Die Chefin schickte die „Heruntergekommene“ statt zur Firmenfeier ins Archiv zum Sortieren — und am Abend führte der Sicherheitsdienst sie hinaus.

— Halt!

Wohin denn mit dreckigen Schuhen auf den Teppichboden?

Nadeschda erstarrte, den Fuß noch nicht einmal über die Schwelle des Empfangs gesetzt.

Vor ihr stand, ihr mit einer imposanten Oberweite den Weg versperrend, die Sekretärin.

Auf dem Namensschild stand: „Ilona“.

Das Mädchen verzog angewidert die Nase, als hätte Nadeschda den Geruch einer Müllkippe mitgebracht und nicht die frostige Frische der Straße.

— Ich habe einen Termin, — sagte Nadja leise und rückte ihren alten, verblichenen Schal zurecht.

— Ich bin hier wegen der Stelle als Assistentin des Logistikleiters.

Ilona musterte sie mit einem Blick, bei dem jedem normalen Menschen das Selbstwertgefühl in den Keller gefallen wäre.

— Logistikleiterin?

Mit so einem Aussehen kannst du höchstens Toiletten putzen.

Warte hier, Bella Lwowna ist beschäftigt.

Nadeschda setzte sich gehorsam auf die Kante des Ledersofas.

Unwohl war ihr nicht wegen ihrer Kleidung.

Die Daunenjacke war zwar alt, aber sauber, und die Stiefel hatte sie vor dem Weggehen extra mit Schuhcreme poliert.

Ihr war peinlich, was aus dem gemeinsamen Lebenswerk von ihr und ihrem Mann geworden war.

Vor zehn Jahren hatten sie und Igor dieses Geschäft in einer Garage begonnen.

Sie luden selbst die Kisten ein, sie lieferten selbst die Bestellungen in einem alten „Neuner“ aus.

Dann ging Nadja in den Mutterschutz, danach folgte eine Erholungszeit, nachdem es ihr wegen eines langwierigen Unwohlseins richtig schlecht gegangen war, und irgendwie war sie unmerklich aus den Geschäften herausgefallen.

Igor kam zurecht, das Geld floss.

Aber in letzter Zeit kam ihr Mann völlig erschöpft nach Hause.

„Der Gewinn sinkt, die Kunden laufen weg, und ich verstehe nicht, warum“, sagte er und starrte dabei die Wand an.

Genau deshalb war sie hier.

Unter ihrem Mädchennamen, in Kleidung, die sie auf dem Landhaus gefunden hatte, und mit einer Legende über eine schwierige Lebenssituation.

Die Tür des Büros flog auf, und eine Mappe mit Papieren flog heraus.

Die Blätter verteilten sich fächerförmig weiß auf dem Boden.

Gleich danach kam eine Frau heraus.

Groß, korpulent, in einem Kleid mit Lurex, das so viel kostete wie ein gebrauchter Kleinwagen.

Bella Lwowna.

Die Leiterin der Abteilung.

— In einer Stunde will ich alles neu gemacht sehen! — bellte sie in das Büro hinein.

Dann fiel ihr Blick auf Nadja.

Bella Lwowna kam näher, ihre Absätze klackerten.

Sie roch so stark nach stechendem Parfüm, dass Nadja ein Kratzen im Hals bekam.

— Und wer ist das jetzt wieder? — fragte sie Ilona, ohne die Besucherin anzusehen.

— Zum Vorstellungsgespräch, Bella Lwowna.

Sokolowa Nadeschda.

Die Chefin verzog die mit leuchtend pflaumenfarbigem Lippenstift geschminkten Lippen.

— Sokolowa…
Na gut, komm rein, wenn du schon da bist.

Aber lehn dich bloß nicht an den Tisch, dort liegen wichtige Dokumente, und von dir fliegt Staub.

Das Vorstellungsgespräch dauerte genau drei Minuten.

Bella öffnete nicht einmal den Lebenslauf.

— Der Lohn ist inoffiziell, — sagte sie sofort schroff.

— Auf dem Papier Mindestlohn, der Rest im Umschlag.

Wenn du ihn dir verdienst.

Zu spät kommen — Strafe.

Falscher Ton mir gegenüber — Strafe.

Unwohlsein ist kein Grund zum Fehlen.

Wenn du in Mutterschutz gehen willst, feuere ich dich sofort.

Fragen?

