Komisch.
Als hätten Sie vergessen, dass die Wohnung auf meinen Namen eingetragen ist.

Hier sind die Dokumente, — sagte die Schwiegertochter selbstbewusst.
Draußen war es längst dunkel geworden, und der Dezemberwind trieb feine Eiskörner über das Fensterbrett.
Im Zimmer war es kalt, die Heizkörper wurden kaum warm, doch Anna hatte sich bereits daran gewöhnt, es nicht mehr zu bemerken.
Sie hockte vor dem alten, ausgetrockneten Kleiderschrank und legte Dimas T-Shirts sorgfältig in eine Tüte.
Ihre Hände bewegten sich wie von selbst, automatisch, während ihr Blick auf einen einzigen Punkt der verblichenen Tapete gerichtet war.
Von unten, aus der Küche, war die Stimme ihrer Schwiegermutter zu hören.
Sinaida Petrowna schrie nicht, sie telefonierte mit jemandem, doch die Wände dieses Hauses waren dünn, und ihre Stimme klang immer so, als würde sie auf einer Versammlung eine Rede halten.
Anna hörte nicht genau hin, denn sie wusste ohnehin, worum es ging.
In den vergangenen drei Monaten, seit Vitja beerdigt worden war, drehten sich die Gespräche ihrer Schwiegermutter immer um dasselbe: die Wohnung, das Erbe und darum, was für eine schlechte Ehefrau Anna gewesen sei.
Dima saß mit angezogenen Beinen auf dem Bett und blickte auf sein Handy.
Das Licht des Bildschirms beleuchtete sein eingefallenes Gesicht und die scharfen Wangenknochen, die erst vor Kurzem sichtbar geworden waren.
Mit siebzehn muss man schnell erwachsen werden.
— Mama, — rief er leise, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden.
— Wohin sollen wir gehen?
Anna richtete die Schultern auf und bewegte ihren steif gewordenen Rücken.
Eine solche Erschöpfung überkam sie, dass sie sich am liebsten direkt hier auf den kalten Boden gelegt und die Augen geschlossen hätte.
Doch sie zwang sich zu einem Lächeln.
— Wir mieten ein Zimmer.
Erst einmal.
Ich habe etwas Geld zurückgelegt.
— Und die Schule? — Dimas Stimme zitterte.
— Ich bin doch in der Abschlussklasse.
— Die Schule ist in der Nähe, Dima.
Du kannst zu Fuß hingehen.
Es wird sich nichts ändern.
Beide wussten, dass das nicht stimmte.
Alles würde sich ändern.
Aber Anna konnte jetzt nicht darüber nachdenken.
Sie mussten ihre Sachen packen und fertig sein, bevor Sinaida Petrowna wieder hereinkam.
Beim letzten Mal war sie ohne anzuklopfen eingetreten und hatte einen Skandal veranstaltet, weil Anna es gewagt hatte, Vitjas Pullover mitzunehmen, der angeblich eine „Erinnerung an ihren Sohn“ sei.
Damals hatte Anna den Pullover zurückgelegt.
Die Tür flog auf, ohne auch nur zu knarren, als wäre sie gar nicht vorhanden gewesen.
Sinaida Petrowna stand auf der Schwelle.
Sie war groß und hager und hatte eine makellose Haltung, die weder siebzig Lebensjahre noch der Tod ihres einzigen Sohnes hatten beugen können.
Ihr graues Haar war zu einem strengen Knoten zusammengebunden, und ihre Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst.
In den Händen hielt sie drei leere Plastiktüten, dieselben Tüten, in denen zuvor Kohl gewesen war und die noch unter der Spüle gelegen hatten.
Ohne ein Wort zu sagen, ging sie zum Bett und warf die Tüten auf die ordentlich zusammengelegten Sachen.
— Da kannst du deinen Kram hineinpacken.
Sonst bekommt man meine Tüten nachher nicht mehr sauber, — sagte sie mit einer Stimme, die so gerade und hart wie ein Brett klang.
— Und beeil dich.
Bis zum Abend will ich keinen von euch mehr hier sehen.
Dima sprang auf, und sein Handy fiel zu Boden.
— Oma, was soll das?!
Wohin sollen wir gehen?
Es ist Nacht, und draußen sind minus zwanzig Grad!
Sinaida Petrowna drehte nicht einmal den Kopf zu ihm.
Sie blickte nur Anna an.
— Mit dir rede ich nicht, du Rotzlöffel.
Deine Mutter soll antworten.
Sie ist schließlich für alles verantwortlich.
Dafür, dass sie meinen Sohn nicht beschützt hat, dafür, dass er getrunken hat, und dafür, dass er ins Grab gekommen ist.
Jetzt soll sie die Folgen ausbaden.
Anna erhob sich langsam aus ihrer hockenden Stellung.
Ihre Knie knackten.
Sie blickte ihrer Schwiegermutter direkt in die Augen.
— Sinaida Petrowna, Vitja war fünfzig Jahre alt.
Er hat seine Entscheidungen selbst getroffen.
Ich bin nicht schuld daran, dass er getrunken hat.
— Schweig! — Die Stimme der Schwiegermutter wurde zu einem schrillen Kreischen.
— Wer bist du überhaupt, dass du mir Vorschriften machst?
Du bist eine Schmarotzerin!
Du bist aus dem Wohnheim gekommen, und dorthin wirst du auch zurückkehren.
Die Wohnung gehört mir!
Vitja war ein Schwächling und hat zugelassen, dass du hier angemeldet wurdest, aber ich werde das korrigieren.
Morgen gehe ich sofort zum Notar und beantrage deine Abmeldung.
Und jetzt raus hier.
Sie trat nach vorn, riss Dimas Jacke vom Bett, eine neue Daunenjacke, die Anna ihm im September auf Kredit gekauft hatte, und schleuderte sie in den Flur.
Die Jacke landete auf der schmutzigen Fußmatte direkt neben der Eingangstür.
— Und deinen Sohn nimmst du ebenfalls mit.
Er muss nicht hierbleiben und mit ansehen, wie du mich so unverschämt anstarrst.
Dima wollte nach seiner Jacke laufen, doch Anna hielt ihn am Arm fest.
— Lass es, — sagte sie leise.
— Ich mache das selbst.
Sie ging in den Flur, hob die Jacke auf und klopfte sie ab.
Dann drehte sie sich zu ihrer Schwiegermutter um, die mit in die Hüften gestemmten Händen in der Zimmertür stand und sie wie eine Siegerin ansah.
— Sinaida Petrowna, beruhigen Sie sich.
Wir werden gehen.
Ich hatte ohnehin nicht vor, hierzubleiben.
Aber lassen Sie meinen Sohn in Ruhe.
Für ihn ist es ohnehin schon schwer genug.
— Schwer? — Die Schwiegermutter griff sich plötzlich ans Herz, und ihr Gesicht wurde blass.
— Für mich ist es schwer!
Ich bin seine Mutter!
Ich habe meinen Sohn beerdigt!
Und du … du … raus!
Sie begann zur Seite zu kippen und schnappte nach Luft.
Anna ließ die Jacke fallen, sprang zu ihr und stützte sie am Ellbogen.
— Dima, ruf den Rettungsdienst!
Schnell!
Dima griff nach seinem Handy.
Sinaida Petrowna stieß Anna von sich, doch sie hatte kaum Kraft, sodass ihre Hand lediglich über Annas Schulter glitt.
— Fass mich nicht an, du Mörderin.
Erst bringst du mich so weit, und jetzt willst du einen Krankenwagen rufen …
Ruf nur die Ärzte!
Alle sollen sehen, wie du mit alten Menschen umgehst!
Anna trat zurück und gab ihr Platz.
Die Schwiegermutter ließ sich auf einen Stuhl im Flur sinken und schnappte weiterhin theatralisch nach Luft.
Dima sprach bereits mit der Leitstelle und nannte die Adresse.
— Und rufen Sie die Polizei! — schrie Sinaida Petrowna in Richtung des Telefons.
— Der Bezirkspolizist soll kommen!
Er soll aufschreiben, wie man mich hier umbringt!
Anna lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand und schloss die Augen.
Da war es wieder.
Schon wieder.
Wie oft war das in den vergangenen achtzehn Jahren passiert?
Vitja trank, und sie war schuld.
Vitja blieb lange bei der Arbeit, also ernährte sie ihn schlecht.
Dima bekam eine Drei in der Schule, also hatte sie ihn schlecht erzogen.
Und nun das.
Sie mussten nicht lange warten.
Der Rettungswagen und die Polizei trafen beinahe gleichzeitig ein, und die blinkenden Lichter im Hof färbten die Zimmerdecke mit blauen und roten Lichtreflexen.
Die Ärztin, eine junge, müde Frau, untersuchte Sinaida Petrowna schnell und maß ihren Blutdruck.
— Ihr Blutdruck ist erhöht, aber nicht kritisch.
Der Puls ist schnell.
Nehmen Sie irgendwelche Medikamente?
— Ich nehme alles! — Sinaida Petrowna wurde sofort wieder lebendig.
— Sie bringt mich in diesen Zustand!
Sie strapaziert meine Nerven!
Werfen Sie sie hinaus!
Das ist meine Wohnung!
Die Ärztin sah Anna fragend an.
— Wir gehen, — antwortete Anna ruhig.
— Ich packe gerade unsere Sachen.
Sie will einfach nicht warten.
Zwei Polizisten kamen in den Flur.
Der eine war jung, vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt, der andere war älter, hatte einen Schnurrbart und ein müdes Gesicht.
Der Ältere war seinen Schulterklappen nach vermutlich Leutnant oder etwas Ähnliches.
Er ließ den Blick über die Szene schweifen: eine alte Frau auf einem Stuhl, eine Ärztin mit einem Blutdruckmessgerät, eine Frau an der Wand und ein Jugendlicher neben ihr.
— Was ist denn hier los? — fragte er müde.
— Wurden wir wegen einer Störung der öffentlichen Ordnung gerufen?
— Einer Störung! — Sinaida Petrowna fuhr auf.
— Sie bringt mich um!
Werfen Sie sie aus meiner Wohnung!
Ich bin die Eigentümerin!
Ich habe Dokumente!
Und sie ist niemand, nur eine Schmarotzerin!
Sie soll dorthin zurückgehen, woher sie gekommen ist!
Der Leutnant sah Anna an.
— Wohnen Sie in dieser Wohnung?
— Ja, — Anna nickte.
— Ich bin die Frau ihres Sohnes.
Genauer gesagt seine Witwe.
Ihr Sohn ist vor drei Monaten gestorben.
— Sind Sie hier gemeldet?
— Ja.
Und mein Sohn ist ebenfalls hier gemeldet.
Sinaida Petrowna sprang vom Stuhl auf und stieß dabei die Ärztin zur Seite.
— Gemeldet!
Na und?
Eine Anmeldung bedeutet kein Eigentum!
Die Wohnung gehört mir!
Sie wurde mir vererbt!
Vitja, dieser Idiot, hat zugelassen, dass sie sich hier anmeldet, und jetzt muss ich darunter leiden!
Sie haben das Recht, sie hinauszuwerfen!
Sie ist eine Fremde für mich!
Der Leutnant seufzte.
Man sah ihm an, dass solche familiären Auseinandersetzungen keine Seltenheit für ihn waren.
— Bürgerin, beruhigen Sie sich bitte.
Wenn es einen Streit um das Eigentumsrecht gibt, müssen Sie vor Gericht gehen.
Die Polizei ist für solche Fragen nicht zuständig.
Solange die Frau hier gemeldet ist, dürfen wir sie nicht aus der Wohnung entfernen.
— Und was ist, wenn sie mich umbringt? — Sinaida Petrownas Stimme wurde wieder schrill.
— Kommen Sie dann, um meine Leiche abzuholen?
Die Ärztin schüttelte den Kopf und ging zur Tür, womit sie zeigte, dass ihre Hilfe nicht mehr benötigt wurde und sie fahren würde.
Der Leutnant sah Anna erneut an.
— Wollen Sie wirklich gehen?
— Ja, — Anna nickte.
— Wir packen bereits unsere Sachen.
Ich möchte nicht hierbleiben.
— Sehen Sie! — Sinaida Petrowna freute sich.
— Sie gibt es selbst zu!
Sie soll verschwinden!
Der Leutnant kratzte sich am Hinterkopf.
— Bürgerin, bitte ohne Geschrei.
Und Sie, — wandte er sich an Anna, — wenn Sie freiwillig gehen, sollten Sie die Sache vielleicht wirklich nicht weiter eskalieren lassen.
Packen Sie Ihre Sachen und gehen Sie.
Und Sie, — er drehte sich zu Sinaida Petrowna um, — beruhigen Sie sich.
Wenn Sie niemand schlägt, warum veranstalten Sie dann so einen Aufstand?
