Julja saß auf dem Bett und packte mechanisch ihre Sachen in einen alten Koffer.
Ihre Hände zitterten, und Tränen liefen ihr über die Wangen.

Hinter der Tür waren die schweren Schritte ihres Mannes zu hören — er lief durch die Wohnung und schlug Türen zu.
**„Du bist immer noch nicht weg?!“** brüllte Wiktor, als er die Schlafzimmertür aufriss.
**„Ich habe doch gesagt — verschwinde! Morgen schon! Nein, besser heute! Ich kann dein jämmerliches Gesicht nicht mehr ertragen!“**
**„Wiktor, bitte, lass uns ruhig miteinander reden“**, bat Julja leise und wischte sich die Augen.
**„Wir sind doch so viele Jahre zusammen…“**
**„Zusammen?!“** Er lachte gehässig.
**„Begreifst du überhaupt, wie satt ich es habe, dich auf meinen Schultern zu tragen? Wer bist du überhaupt? Niemand! Du hattest nicht einmal richtige Eltern! Du verdammtes Waisenkind!“**
**„Wage es nicht, so über meinen Stiefvater zu sprechen!“** Zum ersten Mal an diesem Abend erhob Julja die Stimme.
**„Er war für mich…“**
**„Was war er?“** unterbrach Wiktor sie.
**„Ein alter Säufer, der dich aus dem Kinderheim aufgelesen hat! Und jetzt willst du mir etwas über Liebe erzählen? Er selbst hat doch in irgendeiner Bruchbude am Stadtrand gelebt!“**
**„Er hat mich geliebt“**, flüsterte Julja.
**„Er allein hat mich geliebt…“**
**„Na, dann geh doch zu ihm!“** Wiktor packte den Koffer und schleuderte ihn auf den Boden, sodass die Sachen herausfielen.
**„Ach ja, ganz vergessen — er ist ja schon seit einem halben Jahr tot! Du kannst nirgendwohin, stimmt’s?“**
Julja sank schweigend auf die Knie und sammelte ihre wenigen Sachen ein.
Das Handy in der Tasche ihres Morgenmantels vibrierte, aber sie schenkte ihm keine Beachtung.
**„Und weißt du, was das Lustigste ist?“** fuhr Wiktor fort und blieb über ihr stehen.
**„Ich treffe mich schon seit drei Monaten mit Angelina. Erinnerst du dich an meine Kollegin? Mit ihr werde ich zusammenleben. In dieser Wohnung. Und für dich ist hier kein Platz.“**
**„Drei Monate?“** Julja sah zu ihm auf.
**„Also schon während Mamas Krankheit?“**
**„Während der Krankheit, nach der Krankheit — was macht das für einen Unterschied?“** Er zuckte mit den Schultern.
**„Deine Mutter hat sowieso nichts mehr verstanden. Demenz ist doch eine praktische Sache, oder? Sie hat nicht einmal mehr gewusst, wer du bist.“**
**„Du… du bist ein Monster“**, hauchte Julja.
**„Ein Monster?“** Wiktor ging in die Hocke und sah ihr ins Gesicht.
**„Nein, meine Liebe. Ich habe nur begriffen, dass ich nicht mein ganzes Leben lang eine Frau durchfüttern will, die als Verkäuferin für zwanzigtausend im Monat arbeitet. Ich bin fünfundvierzig, ich habe eine gute Position, ein ordentliches Gehalt. Und ich will eine richtige Frau an meiner Seite, nicht eine ewig heulende Versagerin.“**
Das Telefon vibrierte erneut.
Julja zog es mit zitternden Händen heraus.
**„Wage es nicht, dich abzulenken, wenn ich mit dir rede!“** brüllte Wiktor.
Auf dem Bildschirm erschienen zwei verpasste Anrufe von einer unbekannten Nummer und eine Nachricht:
**„Julija Sergejewna, hier ist Notarin Belowa. Bitte rufen Sie dringend zurück. Die Angelegenheit ist äußerst wichtig, es geht um das Erbe von Pjotr Michailowitsch Koroljow.“**
Julja erstarrte.
Pjotr Michailowitsch war ihr Stiefvater.
Ein Erbe?
Welches Erbe?