— Nein, — Nadja senkte den Blick und versuchte, möglichst bemitleidenswert auszusehen.

— Ich brauche die Arbeit sehr dringend.

Egal welche.

— Wenn egal welche…
Ich nehme dich auf Probe.

Aber nimm dich in Acht, Sokolowa.

Hier ist ernsthafte Logistik und kein Wohltätigkeitsverein.

Wenn du mir das Erscheinungsbild des Büros verdirbst, fliegst du ohne Abrechnung raus.

Nadja bekam einen Arbeitsplatz in der dunkelsten Ecke, direkt neben der Toilette.

Der Tisch wackelte — ein Bein war kürzer als die anderen, und irgendjemand hatte fürsorglich einen Stapel alter Lieferscheine daruntergeschoben.

— Hallo, — flüsterte jemand links von ihr.

Nadja drehte sich um.

Am Nachbartisch, der mit Aktenordnern überladen war, saß ein schmales Mädchen mit erschrockenen Augen.

Sie sah etwa fünfundzwanzig aus, aber die feinen Fältchen um die Augen verrieten chronischen Schlafmangel.

— Ich bin Ksjuscha.

Achte einfach nicht auf Bella.

Heute ist sie noch nett.

— Nett? — wunderte sich Nadja und schaltete den alten Monitor ein, der flackerte und Bildrauschen zeigte.

— Ja.

Gestern hat sie nach dem Fahrer mit einem schweren Gegenstand geworfen.

Getroffen hat sie ihn zwar nicht, aber der Lärm war groß…

Nadja begann sich in die Arbeit einzuarbeiten.

Und je mehr sie sich einarbeitete, desto unwohler wurde ihr.

Das Chaos war geradezu vorbildlich.

Anträge gingen verloren, Ladungen wurden an die falschen Orte geschickt, und die Tankkarten…

Oh, das war eine ganz eigene Geschichte.

Den Berichten nach zu urteilen, tankten ihre Lkw nicht Diesel, sondern irgendeinen Elitekraftstoff — so hoch waren die Ausgaben.

Nach einer Woche verstand Nadja das System.

Bella Lwowna hatte sich ihr eigenes kleines Imperium geschaffen.

Sie schrieb Geld für nicht existierende Reparaturen ab, Geisterarbeiter unter den Verladern bekamen Löhne, die in ihre Tasche flossen, und die echten Mitarbeiter hielt sie mit ständigen Strafzahlungen in Angst.

— Sokolowa! — Bellas Kreischen ließ das ganze Büro zusammenzucken.

— Warum bist du nicht bei der Besprechung?

— Mein Bericht ist noch nicht fertig, ich dachte…

— Der Truthahn hat auch gedacht!

Sofort in den Konferenzraum!

Und bring mir einen Kaffee mit.

Doppelt, ohne Zucker.

Nadja stand schweigend auf.

Sie spürte die mitfühlenden Blicke der Kollegen auf sich, aber niemand wagte es, für sie einzutreten.

Alle hatten Angst.

Alle hatten Hypotheken, Kredite, Kinder.

In der kleinen Küchenecke traf Nadja auf Ksjuscha.

Das Mädchen weinte und verschmierte billige Wimperntusche auf ihren Wangen.

— Was ist passiert? — Nadja legte ihr eine Hand auf die Schulter.

Ksjuscha schluchzte auf und reichte ihr ein Blatt.

Es war die Lohnabrechnung.

— Sie hat mir zehntausend abgezogen.

Weil ich einen Kunden nicht angelächelt habe, der uns am Telefon aufs Übelste beleidigt hat.

Nadja, ich kann meine Miete nicht zahlen…
Meine Vermieterin wirft mich raus.

Nadja biss die Zähne zusammen.

Am liebsten wäre sie sofort in das Büro ihres Mannes gegangen, das sich drei Stockwerke höher befand, und hätte eine gründliche Abrechnung veranstaltet.

Aber es war noch zu früh.

Sie brauchte hieb- und stichfeste Beweise.

— Weine nicht, — sagte sie fest.

— Alles wird gut.

Hier.

Nadja holte ihr Käsebrot aus der Tasche.

— Iss.

Du bist ganz durchsichtig.

— Danke, — Ksjuscha biss ab, und Nadja bemerkte, wie ihre Hände zitterten.

— Weißt du, ich würde kündigen.

