing eine Wolke aus Fischgestank, und mitten im Zimmer schaukelte wie ein weißer Geist das verdorbene Kleid für zweihunderttausend.

— Du konntest so etwas nicht tun.

Wir sind doch Familie.

Natalja trat zur Tür und stieg über die Pfütze verschütteten Tees, die immer noch niemand aufgewischt hatte.

— Deine Familie heiratet heute, Serjoscha.

Und ich — ich bin nur diese geldgeile Giftschlange, die müde geworden ist, Pfennige zu zählen.

Sie öffnete die Tür, rollte den Koffer auf den Treppenabsatz hinaus und schlug die Tür hinter sich zu, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Das Krachen der zufallenden Tür klang wie ein Schuss, der einen endgültigen Punkt unter ihr gemeinsames Leben setzte.

Sergej blieb allein zurück.

In der Stille der Wohnung hörte man nur, wie in der vom Schimmel zerfressenen Ecke der Küche ein Stück Putz von der Decke fiel und direkt auf den Kleidersack klatschte, wobei es auf dem schneeweißen Stoff einen grauen, schmutzigen Fleck hinterließ.

Unter dem Kleidersack zog verräterisch der Geruch von gebratenem Fisch hervor, und dieser Geruch war nun der Geruch seiner Zukunft…