Er hatte doch nichts außer dem alten Häuschen am Stadtrand…
**„Bist du taub geworden?“** Wiktor riss ihr das Telefon aus der Hand.
**„Wer ist das? Eine Notarin?“** Er las die Nachricht und brach in Gelächter aus.
**„Ein Erbe! Von diesem Säufer! Na, na, ich bin gespannt, was er dir hinterlassen hat — leere Flaschen und Schulden?“**
**„Gib mir das Telefon“**, sagte Julja leise und streckte die Hand aus.
**„Hol es dir doch selbst.“** Er warf das Handy aufs Bett.
**„Aber zuerst verschwindest du von hier. Du hast genau bis morgen Abend Zeit. Angelina zieht übermorgen ein.“**
Er verließ das Zimmer und schlug laut die Tür zu.
Julja griff nach dem Telefon und wählte mit zitternden Fingern die Nummer der Notarin.
**„Hallo“**, meldete sich eine Frauenstimme.
**„Guten Tag, hier ist Julija Koroljowa. Sie haben mich angerufen…“**
**„Julija Sergejewna! Endlich! Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Können Sie morgen um zehn Uhr zu mir kommen? Wir haben die Testamentseröffnung von Pjotr Michailowitsch Koroljow angesetzt.“**
**„Testament?“** fragte Julja nach.
**„Aber… er hatte doch gar nichts…“**
**„Julija Sergejewna“**, in der Stimme der Notarin lag ein seltsamer Unterton, **„lassen Sie uns morgen alles besprechen. Glauben Sie mir, Sie sollten kommen. Die Adresse schicke ich Ihnen per Nachricht.“**
Nach dem Gespräch saß Julja lange auf dem Bett und starrte auf einen Punkt.
In ihrem Kopf flackerten Erinnerungsfetzen auf: der Stiefvater, der sie mit zwölf Jahren nach dem Tod ihrer Mutter aus dem Kinderheim geholt hatte.
Er war ein einfacher Arbeiter, trank an Wochenenden ein wenig, aber er war immer gut zu ihr gewesen.
Er hatte ihr das Lesen beigebracht, war mit ihr in die Bibliothek gegangen, war stolz gewesen, als sie das College abgeschlossen hatte…
**„Willst du etwa schlafen gehen?!“** Wiktor stürmte erneut ins Zimmer.
**„Ich habe doch gesagt — pack deine Sachen!“**
**„Ich packe ja schon“**, antwortete Julja erschöpft.
**„Lass mich nur diese Nacht noch hier verbringen. Morgen gehe ich.“**
**„Na gut“**, erlaubte er gönnerhaft.
**„Aber nur auf dem Sofa. Im Schlafzimmer würdest du stören.“**
In dieser Nacht schlief Julja fast gar nicht.
Sie wälzte sich auf dem schmalen Sofa hin und her und erinnerte sich an das letzte Treffen mit ihrem Stiefvater.
Das war eine Woche vor seinem Tod im Krankenhaus gewesen.
Er lag mit einer Sauerstoffmaske da und atmete kaum.
**„Juljatschka“**, röchelte er, als sie hereinkam, **„wie gut, dass du gekommen bist. Ich muss… ich muss dir etwas sagen…“**
**„Papa, nicht“**, weinte sie.
**„Ruh dich aus. Du darfst dich nicht anstrengen.“**
**„Nein, das ist wichtig.“** Er versuchte, sich aufzurichten, aber ihm fehlte die Kraft.
**„Hör zu… Ich habe… Ich hätte dir früher…“** Da wurde er von einem Hustenanfall geschüttelt.
Die Krankenschwester kam herein und bat Julja hinauszugehen.
Als sie eine halbe Stunde später zurückkam, schlief ihr Stiefvater уже unter dem Einfluss der Medikamente.
Und drei Tage später war er nicht mehr da.
Was hatte er ihr damals sagen wollen?
Und welches Erbe konnte ein einfacher Arbeiter überhaupt hinterlassen?
Am Morgen wachte Julja vom Geräusch laufenden Wassers auf — Wiktor duschte gerade.
Sie zog sich schnell an, trank Kaffee und verließ die Wohnung, ohne sich zu verabschieden.
Das Notariat befand sich im Zentrum, in einer alten Villa.
Julja ging in den zweiten Stock und fand das richtige Büro.
**„Julija Sergejewna?“** Eine etwa fünfzigjährige Frau in einem strengen Kostüm trat ihr entgegen.
**„Sehr erfreut. Ich bin Wera Nikolajewna Belowa. Bitte kommen Sie herein.“**
Sie gingen in ein Büro mit antiken Möbeln.
Auf dem Tisch lag eine Mappe mit Dokumenten.
