Teil 1. Die Kristallpilzkultur
Im Labor roch es nach feuchter Erde, Ozon und einem kaum wahrnehmbaren Trüffelaroma.

Für mich, eine Mykologin mit zehn Jahren Berufserfahrung, war dieser Duft süßer als jedes französische Parfüm.
Hier, zwischen sterilen Boxen und Petrischalen, züchtete ich seltene Pilzkulturen für die Pharmaindustrie und die gehobene Küche.
Das war meine Welt — still, geordnet, in der jede Spore und jede Hyphe ihren Platz und ihre Zeit kannte.
— Larissa, wir müssen ernsthaft reden, — die Stimme meines Mannes unterbrach die heilige Stille der Reinraumzone.
Igor stand in der Tür und traute sich nicht, die Schwelle des „sauberen Raums“ zu überschreiten.
Er trug seinen Arbeitsanzug als Agrardrohnen-Operator — überall grüne Flecken von Pflanzensaft.
Er sah mitgenommen aus, seine Augen huschten umher und wichen meinem Blick aus.
Ich schloss sorgfältig die Box mit einer Probe von *Cordyceps militaris*.
— Sprich, — ich nahm die Schutzbrille ab.
— Sag mir nur nicht, dass du die Drohne wieder gegen die einzige Birke auf dem Feld gesetzt hast.
— Schlimmer, — stieß Igor aus.
— Ich habe beschlossen, mit Elvira Schluss zu machen.
Ich erstarrte.
Elvira — seine „geheime“ Affäre, von der ich seit einem halben Jahr wusste.
Ich wusste es, schwieg aber und beobachtete, wie er hin und her rannte wie eine Ratte im Labyrinth.
Seine Unentschlossenheit war seine hervorstechendste Eigenschaft.
— Das ist lobenswert, — bemerkte ich kühl.
— Aber was hat das mit meiner Arbeitszeit zu tun?
Igor trat hinein und ignorierte das Sterilitätsprotokoll.
Sein Gesicht verzog sich zu einer Leidensmiene, von der er offenbar glaubte, sie würde in mir eine Welle von Mitleid auslösen.
— Ich verlasse sie für uns.
— Für unsere Familie.
— Aber, Lara… Veronika weiß Bescheid.
— Meine Schwester hat von Elvira noch vor dir erfahren.
— Und sie erpresst mich damit, dir alles in allen Details zu erzählen, wenn ich ihr nicht mit einer Wohnung helfe.
Ich lachte.
Das Lachen klang trocken wie ein Herbstblatt.
— Igor, bist du ein Idiot?
— Du hast mir gerade selbst alles erzählt.
— Die Erpressung ergibt keinen Sinn.
— Du verstehst nicht, — er griff sich an den Kopf.
— Sie wird es nicht einfach nur erzählen.
— Sie hat versprochen, die Hölle losbrechen zu lassen.
— Sie hat Probleme, Lara.
— Große Schulden, ihre Boutique mit billigen Fetzen ist pleitegegangen.
— Großmutter Nura nörgelt in ihrer „Einzimmerwohnung“ von morgens bis abends an ihr herum.
— Sie braucht Platz.
— Und? — ich ahnte bereits, worauf dieses Gespräch hinauslief.
— Du hast zwei Wohnungen im Zentrum.
— Leerstehende.
— Die, die du von deinem Professor-Großvater geerbt hast.
— Überschreib eine davon auf Veronika.
— Vorübergehend.
— Oder schenk sie ihr.
— Das rettet mich vor der Schande und sie vor dem Schuldensumpf.
— Wir sind doch Verwandte.
In meiner Brust stieg eine schwere, klebrige Welle auf.
Es war keine Kränkung.
Es war Wut.
— Meine Wohnungen gehen dich nichts an, — sagte ich und sah ihm direkt auf den Nasenrücken.
— Und schon gar nicht sollten sie deine gierige Schwägerin interessieren.
— Du schlägst mir ernsthaft vor, mich von der Erpressung deiner eigenen Schwester mit meiner Wohnung freizukaufen?
— Sie ist nicht gierig, sie ist unglücklich! — kreischte Igor.
— Du bist herzlos!