Aber Bella hat gesagt, wenn ich das tue, schreibt sie mir so eine Beurteilung und gibt sie über ihre Kontakte weiter, dass mich in dieser Stadt keiner mehr nimmt.

Sie kann das.

Das kann sie, dachte Nadja.

Aber nicht mehr lange.

Die Auflösung kam unerwartet, zwei Tage vor der Neujahrsfeier.

Im Büro herrschte hektische Unruhe.

Bella Lwowna probierte einen Kopfschmuck an — ja, ja, eine echte Tiara mit Strasssteinen, die sie zur Feier tragen wollte.

— Ich werde der Star des Abends sein, — verkündete sie Ilona.

— Man sagt, Igor Sergejewitsch kommt persönlich mit seiner Ehefrau.

Wir müssen Niveau zeigen.

Übrigens, Sokolowa!

Nadja hob den Kopf von den Lieferscheinen.

— Du gehst nicht zur Firmenfeier.

— Warum? — fragte Nadja ruhig.

— Weil dort Dresscode herrscht.

Strenger Stil.

Hast du ein Abendkleid?

Nein.

Und ich habe keine Lust, mir dein Outfit anzusehen.

Außerdem habe ich einen Auftrag für dich.

Während wir feiern, sortierst du das Archiv vom letzten Jahr.

Das ganze.

Ein unterdrücktes Kichern ging durchs Büro.

Ilona und ein paar Vertraute amüsierten sich ganz offen.

Ksjuscha senkte mitfühlend den Blick.

— Gut, Bella Lwowna, — antwortete Nadja leise.

— Wie Sie wünschen.

Der Tag der Firmenfeier.

Das Restaurant Olymp funkelte in Lichtern.

Die Kellner trugen Getränke in Gläsern herum, und eine Live-Jazzband spielte.

Bella Lwowna stellte sich zur Schau.

Ihr Kleid in der Farbe einer reifen Aubergine war in der Taille etwas zu eng, aber der Kopfschmuck auf ihrem Kopf funkelte so sehr, dass es in den Augen stach.

Sie stand mitten im Saal, umgeben von ihrem Gefolge, und erzählte laut, wie sie persönlich das Unternehmen durch die schwierige Zeit gebracht hatte.

— Ohne mich kann Igor Sergejewitsch nichts! — verkündete sie und nahm einen Schluck aus dem Glas.

— Alles hängt an mir.

Ich halte das Personal fest in der Hand.

Gestern habe ich erst eine entlassen…
Die war völlig frech geworden.

In diesem Moment verstummte die Musik.

Der Moderator verkündete:

— Meine Damen und Herren!
Der Generaldirektor Igor Sergejewitsch Wetrow und seine Ehefrau Nadeschda Alexandrowna!

Die Türen gingen auf.

Igor, stattlich und im schwarzen Smoking, trat mit sicherem Schritt ein.

Und neben ihm ging eine Frau, von der man den Blick nicht abwenden konnte.

Ein smaragdgrünes Samtkleid bis zum Boden betonte ihre Figur.

Das elegant in Wellen gelegte Haar ließ ihren Hals frei, an dem eine Halskette funkelte — dezent, aber Kenner hätten sofort verstanden, dass sie ein Vermögen kostete.

Bella verschluckte sich.

Getränk spritzte auf ihr Kleid.

Sie erkannte die Augen.

Diese ruhigen, leicht spöttischen grauen Augen, die sie jeden Tag über dem alten Monitor gesehen hatte.

— Das… — krächzte Ilona, die neben ihr stand.

— Das ist doch Sokolowa…

Igor und Nadeschda stiegen auf die Bühne.

Igor nahm das Mikrofon.

— Guten Abend, Freunde.

Dieses Jahr war nicht leicht.

Aber wir haben es geschafft.

Und zu einem großen Teil dank der Tatsache, dass meine Frau beschlossen hat, ins Geschäft zurückzukehren.

Wenn auch auf etwas ungewöhnliche Weise.

Er übergab Nadja das Mikrofon.

Sie ließ den Blick durch den Saal schweifen.

Sie fand Ksjuscha, die in einem schlichten schwarzen Kleid in der Ecke stand, und zwinkerte ihr zu.

Dann blieb ihr Blick auf Bella liegen.

— Guten Abend, — Nadjas Stimme klang fest, ohne jene unterwürfigen Noten, an die die Logistikabteilung sich gewöhnt hatte.