— Ich veranstalte einen Aufstand?
Ich?! — Die Augen der Schwiegermutter füllten sich mit Blut.
— Sie … sie …
Anna ging schweigend zurück ins Zimmer.
Dima folgte ihr.
— Mama, wie kann das sein? — Seine Stimme zitterte.
— Wohin sollen wir gehen?
— Pack deinen Rucksack, — sagte Anna leise.
— Nimm nur die wichtigsten Sachen mit.
Den Rest holen wir später.
Sie ging zum Kleiderschrank und öffnete die obere Schublade, in der unter einem alten Bettlaken eine Mappe mit Dokumenten lag.
Sie war rot, abgenutzt und mit einer Schnur zusammengebunden.
Anna strich mit der Hand darüber.
Achtzehn Jahre.
Achtzehn Jahre hatte diese Mappe hier gelegen, und in all dieser Zeit hatte sie sie kein einziges Mal hervorgeholt.
Nicht einmal, als Vitja trank und tagelang verschwand.
Nicht einmal, als ihre Schwiegermutter sie eine Schmarotzerin nannte.
Nicht einmal, als sie vor Kränkung am liebsten geschrien hätte.
Sie löste die Schnur und nahm zwei Blätter aus der Mappe: den Kaufvertrag und die Bescheinigung über die staatliche Registrierung des Eigentumsrechts.
Die Ränder der Papiere waren vergilbt, doch die Stempel und Unterschriften waren deutlich zu erkennen.
Anna entdeckte ihren Nachnamen sofort.
Er stand in der Zeile „Eigentümerin“.
Im Flur schrie Sinaida Petrowna immer noch und versuchte den Leutnant dazu zu überreden, ein Protokoll aufzunehmen.
Der Leutnant antwortete ihr müde.
Dima warf Ladegeräte und Schulhefte in seinen Rucksack.
Anna steckte die Dokumente in die Innentasche ihrer Jacke und schloss den Reißverschluss.
Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, doch ihre Hände zitterten nicht.
Sie ging in den Flur.
Als Sinaida Petrowna sie sah, verstummte sie sofort und blickte sie siegessicher an.
— Na, bist du fertig?
Dann verschwinde.
Und wage es nicht, noch einmal einen Fuß in diese Wohnung zu setzen.
Der Leutnant blickte Anna an.
— Verlassen Sie die Wohnung?
Dann werde ich fahren.
Hier gibt es tatsächlich nichts aufzunehmen.
— Warten Sie, — hielt Anna ihn mit einer Handbewegung zurück.
— Nur eine Minute.
Sie trat dicht an ihre Schwiegermutter heran.
Diese wich instinktiv zurück, fasste sich dann jedoch wieder und richtete sich auf, während sie Anna herausfordernd von unten ansah.
— Sie werfen mich aber sehr selbstsicher hinaus, — sagte Anna mit einer ruhigen, fast zu ruhigen Stimme.
— Komisch.
Als hätten Sie vergessen, dass die Wohnung auf meinen Namen eingetragen ist.
Sie öffnete langsam ihre Jacke, holte die vergilbten Blätter aus der Innentasche und entfaltete sie vor den Augen ihrer Schwiegermutter.
Sinaida Petrowna starrte die Papiere zunächst verständnislos an, doch dann begann sich ihr Gesicht zu verändern.
Langsam wich jede Farbe aus ihren Wangen und hinterließ eine graue Blässe.
Ihre Augen weiteten sich, und ihr Mund öffnete sich.
— Hier sind die Dokumente, — fügte Anna leise hinzu.
Dann reichte sie die Papiere dem Leutnant.
Der Leutnant nahm sie, drehte sie in seinen Händen und hielt sie ins Licht.
Man sah ihm an, dass er sich mit juristischen Feinheiten nicht besonders gut auskannte, doch die Stempel und Unterschriften erkannte er.
Der junge Polizist trat näher und blickte ihm über die Schulter.
— Kaufvertrag, — las der Leutnant laut vor.
— Aus dem Jahr zweitausendfünf.
Verkäuferin: Sinaida Petrowna.
Käuferin: Anna Nikolajewna.
Auch die Bescheinigung über die Registrierung des Eigentumsrechts lautet auf Ihren Namen, — sagte er und blickte Anna an.
— Alles ist korrekt.
Sinaida Petrowna stand da und klammerte sich an die Lehne des Stuhls.
Ihre Finger waren weiß geworden.
Sie blickte die Dokumente an, als würde sie sie zum ersten Mal in ihrem Leben sehen, obwohl Anna genau wusste, dass sie sie kannte.
Vor achtzehn Jahren hatte Sinaida Petrowna genau an diesem Tisch gesessen, als sie das Geschäft abgeschlossen hatten, und den Vertrag eigenhändig unterschrieben.
— Das kann nicht sein, — die Stimme der Schwiegermutter war heiser geworden und nur noch ein raues Flüstern.
— Das ist eine Fälschung.
Sie hat die Dokumente gefälscht.
Vitja hätte niemals …
Er konnte nicht …
Das ist meine Wohnung!
Ich habe vierzig Jahre hier gelebt!
— Die Dokumente sehen echt aus, — sagte der Leutnant achselzuckend.
— Wenn Sie Zweifel haben, können Sie sich an ein Gericht wenden.
Dort wird ein Gutachten angeordnet.
— Vor Gericht? — Sinaida Petrowna richtete sich plötzlich auf, und etwas Seltsames blitzte in ihren Augen auf.
Es war weder Wut noch Verzweiflung, sondern eher Angst.
Nur für einen kurzen Moment, doch Anna bemerkte es.
— Ich gehe vor Gericht!
Ich werde es beweisen!
Sie … sie hat Vitja gezwungen!
Sie hat ihm irgendetwas eingeflößt, und deshalb hat er unterschrieben!
Sie war schon immer so, still und unscheinbar, aber in Wahrheit …
— Genug, — sagte Anna leise, aber so bestimmt, dass Sinaida Petrowna mitten im Satz verstummte.
— Sie erinnern sich doch, Sinaida Petrowna.
Sie erinnern sich an alles.
Setzen Sie sich.
Sie nahm ihre Schwiegermutter am Ellbogen und drückte sie nicht grob, aber bestimmt auf den Stuhl.
Diese leistete keinen Widerstand, entweder aus Überraschung oder weil ihre Beine sie tatsächlich nicht mehr trugen.
Dima kam mit dem Rucksack auf dem Rücken aus dem Zimmer und blieb stehen, als er seine Mutter mit den Dokumenten in der Hand und seine blasse Großmutter sah.
— Mama, was ist los?
— Später, mein Junge.
Warte noch ein wenig.
Anna drehte sich zum Leutnant um.
Er stand da und wusste nicht, was er tun sollte, ob er gehen oder bleiben sollte.
Der junge Polizist hatte sich sogar zur Tür gedreht und tat so, als wäre er gar nicht anwesend.
— Entschuldigen Sie bitte, dass es so gekommen ist, — sagte Anna müde.
— Danke, dass Sie gekommen sind.
Den Rest klären wir selbst.
Der Leutnant nickte, gab ihr die Dokumente zurück und ging zum Ausgang.
Der Jüngere folgte ihm langsam.
Die Tür fiel ins Schloss, und im Flur wurde es still.
Nur die Uhr an der Wand tickte gleichmäßig und zählte die Sekunden.
Sinaida Petrowna saß da und starrte auf den Boden.
Ihre Schultern waren zusammengesunken, und ihre Hände lagen kraftlos auf ihren Knien.
Anna betrachtete sie und sah nicht mehr die herrische Schwiegermutter, die ihr achtzehn Jahre lang das Leben vergiftet hatte, sondern eine alte, verängstigte Frau.
Doch sie empfand kein Mitleid.
In ihr war nur Leere.
— Mama, stimmt das wirklich? — Dima trat näher und blickte auf die Dokumente.
— Gehört die Wohnung uns?
Also eigentlich dir?
— Uns, — korrigierte Anna ihn.
— Sie gehört uns gemeinsam.
Du bist hier gemeldet und hast ein Recht darauf.
— Und Oma? — Er nickte in Richtung Sinaida Petrowna.
Anna schwieg eine Weile.
Dann hockte sie sich vor ihre Schwiegermutter, damit sie ihr Gesicht sehen konnte.
— Erzählen Sie es, — sagte sie leise.
— Von selbst.
Oder soll ich anfangen?
Sinaida Petrowna hob den Kopf.
In ihren Augen standen Tränen, doch es waren keine hilflosen Tränen, sondern wütende und machtlose.
— Was soll ich erzählen? — flüsterte sie.
— Dass du mich bestohlen hast?
Dass du …
— Ich? — Anna lachte bitter.
— Ich soll Sie bestohlen haben?
Gut.
Dann werde ich es erzählen.
Sie richtete sich auf, ging zur Wand und begann zu sprechen, während sie irgendwo zur Seite blickte, an ihrer Schwiegermutter und ihrem Sohn vorbei, direkt in die Vergangenheit.
— Im Jahr zweitausendfünf.
Dima war gerade ein Jahr alt geworden.
Vitja war damals in große Schwierigkeiten geraten.
Schulden.
Hohe Schulden.
Er hatte sich von seinem Vater, also von deinem Großvater, Dima, Geld für ein Geschäft geliehen.
Doch das Geschäft scheiterte.
Und es scheiterte nicht nur, sondern Vitja blieb auch anderen Leuten Geld schuldig.
Leuten, die mit großen Summen arbeiten und keinen Spaß verstehen.
Dima hörte mit offenem Mund zu.
Er hatte diese Geschichte noch nie gehört.
Woher hätte er sie auch kennen sollen?
Vitja hatte in seiner Gegenwart immer geschwiegen, und wenn er sprach, dann meist nur, um zu fluchen.
— Sie kamen zu uns, — fuhr Anna fort.
— Es waren drei Männer.
Sehr höflich und in Anzügen.
Sie sagten: entweder das Geld oder die Wohnung.
Oder Vitja.
Damals bekam ich große Angst und dachte, dass alles vorbei sei.
Doch Sinaida Petrowna, — sie nickte in Richtung ihrer Schwiegermutter, — hatte eine Idee.
Sie sagte, wir sollten die Wohnung auf meinen Namen übertragen.
Nur formell.
Damit sie keine Ansprüche gegen Vitja geltend machen konnten.
Wenn die Wohnung nicht ihm, sondern seiner Frau gehörte, war die Schuld nicht durch die Wohnung abgesichert.
Während sie das überprüften, würden wir Zeit gewinnen.
— Stimmt das? — Dima sah seine Großmutter an.
Sie schwieg und senkte nur noch tiefer den Kopf.
— Wir gingen zum Notar, — Annas Stimme zitterte.
— Ich wollte es nicht.
Ich sagte, dass die Wohnung mir nicht gehörte und ich das nicht tun konnte.
Doch Vitja fiel auf die Knie.
Genau hier in der Küche kniete er sich hin und weinte.
Er flehte mich an: „Rette uns, Anja, rette unsere Familie.“
Und Sinaida Petrowna stand daneben und sagte, es sei nur eine Formalität und wir würden die Wohnung zurückübertragen, sobald sich alles beruhigt hätte.
Ich glaubte ihnen.
Ich liebte ihn.
Sie schwieg und schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter.
— Wir schlossen einen Kaufvertrag ab.
Sinaida Petrowna verkaufte mir die Wohnung.
Laut den Dokumenten hatte ich dafür bezahlt, doch in Wirklichkeit zahlte ich nichts.
Es war ein Scheingeschäft.
Nur Papierkram.
Falls etwas passieren sollte, konnten wir behaupten, dass die Wohnung nicht Vitja gehörte und er damit überhaupt nichts zu tun hatte.
Und diese Leute ließen uns in Ruhe.
Vielleicht glaubten sie uns, oder vielleicht hatten sie andere Probleme.
Ich weiß es nicht.
— Und danach? — fragte Dima.
— Danach begann Vitja zu trinken, — Anna sah ihre Schwiegermutter an.
— Zuerst nur wenig, später immer mehr.
Ich sagte zu ihm, dass wir die Wohnung zurückübertragen sollten.
Doch er winkte nur ab.
Mal hatte er keine Zeit, mal gab es einen anderen Grund.
Und Sinaida Petrowna schwieg.
Sie haben doch geschwiegen, nicht wahr?
Die Schwiegermutter zuckte zusammen, als hätte man sie geschlagen.
— Ich schwieg, weil … weil du eine gute Ehefrau warst.
Ich dachte, Vitja würde aufhören zu trinken, und dann …
— Hören Sie auf, — unterbrach Anna sie.
— Lügen Sie nicht.
Wenigstens jetzt nicht.
Sie schwiegen, weil Sie Angst hatten.