— Du hast hier Pilze, Wissenschaft, Geld, und dort sitzen lebendige Menschen aufeinander!
— Veronika hat übrigens immer gesagt, dass du nicht zu mir passt, aber ich habe dich verteidigt!
— Verteidigt? — ich machte einen Schritt auf ihn zu, und er wich instinktiv zurück.
— Du hast mich betrogen und willst jetzt, dass ich deine Absolution mit meiner Immobilie bezahle?
— Hau ab.
— Hau ab zu deinen Drohnen, zu deiner Schwester, zum Teufel.
— Das wirst du bereuen, — zischte er, und in seiner Stimme klangen plötzlich die Töne seiner Schwester durch.
— Veronika gibt nicht so leicht auf.
— Sie betrachtet diese Wohnung bereits als ihre.
Teil 2. Das Gerippe im Wind
Der Wind strich durch die Rippen der unfertigen Veranda.
Mein Landhaus, mein persönliches Projekt, war als Zufluchtsort gedacht.
Die komplizierte Geometrie des Daches, die Panoramafensteröffnungen — all das hatte mich schlaflose Nächte und unglaubliche Anstrengungen gekostet.
Ich war hergekommen, um nach dem Gespräch mit Igor durchzuatmen, aber was ich sah, brachte mein Blut zum Kochen.
Auf dem Grundstück, neben den Stapeln von Leimholz, stolzierte eine Delegation herum.
Veronika, in einer Leoparden-Daunenjacke, die hier so passend wirkte wie eine Ballerina im Schlachthof, zeigte mit dem Finger auf meine Fenster.
Neben ihr tänzelte die gebeugte, aber flinke Oma Nura, und ein Stück weiter stand mit dem Gesichtsausdruck einer Expertin Sweta — die beste Freundin meiner Schwägerin, ein Mädchen mit wasserstoffblonden Haaren und einem ewig unzufriedenen Gesicht — und rauchte.
— Hier, Oma, stellen wir dein Sofa hin, — verkündete Veronika laut und bemerkte mein Näherkommen nicht.
— Und diese Öffnung mauern wir mit Ziegeln zu, wozu so viel Licht?
— Es wird doch kalt.
— Richtig, Werotschka, — krächzte die Alte zustimmend.
— Und der Zaun muss höher sein.
— Sonst laufen hier noch alle möglichen Leute vorbei.
Ich trat dicht an sie heran.
Die Wut in mir verdichtete sich und wurde zu einem schweren Stein in meinem Solarplexus.
— Die Führung ist beendet, — sagte ich laut.
Veronika drehte sich um.
Auf ihrem Gesicht war nicht der geringste Anflug von Verlegenheit zu sehen, nur ein dreistes Grinsen.
— Oh, da ist ja die Herrin des Kupferbergs, — zog sie in die Länge.
— Wir schauen uns hier nur an, wie du Igors Geld verprasst.
— Das Haus ist riesig, aber Kinder habt ihr keine.
— Wozu brauchst du allein so viel?
— Das ist mein Geld, Veronika.
— Und mein Haus.
— Verschwindet von meinem Grundstück.
— Dein Grundstück? — mischte sich Sweta ein und blies mir eine Rauchwolke ins Gesicht.
— In der Ehe gehört alles beiden, Süße.
— Igor hat gesagt, dieses Haus sei faktisch sein Verdienst.
— Er hat dich doch „inspiriert“.
Oma Nura trat näher und stieß mir ihren knotigen Stock in die Seite.
— Du, Mädchen, werd nicht frech.
— Verotschka hat genug gelitten.
— Sie hat keinen Platz zum Wohnen, und du baust dir hier Paläste.
— Fürchtest du Gott nicht?
— Gib uns die Wohnung in der Stadt freiwillig, und wir lassen dir diese Scheune.
— Wir werden gnädig sein.
— Gnädig sein? — ich spürte, wie mein Mundwinkel zuckte.
Es war keine Angst.
Es war ein Zucken, weil ich den Wunsch unterdrückte, ihr diesen Stock wegzunehmen und ihn über meinem Knie zu zerbrechen.
— Ihr Hyänenpack teilt das Fell eines Bären, den noch niemand erlegt hat.