**„Setzen Sie sich“**, sagte die Notarin und nahm ihr gegenüber Platz.
**„Julija Sergejewna, das, was ich Ihnen jetzt sage, könnte Sie überraschen. Pjotr Michailowitsch Koroljow hat ein Testament hinterlassen, nach dem sein gesamtes Vermögen an Sie übergeht.“**
**„Das Häuschen am Stadtrand?“** fragte Julja leise.
**„Davon weiß ich…“**
**„Nicht nur das Häuschen.“** Wera Nikolajewna öffnete die Mappe.
**„Außerdem eine Dreizimmerwohnung im Stadtzentrum, in der Lenin-Straße. Ein Datscha-Grundstück im Vorort, zwölf Ar groß. Und Guthaben bei zwei Banken in einer Gesamthöhe von siebzehn Millionen Rubel.“**
Julja spürte, wie der Raum vor ihren Augen zu schwimmen begann.
**„Was? Das… das muss ein Irrtum sein. Er hatte doch nichts! Er arbeitete als Lagerarbeiter!“**
**„Das tat er“**, nickte die Notarin.
**„Aber vor zwanzig Jahren kam sein Bruder, ein großer Unternehmer, bei einem Autounfall ums Leben. Er hatte keine Kinder, und sein gesamtes Vermögen ging an Pjotr Michailowitsch über. Er verkaufte das Unternehmen seines Bruders, investierte das Geld, lebte bescheiden und sparte. Für Sie, Julija Sergejewna.“**
**„Aber warum… warum hat er geschwiegen?“** Julja konnte ihren Ohren nicht trauen.
**„Warum lebte er in diesem alten Haus? Warum arbeitete er weiter?“**
**„Er hat Ihnen einen Brief hinterlassen“**, sagte Wera Nikolajewna und reichte ihr einen Umschlag.
**„Ich denke, darin finden Sie Antworten.“**
Julja öffnete den Umschlag mit zitternden Händen.
Die Handschrift ihres Stiefvaters — vertraut und innig.
**„Meine liebe Juljatschka!**
**Wenn du diesen Brief liest, bin ich nicht mehr da.**
**Verzeih mir, dass ich dir die Wahrheit nicht früher gesagt habe.**
**Als mein Bruder starb und ich das Erbe bekam, warst du erst vierzehn.**
**Du kamst gerade erst aus dem Kinderheim und hattest dich gerade erst an mich und an dein neues Leben gewöhnt.**
**Ich hatte Angst, dass du, wenn du von dem Geld erfährst, denken würdest, ich hätte dich aus irgendeinem Grund zu mir genommen und nicht einfach deshalb, weil ich dich wie eine Tochter liebgewonnen habe.**
**Dann beschloss ich zu warten, bis du erwachsen wirst, lernst und auf eigenen Beinen stehst.**
**Ich wollte dir alles geben, wenn du bereit sein würdest.**
**Aber dann hast du diesen Wiktor geheiratet, und ich habe gesehen, was für ein Mensch er ist.**
**Ich habe gesehen, wie er dich erniedrigt, wie er auf dich herabsieht.**
**Und ich beschloss, noch länger zu warten.**
**Ich wusste, dass du früher oder später erkennen würdest, was für ein Mensch er ist.**
**Ich wusste, dass du ihn verlassen würdest.**
**Und ich wollte, dass du die Möglichkeit hast, ein neues Leben zu beginnen und von niemandem abhängig zu sein.**
**Julja, du bist das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist.**
**Du hast meinem Leben Sinn gegeben, zu arbeiten und zu sparen.**
**Jeden Tag bin ich aufgewacht und habe gedacht: Das alles ist für mein Mädchen.**
**Für ihre Zukunft.**
**Verzeih mir, dass ich es dir nicht ein letztes Mal sagen konnte.**
**Leb glücklich, mein Töchterchen.**
**Du hast es verdient.**
**Dein Papa.“**
Julja las den Brief durch ihre Tränen hindurch.
Ihre Hände zitterten so sehr, dass sie das Blatt kaum halten konnte.