Was wäre gewesen, wenn wir die Wohnung zurückübertragen hätten und diese Leute wieder aufgetaucht wären?
Solange die Wohnung auf meinen Namen lief, trug ich die Verantwortung.
Und falls etwas passierte, konnte man mich hinauswerfen, weil ich für Sie eine Fremde war.
Die Wohnung wäre trotzdem bei Ihnen geblieben, weil ich gehen und nichts verlangen würde.
Darauf haben Sie doch gehofft, nicht wahr?
Dass ich eines Tages müde werden und von selbst gehen würde, während ich Ihnen alles überlasse?
Sinaida Petrowna schwieg.
Nur ihre Hände zitterten leicht.
— Achtzehn Jahre, — sagte Anna leise.
— Achtzehn Jahre lang wartete ich darauf, dass Sie sich erinnern würden.
Dass Sie sich bedanken würden.
Dass Sie mich wenigstens einmal nicht Schmarotzerin, sondern einen Menschen nennen würden.
Ich schwieg, als Vitja trank.
Ich schwieg, als Sie mich vor den Kindern erniedrigten.
Ich schwieg, weil ich dachte, wir seien eine Familie.
Weil ich bei meiner Hochzeit geschworen hatte, in guten wie in schlechten Zeiten bei ihm zu bleiben.
Und Sie …
Sie beschlossen, mich hinauszuwerfen.
Wie einen Hund.
Sie gaben mir sogar alte Kohltüten, damit ich meine Sachen darin hinaustragen konnte.
Dima trat zu seiner Mutter und legte ihr die Arme um die Schultern.
Einen Augenblick lang lehnte sie sich an ihn, dann löste sie sich sanft von ihm.
— Ich bin Ihnen nicht böse, Sinaida Petrowna, — sagte Anna.
— Ich bin es leid, wütend zu sein.
Wir gehen.
So, wie Sie es wollten.
Die Schwiegermutter riss den Kopf hoch.
In ihren Augen stand echte Angst.
— Wohin? — hauchte sie.
— Das geht Sie nichts mehr an, — Anna schüttelte den Kopf.
— Wir werden einen Ort finden.
Dima ist schon groß.
Wir werden zurechtkommen.
— Nein, — Sinaida Petrowna sprang vom Stuhl auf und packte Anna am Arm.
— Geh nicht.
Wage es nicht zu gehen.
Anna sah zuerst auf die Finger, die sich in ihrem Ärmel festklammerten, und dann in ihr Gesicht.
— Warum?
Damit ich weiter alles ertrage?
Damit Sie mich wieder eine Schmarotzerin nennen können?
Es reicht.
Ich habe mich entschieden.
— Du verstehst es nicht, — die Stimme ihrer Schwiegermutter wurde zu einem heiseren Krächzen.
— Du kannst nicht gehen.
Die Wohnung …
Laut den Dokumenten gehört sie dir.
Wenn du gehst, werden sie zu mir kommen.
— Wer sind „sie“? — mischte sich Dima ein.
Sinaida Petrowna sah ihn an, und zum ersten Mal lag keine Überlegenheit in ihrem Blick, sondern nur Angst.
— Die Leute, denen Vitja Geld schuldete.
Sie haben es nicht vergessen.
Sie erinnern sich an alles.
Sie haben gewartet, bis Vitja stirbt.
Und jetzt …
Jetzt werden sie wegen der Wohnung kommen.
Anna löste langsam ihren Arm aus ihrem Griff.
— Woher wissen Sie das?
— Sie rufen an, — die Schwiegermutter sank wieder auf den Stuhl, als hätten sie plötzlich alle Kräfte verlassen.
— Sie rufen schon seit einem Monat an.
Sie fragen, wann wir die Schulden bezahlen.
Ich sage ihnen, dass Vitja gestorben ist und es keinen Vitja mehr gibt.
Doch sie lachen.
Sie sagen, dass Schulden nicht zusammen mit den Toten verschwinden, sondern auf die Erben übergehen.
Und die Erben sind du und ich.
Ich sagte ihnen, was für eine Erbin du sein sollst, schließlich bist du eine Fremde.
Doch sie fragten, auf wessen Namen die Wohnung eingetragen sei.
Auf deinen.
Also gehöre auch die Schuld dir.
Anna hörte zu und konnte es nicht glauben.
Achtzehn Jahre waren vergangen.
Sie hatte gedacht, diese Geschichte sei vergessen und begraben.
Doch so war es also.
— Deshalb wollten Sie mich hinauswerfen? — fragte sie leise.
— Damit diese Leute zu Ihnen kommen und ich schon nicht mehr hier bin?
Damit ich die Verantwortung trage, aber woanders, während Sie sich heraushalten?
Sinaida Petrowna antwortete nicht.
Doch die Antwort stand ihr ins Gesicht geschrieben.
— Was sind Sie nur für ein Mensch, — Anna schüttelte den Kopf.
— Achtzehn Jahre lang habe ich Sie beschützt, und im letzten Moment wollten Sie mir alles anhängen.
— Ich wollte das nicht, — flüsterte die Schwiegermutter.
— Ich hatte einfach Angst.
Ich bin alt und kann allein nicht damit fertigwerden.
Ich dachte, wenn du gehst, würden sie zu dir gehen.
Und ich würde hier irgendwie …
Vielleicht würden sie mich nicht finden.
— Sie haben Sie bereits gefunden, — sagte Dima düster.
— Sie haben doch selbst gesagt, dass sie anrufen.
Sinaida Petrowna bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.
Ihre Schultern begannen zu zittern.
Sie weinte zum ersten Mal, seit Anna sie kannte.
Nicht einmal bei Vitjas Beerdigung hatte sie geweint, sondern trocken und gerade wie ein Stock dagestanden.
Doch jetzt saß sie in der Küche und schluchzte leise und kläglich in ihre Hände, wie eine hilflose alte Frau.
Anna betrachtete sie und fühlte nur Müdigkeit.
Eine Müdigkeit, die so riesig wie das Meer war.
Sie wollte sich hinlegen und nie wieder aufstehen.
— Dima, — sagte sie.
— Geh ins Zimmer und pack die restlichen Sachen.
Wir müssen wirklich gehen.
— Mama, aber was ist mit … na ja … — Er nickte in Richtung seiner Großmutter.
— Geh, mein Junge.
Ich kümmere mich darum.
Dima zögerte, ging aber schließlich.
Man hörte, wie er durch das Zimmer lief und Schubladen öffnete.
Anna setzte sich ihrer Schwiegermutter gegenüber und wartete, bis sie sich etwas beruhigt hatte.
— Hören Sie mir zu, — sagte sie bestimmt.
— Ich gehe nicht, weil Sie mich hinausgeworfen haben.
Ich gehe, weil ich nicht länger hier leben kann.
Nicht in dieser Wohnung, nicht zwischen diesen Wänden und nicht mit all diesen Erinnerungen.
Aber ich werde Sie diesen Leuten nicht ausliefern.
Ich gehe selbst zu ihnen.
Ich werde mit ihnen sprechen und herausfinden, um welche Summe es geht und was genau sie wollen.
Wenn ich mich mit ihnen einigen kann, werde ich es tun.
Falls nicht, überlegen wir uns etwas anderes.
Sinaida Petrowna hob ihr verweintes Gesicht.
— Du gehst zu ihnen?
Ganz allein?
— Wer sollte es sonst tun? — Anna lächelte bitter.
— Wollen Sie hingehen?
Ihre Hände zittern schon jetzt.
Sie würden es nicht einmal bis dorthin schaffen.
Außerdem wissen Sie nichts.
Aber ich weiß Bescheid.
Ich habe vor achtzehn Jahren mit ihnen gesprochen.
Ich erinnere mich an sie.
— Sie sind böse, — flüsterte die Schwiegermutter.
— Es gibt noch bösere Menschen, — Anna stand auf.
— Ich werde mit ihnen sprechen.
Und Sie bleiben solange hier und leben weiter.
Sie haben Schlüssel.
Öffnen Sie niemandem die Tür, den Sie nicht kennen.
Ich werde Sie anrufen.
Sie ging ins Zimmer, holte eine alte Sporttasche aus dem Kleiderschrank und warf einige ihrer Sachen hinein, nur wenig und nur das Nötigste.
Dima hatte seinen Rucksack bereits gepackt und saß wartend auf dem Bett.
— Ist alles fertig, Mama?
— Ja, mein Junge.
Gehen wir.
Sie gingen in den Flur.
Sinaida Petrowna stand noch immer neben dem Stuhl und hielt ein Taschentuch in den Händen.
Sie blickte sie verwirrt an.
— Anja, — rief sie.
— Wirst du … zurückkommen?
Anna zog ihre Schuhe an und schloss ihre Jacke.
Dann rückte sie den Trageriemen der Tasche auf ihrer Schulter zurecht.
— Ich weiß es nicht, — antwortete sie ehrlich.
— Vielleicht nicht.
Aber haben Sie keine Angst.
Ich werde alles regeln.
Sie öffnete die Tür.
Im Treppenhaus war es dunkel, denn die Lampe war bereits seit einer Woche kaputt und niemand hatte sie ersetzt.
Kalte Luft, die nach Feuchtigkeit und Katzen roch, schlug ihr ins Gesicht.
— Komm, Dima.
Sie gingen ins Erdgeschoss hinunter.
Anna hatte bereits nach dem Griff der Haustür gegriffen, als hinter ihr eine Stimme ertönte.
— Anna Nikolajewna!
Warten Sie!
Sie drehte sich um.
Aus einer Wohnung im Erdgeschoss blickte die Nachbarin, Tante Pascha, eine kleine, hagere alte Frau mit einem dicken Kopftuch.
Sie lebte schon seit undenklichen Zeiten hier, kannte jeden und wusste alles über alle.
— Tante Pascha, was ist los? — fragte Anna müde.
— Wir gehen bereits.
— Ich weiß, ich weiß, — die Nachbarin nickte eifrig.
— Ich habe alles gehört.
Meine Wände sind dünn.
Du musst …
Du musst vorsichtig sein.
Mit den Dokumenten.
— Danke, — Anna nickte und griff erneut nach der Tür.
— Warte doch! — Tante Pascha sprang ins Treppenhaus und packte Anna am Ärmel.
— Davon rede ich nicht.
Ich meine diese Leute.
Die, die anrufen.
Anna erstarrte.
— Was ist mit ihnen?
— Sie waren heute hier, — flüsterte die Nachbarin und blickte dabei zu ihrer Wohnungstür zurück.
— Gegen vier Uhr.
Ein großes schwarzes Auto mit getönten Scheiben.
Zwei Männer stiegen aus, beide in Lederjacken.
Sie gingen zu Sinaida.
Sie blieben lange.
Ich habe durch den Türspion gesehen, wie sie wieder gegangen sind.
Sie sahen wütend aus.
Einer von ihnen spuckte sogar vor ihre Tür.
Anna spürte, wie ihr innerlich eiskalt wurde.
— Und was hat Sinaida Petrowna getan?
— Was sollte sie tun? — Tante Pascha breitete die Arme aus.
— Ich habe nichts gehört, weil sie leise gesprochen haben.
Aber als sie gingen, sagte derjenige, der gespuckt hatte, laut: „Morgen ist die letzte Frist, verstanden, Alte?“
„Morgen.“
„Dann muss das Geld da sein.“
„Oder du machst die Wohnung bereit.“
Dima drückte die Hand seiner Mutter.
— Mama …
— Sei still, — unterbrach Anna ihn.
— Tante Pascha, um wie viel Uhr war das genau?
Wirklich gegen vier?
— Ja, ich habe gerade „Pole Tschudes“ gesehen, und Leontjew trat auf, als sie Lärm machten.
Also war es vier Uhr.
Anna rechnete schnell nach.
Um vier Uhr waren sie und Dima noch in der Wohnung gewesen und hatten ihre Sachen gepackt.
Sinaida Petrowna hatte zu dieser Zeit in der Küche gesessen und offenbar gewartet.
Und sie hatte nichts gesagt.
Kein einziges Wort.
Nicht einmal, als sie die Polizei rief, und nicht einmal, als die Dokumente zum Vorschein kamen.
Kein Wort über diese Männer.
— Danke, Tante Pascha, — sagte Anna.
— Gehen Sie wieder hinein, es ist kalt.
Die Nachbarin verschwand in ihrer Wohnung.
Anna ging hinaus.
Der Frost schlug ihr ins Gesicht, und der Schnee knirschte unter ihren Füßen.
Dima ging schweigend neben ihr her und sah seine Mutter nur fragend an.
Sie erreichten die Bushaltestelle.
Es war kein Bus zu sehen, und nur der Wind trieb feinen Schnee über den leeren Asphalt.