— Igor hat es versprochen! — kreischte Veronika.
— Er hat gesagt, du wärst einverstanden!
— Dass du dich schuldig fühlst, weil du eine schlechte Ehefrau bist, und es wiedergutmachen willst!
— Wir haben schon einen Makler gefunden, damit die Unterlagen vorbereitet werden.
— Morgen kommen wir mit den Papieren zu dir.
— Versucht nur, euch mir zu nähern, — sagte ich leise, aber deutlich.
— Oh, ich habe ja solche Angst, — Veronika zitterte theatralisch und lachte.
— Was willst du denn machen?
— Uns mit deinen Pilzen vergiften?
— Du bist doch ein Weichei, Lariska.
— Eine lausige Intellektuelle.
— Igor ist schon auf unserer Seite, er unterschreibt alles, was ich ihm sage.
— Er liebt doch seine Mami und seine Schwester und nicht so einen Eisblock wie dich.
Sie fuhren davon und knallten laut die Türen ihres alten Crossover zu.
Ich sah ihnen nach, und meine Hände zitterten.
Sie hielten meine Beherrschtheit für Schwäche.
Das war ihr fataler Fehler.
Teil 3. Terrarium mit Häppchen
Das Café war modern, mit gedämpftem Licht und unbequemen Sesseln.
Ich saß an einem Ecktisch mit Wadim, meinem Ex-Freund und heute einem talentierten Anwalt für Urheberrecht.
Wir sahen uns selten, aber heute brauchte ich keinen juristischen, sondern einen menschlichen Rat.
— Die Lage ist mies, Lara, — Wadim drehte ein Wasserglas in den Händen.
— Das Eigentum ist deins, vor der Ehe erworben oder geerbt, da steht das Gesetz auf deiner Seite.
— Aber sie setzen dich psychisch unter Druck.
— Das ist Familienterrorismus.
In diesem Moment flog die Eingangstür auf, und eine laute Gruppe platzte herein.
Igor, bleich und verschwitzt, schleppte eine weinende Brünette am Arm — genau diese Elvira.
Und hinter ihnen marschierten wie Wachposten Veronika und ihr Ex-Mann Tolja — ein Muskelprotz mit leerem Blick und einem Hals dicker als meine Taille.
— Da ist sie! — schrie Veronika und zeigte mit dem Finger auf mich.
Die Gäste im Café erstarrten.
— Sie sitzt mit ihrem Liebhaber hier, während der Ehemann leidet!
Igor sah mich und wurde noch blasser.
Er versuchte, seiner Schwester etwas zu sagen, aber Tolja stieß ihn spürbar in den Rücken.
— Geh schon, regel das wie ein Mann.
Igor, von hinten geschoben, trat an unseren Tisch.
Elvira schluchzte und verschmierte ihre Wimperntusche.
— Larissa… ich wusste nicht, dass du hier bist… — murmelte er.
— Aber ich wusste es! — Veronika sprang an den Tisch und stützte sich mit beiden Händen auf die Platte.
— Also gut.
— Die Vorstellung ist vorbei.
— Du, — sie nickte Elvira zu, — raus hier, Schlampe.
— Igor verlässt dich.
— Und du, — sie wandte sich zu mir, — siehst du, welche Opfer mein Bruder für die Familie bringt?
— Er wirft die Geliebte raus!
— Jetzt bist du dran.
— Wohnung auf den Tisch.
Wadim versuchte aufzustehen.
— Meine Damen und Herren, ich würde bitten…
— Halt die Klappe, Brillenschlange, — knurrte Tolja und baute sich vor ihm auf.
— Das sind Familienangelegenheiten.
Ich stand langsam auf.
Die Wut, dicht und heiß, füllte mich bis zum Rand.
Ich sah Elvira an.
— Wusstest du, dass er verheiratet ist? — fragte ich.
— J-ja, — schluckte das Mädchen.
— Aber er hat gesagt, du wärst ein Monster…
— Er hat gelogen, — sagte ich ruhig.
— Das Monster hier bin nicht ich.
— Noch nicht.
Ich richtete den Blick auf Veronika.