**„Julija Sergejewna“**, sagte die Notarin leise, **„Sie brauchen Zeit, um zu sich zu kommen. Aber es gibt noch etwas. Pjotr Michailowitsch hat Anweisungen hinterlassen. Er wollte sehr, dass Sie alles genau jetzt bekommen, wenn Sie es am dringendsten brauchen.“**
**„Woher konnte er das wissen?“** flüsterte Julja.
**„Er hat mich einen Monat vor seinem Tod angerufen“**, gestand Wera Nikolajewna.
**„Er sagte, dass er spüre, dass das Ende nahe sei. Er bat mich, Sie sofort zu kontaktieren, sobald… nun, sobald es passiert sei. Er ahnte, dass Sie in einer schwierigen Lage sein würden.“**
**„Er wusste es immer“**, Julja wischte sich die Tränen ab.
**„Er hat mich immer ganz durchschaut.“**
Noch eine Stunde lang erledigten sie die Dokumente.
Unterschriften, Stempel, Bankverbindungen.
Die Wohnung, die Datscha und das Geld waren bereits auf sie übertragen — ihr Stiefvater hatte sich im Voraus um alles gekümmert.
**„Hier sind die Schlüssel zur Wohnung in der Lenin-Straße“**, sagte Wera Nikolajewna und reichte ihr einen Schlüsselbund.
**„Sie können heute noch einziehen. Dort ist alles fertig — Möbel, Geräte. Pjotr Michailowitsch hat sogar vor zwei Jahren renovieren lassen.“**
**„Danke“**, sagte Julja und stand auf, den Brief ihres Stiefvaters an die Brust gedrückt.
**„Vielen, vielen Dank.“**
Als sie auf die Straße hinausging, zog sie ihr Handy heraus.
Zwölf verpasste Anrufe von Wiktor.
Drei Sprachnachrichten:
**„Na, wohin bist du denn abgehauen? Wahrscheinlich bist du zu deinen Freundinnen gegangen, um dich auszuheulen!“**
**„Ich habe gesagt — bis zum Abend bist du raus! Angelina bringt schon ihre Sachen!“**
**„Gehst du überhaupt mal ans Telefon, du Idiotin?!“**
Julja wählte seine Nummer.
**„Na endlich!“** erklang Wiktors wütende Stimme.
**„Wo treibst du dich herum?“**
**„Ich war bei der Notarin“**, antwortete Julja ruhig.
**„Und? Hast du deine Flaschen bekommen?“** Er lachte höhnisch.
**„Vielleicht hast du wenigstens ein altes Sofa geerbt?“**
**„Wiktor, ich will dir etwas sagen“**, sagte Julja, und ihre Stimme klang überraschend fest.
**„Ich werde in diese Wohnung nicht zurückkehren. Meine Sachen brauche ich nicht — du kannst sie wegwerfen.“**
**„Aha, verstehe“**, spottete er.
**„Und wo willst du dann wohnen? Im Hausflur?“**
**„In meiner Wohnung“**, antwortete Julja.
**„Einer Dreizimmerwohnung im Zentrum. Der, die mein Stiefvater mir hinterlassen hat. Zusammen mit einer Datscha und siebzehn Millionen.“**
Es entstand Stille.
Dann brachte Wiktor nur ein heiseres Keuchen hervor:
**„Was?! Du… du lügst!“**
**„Nein“**, Julja blickte auf die Schlüssel in ihrer Hand.
**„Mein Stiefvater, den du einen Säufer und Habenichts genannt hast, hat sein ganzes Leben lang für mich gespart. Er hat gearbeitet, gespart und jeden Kopeken zurückgelegt. Und du… du hast mir einfach gezeigt, wer du in Wahrheit bist.“**
**„Julja, warte!“** In seiner Stimme klang plötzlich Panik.
**„Lass uns reden! Es tut mir leid wegen gestern, verzeih mir! Das war alles nur Stress, die Arbeit…“**
**„Leb wohl, Wiktor“**, sagte sie und legte auf.
Das Telefon klingelte sofort wieder, aber Julja stellte es lautlos und steckte es in ihre Tasche.
Die Wohnung in der Lenin-Straße erwies sich als hell und gemütlich.
Hohe Decken, große Fenster, frische Renovierung.
Im Flur hing ein Foto — sie zusammen mit ihrem Stiefvater bei ihrer Abschlussfeier.
Beide lächelten.
Julja ging durch die Zimmer und konnte noch immer nicht glauben, was geschah.
Im Schlafzimmer lag auf dem Nachttisch noch ein weiterer Zettel, ganz kurz:
**„Lebe, freu dich, sei glücklich. Ich bin immer bei dir. Papa.“**
Sie setzte sich aufs Bett und drückte den Zettel an ihr Herz.
Die Tränen liefen von selbst, aber es waren andere Tränen — keine bitteren mehr, sondern helle.
Das Handy riss weiterhin mit Anrufen an ihr.