Anna setzte sich auf die Bank und stellte die Tasche zwischen ihre Füße.
Dima setzte sich neben sie.
— Mama, was machst du?
Warum sind wir gegangen?
Laut den Dokumenten gehört die Wohnung jetzt dir.
Wir hätten bleiben können.
Man hätte diese Leute nicht hineingelassen.
— Wir hätten bleiben können, — stimmte Anna zu.
— Aber was wäre danach passiert?
Sie wären wiedergekommen.
Und danach noch einmal.
Bis sie bekommen hätten, was sie wollten.
Ich will nicht so leben, Dima.
Ich will in meinem eigenen Zuhause keine Angst haben.
— Und was machen wir jetzt?
Anna blickte zum dunklen Himmel und zu den wenigen Sternen, die durch den städtischen Dunst schimmerten.
— Jetzt werden wir nachdenken.
Wir mieten ein Zimmer und übernachten dort.
Und morgen …
Morgen werde ich zu ihnen gehen.
Ich werde mit ihnen sprechen.
— Ich komme mit, — sagte Dima entschlossen.
— Nein.
Du gehst zur Schule.
Du bist in der Abschlussklasse, hast du das vergessen?
Die Prüfungen stehen vor der Tür.
— Welche Prüfungen, Mama?
Bist du verrückt geworden?
— Ganz normale Prüfungen, — Anna drehte sich zu ihm und fasste ihn an den Schultern.
— Hör mir zu.
Was auch geschieht, du musst die Schule abschließen.
Du musst studieren und etwas aus deinem Leben machen.
Damit du nicht dasselbe Leben führst wie dein Vater und ich.
Versprich es mir.
Dima wollte widersprechen, doch als er ihren Blick sah, verstand er, dass es zwecklos war.
— Ich verspreche es, — murmelte er.
In der Ferne erschienen die Scheinwerfer eines Busses.
Anna stand auf und hob ihre Tasche hoch.
In diesem Augenblick vibrierte das Handy in ihrer Tasche.
Sie holte es heraus und blickte auf den Bildschirm.
Eine unbekannte Nummer.
Sie nahm den Anruf entgegen.
— Ja, bitte?
Die Stimme am anderen Ende war männlich, ruhig und sogar höflich.
— Anna Nikolajewna?
Entschuldigen Sie den späten Anruf.
Mein Name ist Artjom.
Es geht um die Schulden Ihres Mannes.
Wir müssen miteinander sprechen.
Morgen um elf Uhr vormittags.
Ich werde ein Auto zu Ihrem Haus schicken.
Anna schwieg einige Sekunden und sammelte ihre Gedanken.
— Woher haben Sie meine Nummer?
— Das ist nicht wichtig, — antwortete die Stimme.
— Wichtig ist, dass es sich um eine ernste Angelegenheit handelt.
Kommen Sie allein.
Ohne Polizei und ohne Ihren Sohn.
Sonst wird es schlimmer.
Für alle.
— Ich werde kommen, — sagte Anna.
— Aber nicht zu meinem Haus.
Ich bin im Augenblick nicht zu Hause.
Treffen wir uns an einem anderen Ort.
— Wo?
Anna blickte sich um.
Gegenüber der Haltestelle, auf der anderen Straßenseite, leuchtete das Schild der rund um die Uhr geöffneten Kantine „Dorozhnaja“.
— Hier gibt es eine Kantine namens „Dorozhnaja“.
Kennen Sie sie?
— Ja.
Gut.
Morgen um elf Uhr dort.
Ich warte.
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Anna steckte das Handy ein und sah Dima an.
— Wer war das? — fragte er angespannt.
— Diese Leute, — Anna seufzte.
— Anscheinend wird morgen ein schwieriger Tag für mich.
Der Bus kam, und seine Türen öffneten sich zischend.
Anna stieg ein, Dima folgte ihr.
Der Bus fuhr los und brachte sie in die Nacht und ins Ungewisse, während sich in Annas Kopf nur ein Gedanke drehte: Was sollte sie diesen Menschen sagen?
Und vor allem: Wie würde das alles enden?
Der Bus ruckelte bei jedem Schlagloch, und die alten Sitze knarrten unangenehm.
Anna saß am Fenster, lehnte ihre Stirn gegen die kalte Scheibe und sah zu, wie vereinzelte Straßenlaternen, dunkle Häuser und geschlossene Geschäfte an ihnen vorbeizogen.
Die Stadt schlief.
Nur seltene Autos fuhren auf der Gegenfahrbahn vorbei und spritzten schmutzigen Schnee gegen den Bus.
Dima saß neben ihr, hatte den Rucksack auf die Knie gelegt und schwieg.
Er schwieg bereits seit einer halben Stunde, seit sie in diesen Bus gestiegen waren.
Anna spürte seine Anspannung und all die Fragen, die er sich nicht zu stellen traute.
Was hätte sie ihm auch antworten sollen?
Sie selbst wusste weder, wohin sie fuhren, noch was morgen geschehen würde.
In ihrer Tasche lag das Handy mit der unbekannten Nummer, die sie einfach unter dem Namen „Artjom“ gespeichert hatte.
Am Morgen würde sie anrufen und das Treffen bestätigen müssen.
Oder vielleicht doch nicht?
Vielleicht sollte sie einfach nicht hingehen?
Sie könnten sich verstecken und irgendwohin fahren, weit weg, wo diese Leute sie nicht finden würden.
Natürlich war das Unsinn.
Solche Menschen fanden jeden.
Anna schloss die Augen, und sofort erschienen vor ihrem inneren Blick Bilder aus der Vergangenheit.
Wahrscheinlich lag es an der Erschöpfung, an diesem endlosen Tag und an der Anspannung, die sie keine einzige Minute losgelassen hatte.
Die Erinnerungen kamen von selbst und ungefragt, wie ein alter Film, der in einem dunklen Kinosaal abgespielt wird.
…
Das Jahr neunzehnhundertfünfundneunzig.
Sie war vierundzwanzig Jahre alt und arbeitete als Krankenschwester in der chirurgischen Abteilung des städtischen Krankenhauses.
Sie lebte im Wohnheim des Krankenhauses in einem Zimmer mit drei anderen Frauen, doch damals erschien ihr das nicht wichtig.
Jugend, Hoffnungen und der Glaube an eine bessere Zukunft.
Vitja hatte nach einer Schlägerei einen Bekannten in ihre Abteilung gebracht.
Eine Messerwunde und eine dringende Operation.
Vitja lief nervös im Flur hin und her und rauchte am geöffneten Fenster, obwohl das Rauchen im Krankenhaus verboten war.
Anna ermahnte ihn, doch plötzlich lächelte er so offen und jungenhaft, dass sie verwirrt war.
— Entschuldigen Sie, Schwester, — sagte er, drückte die Zigarette direkt in seiner Handfläche aus und steckte den Stummel in die Tasche.
— Meine Nerven.
Da drinnen liegt mein Freund, man könnte sagen mein Bruder.
Wenn etwas nicht in Ordnung ist, werde ich mich erkenntlich zeigen.
Damals dachte sie, dass er ein seltsamer Mann sei.
Er drückte die Zigarette mit der bloßen Hand aus und verzog nicht einmal das Gesicht.
Und seine Augen waren freundlich und warm.
Ganz anders als die Augen der Männer, die nach Schlägereien ihre verletzten Freunde ins Krankenhaus brachten.
Eine Woche später kam er mit Blumen ins Krankenhaus.
Es war ein riesiger, in Papier eingewickelter Strauß Nelken.
In der Abteilung lachten alle und sagten, die Nelken sähen aus, als seien sie für einen Kriegsveteranen bestimmt.
Doch Anna freute sich darüber.
Danach kamen Verabredungen, Kinobesuche und Spaziergänge an der Uferpromenade.
Vitja arbeitete auf dem Markt und verkaufte Ersatzteile.
Er verdiente genug, um sie in Cafés einzuladen und ihr kleine, preiswerte Geschenke zu machen.
— Ich werde dich meiner Mutter vorstellen, — sagte er nach einem halben Jahr.
— Sie ist streng, aber gerecht.
Du wirst ihr gefallen.
Anna gefiel ihr nicht.
Sinaida Petrowna empfing sie im Flur derselben Wohnung, in der sie später all die Jahre leben würden.
Sie musterte Anna von Kopf bis Fuß und blieb mit dem Blick an ihren billigen Schuhen und ihrer schlichten Tasche hängen.
— Du kommst also aus dem Wohnheim, — sagte sie anstelle einer Begrüßung.
— Und was arbeitest du?
Krankenschwester?
Das ist zwar ein guter Beruf, aber man verdient nicht viel.
Vitja hat ein Geschäft.
Er braucht eine Frau, die ihn unterstützt, und keine, die ihm auf der Tasche liegt.
Anna schwieg damals.
Sie ertrug es.
Sie dachte, dass es sich eben um eine strenge Mutter handelte, die nur das Beste für ihren Sohn wollte.
Sie würde sich schon daran gewöhnen.
Doch das tat sie nicht.
…
— Mama, warum schweigst du? — Dimas Stimme holte sie aus der Vergangenheit zurück.
Anna öffnete die Augen.
Der Bus stand an irgendeiner Haltestelle, und die Türen zischten, während sie kalte Luft und einen betrunkenen Mann in einer wattierten Jacke hereinließen.
Der Mann ging ans Ende des Busses, ließ sich auf einen Sitz fallen und begann zu schnarchen.
— Ich war in Gedanken, — antwortete Anna leise.
— Ich bin sehr müde.
— Ich bin auch müde, — Dima seufzte.
— Mama, warum sind wir nicht schon früher von Oma weggegangen?
Ich erinnere mich, dass du immer geschwiegen hast, wenn sie dich angeschrien hat.
Selbst als Papa anfing zu trinken, hast du geschwiegen.
Dabei gehörte die Wohnung dir.
Du hättest sie in ihre Schranken weisen können.
Du hättest uns beschützen können.
Anna schwieg lange und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.
Dann drehte sie sich zu ihrem Sohn um und sah in seine jungen, wütenden und verständnislosen Augen.
— Möchtest du, dass ich dir alles erzähle? — fragte sie.
— Wie es wirklich war?
— Erzähl es mir, — Dima nickte.
Und sie erzählte es ihm.
Das Jahr zweitausendfünf.
Dima war gerade ein Jahr alt geworden, saß im Laufstall, brabbelte und spielte mit seinen Rasseln.
Doch in der Wohnung lag eine Anspannung in der Luft wie kurz vor einem Gewitter.
Vitja kam spät nach Hause, wütend und schweigsam.
Er warf seine Tasche in eine Ecke, ging in die Küche und goss sich Wasser ein.
Anna fütterte Dima mit Brei und verstand sofort, dass etwas Schlimmes geschehen war.
— Vitja, was ist los?
— Nichts, — brummte er.
— Bleib bei dem Kind und kümmere dich um ihn.
Doch sie ließ nicht locker.
Sie folgte ihm in die Küche und setzte sich ihm gegenüber.
— Vitja.
Ich sehe doch, dass etwas passiert ist.
Rede.
Lange schwieg er und drehte das Glas in seinen Händen.
Dann erzählte er ihr alles.
Von den Schulden, von den Leuten und davon, dass sie ihn töten könnten, wenn er das Geld nicht zurückzahlte.
Und nicht nur ihn, sondern sie alle.
— Wie viel? — fragte Anna.
— Vierzigtausend.
Dollar.
Ihre Beine wurden weich.
Vierzigtausend Dollar waren damals eine ungeheure Summe.
So viel Geld hatten sie in ihrem ganzen Leben noch nie gesehen.
— Wie konntest du nur? — flüsterte sie.
— Warum?
— Ich wollte das Geschäft groß aufziehen, — Vitja bedeckte sein Gesicht mit den Händen.
— Ich habe mir von einigen Leuten Geld geliehen, um es in das Geschäft zu investieren, aber das Geschäft ist gescheitert.
Jetzt sind andere gekommen, denen die ersten Geld schulden.
Ich dachte, ich würde schnell Erfolg haben und alles zurückzahlen.
Aber es hat nicht funktioniert.
Sinaida Petrowna kam ins Zimmer.
Sie hörte immer alles durch die Wände.
— Na, hast du jetzt bekommen, was du wolltest? — sagte sie zu ihrem Sohn.
— Ich habe dir doch gesagt, dass du dich nicht auf dieses Geschäft einlassen sollst.
Dein Vater hat sein ganzes Leben hart gearbeitet und dir die Wohnung hinterlassen, und du willst alles verspielen?
— Mama, nicht jetzt, — Vitja schüttelte den Kopf.
— Wann denn dann?
Wenn sie zu uns kommen?
Wenn sie den kleinen Dima anrühren?
Dann wird es zu spät sein.
Anna wurde eiskalt.