Sie strahlte vor Triumph, sicher, dass mich ein öffentlicher Skandal zur Kapitulation zwingen würde, nur um mein Gesicht zu wahren.
— Du glaubst, ich schäme mich? — fragte ich und trat ganz nah an sie heran.
— Du glaubst, mich interessiert die Meinung von Leuten, die ihre Salate essen?
— Du wirst teilen müssen, Larissa, — zischte die Schwägerin.
— Wir haben Hebel.
— Igor, sag es ihr!
Igor brachte zitternd hervor:
— Lar, lass uns das ohne Szene machen.
— Unterschreib einfach die Schenkung für die Einzimmerwohnung, und wir gehen.
— Veronika braucht sie sehr dringend.
— Gier ist kein Bedürfnis, Igor.
— Es ist eine Krankheit, — schnitt ich ihm das Wort ab.
— Ich gebe euch keinen einzigen Meter.
— Niemals.
— Dann holen wir es uns eben selbst, — grinste Tolja böse.
— Wir haben Schlüssel.
— Igorchen hat Duplikate gemacht.
— Während du hier schön redest, packt die Oma vielleicht schon deine Sachen.
Es war wie ein Stromschlag.
Die Schlüssel.
Meine Festung, mein Zuhause, von ihrer Anwesenheit entweiht.
— Wenn ihr auch nur eine Sache anfasst, — meine Stimme zitterte vor Anspannung, — dann vernichte ich euch.
— Oh, was für eine Drohung! — Veronika griff nach Wadims Glas und schüttete mir das Wasser auf das Kleid.
— Kühl dich ab, du Hysterikerin.
— Wir warten zu Hause auf dich.
— Wir feiern Einzugsparty.
Sie gingen lachend hinaus.
Igor trottete hinterher, ohne es zu wagen, aufzusehen.
Wadim reichte mir eine Serviette.
— Lara, lass uns die Polizei rufen…
— Nein, — ich presste das nasse Tuch zusammen, sodass Wasser an meinen Fingern hinablief.
— Keine Polizei.
— Worte des Gesetzes verstehen sie nicht.
— Sie verstehen nur Gewalt.
Teil 4. Der Betonschacht
Das Taxi hielt vor meinem Hauseingang.
Es wurde schon dunkel.
Am Eingang, an das Geländer gelehnt, rauchte Paschka — der Nachbarsjunge, immer mürrisch, aber harmlos, mit riesigen Kopfhörern.
Als er mich sah, zog er einen Kopfhörer ab.
— Tante Larissa, da wollten welche zu Ihnen rein…
— Ich habe sie nicht ins Haus gelassen, aber dieser Muskelprotz hat an der Tür gezerrt und den Magneten herausgerissen.
— Danke, Pasch, — nickte ich und spürte, wie das Adrenalin meine Muskeln durchflutete.
Ich ging hinein.
Der Aufzug funktionierte nicht — klassisch.
Als ich in den dritten Stock stieg, hörte ich Stimmen.
Sie waren da.
Auf meinem Treppenabsatz.
Veronika, Tolja, Sweta und Igor.
Sie standen vor meiner Tür.
Tolja stocherte mit einem Schlüssel im Schloss herum, der offensichtlich nicht richtig passte — das Duplikat war wohl stümperhaft gemacht worden.
— Warum fummelst du so herum, du Pfuscher? — trieb Veronika ihn an.
— Passt nicht, verdammt… Oh, da kommt unsere Schöne.
Sie drehten sich um.
Im Halbdunkel des Treppenhauses wirkten ihre Gesichter wie hässliche Masken.
— Gib die Schlüssel her, — streckte Tolja die Hand aus.
— Sonst treten wir die Tür ein, das wird teurer.
— Ihr werdet nicht reinkommen, — sagte ich.
Meine Tasche fiel mit einem dumpfen Schlag zu Boden.
Ich war bereit.
Die Wut war zu kalter Entschlossenheit geschmolzen.
— Hör mal, du, — Veronika kam auf mich zu und trat auf die Spitzen meiner Stiefel.
— Wer bist du überhaupt, dass du uns Bedingungen stellst?
— Du bist niemand.
— Ein Anhängsel meines Bruders.