Wiktor, Wiktor, Wiktor…
Dann kam eine Nachricht von ihm:
**„Julja, ich liebe dich! Lass uns treffen und reden! Was Angelina betrifft — ich habe nur gescherzt, da war nichts Ernstes! Komm bitte nach Hause!“**
Sie antwortete nicht einmal.
Sie blockierte einfach die Nummer.
Und eine Stunde später kam eine Nachricht von einer unbekannten Nummer:
**„Hier ist Angelina. Ich habe von deinem Erbe durch Wiktor erfahren. Er hat mir alles erzählt und mich gebeten, dir auszurichten, dass er sich geirrt hat und zu dir zurückwill. Aber ich muss dir sagen — er lügt. Er hat nur von dem Geld erfahren und will jetzt Zugang dazu bekommen. Wir haben uns tatsächlich drei Monate lang getroffen, und er hat schreckliche Dinge über dich gesagt. Glaub ihm nicht. Du verdienst etwas Besseres. Und verzeih mir — ich wusste nicht, dass ich eine Familie zerstöre.“**
Julja lächelte bitter.
Offenbar waren auch Angelina die Augen über den wahren Wiktor aufgegangen.
**„Danke für deine Ehrlichkeit“**, antwortete sie kurz.
Am Abend saß Julja mit einer Tasse Tee auf dem Balkon und blickte auf die Stadt.
In ihren Händen hielt sie wieder den Brief ihres Stiefvaters und las ihn zum wiederholten Mal.
Da klingelte das Telefon — diesmal von einer neuen Nummer.
Julja nahm ab.
**„Julja! Ich bin’s, Wiktor! Leg bitte nicht auf!“** Seine Stimme klang jämmerlich, fast weinerlich.
**„Ich bin vor deiner Wohnung. Der Concierge lässt mich nicht rein. Julja, lass uns reden! Ich habe verstanden, dass ich unrecht hatte!“**
**„Wiktor“**, sagte sie ruhig, **„ich verzeihe dir alles. Wirklich. Ich bin dir sogar dankbar.“**
**„Dankbar?“** Er war verblüfft.
**„Ja. Du hast mir rechtzeitig gezeigt, wer du wirklich bist. Bevor es zu spät war. Solange ich noch ein neues Leben beginnen kann. Mein Stiefvater hatte recht — er hat gewartet, bis ich es selbst begreife. Und jetzt habe ich es begriffen.“**
**„Julja, tu das nicht!“** flehte er.
**„Na gut, ich war ein Schwein, das gebe ich zu! Aber wir sind doch so viele Jahre zusammen! Das bedeutet doch etwas!“**
**„Ja“**, stimmte sie zu.
**„Das bedeutet, dass ich mehrere Jahre an einen Menschen verschwendet habe, der mich nicht geschätzt hat. Aber jetzt ist alles vorbei. Leb wohl, Wiktor. Mit Angelina oder mit jemand anderem. Nur ohne mich.“**
**„Aber das Geld… die Wohnung…“** Jetzt verbarg er nicht einmal mehr, worum es ihm wirklich ging.
**„Wir sind doch Mann und Frau! Nach dem Gesetz habe ich ein Recht darauf…“**
**„Nach dem Gesetz“**, unterbrach Julja ihn, **„ist ein Erbe, das man in der Ehe erhält, kein gemeinschaftliches Vermögen. Ich habe mich bereits von einem Anwalt beraten lassen. Du hast keinerlei Rechte an dem, was mein Stiefvater mir hinterlassen hat.“**
**„Du…“** Er zischte vor Wut.
**„Du warst schon immer so! Hinterlistig! Du hast immer nur an Geld gedacht!“**
**„Leb wohl, Wiktor“**, sagte Julja, legte auf und blockierte auch diese Nummer.
Sie blickte erneut auf das Foto mit ihrem Stiefvater.
Ein einfacher Mensch, der ein einfaches Leben gelebt hatte.
Aber einer, der sie wirklich geliebt hatte, nicht für etwas, sondern einfach so.
Der mehr an ihre Zukunft gedacht hatte als an seine eigene Gegenwart.
**„Danke, Papa“**, flüsterte Julja.
**„Für alles. Für die Liebe, für die Fürsorge, dafür, dass du mich gelehrt hast, stark zu sein. Ich werde dich nicht enttäuschen. Das verspreche ich.“**
Am nächsten Tag reichte sie die Scheidung ein.
Wiktor versuchte, sich zu wehren, verlangte Entschädigung und drohte mit Gerichten.