An Dima hatte sie überhaupt nicht gedacht, aber Sinaida Petrowna hatte recht.
Sie könnten auch ihn erreichen.
— Es gibt einen Ausweg, — sagte Sinaida Petrowna.
Sie stand kerzengerade am Tisch und sah Anna an.
— Wir übertragen die Wohnung auf deinen Namen.
— Auf meinen Namen? — Anna verstand nicht.
— Warum?
— Damit die Wohnung nicht Vitja, sondern dir gehört.
Du kaufst sie offiziell von mir.
Zumindest auf dem Papier.
Wenn sie kommen, gehört die Wohnung einem fremden Menschen.
Von einem fremden Menschen können sie nichts verlangen, weil er kein Schuldner ist.
Während sie alles überprüfen, gewinnen wir Zeit.
Vielleicht beruhigt sich die Sache.
Anna betrachtete ihre Schwiegermutter und erkannte in ihren Augen eine kalte und genaue Berechnung.
— Und wenn sich die Sache nicht beruhigt? — fragte sie.
— Wenn sie begreifen, dass es nur ein Scheingeschäft ist?
Dann gehört mir die Wohnung auf dem Papier, während ihr die Schulden habt.
Soll ich mich dann mit diesen Leuten auseinandersetzen?
— Hast du etwa etwas dagegen? — Sinaida Petrownas Stimme wurde scharf.
— Du hast Vitja geheiratet und bist Teil dieser Familie geworden.
Also teilst du alles mit uns, die Freude und das Leid.
Oder etwa nicht?
Vitja hob den Kopf und sah Anna an.
Seine Augen waren gerötet und verängstigt.
— Anja, bitte, — sagte er leise.
— Es ist nur vorübergehend.
Sobald sich alles beruhigt, übertragen wir die Wohnung wieder zurück.
Ich schwöre es dir.
Rette uns bitte.
Rette Dima.
Er erhob sich vom Hocker und fiel plötzlich auf die Knie.
Direkt auf den Linoleumboden, sodass seine Knie hart aufschlugen.
— Ich flehe dich an, Anja.
Ich werde alles tun, was du verlangst.
Hilf uns nur.
Anna sah ihn an und konnte ihren Augen nicht trauen.
Vitja, der stolze und immer unabhängige Mann, der niemals jemanden um etwas gebeten hatte, kniete vor ihr.
Und Sinaida Petrowna stand daneben und wartete.
— Gut, — sagte Anna.
— Ich bin einverstanden.
Damals glaubte sie, das Richtige zu tun.
Sie glaubte, ihre Familie zu retten.
Sie glaubte, dass Liebe stärker sei als Dokumente und Geld.
…
— Sie schlossen den Kaufvertrag ab, — Annas Stimme zitterte.
— Ich wurde zur Eigentümerin.
Doch ich hatte nur einen Gedanken: Sobald sich alles beruhigt, würden wir die Wohnung wieder zurückübertragen.
Ich betrachtete diese Wohnung nicht einmal als mein Eigentum.
Ich lebte hier wie ein Gast.
Dima hörte ihr zu, ohne sie zu unterbrechen.
Der Bus schwankte in einer Kurve, und der betrunkene Mann schnarchte kurz auf, bevor er wieder verstummte.
— Und danach? — fragte Dima.
— Danach begann Vitja zu trinken, — Anna seufzte.
— Zuerst nur an Feiertagen, später immer häufiger.
Ich erinnerte ihn an die Wohnung und daran, dass wir sie zurückübertragen mussten.
Doch er winkte nur ab und sagte, wir hätten noch genug Zeit und sollten uns nicht beeilen.
Manchmal wurde er wütend und fragte, ob ich Angst hätte, dass er mir die Wohnung wegnehmen würde.
Dann schwieg ich.
Ich wollte keinen Streit.
…
Das Jahr zweitausendzehn.
Vitja trank bereits fast jeden Tag.
Seine Arbeit interessierte ihn nicht mehr, und sein Geschäft war zusammengebrochen.
Er kam wütend nach Hause und ließ seine schlechte Laune an Anna und an Dima aus, der inzwischen zur Schule ging.
Sinaida Petrowna saß in ihrem Zimmer und tat so, als würde nichts geschehen.
Wenn sie herauskam, dann nur, um Anna Vorwürfe zu machen.
— Du hast ihn so weit gebracht, — zischte sie.
— Du mit deinem Charakter.
Ein Mann braucht Zärtlichkeit und Verständnis, aber du kommst ständig mit deiner Wahrheit.
Deshalb trinkt er.
Anna schwieg.
Sie spülte das Geschirr, putzte, kochte und wusch die Wäsche.
Sie zog Dima groß und half ihm in der Schule.
Sie arbeitete in zwei Schichten, damit sie Geld für Lebensmittel hatten, weil Vitja nichts mehr verdiente.
Nachts lag sie wach und blickte an die Decke, während sie sich fragte, warum alles so gekommen war.
Warum musste ausgerechnet sie das ertragen?
Damals hätte sie die Dokumente hervorholen können.
Sie hätte sie Vitja und Sinaida Petrowna zeigen und sagen können, dass sie die Eigentümerin war und alles so geschehen würde, wie sie es bestimmte.
Doch etwas hielt sie zurück.
War es Stolz?
Nein, eher eine innere Überzeugung, dass die Wohnung nicht wirklich ihr gehörte und sie sie lediglich für die anderen bewahrte.
Sie hatte die Rolle einer Hüterin übernommen.
Wenn sie nun auf ihren Rechten bestanden hätte, hätte sie das Letzte zerstört, was von der Familie übrig geblieben war.
Es war besser zu schweigen.
Es war besser, alles zu ertragen.
Vielleicht würde Vitja doch noch zur Vernunft kommen.
Vielleicht würde er aufhören zu trinken.
Vielleicht würde Sinaida Petrowna begreifen, dass Anna keine Feindin, sondern eine Freundin war.
Er hörte nicht auf.
Und sie begriff es nicht.
…
— Ich dachte, Liebe bedeute Geduld, — sagte Anna und blickte aus dem Fenster auf die dunklen Häuser.
— Ich dachte, wenn man liebt, vergibt man alles und nimmt jeden Schmerz hin.
Ich war dumm.
— Du bist nicht dumm, Mama, — Dima drückte ihre Hand.
— Du bist gut.
Zu gut.
Und jeder versucht, gute Menschen auszunutzen.
Der Bus wurde langsamer, und der Fahrer kündigte die Endhaltestelle an.
Anna nahm ihre Tasche, Dima seinen Rucksack.
Sie stiegen auf einem verschneiten Platz aus, auf dem einige weitere alte Busse und vereinzelte Taxis standen.
— Wohin gehen wir jetzt? — fragte Dima.
— Wir müssen ein Zimmer mieten.
Am besten irgendwo in der Nähe, damit ich morgen bequem zu dem Treffen fahren kann.
Sie gingen die Straße entlang und suchten in den dunklen Fenstern nach Vermietungsanzeigen.
Anna wusste, dass es in diesem Viertel viele alte fünfstöckige Häuser gab, in denen Zimmer tageweise oder für einen Monat vermietet wurden.
Sie fand eine Telefonnummer an einem Laternenmast und rief an.
Eine Frau mit heiserer Stimme nannte ihnen eine Adresse und sagte, sie sollten kommen.
Das Zimmer befand sich in einem Keller, der zu Wohnraum umgebaut worden war.
Es war klein, hatte ein einziges Fenster direkt unter der Decke, ein durchgesessenes Sofa und alte Fliesen.
Aber es war warm, und aus dem Wasserhahn kam heißes Wasser.
Die Vermieterin nahm die Miete für eine Woche im Voraus, übergab ihnen die Schlüssel und ging.
Anna setzte sich auf das Sofa und zog ihre Stiefel aus.
Ihre Beine schmerzten.
— Mama, — Dima stand mitten im Zimmer und betrachtete die ärmliche Einrichtung.
— Werden wir wirklich hier wohnen?
— Ja, — Anna nickte.
— Aber nicht lange.
Nur so lange, bis wir alles geklärt haben.
— Und wenn wir es nicht klären können?
Wenn diese Leute, die anrufen, uns auch hier finden?
— Sie werden uns finden, — stimmte Anna zu.
— Aber bis dahin habe ich bereits mit ihnen gesprochen.
Vielleicht können wir uns einigen.
Dima wollte noch etwas fragen, doch in diesem Augenblick klingelte Annas Telefon.
Sie blickte auf den Bildschirm.
Es war Tante Pascha, die Nachbarin.
Annas Herz setzte für einen Moment aus.
— Tante Pascha?
Was ist passiert?
— Anetschka, — die Stimme der Nachbarin zitterte vor Angst.
— Entschuldige, dass ich so spät anrufe, aber ich kann nicht schweigen.
Hier ist etwas passiert.
Diese Leute sind wieder zu Sinaida gekommen.
Dieselben Männer, die heute Nachmittag hier waren.
Anna sprang vom Sofa auf.
— Wann?
— Gerade eben.
Vor ungefähr fünfzehn Minuten.
Ich habe durch den Türspion gesehen.
Es sind drei Männer.
Sie kamen ins Treppenhaus, und ich habe meine Tür mit der Kette verriegelt und zugehört.
Sie hämmerten gegen ihre Tür, schlugen mit den Füßen dagegen.
Dann öffnete sie.
Ich hörte, wie sie schrie: „Ich werde alles zurückzahlen, berührt mich nur nicht!“
„Ich gebe euch alles!“
Und sie lachten.
Anetschka, ich habe Angst.
Soll ich die Polizei rufen?
— Rufen Sie die Polizei nicht, — sagte Anna schnell.
— Tante Pascha, öffnen Sie Ihre Tür nicht und gehen Sie nicht hinaus.
Ich komme sofort.
— Wie willst du kommen?
Du bist doch weit weg, — sagte die Nachbarin überrascht.
— Ich komme, — wiederholte Anna.
— Warten Sie.
Falls etwas geschieht, rufen Sie mich sofort an, ganz gleich zu welcher Uhrzeit.
Sie beendete den Anruf und zog schnell ihre Schuhe an.
— Mama, wohin gehst du? — Dima trat auf sie zu.
— Diese Männer sind doch dort!
— Gerade deshalb fahre ich hin, — Anna band ihre Schnürsenkel fest.
— Sinaida Petrowna ist dort allein.
Sie bringen sie noch um oder verursachen einen Herzinfarkt.
Sie braucht mich.
— Ich komme mit!
— Nein, — Anna blieb stehen und sah ihren Sohn streng an.
— Du bleibst hier.
Du verriegelst die Tür mit allen Schlössern und öffnest niemandem.
Ich rufe dich an, sobald alles vorbei ist.
Wenn ich mich innerhalb von zwei Stunden nicht melde, rufst du die Polizei.
Hast du verstanden?
— Mama …
— Hast du verstanden? — Annas Stimme war härter als je zuvor.
Dima nickte.
— Ich habe verstanden.
Anna küsste ihn auf die Wange, zog ihre Jacke an und lief in den Flur.
Während sie die Treppe hinaufging, bestellte sie bereits über ihr Telefon ein Taxi.
Fünf Minuten später hielt ein grauer Lada vor dem Haus.
Anna setzte sich auf den Rücksitz und nannte dem Fahrer die Adresse.
Das Auto fuhr los, während sich nur ein Gedanke in Annas Kopf drehte.
Würde sie rechtzeitig ankommen?
Und was sollte sie diesen Menschen sagen, wenn sie dort war?
Das Taxi hielt vor dem vertrauten Hauseingang.
Anna bezahlte den Fahrer, stieg aus und bemerkte sofort einen schwarzen Wagen ohne Kennzeichen, der direkt vor dem Eingang geparkt war.
Der Motor lief im Leerlauf, dichter Dampf kam aus dem Auspuff, und die Scheiben waren so stark getönt, dass man nicht hineinsehen konnte.
Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, doch Anna zwang sich, ruhig zu gehen.
Sie lief nicht und blickte sich nicht um.
Sie öffnete die Haustür und trat in die Dunkelheit.
Die Lampe im Treppenhaus funktionierte noch immer nicht, sodass sie die Stufen mit den Füßen ertasten und sich am Geländer festhalten musste.
Im zweiten Stock war es still.
Zu still.
Anna ging zur Tür ihrer Wohnung und erstarrte.
Die Tür stand einen Spalt offen.
Sie war nicht weit geöffnet, sondern nur einen Fingerbreit, und aus dem Spalt fiel Licht.
Anna stieß die Tür auf.
Sie öffnete sich leicht und ohne zu knarren.
Im Flur war es hell, weil der Kronleuchter brannte.
Schon von der Schwelle aus sah Anna verstreute Sachen.