— Du machst jetzt die Tür auf, wir gehen rein, du unterschreibst die Unterlagen, und danach kannst du zu deinem Stecher verschwinden.
— Igor, — ich sah meinen Mann an, der sich an den Müllschlucker drückte.
— Das ist deine letzte Chance.
— Halt sie auf.
Igor senkte den Blick.
— Lara, gib ihnen einfach die Wohnung.
— Sonst lassen sie nicht locker.
— Ich kann nicht gegen sie gehen, das ist meine Familie.
— Familie… — wiederholte ich.
In diesem Moment trat Tolja auf mich zu und packte mich grob an der Schulter.
— Hör mal, du Schaf, stell dich nicht blöd an.
— Die Schlüssel.
Seine Finger bohrten sich schmerzhaft in mein Fleisch.
Und dieser körperliche Kontakt war der Auslöser.
— Nimm.
— Die Hände.
— Oder was? — fletschte er die Zähne.
Ich antwortete nicht mit Worten.
Mit einer schnellen, geübten Bewegung — die Jahre der Arbeit mit schwerer Ausrüstung im Feld waren nicht umsonst gewesen — wand ich mich heraus und stieß ihn gegen die Brust.
Er hatte keinen Widerstand von einer „Intellektuellen“ erwartet, taumelte und schlug mit dem Rücken gegen das Geländer.
— Du Miststück! — kreischte Veronika und stürzte mit gespreizten Krallen auf mich los.
Teil 5. Die Wohnung der Abrechnung
Die Tür flog vom Aufprall meines Körpers auf — Tolja hatte das Schloss doch noch aufbekommen, aber er schaffte es nicht mehr, als Erster hineinzugehen.
Wir stürzten als Knäuel in den Flur.
Ich, Veronika und Sweta, die ihrer Freundin zu Hilfe kommen wollte.
— Haltet sie fest! — schrie Veronika.
— Tolja, binde sie fest!
Sie dachten, ich würde weinen.
Sie dachten, ich würde mich in eine Ecke ducken.
Aber sie hatten vergessen, dass ein in die Enge getriebenes Tier am gefährlichsten ist.
Ich packte Veronika am Kragen ihrer Leoparden-Daunenjacke und riss sie mit einer Kraft zu mir, die ich selbst nicht von mir erwartet hätte.
Der Stoff krachte.
Ich riss nicht nur — ich nutzte die Trägheit und schleuderte sie zur Garderobe.
Mäntel und Jacken stürzten auf sie herab und begruben sie unter einem Haufen Kleidung.
— Was machst du da, du Irre?! — schrie Tolja, als er in die Wohnung stürmte.
Er holte aus, aber ich wich nicht zurück.
Ich schrie.
Es war kein Schrei der Angst.
Es war ein wilder, kehliger Laut, voller Wut und Hass auf alles, was sie taten.
Ich griff nach dem schweren metallenen Schuhlöffel — lang, teuer, geschmiedet — und schlug Tolja mit voller Wucht auf den Arm.
Ob es knackte oder nur dumpf krachte, weiß ich nicht, aber er heulte auf und packte sich den Unterarm.
— Raus hier! — brüllte ich und ging auf sie zu.
Sweta versuchte, mich von hinten an den Haaren zu packen.
Ich wirbelte herum und schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht.
Hart.
Ohne Mitleid.
Sweta flog gegen den Spiegel und sackte an der Wand herunter, wobei sie Lippenstift und Rotz verschmierte.
— Du bist verrückt! — kreischte Veronika und versuchte, unter den Mänteln hervorzukommen.
Ich sprang zu ihr, griff ihr ins Haar und riss sie auf die Beine.
— Du wolltest die Wohnung? — zischte ich ihr ins Gesicht und spuckte fast vor Wut.
— Du wolltest hier wohnen?
Ich zerrte sie durch den Flur.
Sie stemmte sich dagegen, zerkratzte mir die Hände, aber ich spürte keinen Schmerz.
Ich war ein Adrenalinsturm.
Ich schleuderte sie in Richtung der offenen Badezimmertür.
Sie stürzte auf die Fliesen und schlug mit der Hüfte auf.
— Wohn hier! — schrie ich.
— Wohn auf dem Klo!