— Den letzten Monat habe ich Seite an Seite mit Ihnen verbracht.

Ich habe gesehen, wie Sie arbeiten.

Und ich habe gesehen, was Sie daran hindert.

Nadja stieg von der Bühne und ging langsam auf den Tisch der Führungskräfte zu.

Die Menge machte ihr wie von selbst Platz.

Bella Lwowna stand da und wagte sich nicht zu rühren.

Der Kopfschmuck auf ihrem Kopf war zur Seite gerutscht und verlieh ihr ein lächerliches Aussehen.

— Nadeschda Alexandrowna… — stammelte sie und versuchte zu lächeln.

— Was für eine Überraschung!

Ich wollte gerade sagen…
Sie haben sich so verändert!

Eine richtige Schönheit!

Nadja blieb einen Schritt vor ihr stehen.

— Bemühen Sie sich nicht, Bella Lwowna.

Ich erinnere mich an Ihre Worte.

Wie war das noch?

„Jagt diese Heruntergekommene hinaus, sie wird die Kunden verscheuchen!“ — schrie die Chefin, ohne zu wissen, dass vor ihr die Eigentümerin des Unternehmens stand.

Nur jetzt fürchten sich die Kunden vor Ihnen.

Nadja zog aus ihrer kleinen Clutch einen USB-Stick hervor.

— Hier sind Kopien der doppelten Buchführung, Aufnahmen der Überwachungskameras, auf denen Sie in den Sachen der Mitarbeiter wühlen, und Aussagen der Fahrer über die Manipulationen mit dem Treibstoff.

Die Juristen arbeiten bereits daran.

Bella wurde so blass, dass die Schicht Make-up wie eine Maske wirkte.

— Das ist ein Irrtum…
Ich kann alles erklären…
Igor Sergejewitsch!

Doch Igor sah sie nicht einmal an.

Er sprach mit dem Leiter des Sicherheitsdienstes und nickte in Richtung Ausgang.

— Sie sind entlassen, — sagte Nadja ruhig.

— Fristlos, mit Eintrag ins Arbeitsbuch und mit Übergabe des Falls an die Polizei.

Ilona, das betrifft auch Sie.

Wegen Mittäterschaft.

Ilona schluchzte auf und ließ einen Teller mit Häppchen fallen.

— Und jetzt, — erhob Nadja die Stimme und wandte sich an alle, — möchte ich Ihnen die neue Leiterin der Logistikabteilung vorstellen.

Ksenija, komm bitte her.

Ksjuscha, die in der Menge stand, presste erschrocken die Hände an die Brust.

— Ich?
Nadeschda Alexandrowna, ich schaffe das doch nicht…

— Doch, du schaffst das, — Nadja lächelte sie mit genau jenem warmen Lächeln an, mit dem sie auch in der engen Teeküche gelächelt hatte.

— Du kennst die Arbeit besser als alle anderen.

Und wir werden Ordnung schaffen.

Gemeinsam.

Der Sicherheitsdienst führte Bella Lwowna höflich, aber bestimmt aus dem Saal.

Sie versuchte noch, irgendetwas über ihre Rechte zu schreien, darüber, dass sie diese Abteilung aufgebaut habe, aber die Musik spielte schon wieder und übertönte ihr Kreischen.

Igor trat zu seiner Frau und legte ihr den Arm um die Taille.

— Du bist hart mit ihr umgegangen, — flüsterte er ihr ins Ohr.

— Ich war gerecht, — antwortete Nadja und sah zu, wie die Kollegen Ksjuscha umringten und ihr zur Ernennung gratulierten.

— Weißt du, Igor, manchmal muss man in den Bauch des Schiffes hinabsteigen, um zu verstehen, warum es sinkt.

— Hast du Lust auf Bratkartoffeln? — fragte ihr Mann plötzlich völlig unpassend.

Nadja lachte.

— Sehr.

Und lass uns von hier wegfahren.

Ksjuscha kommt jetzt auch allein zurecht, ich glaube an sie.

Sie traten hinaus in die frostige Nacht.

Der Schnee fiel in großen Flocken.

In ihrer Seele war es rein und ruhig.

Die Arbeit begann gerade erst, aber jetzt wusste Nadja genau: In ihrer Firma würden die Menschen nicht nach dem Preis ihres Anzugs geschätzt werden, sondern nach dem, was in ihnen steckt.