Es waren ihre Sachen, die sie nicht mehr hatte mitnehmen können.
Dimas Jacke lag auf dem Boden, und einige Kleinigkeiten waren aus den Taschen gefallen.
In dem Zimmer, in dem sie achtzehn Jahre gelebt hatte, brannte Licht, und Stimmen waren zu hören.
Anna zog ihre Stiefel aus und ging barfuß ins Zimmer, damit man sie nicht hörte.
Was sie dort sah, ließ sie auf der Schwelle stehen bleiben.
Das Zimmer war verwüstet.
Die Schubladen des Kleiderschranks waren herausgezogen, die Sachen lagen auf dem Boden, die Matratze war vom Bett geworfen und das Kissen aufgeschnitten worden.
Offenbar hatten sie nach etwas Wichtigem gesucht.
Sinaida Petrowna saß auf einem Stuhl in der Ecke.
Ihr Kopf war gesenkt, ihre grauen Haare hatten sich aus dem Knoten gelöst, und an ihrer aufgeplatzten Lippe klebte getrocknetes Blut.
Ihre Hände lagen auf den Knien und zitterten leicht.
Ihr gegenüber stand ein Mann, der mit der Schulter an der Wand lehnte.
Er war noch jung, ungefähr fünfunddreißig Jahre alt, trug einen guten dunklen Mantel und teure Schuhe.
Sein Gesichtsausdruck war ruhig und beinahe gelangweilt.
Ein zweiter, kräftigerer Mann in einer Lederjacke stand am Fenster und blickte hinaus.
Der dritte und jüngste Mann hockte neben den verstreuten Sachen und schob sie gelangweilt mit dem Fuß hin und her.
Als Anna erschien, drehten alle drei den Kopf zu ihr.
Der Mann im Mantel hob leicht eine Augenbraue, als wäre er überrascht, allerdings nicht besonders.
— Wer ist das? — fragte er träge.
— Noch eine Verwandte?
Sinaida Petrowna hob den Kopf.
Als sie Anna sah, zuckte sie zusammen und wollte aufstehen, doch ihre Kräfte verließen sie.
Sie schluchzte nur.
— Anja …
Geh weg …
Sie sind böse …
— Zu spät, Alte, — grinste der Mann in der Lederjacke.
— Wenn sie schon gekommen ist, soll sie hereinkommen.
Wir führen hier schließlich ein Familiengespräch.
Anna trat ins Zimmer.
Ihre Beine gehorchten ihr kaum, aber sie zwang sich weiterzugehen.
Sie blieb in der Mitte des Zimmers stehen und sah den Mann im Mantel an.
Aus irgendeinem Grund verstand sie sofort, dass er der Anführer war.
— Ich bin Anna, — sagte sie leise, aber bestimmt.
— Viktors Frau.
Genauer gesagt seine Witwe.
Sie sind vermutlich wegen mir hier?
Der Mann im Mantel lächelte, stieß sich von der Wand ab und kam näher.
Nun standen sie einander gegenüber.
Er war einen halben Kopf größer als sie und betrachtete sie von oben herab.
— Artjom, — stellte er sich vor.
— Sie sind mutig, Anna.
Nicht jede Frau würde nachts an einen Ort kommen, an dem drei Männer eine alte Frau unter Druck setzen.
Warum sind Sie gekommen?
— Sie ist allein, — Anna nickte zu Sinaida Petrowna.
— Und ich bin für sie verantwortlich.
Die Wohnung läuft auf meinen Namen.
Falls es Schulden gibt, gehören sie ebenfalls mir.
Rühren Sie sie nicht an.
— Oh, — Artjom lächelte breiter.
— Wie fürsorglich.
Hast du das gehört, Alte? — wandte er sich an die Schwiegermutter.
— Deine Schwiegertochter setzt sich für dich ein.
Und du wolltest sie noch vor einer halben Stunde hinauswerfen.
Das ist schon komisch.
Sinaida Petrowna schwieg und senkte nur noch tiefer den Kopf.
Artjom gab seinen Leuten ein Zeichen.
Die beiden entspannten sich, gingen zum Fenster, öffneten das kleine Fenster und zündeten sich Zigaretten an.
Der junge Mann, der gehockt hatte, stand auf und ging in den Flur.
— Setzen Sie sich, — Artjom zeigte auf einen Stuhl.
— Wenn Sie schon hier sind, können wir miteinander reden.
Anna setzte sich.
Artjom ließ sich ihr gegenüber auf der Fensterbank nieder.
Er betrachtete sie aufmerksam, ohne Wut, eher neugierig.
— Wie viel schuldete Viktor Ihnen? — fragte Anna direkt.
— Nicht Viktor, — korrigierte Artjom sie.
— Sein Vater hatte Schulden.
Noch aus den Neunzigerjahren.
Als sein Vater starb, übernahm Viktor die Schulden.
Ehrenhaft und wie ein anständiger Mensch.
Wir vereinbarten damals, dass er arbeiten und nach und nach zurückzahlen sollte.
Er arbeitete und zahlte langsam.
Dann begann er zu trinken.
Und hörte auf zu zahlen.
Wir warteten.
Ein Jahr, dann zwei.
Wir dachten, er würde zur Vernunft kommen und sein Leben in Ordnung bringen.
Doch das tat er nicht.
— Wie viel? — wiederholte Anna.
Artjom nannte die Summe.
Anna fühlte, wie in ihr alles zusammenbrach.
Es war viel mehr, als sie gedacht hatte.
Sehr viel mehr.
So viel Geld besaß sie nicht und würde es niemals besitzen.
— Ich kann in Raten zahlen, — sagte sie.
— Ich arbeite als Krankenschwester.
Ich verdiene nicht viel, aber …
— Anna, — unterbrach Artjom sie.
Seine Stimme wurde ernst.
— Sie sind eine gute Frau, das sehe ich.
Ganz anders als diese hier, — er nickte zur Schwiegermutter.
— Aber es geht nicht um Raten.
Die Schuld besteht seit fünfzehn Jahren.
Die Zinsen sind inzwischen so hoch, dass Sie sie in Ihrem ganzen Leben nicht abbezahlen könnten.
Es gibt nur einen Ausweg.
Die Wohnung.
— Die Wohnung gehört mir, — sagte Anna leise.
— Laut den Dokumenten.
— Ich weiß, — Artjom nickte.
— Wir haben es überprüft.
Sie gehört Ihnen.
Aber Sie haben sie von Ihrem Schwiegervater erhalten, und Ihr Schwiegervater war der Schuldner.
Wenn ein Schuldner sein Eigentum vor seinem Tod überträgt, kann das laut Gesetz angefochten werden.
Wir können vor Gericht gehen.
Das wird lange dauern und mühsam sein, aber wir werden gewinnen.
Dann verlieren Sie sowohl die Wohnung als auch Ihr Geld.
Oder wir einigen uns friedlich.
Sie geben uns die Wohnung, und wir streichen die Schulden.
Dann sind alle frei.
Anna hörte ihm zu und begriff, dass es keinen Ausweg gab.
Überhaupt keinen.
Artjom sprach ruhig und ohne Drohungen, doch hinter seiner Ruhe war Stahl zu spüren.
Menschen wie er machten keine leeren Versprechungen.
— Wohin soll ich mit meinem Sohn gehen? — fragte sie.
— Er ist in der Abschlussklasse.
Er muss Prüfungen ablegen.
Artjom zuckte mit den Schultern.
— Nicht mein Problem.
Ich bin kein Unmensch.
Aber Geschäft ist Geschäft.
Stille erfüllte das Zimmer.
Man hörte nur den Wind, der draußen heulte, und den jungen Mann, der im Flur hustete.
Sinaida Petrowna saß mit eingezogenem Kopf da und schwieg.
Anna blickte auf den Boden und versuchte, irgendeine Lösung zu finden, doch ihre Gedanken zerstreuten sich.
— Wissen Sie was, — sagte Artjom plötzlich.
Seine Stimme klang nun anders und nachdenklich.
— Erkennen Sie mich nicht, Anna?
Sie hob den Kopf und betrachtete sein Gesicht genauer.
Dunkles Haar, graue Augen und eine schmale Narbe über der linken Augenbraue.
Nein, sie erinnerte sich nicht.
— Sie sollten mich eigentlich erkennen, — Artjom lächelte.
— Vor zehn Jahren.
Das städtische Krankenhaus, die chirurgische Abteilung.
Meine Mutter wurde nachts mit einem durchgebrochenen Magengeschwür eingeliefert.
Es waren keine Ärzte da, nur eine Krankenschwester hatte Dienst.
Sie.
Erinnern Sie sich?
Anna strengte ihr Gedächtnis an.
Vor zehn Jahren hatte sie tatsächlich noch in der chirurgischen Abteilung gearbeitet.
Nachtschichten und ständiger Ärztemangel.
Es hatte viele Fälle und viele Patienten gegeben.
Doch an einen Fall erinnerte sie sich besonders gut.
Eine etwa fünfzigjährige Frau, deren Haare bereits vollständig grau waren, hatte direkt im Krankenzimmer aufgehört zu atmen.
Der Arzt traf erst nach einer halben Stunde ein.
Während dieser ganzen Zeit hatte Anna ohne eine einzige Unterbrechung Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzmassage durchgeführt.
Sie hatte geglaubt, die Frau würde nicht überleben, weil ihr Zustand zu schwer war.
Doch sie überlebte.
Später wurde sie in ein anderes Krankenhaus verlegt, und Anna hörte nie wieder etwas von ihr.
— Ihre Mutter? — fragte Anna leise.
— Meine Mutter, — Artjom nickte.
— Sie wäre damals beinahe gestorben.
Ohne Sie hätte sie nicht bis zur Ankunft des Arztes durchgehalten.
Ich kam am Morgen, aber Sie waren bereits gegangen.
Ich suchte nach Ihnen und wollte mich bedanken.
Doch Sie arbeiteten in wechselnden Schichten, und ich fand Sie nicht.
Dann kamen Geschäfte und andere Sorgen.
Irgendwann geriet es in Vergessenheit.
Er schwieg und sah Anna mit einem seltsamen Blick an.
Im Zimmer wurde es sehr still.
Sogar die beiden Männer am Fenster hörten auf zu flüstern.
— Und was bedeutet das jetzt? — fragte Anna.
— Erlassen Sie mir aus Dankbarkeit die Schulden?
Artjom lächelte, aber nicht böse, sondern eher bedauernd.
— Das kann ich nicht, Anna.
Es ist nicht mein Geld.
Ich bin hier selbst nur ein Untergebener.
Hinter mir stehen andere Leute.
Wenn ich die Schulden erlasse, werden meine eigenen Leute mir dafür danken.
Aber …
Er stand von der Fensterbank auf, ging mit hinter dem Rücken verschränkten Händen durch das Zimmer und blieb dann vor Sinaida Petrowna stehen.
— Warum schweigst du, Alte? — fragte er streng.
— Warum hast du deine Schwiegertochter all die Jahre gequält?
Sie hat dich beschützt, und du hast sie erniedrigt.
Dachtest du, wir würden nichts erfahren?
Wir wissen alles über euch.
Von den Schulden, von der Wohnung und davon, wie du Vitja gegen seine Frau aufgehetzt hast.
Sinaida Petrowna zuckte zusammen und hob die Augen.
In ihnen lag Angst, vermischt mit Verzweiflung.
— Ich …
Ich hatte Angst, — flüsterte sie.
— Ich dachte, wenn sie geht, würden sie die Wohnung wegnehmen.
Solange sie blieb, dachte ich, die Wohnung sei sicherer.
Ich wollte nichts Böses.
Ich hatte einfach nur Angst.
— Sie hatte Angst, — Artjom verzog das Gesicht.
— Und wegen ihrer Angst hat sie einen Menschen fünfzehn Jahre lang gequält.
Wirklich schön.
Er wandte sich wieder Anna zu.
— Folgendes, Anna.
Ich habe einen Vorschlag für Sie.
Einen ungewöhnlichen Vorschlag.
Aber denken Sie darüber nach.
Er setzte sich ihr gegenüber, beugte sich vor und blickte ihr in die Augen.
— Ich streiche Ihre Schulden.
Vollständig.
Aber unter einer Bedingung.
Diese Frau, — er nickte in Richtung Sinaida Petrowna, — wird nie wieder in Ihrem Leben auftauchen.
Sie erhebt keine Ansprüche auf die Wohnung und hat keinerlei Rechte an ihrem Enkel.
Sie unterschreibt ein Dokument, in dem sie auf alles verzichtet, und zieht aus.
Wohin sie geht, ist mir gleichgültig.
Sie kann in ein Altersheim oder zu ihrer Schwester aufs Dorf ziehen.
Aber sie darf nicht mehr hier sein.
Anna schwieg und versuchte, das Gehörte zu begreifen.