Aber die Anwälte setzten ihn schnell an seinen Platz — er hatte keinerlei Rechte an Juljas Erbe.
Einen Monat später war die Scheidung vollzogen.
Julja kündigte ihre Stelle als Verkäuferin und meldete sich für Buchhaltungskurse an — ein alter Traum, für den früher weder Zeit noch Geld gereicht hatten.
Die Datscha beschloss sie zu behalten — dort gab es so viele Erinnerungen an ihren Stiefvater.
Und das alte Häuschen am Stadtrand, in dem er gelebt hatte, verwandelte sie in ein Tierheim.
Pjotr Michailowitsch hatte Hunde immer geliebt, konnte sich aber wegen Juljas Allergie keinen anschaffen.
**„Das soll zu deinem Andenken sein, Papa“**, sagte sie bei der Eröffnung des Tierheims.
**„Haus der Hoffnung namens Pjotr Koroljow.“**
Ein halbes Jahr verging.
Julja saß in einem gemütlichen Café mit ihrer neuen Freundin Marina, die sie in den Kursen kennengelernt hatte.
**„Weißt du“**, sagte Marina, **„du hast dich so verändert! Ich erinnere mich noch, wie du warst, als wir uns kennenlernten — so verkrampft, so ängstlich. Und jetzt — du bist wie ein anderer Mensch!“**
**„Ich bin endlich ich selbst geworden“**, lächelte Julja.
**„Diejenige, als die mich mein Stiefvater immer sehen wollte.“**
**„Und wie geht es deinem Ex?“** fragte Marina.
**„Ich habe gehört, dass er sich schon nach einem Monat wieder von genau dieser Angelina getrennt hat“**, zuckte Julja mit den Schultern.
**„Jetzt lebt er in einer Mietwohnung. Aber das ist nicht mehr meine Geschichte.“**
Das Telefon vibrierte — eine Nachricht von der Koordinatorin des Tierheims:
**„Julija, wir haben einen neuen Bewohner! Ein alter Hund, die Besitzer haben ihn ausgesetzt. Sehr lieb, aber traurig. Kommen Sie vorbei und schauen Sie ihn sich an?“**
**„Entschuldige, Marin“**, sagte Julja und stand auf, **„ich muss ins Tierheim. Es ist ein Neuer angekommen.“**
**„Ich komme mit!“** sprang Marina auf.
**„Ich wollte schon lange mal dort vorbeischauen!“**
Im Tierheim wurden sie von einem alten Setter mit traurigen Augen empfangen.
Er saß in einer Ecke des Geheges und hatte die Pfoten unter sich gezogen.
**„Er ist wohl schon zehn Jahre alt“**, erklärte die Koordinatorin.
**„Die Besitzer sagten, dass er ihnen lästig sei. Sie haben ihn einfach weggeworfen.“**
Julja trat an das Gehege heran und hockte sich hin.
Der Setter hob langsam den Kopf.
**„Hallo“**, sagte sie leise.
**„Ich weiß, wie es ist, wenn man nicht geschätzt wird. Aber hier wird man sich über dich freuen. Hier wird man dich lieben.“**
Der Hund kam vorsichtig näher und stieß seine nasse Nase gegen ihre Hand.
Julja streichelte ihm über den Kopf.
**„Wie nennen wir ihn?“** fragte Marina.
Julja dachte nach und erinnerte sich an ihren Stiefvater, an seine Güte und seine Fürsorge.
**„Petja“**, sagte sie.
**„Er heißt Petja.“**
Der Hund wedelte mit dem Schwanz, als würde er die Wahl gutheißen.
Am Abend, als sie nach Hause zurückkehrte, holte Julja wieder den Brief ihres Stiefvaters hervor.
Sie bewahrte ihn in einem Rahmen an der Wand auf — als Erinnerung an wahre Liebe, an einen Menschen, der ihr alles gegeben hatte, ohne jemals etwas dafür zu verlangen.
**„Ich lebe, Papa“**, flüsterte sie.
**„Ich freue mich. Und ich bin glücklich. So, wie du es dir gewünscht hast.“**
Draußen ging die Sonne unter und färbte den Himmel rosa und golden.
Ein neuer Tag, ein neues Leben.
Genau das Leben, das Pjotr Michailowitsch zwanzig Jahre lang für sie angespart hatte.
Und sie hatte nicht mehr vor, es an Menschen zu verschwenden, die sie nicht schätzten.