Tolja, wieder halb zu sich gekommen, ging erneut auf mich los.
Sein Gesicht war vor Wut verzerrt.
— Jetzt bist du dran…
Ich suchte keine Waffe.
Ich warf mich einfach auf ihn.
Meine Wut war so konzentriert, dass er die Fassung verlor.
Ich krallte mich in sein T-Shirt, riss so heftig daran, dass die Nähte platzten, und begann, ihn zu schlagen — mit Fäusten, mit den Handflächen, mit den Knien.
Ich schlug, wohin ich traf — auf die Brust, an den Hals, ins Gesicht.
Ich war zu einer Furie geworden.
Er war körperlich stärker, aber emotional war er ein Feigling.
Er hatte nicht erwartet, dass sich das „Opfer“ in ein Raubtier verwandeln würde.
Er wich zurück, stolperte über die Schwelle und stürzte in den Flur.
— Verschwindet von hier! — Meine Stimme kippte in Heiserkeit.
— Ich bringe euch um!
— Ich zerfleische euch mit den Zähnen!
Ich sah wahnsinnig aus.
Zerzaust, mit brennenden Augen, bereit, sie mit bloßen Händen in Stücke zu reißen.
Igor, der die ganze Zeit in der Tür gestanden und sich feige an den Rahmen gedrückt hatte, brachte endlich einen Ton heraus:
— Lara, beruhige dich…
Ich warf ihm einen Blick zu, und er verstummte.
— Du… — ich machte einen Schritt auf meinen Mann zu.
— Du bist der Nächste.
Veronika kroch jaulend zum Ausgang.
Sweta war bereits auf den Treppenabsatz geflüchtet, ihre Absätze klackerten.
Tolja wich zurück, hielt sich den geprellten Arm und sah mich mit wildem Entsetzen an.
— Verrückte… — murmelte er.
— Total wahnsinnig…
— Raus! — brüllte ich und holte mit der Hand aus.
Sie rannten.
Wie Ratten von einem sinkenden Schiff.
Sie stießen einander, stolperten, Veronika verlor einen Schuh, drehte sich aber nicht einmal um.
Tolja stieß beim Hinausrennen fast Igor um.
Igor blieb allein zurück.
Er stand mitten in meinem verwüsteten Flur und sah mich an.
— Lara, sie sind weg…
— Lass uns reden…
Ich trat an ihn heran.
Die Wut kochte noch, wurde aber bereits von Ekel verdrängt.
Ich packte ihn am Arbeitsanzug, schleifte ihn zwei Meter bis zur Tür und warf ihn mit einer Kraft, zu der nur meine vom Umgang mit Myzel trainierten Hände fähig waren, auf den Treppenabsatz hinaus.
— Deine Sachen schicke ich per Kurier.
— An die Adresse von Oma Nura.
Ich schlug die Tür zu.
Das Schloss klickte.
Dann das zweite.
Ich sah auf den abgerissenen Ärmel meines Kleides und auf die Strähne von Swetas Extensions auf dem Teppich.
In meiner Tasche vibrierte das Telefon.
Eine Nachricht von Igor: „Du bist nicht normal.
Wir werden dich verklagen.“
Ich grinste.
Meine Hände zitterten nicht mehr.
Ich hatte meine Wohnung verteidigt.
Auf die primitivste, älteste Art.
Und verdammt, sie war wirksam gewesen.
Am nächsten Tag erfuhr ich von Paschka und später auch von gemeinsamen Bekannten, dass Veronika überall erzählte, ich sei eine Hexe und hätte einen schwarzen Gürtel in Karate, von dem niemand gewusst habe.
Tolja tauchte nicht mehr auf — es war ihm zu peinlich zuzugeben, dass ihn eine Frau verprügelt hatte.
Das Gefolge löste sich in Luft auf.
Und Igor… Igor versuchte zurückzukommen, stellte aber fest, dass die Schlösser ausgetauscht worden waren und seine Drohnen ordentlich in den Müllcontainern vor dem Haus von Oma Nura lagen.
Meine Wohnungen blieben meine.
Und jetzt wusste jeder in dieser Familie: Wer sich mit mir anlegt, zahlt einen hohen Preis.