— Warum tun Sie das? — fragte sie schließlich.
— Weil man sich an Gutes erinnern muss, — Artjom lächelte.
— Sie haben meine Mutter gerettet.
Ich war damals noch ein junger Kerl, nicht einmal fünfundzwanzig.
Ohne meine Mutter wäre ich verloren gewesen.
Sie hat mich allein großgezogen.
Also bezahle ich nun meine Schuld.
Und gleichzeitig erteile ich dieser Frau, — er nickte erneut zur Schwiegermutter, — eine Lektion.
Sie soll lernen, dass man Gutes nicht mit Bösem vergilt.
Sinaida Petrowna fuhr plötzlich auf und begann schnell zu sprechen, wobei sie sich beinahe an ihren Worten verschluckte.
— Ich bin einverstanden!
Ich unterschreibe alles!
Tötet mich nur nicht und tut mir nichts!
Ich bin alt und habe ohnehin nicht mehr lange zu leben …
— Halt den Mund, — sagte Artjom, ohne sie anzusehen.
Dann wandte er sich an Anna.
— Entscheiden Sie, Anna.
Sie haben bis zum Morgen Zeit.
Ich bleibe hier und warte.
Sie sollten gehen und sich ausruhen.
Wo ist Ihr Sohn?
— In dem Zimmer, das ich gemietet habe, — antwortete Anna.
— Allein.
— Geben Sie mir die Adresse.
Ich schicke meine Leute dorthin, damit sie ein Auge auf ihn haben, — Artjom holte sein Telefon hervor.
— Dann müssen Sie sich keine Sorgen machen.
Anna nannte ihm die Adresse.
Artjom schickte jemandem eine Nachricht und steckte das Telefon weg.
— Gehen Sie, — sagte er sanft.
— Eine Nacht darüber zu schlafen, hilft oft.
Morgen um zehn Uhr treffen wir uns hier.
Bringen Sie die Dokumente mit.
Und auch sie, — er nickte zur Schwiegermutter.
— Sie unterschreibt und ist danach frei.
Anna stand auf.
Ihre Beine gehorchten ihr kaum, und ihr Kopf drehte sich.
Sie sah Sinaida Petrowna an.
Diese saß zusammengesunken da und hob den Blick nicht.
— Ich werde kommen, — sagte Anna.
— Aber nicht ihretwegen.
Meinetwegen.
Damit alles endlich ein Ende hat.
Sie ging in den Flur und zog ihre Schuhe an.
Der junge Mann an der Tür beobachtete sie, berührte sie jedoch nicht.
Anna ging ins Treppenhaus und stieg nach unten.
Draußen war es noch immer frostig, und der schwarze Wagen stand mit laufendem Motor am selben Ort.
Sie ging bis zur Ecke, blieb stehen und lehnte sich gegen die Wand.
Sie zitterte so stark, dass ihre Zähne klapperten.
Am liebsten hätte sie sich direkt in den Schnee gesetzt und laut geheult.
Vor Angst, vor Erschöpfung und wegen der seltsamen Erleichterung, die nicht durch ihre anderen Gefühle hindurchdringen konnte.
Ihr Telefon klingelte.
Es war Dima.
— Mama!
Wo bist du?
Ich mache mir Sorgen!
— Alles ist gut, mein Junge, — Anna versuchte, ruhig zu klingen.
— Ich bin unterwegs.
Alles wird gut.
Sie hielt ein Taxi an, setzte sich in den warmen Innenraum und schloss die Augen.
Nur ein Gedanke kreiste in ihrem Kopf.
Morgen würde sich alles entscheiden.
Wie genau, wusste sie nicht.
Doch sie spürte, dass dieser lange, achtzehn Jahre dauernde Albtraum endlich zu Ende ging.
Anna schlief die ganze Nacht nicht.
Sie lag auf dem durchgesessenen Sofa im Kellerzimmer, starrte an die dunkle Decke und hörte das Wasser in den Rohren hinter der Wand rauschen.
Dima schlief eine Stunde nach ihrer Rückkehr ein, noch vollständig angezogen und mit dem Gesicht im Kissen.
Er war nach diesem endlosen Tag völlig erschöpft.
Anna dagegen wälzte sich hin und her, stand auf, um Wasser zu trinken, legte sich wieder hin, und ihre Gedanken drehten sich ständig im Kreis.
Am Morgen, als es draußen langsam hell wurde, stand Anna auf, wusch sich mit eiskaltem Leitungswasser und zog sich an.
Dima schlief, und sie beschloss, ihn nicht zu wecken.
Sie schrieb eine Nachricht auf einen Zettel.
„Ich bin wegen einer Angelegenheit weggegangen.“
„Ich bin bald zurück.“
„Bleib hier und geh nirgendwohin.“
„Das Essen liegt in der Tasche.“
„Ich liebe dich.“
Sie legte den Zettel neben sein Telefon auf den Tisch.
Draußen war es frostig, und die Sonne begann gerade über den Dächern aufzugehen.
Anna nahm ein Taxi und fuhr zu der Wohnung.
Während der gesamten Fahrt schwieg sie und umklammerte die Wohnungsdokumente in ihrer Tasche.
Der Fahrer versuchte ein Gespräch zu beginnen, merkte jedoch schnell, dass seiner Fahrgästin nicht danach war, und schwieg ebenfalls.
Der schwarze Wagen ohne Kennzeichen stand noch immer vor dem Hauseingang.
Anna stieg aus, bezahlte, holte tief Luft und betrat das Treppenhaus.
Die Lampe war noch immer nicht repariert, aber durch die Fenster auf den Treppenabsätzen fiel Morgenlicht, weshalb der Aufstieg nicht mehr so beängstigend war.
Die Wohnungstür stand wie am Vorabend einen Spalt offen.
Anna stieß sie auf und ging hinein.
Im Flur war es sauber.
Seltsamerweise war von der Verwüstung des Vorabends nichts mehr zu sehen.
Die Sachen waren zusammengeräumt worden, die verstreute Kleidung war verschwunden, und sogar das aufgeschnittene Kissen war nicht mehr da.
Die frisch gewischten Bodenfliesen glänzten.
Aus der Küche waren Stimmen zu hören.
Anna folgte ihnen.
Artjom saß allein in der Küche.
Er trug denselben teuren Mantel und trank Tee aus einer großen Tasse.
Vor ihm lag ein ordentlich gestapelter Haufen Papiere auf dem Tisch.
Als er Anna sah, nickte er und zeigte auf den Stuhl gegenüber.
— Setzen Sie sich, Anna.
Möchten Sie Tee?
— Ja, — antwortete sie und setzte sich.
Artjom schenkte ihr Tee aus einer Teekanne ein.
Der Tee war heiß, stark und süß, genau so, wie sie ihn mochte.
Woher wusste er das?
Wahrscheinlich wusste er es nicht, und es war nur ein Zufall.
— Wo ist Sinaida Petrowna? — fragte Anna.
— Im Zimmer.
Sie schläft.
Ich habe ihr ein Beruhigungsmittel gegeben.
Gestern ist sie völlig zusammengebrochen, und wir mussten einen Arzt rufen.
Blutdruck und Herzprobleme.
Jetzt erholt sie sich.
Anna war überrascht.
Sie hatte nicht erwartet, dass Artjom sich auf diese Weise um sie kümmern würde.
— Sie passen auf sie auf?
— Das tue ich, — Artjom lächelte.
— Damit sie nicht vorzeitig stirbt.
Ich brauche sie lebendig für die Unterschriften.
Ansonsten bin ich kein Ungeheuer.
Sie ist ein alter Mensch.
Es gibt keinen Grund, auf sie loszugehen.
Er schwieg kurz und trank einen Schluck Tee.
— Wo ist Ihr Sohn?
— In dem gemieteten Zimmer.
Er schläft.
Ich bin allein gekommen.
— Richtig, — Artjom nickte.
— Der Junge sollte nicht in diese Sache hineingezogen werden.
Geht er zur Schule?
— Er ist in der Abschlussklasse.
— Gut.
Er soll lernen.
Aus ihm wird einmal ein anständiger Mensch, das sieht man an seinen Augen.
Ganz anders als sein Vater.
Anna schwieg.
Was hätte sie darauf auch antworten sollen?
Artjom trank seinen Tee aus, stellte die Tasse zur Seite und schob ihr die Dokumente zu.
— Sehen Sie.
Hier ist der Verzicht auf jegliche Rechte an der Wohnung.
Sinaida Petrowna verzichtet zu Ihren Gunsten auf alle Ansprüche an diesem Wohnraum.
Hier verpflichtet sie sich, sich weder Ihnen noch ihrem Enkel zu nähern, Sie nicht zu belästigen, nicht anzurufen und nicht zu schreiben.
Und hier stimmt sie ihrer Abmeldung aus der Wohnung zu.
Wenn sie alles unterschreibt, ist sie frei.
Ich werde ihr etwas Geld für die erste Zeit geben.
Es reicht, damit sie ein Zimmer mieten oder zu ihrer Schwester fahren kann.
Anna überflog die Dokumente.
Alles war fachlich korrekt formuliert, sogar übermäßig korrekt.
Offenbar erledigte Artjom solche Dinge nicht zum ersten Mal.
— Und die Schulden? — fragte sie.
— Es gibt keine Schulden mehr, — Artjom breitete die Hände aus.
— Ich sagte doch, dass ich Ihre Schulden streiche.
Meine Leute wissen Bescheid.
Die Sache ist erledigt.
Sie können ruhig schlafen.
— Einfach so? — Anna konnte es nicht glauben.
— Nicht einfach so, — Artjom wurde ernst.
— Sie haben meine Mutter gerettet.
Das ist für mich mehr wert als jedes Geld.
Und dass ich diese Frau, — er nickte zum Zimmer, — hinauswerfe, bereitet mir sogar ein wenig Freude.
Ich mag Gerechtigkeit.
Sie soll lernen, dass man Gutes nicht mit Bösem vergilt.
Er stand auf, ging zum Fenster und blickte auf die Straße.
— Holen Sie sie.
Es ist Zeit, die Sache zu beenden.
Anna ging in den Flur und klopfte an die Tür von Sinaida Petrownas Zimmer.
Es blieb still.
Sie öffnete die Tür einen Spalt.
Ihre Schwiegermutter saß angezogen und frisiert auf dem Bett.
An ihrer aufgeplatzten Lippe klebte noch immer getrocknetes Blut, doch insgesamt wirkte sie gefasst und beinahe distanziert.
Sie starrte auf die Wand und drehte sich nicht um.
— Sinaida Petrowna, — rief Anna.
— Kommen Sie heraus.
Wir müssen reden.
Die Schwiegermutter drehte langsam den Kopf.
Ihre Augen waren leer, als hätte man alles aus ihrem Inneren entfernt.
— Ich komme, — sagte sie leise und stand auf.
In der Küche setzte sie sich Anna gegenüber, ohne Artjom auch nur anzusehen.
Er legte ihr die Dokumente und einen Stift hin.
— Lesen und unterschreiben.
Sinaida Petrowna nahm die Blätter und betrachtete sie lange, während ihre Augen über die Zeilen wanderten.
Dann hob sie den Kopf und sah Anna an.
Ihr Blick war seltsam.
Er war weder böse noch flehend, sondern vollkommen verloren.
— Anja, — sagte sie leise.
— Verzeih mir.
Anna schwieg.
Achtzehn Jahre lang hatte sie auf diese Worte gewartet.
Achtzehn Jahre lang hatte sie davon geträumt, dass ihre Schwiegermutter sie eines Tages um Verzeihung bitten würde.
Doch jetzt, als sie die Worte hörte, fühlte sie nichts.
In ihr war nur Leere.
— Wofür soll ich Ihnen verzeihen? — fragte sie ruhig.
— Für alles, — Sinaida Petrowna senkte die Augen.
— Für Vitja.
Dafür, dass ich dich gequält habe.
Dafür, dass ich dich hinauswerfen wollte.
Ich dachte …
Ich dachte, die Wohnung würde mir gehören, du wärst eine Fremde und ich wüsste besser, was richtig ist.
Doch am Ende …
Am Ende warst du die Einzige, die mich beschützt hat.
Als diese Männer kamen, bekam ich Angst.
Ich dachte, sie würden mich töten.
Aber du bist gekommen.
Warum bist du gekommen, Anja?
Anna schwieg lange und sammelte ihre Gedanken.
— Weil ich ein Mensch bin, — antwortete sie schließlich.
— Weil Sie alt sind.
Und weil ich es nicht ertragen kann, wenn alte Menschen misshandelt werden, selbst wenn Sie für mich niemand sind.
Ich habe es nicht Ihretwegen getan.
Ich habe es meinetwegen getan.
Sinaida Petrowna nickte, als hätte sie genau diese Antwort erwartet.
