— Natascha, du hast dir einen Pelzmantel gekauft, während meine Tochter ohne Geld dasitzt, du hättest ihr lieber helfen sollen, — erklärte die Schwiegermutter.

— Ich bin nicht verpflichtet, Ihrer Tochter zu helfen, — schnaubte Natalja.

— Du solltest so etwas nicht sagen, Daschka kann doch nichts dafür, dass ihr Mann sie im siebten Schwangerschaftsmonat verlassen hat.

— Larissa Alexandrowna, Sie haben wohl vergessen, warum er sie verlassen hat, dann erinnere ich Sie daran.

— Nicht nötig! — bellte die Schwiegermutter, und dann fuhr sie schon leiser fort, — Na und, sie hat eben ein Kind von einem anderen bekommen, sie hat es doch selbst zugegeben.

Halb Russland zieht fremde Kinder groß, und das ist ganz normal, aber ausgerechnet dieser eine hat Prinzipien gehabt, hat sofort die Scheidung eingereicht und sie hinausgeworfen.

Du sagst Borya nur besser nicht, warum sie sich hat scheiden lassen, er würde es nicht verstehen.

Natalja lächelte nur über die Worte der Schwiegermutter.

Sie betrachtete sich weiter im großen Spiegel, der Pelzmantel saß perfekt.

— Hör endlich auf, dich dauernd zu drehen! — schrie die Schwiegermutter auf.

— Setz dich aufs Sofa und hör mir zu!

— Larissa Alexandrowna, ich höre Sie ausgezeichnet, — lächelte Natascha.

— Dasha soll jetzt eben auf Ihrer Tasche sitzen, aber erwarten Sie weder von mir noch von Boris Geld.

Im Zimmer breitete sich eine Stille aus, dicht wie Harz.

— Ach, du Miststück!

Du hast den Bruder gegen die Schwester aufgehetzt, Borya, komm schnell her! — schrie die Schwiegermutter.

Aus der Küche kam ein schmächtiger Mann herbeigelaufen.

— Mama, warum schreist du denn? — fragte Borya erschrocken.

— Deine Frau weigert sich, Dasha zu helfen!

Boris ließ seinen verwirrten Blick zwischen der vor Wut schnaubenden Mutter und seiner ungerührten Frau hin und her wandern.

— Natasch, vielleicht wirklich wenigstens ein bisschen?

Du siehst doch, Mama macht sich Sorgen, — murmelte er und trat von einem Fuß auf den anderen.

— Borya, fang gar nicht erst an, — schnitt Natalja ihm das Wort ab, während sie mit der Hand über den weichen Pelz strich.

— Deine Schwester hat mich vor einem Jahr hier, in diesem Haus, eine berechnende Schlampe genannt, die es auf die Wohnung abgesehen hat.

Erinnerst du dich?

Oder ist dein Gedächtnis so kurz?

— Ach was, das hat sie nur im Affekt gesagt! — Larissa Alexandrowna machte einen Schritt nach vorn.

— Ihr Leben bricht jetzt gerade auseinander, und du hältst ihr alte Kränkungen vor!

— Es geht nicht um Kränkungen.

Es geht darum, dass eure Dasha eine Lügnerin ist.

Ihr wollt, dass ich wie eine Idiotin ihre Lügen finanziere?

— Welche Lügen?

Wovon redest du? — Boris runzelte die Stirn.

— Davon, dass sie sich das Kind von einem anderen geholt hat! — Natalja hob die Stimme und betonte die letzten Worte besonders.

Borya wurde blass.

— Hör nicht auf sie, mein Sohn, sie lügt!

— Der Mann, von dem Dasha schwanger geworden ist, hat in unserem Büro gearbeitet, er hieß Pascha, erinnerst du dich an ihn, Borya?

Du hast ihn sogar ein paar Mal gesehen, er ist doch ständig um sie herumgeschlichen.

Borya zuckte mit den Schultern.

— Ja, habe ich, — zischte er.

— Dieser Kerl ist der echte Vater von Dashas Kind, und sie wollte es dem armen Igor unterschieben!

Nur stellte sich später heraus, dass er überhaupt keine Kinder bekommen kann, und da gestand Dasha dann, dass sie von einem anderen schwanger geworden war, und Igor reichte die Scheidung ein! — Natalja beendete ihren Bericht.

Im Zimmer trat Schweigen ein.

Larissa Alexandrowna wurde so weiß, dass sie dieselbe Farbe wie das Grau in ihrem Haar annahm.

— Du… du lügst, — hauchte sie aus.

— Geh und frag Pascha.

Er wird dir alles bestätigen.

Nur der Faulste im Ort weiß nichts von ihnen, Daschka ist fremdgegangen und von ihrem Liebhaber schwanger geworden.

Und Igor war einfach der Dumme, der am Ende alles ausbaden musste, weil er sie geheiratet hat.

Aber als er erfuhr, dass sie von ihm auf keinen Fall schwanger geworden sein konnte, reichte er einfach die Scheidung ein.

Ja, er ist prinzipientreu.

Aber damit hat das hier nichts zu tun, er wurde einfach nur als Deckmantel benutzt.

— Halt den Mund! — kreischte die Schwiegermutter.

— Wage es nicht, meine Tochter in den Schmutz zu ziehen!

Daschka… Daschka würde niemals!

Das hast du dir alles ausgedacht, nur um uns auseinanderzubringen!

— Mama, jetzt sei still! — Borya wirkte plötzlich nicht mehr wie ein zitternder kleiner Mann.