Sie nahm den Stift und unterschrieb mit großen, schwungvollen Buchstaben alle drei Dokumente, ohne sie noch einmal zu lesen.
Dann schob sie die Papiere zu Artjom.
— Fertig, — sagte sie.
— Darf ich jetzt gehen?
— Ja, — Artjom legte die Papiere in eine Mappe.
— Ihre Sachen sind im Zimmer gepackt.
Unten wartet ein Auto, das Sie dorthin bringt, wohin Sie möchten.
Und ich habe Geld für Sie, — er nahm einen dicken Umschlag aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch.
— Es ist nicht viel, aber für die erste Zeit wird es reichen.
Sinaida Petrowna nahm den Umschlag und steckte ihn in die Tasche ihres Hauskleides, über dem sie eine alte Strickjacke trug.
Dann stand sie auf und blickte Anna an.
— Pass auf Dima auf, — sagte sie.
— Er ist ein guter Junge.
Mach ihn nicht kaputt.
— Das werde ich nicht, — antwortete Anna.
Die Schwiegermutter ging zum Ausgang, blieb jedoch in der Tür stehen.
Ohne sich umzudrehen, sagte sie:
— Verzeih mir noch einmal.
Ich bin eine alte Närrin.
Ich dachte immer, das Leben sei ein Kampf.
Doch offenbar ist es einfach nur das Leben.
Verzeih mir.
Dann ging sie hinaus.
Man hörte, wie die Eingangstür zufiel.
Anna saß regungslos da und starrte auf einen Punkt auf dem Tisch.
Artjom legte die Dokumente in seinen Aktenkoffer und schloss den Reißverschluss.
— Das war alles, Anna, — sagte er.
— Sie sind frei.
Die Wohnung gehört Ihnen, und auch Ihr Leben gehört wieder Ihnen.
Leben Sie.
Er zog seinen Mantel an und richtete den Kragen.
Auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um.
— Falls Sie etwas brauchen, rufen Sie an.
Die Nummer habe ich Ihnen gestern geschickt.
Nicht geschäftlich, sondern einfach von Mensch zu Mensch.
Meine Mutter erinnert sich noch immer an Sie.
Sie sagt, ein Engel habe sie gerettet.
Deshalb sind Sie für uns keine Fremde.
Anna nickte.
Artjom ging hinaus.
Die Tür schloss sich leise.
Sie blieb allein in der leeren Wohnung zurück.
Sie stand auf und ging durch die Zimmer.
Überall war es sauber, und die Sachen waren ordentlich zusammengelegt.
Sogar die Sachen, die sie am Vortag in Tüten gepackt hatte, standen im Flur und warteten auf sie.
Offenbar hatten Artjoms Leute alles aufgeräumt, während sie unterwegs gewesen war.
Anna ging in ihr Zimmer.
In dasselbe Zimmer, in dem sie achtzehn Jahre gelebt hatte.
Dort hatte Dima seine ersten Schritte gemacht.
Dort hatte Vitja sie zum ersten Mal geschlagen, betrunken und wütend nach einem weiteren Streit.
Dort hatte sie nachts in ihr Kissen geweint, damit niemand sie hörte.
Dort hatte sie gewartet, gehofft und geglaubt.
Sie setzte sich mitten auf den Boden und umschlang ihre Knie mit den Armen.
Dann begann sie zu weinen.
Sie weinte lange und laut, wie sie noch nie zuvor geweint hatte.
Alles kam heraus.
Die Jahre der Erniedrigung, die Angst um Dima, die ständige Anspannung, der Schmerz über den Verlust Vitjas, den sie trotz allem noch immer geliebt hatte, und die seltsame Erleichterung, die sich nicht durch ihre Tränen hindurchkämpfen konnte.
Sie hörte nicht, wie die Tür geöffnet wurde und Dima hereinkam.
Erst als er sich neben sie setzte, den Arm um ihre Schultern legte und sie an sich zog, bemerkte sie ihn.
— Mama, — sagte er leise.
— Ich hatte dich doch gebeten, nicht allein zu gehen.
Ich habe mir Sorgen gemacht.
Ich habe die Adresse kaum gefunden, aber ein Taxifahrer hat mir geholfen.
Anna wischte die Tränen mit dem Ärmel ab und sah ihren Sohn an.
— Wie bist du hierhergekommen?
— Ich habe deinen Zettel gefunden und bin losgefahren.
Ich dachte, wer weiß, was passiert ist.
Ich konnte nicht einfach dort sitzen bleiben.
Er ließ den Blick durch das aufgeräumte und leere Zimmer schweifen.
— Wo ist Oma?
— Sie ist weggefahren, — Anna seufzte.
— Für immer.
— Wirklich für immer?
— Für immer.
Dima schwieg eine Weile und fragte dann:
— Und diese Leute?
Die Männer, die hier waren?
— Alles ist geklärt, — Anna lächelte müde.
— Es gibt keine Schulden mehr.
Die Wohnung gehört uns.
Wir sind frei.
Dima sah sie ungläubig an.
Alles war zu schnell zu Ende gegangen.
Noch gestern hatte man sie auf die Straße geworfen, und heute waren sie die rechtmäßigen Eigentümer.
— Und was machen wir jetzt? — fragte er.
Anna blickte sich im Zimmer um.
Ihr Blick fiel auf ein altes Foto an der Wand.
Darauf war Vitja jung und fröhlich und hielt Dima auf dem Arm.
Dima war auf dem Bild höchstens zwei Jahre alt.
Vitja lachte und sah glücklich aus.
Anna erkannte plötzlich, dass sie sich nicht mehr daran erinnern konnte, wann sie ihn zuletzt so gesehen hatte.
— Jetzt werden wir leben, — antwortete sie.
— Wirklich leben.
Du wirst lernen, und ich werde arbeiten.
Im Frühling kommen die Abschlussfeiern und danach das Studium.
Ein ganz normales Leben.
— Und Oma?
Wird sie zurückkommen?
Anna schüttelte den Kopf.
— Ich glaube nicht.
Sie hat Geld bekommen und wird irgendwohin fahren.
Vielleicht zu ihrer Schwester aufs Dorf.
Dort ist es ruhig und friedlich.
Das braucht sie jetzt.
Dima schwieg kurz und fragte dann leise:
— Mama, hast du ihr verziehen?
Anna antwortete lange nicht.
Sie betrachtete das Foto, ihre Hände und die Staubkörner, die in einem Sonnenstrahl tanzten, der durch den Vorhang fiel.
— Ich weiß es nicht, — sagte sie ehrlich.
— Wahrscheinlich schon.
Nicht ihretwegen, sondern meinetwegen.
Damit ich diese Last nicht länger in mir tragen muss.
Sie ist alt und töricht und hatte ihr ganzes Leben vor allem Angst.
Man sollte sie eher bedauern, als ihr verzeihen.
Aber ich werde nie wieder mit ihr unter einem Dach leben können.
Und ich will es auch nicht.
— Und wenn sie mich sehen möchte?
— Dann kann sie dich anrufen, — Anna zuckte mit den Schultern.
— Du bist schon erwachsen und kannst selbst entscheiden.
Wenn du sie sehen möchtest, kannst du dich mit ihr treffen.
Ich werde es dir nicht verbieten.
Aber sie wird getrennt von uns leben.
So ist es für alle besser.
Dima nickte.
Dann fragte er plötzlich:
— Was hat dieser Mann, der Anführer, über seine Mutter gesagt?
Welche Frau hast du gerettet?
Anna lächelte durch ihre Tränen.
— Das ist lange her.
Ich arbeitete damals nachts allein in einer Krankenhausabteilung.
Eine schwer kranke Frau wurde eingeliefert.
Es war kein Arzt da, und ich tat selbst alles, was ich konnte.
Ich dachte, sie würde nicht überleben.
Doch sie überlebte.
Und dieser Artjom war ihr Sohn.
Er war damals noch jung, suchte nach mir und wollte sich bedanken.
Aber ich arbeitete ständig in verschiedenen Schichten, und er fand mich nicht.
Jetzt hat er mich wiedergetroffen.
— Und deshalb hat er uns die Schulden erlassen?
— Deshalb, — Anna nickte.
— Seltsam, nicht wahr?
Nach so vielen Jahren kam das Gute zu mir zurück.
Dima schüttelte erstaunt den Kopf.
— Unglaublich.
Und du sagst immer, das Leben sei ungerecht.
— Das Leben ist unterschiedlich, — korrigierte Anna ihn.
— Es enthält alles.
Trauer und Freude.
Das Wichtigste ist, nicht zu verbittern.
Sie stand vom Boden auf und klopfte ihre Jeans ab.
Dann ging sie zum Fenster und zog die Vorhänge auseinander.
Die Sonne war inzwischen aufgegangen, der Schnee glitzerte auf den Dächern, und der Himmel war klar und hoch.
— Weißt du was, mein Junge? — sagte sie, ohne sich umzudrehen.
— Lass uns morgen einen Weihnachtsbaum kaufen.
In einer Woche ist schließlich Neujahr.
Letztes Jahr hatten wir keinen Baum, weil wir andere Sorgen hatten.
Dieses Jahr stellen wir einen auf.
Den größten, den wir finden können.
Und wir kaufen neue Dekorationen.
Möchtest du?
Dima trat zu ihr und stellte sich neben sie.
— Ja, — sagte er.
— Das wollte ich schon lange.
Ich dachte nur, wir hätten jetzt andere Sorgen.
— Jetzt haben wir Zeit für alles, — Anna legte den Arm um seine Schultern.
— Von jetzt an wird alles gut.
Das verspreche ich dir.
Sie standen am Fenster und blickten auf den verschneiten Hof, auf vereinzelte Fußgänger und auf die Autos, die langsam über die Straße fuhren.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte Anna das Gefühl, frei atmen zu können.
Der schwere Stein, den sie fast zwanzig Jahre lang getragen hatte, war endlich von ihr abgefallen.
Vor ihr lag ein neues Leben.
Es würde schwierig und unbekannt sein, aber es gehörte ihr.
Am Abend gingen sie zurück in das Kellerzimmer, holten ihre zurückgelassenen Sachen und rechneten mit der Vermieterin ab.
Anna beschloss, dass sie die Nacht in der Wohnung verbringen würden.
Sie mussten sich daran gewöhnen, dass dies nun wirklich ihr Zuhause war.
Unterwegs gingen sie in einen Laden und kauften Lebensmittel.
Dima suchte sich eine Tafel Schokolade und Saft aus.
Zu Hause schaltete Anna den Gasboiler ein und erwärmte Wasser.
Sie zwang Dima, sich richtig zu waschen und nicht wie am Vortag nur schnell unter dem Wasserhahn.
Auch sie selbst duschte und zog frische Wäsche an.
Später saßen sie in der Küche, tranken Tee, aßen belegte Brote, und Dima erzählte von der Schule, seinen Freunden und den Probeprüfungen nach dem Neujahrsfest.
Es waren gewöhnliche Gespräche.
Einfache Gespräche.
Gespräche, die sie schon lange nicht mehr geführt hatten.
In der Nacht konnte Anna lange nicht einschlafen.
Sie lag in ihrem Zimmer und in ihrem eigenen Bett, blickte an die Decke und dachte nach.
Sie dachte an Sinaida Petrowna, die jetzt vielleicht irgendwo in einem Zug saß oder bereits bei ihrer Schwester angekommen war.
Sie dachte an Artjom, der sich nicht als Ungeheuer, sondern als Mensch mit einer eigenen Vorstellung von Gerechtigkeit erwiesen hatte.
Sie dachte an Vitja und sein kurzes, unglückliches Leben.
Und sie dachte an sich selbst.
Sie stand auf und ging zum Fenster.
Draußen malte der Frost Muster auf die Scheibe, und die Straßenlaternen strahlten in einem gleichmäßigen gelben Licht.
Irgendwo in der Ferne heulte ein Hund und verstummte wieder.
— Leb wohl, Vergangenheit, — flüsterte Anna in die Dunkelheit.
— Willkommen, Zukunft.
Dann ging sie schlafen.
Am Morgen weckte sie der Geruch von Spiegeleiern.
Dima stand am Herd und briet Eier in einer Pfanne.
Es sah etwas unbeholfen aus, aber er gab sich große Mühe.
— Mama, steh auf, das Frühstück ist fertig, — sagte er, als er sie in der Tür bemerkte.
— Ich habe es versucht, und ich glaube, es ist ganz gut geworden.
Ich hatte nur das Salz vergessen, aber ich habe es jetzt von oben daraufgestreut.
Anna lächelte und setzte sich an den Tisch.
Draußen wurde es hell.
Ein neuer Tag begann.
Der erste ganz gewöhnliche Tag ihres neuen Lebens.