Er trat zu Natalja.

— Ist das wahr?

Weißt du das ganz sicher?

— Das hat mir ihr ehemaliger Chef erzählt, mit dem wir in derselben Firma arbeiten.

Er kennt diese ganze Seifenoper ganz genau.

Sie hatte etwas mit einem Manager aus der Filiale, während Igor ständig auf Dienstreisen unterwegs war.

Als dieser Manager von der Schwangerschaft erfuhr, kündigte er schneller als der Wind und verschwand.

Und jetzt sitzt Daschka mit leeren Händen und mit dickem Bauch da.

Und jetzt will sie, dass die ganze Familie Mitleid mit ihr hat und sie vor allem finanziert.

— Du Miststück! — Larissa Alexandrowna stürzte zum Couchtisch, auf dem eine große Schneiderschere lag.

Als sie sie ergriff, rannte sie auf Natalja zu.

— Ich werde dir schon zeigen, wie man meine Familie beschmutzt!

Ich werde aus deinem Pelz, aus deinem elenden Pelz…

Sie holte mit der Schere aus und zielte auf den Ärmel, doch Natalja bewegte sich keinen Millimeter.

Sie blieb stehen und sah die Schwiegermutter beinahe mit Mitgefühl an.

Im Bruchteil einer Sekunde, bevor die Klingen das Nerzfell berührten, machte Natalja eine kaum wahrnehmbare Bewegung mit dem Körper, wich zur Seite aus und fing mit einer klaren, präzisen Bewegung die Hand der Schwiegermutter ab.

Ein scharfer Ruck zu sich, und Larissa Alexandrowna verlor das Gleichgewicht und flog durch ihre eigene Bewegung nach vorn.

Doch Natalja hörte nicht auf.

Nach zwei Jahren Boxtraining hatte sich in ihren Bewegungen eine automatische Reaktion entwickelt.

Als die Schwiegermutter sich umdrehte und erneut ausholte, diesmal auf ihr Gesicht zielend, ging Natalja in die Knie, wich der Angriffslinie aus und schickte Larissa Alexandrowna mit einem kurzen, harten rechten Haken in einen tiefen Knockout.

Die Schwiegermutter sackte, ohne auch nur aufzuschreien, wie ein Sack auf den Teppich.

Die Schere rollte klirrend über das Parkett.

Die Stille wurde absolut.

— Mama! — Borya stürzte zu ihr und schüttelte sie an den Schultern.

— Mama!

Bist du verrückt geworden?

Natascha, du hast sie umgebracht?!

— Nicht umgebracht, — sagte Natalja ruhig und richtete den Kragen ihres Pelzmantels.

— Sie wird leben.

Aber sie wird ein Stündchen schlafen.

Dann beruhigen sich ihre Nerven, und für uns ist es auch ruhiger.

— Natascha! — Boris sah entsetzt abwechselnd seine Frau und seine Mutter an, die bereits leise zu stöhnen begann.

— Du… du hast sie geschlagen!

— Borya, sie ist mit einer Schere auf mich losgegangen.

Hast du das gesehen? — Natalja trat näher.

— Ich habe mich verteidigt.

Wenn ich das nicht gekonnt hätte, würde deine Mutter jetzt meinen Pelzmantel in Fetzen reißen, und nebenbei hätte sie auch mich erwischt.

Und wer hätte sich dann hinterher entschuldigt?

— Aber sie ist doch eine Mutter!

Ein älterer Mensch!

— Ein älterer Mensch mit einer Schere in der Hand, der mich vor fünf Minuten noch dazu auffordern wollte, die Liebesabenteuer deiner lügnerischen Schwester zu bezahlen, — schnitt Natalja ihm das Wort ab.

— Es reicht.

Ich habe genug.

Sie ging zum Spiegel, warf sich noch einen letzten Blick zu und nickte zufrieden.

— Borya, ich fahre weg.

Ich bleibe ein paar Tage bei einer Freundin.

Und wenn Mama wieder zu sich kommt, sag ihr: Wenn sie noch einmal die Hand gegen mich erhebt oder es auch nur wagt, die Schwelle unserer Wohnung zu übertreten, werde ich Anzeige erstatten.

Ich habe ein Video auf meinem Handy.

Ich habe unser ganzes Gespräch und den Angriff aufgenommen, das Handy steht dort auf dem Schränkchen.

— Du… hast gefilmt? — Borya wurde ganz kraftlos.

— Natürlich, mein Lieber.

Das Leben ist kompliziert.

Ich habe einen Pelzmantel gekauft, und ich habe etwas zu verlieren. — Natalja nahm ihre Handtasche.

— Und richte Dasha aus: Sie soll selbst sehen, wie sie mit ihrer Zukunft klarkommt.

Unterhalt soll sie vom Liebhaber verlangen, wenn sie ihn findet.

Sie öffnete die Wohnungstür und warf, schon beim Hinausgehen, noch einen Blick auf Boris, der vor seiner langsam wieder zu sich kommenden Mutter auf den Knien lag.

— Ach, Borya, Borya…

Du solltest lieber auf deine Mutter aufpassen, sonst treibt sie dich noch ins Elend, während sie versucht, ihre Tochter irgendwo unterzubringen.

Mach’s gut.

Die Tür fiel ins Schloss und schnitt Natalja von diesem ganzen Zirkus ab.

Und im Treppenhaus hallten nur noch das Klacken ihrer Absätze und das Rascheln des neuen, prächtigen Pelzmantels wider.