Die Schwiegermutter verteilte die Schlüssel zu einer fremden Wohnung.

Dann holte die Ehefrau eine Mappe hervor — luna.

— Diese Wohnung gehörte mir schon vor der Hochzeit.

Also werden Sie hier nicht das Kommando übernehmen.

Oksana sagte das nicht laut.

Genau deshalb wurde es in der Küche beängstigend still.

Maria Stepanowna war etwas anderes gewohnt.

Sie war daran gewöhnt, dass junge Frauen sich erklärten, sich rechtfertigten, weinten, mit erhobener Stimme stritten und den Älteren die Möglichkeit gaben, wie Opfer auszusehen.

Oksana machte ihr dieses Geschenk nicht.

Sie stand am Tisch in ihrer eigenen Küche, legte die Hand auf eine dünne Mappe mit Dokumenten und sah nicht ihre Schwiegermutter an, sondern den Schlüsselbund.

Einen neuen.

Einen glänzenden.

Mit einem gelben Anhänger aus der Schlüsselwerkstatt.

Noch vor einem Monat war diese Küche ein Ort gewesen, an dem Oksana den Morgen geliebt hatte.

Das Licht fiel durch das Fenster auf den Tisch, der Wasserkocher summte gleichmäßig, Taras stellte zwei Tassen nebeneinander, und der ganze Tag schien kontrollierbar, bis auf dem Herd leise der Kaffee zu kochen begann.

Nach der Hochzeit zog er mit zwei Koffern und einer alten Gitarre, die er kaum berührte, zu ihr.

Oksana verlangte nichts Feierliches von ihm.

Es reichte ihr, dass er seine Schuhe an der Tür auszog, nicht über ihre Ausgabenlisten lachte und in den ersten Monaten fragte, ob er sogar ein kleines Regal im Badezimmer umstellen dürfe.

Die Wohnung hatte sie von ihrer Großmutter Marfa geerbt.

Drei Zimmer, ein altes Backsteinhaus, hohe Decken, Parkett mit einem charakteristischen Knarren vor dem Schlafzimmer und ein Küchenfenster zum Hof, wo im Frühling die Kastanien blühten.

Die Großmutter hatte dort fast vierzig Jahre gelebt.

Nach ihrem Tod konnte Oksana lange nicht weiter als bis in den Flur gehen.

An der Wand hing ein besticktes Handtuch, auf dem Regal stand eine gesprungene Tasse, und im Schrank roch es noch nach Seife, Lavendel und Medikamenten.

Mit fünfundzwanzig schloss Oksana die Tür zum ersten Mal mit ihrem eigenen Schlüssel ab und brach direkt auf der Fußmatte in Tränen aus.

Nicht, weil sie reich geworden war.

Sondern weil sie zum ersten Mal im Leben einen Ort hatte, an dem niemand zu ihr sagen konnte: Rück mal zur Seite.

Die Renovierung dauerte fast zwei Jahre.

Sie wählte Fliesen im Sonderangebot aus, stritt mit den Handwerkern wegen schiefer Ecken, übernahm zusätzliche Schichten, um die Fenster auszutauschen, und schrieb jede Ausgabe in ein gewöhnliches Heft.

Das Sofa kam zuletzt.

Grau, breit, mit einer weichen Decke, die Oksana auf einer Reise gekauft hatte und für ihren ersten wirklich erwachsenen Kauf hielt, nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Freude.

Taras trat in ihr Leben, als die Wohnung fast schon wieder lebendig geworden war.

Er war ein ruhiger, aufmerksamer, etwas müder Mann, der zuhören konnte.

Oksana vertraute ihm nicht sofort.

Aber er drängte sie nicht, und damals erschien ihr das wie Respekt.

Nach der Hochzeit teilten sie die Wohnung im Alltag nicht in meins und deins auf.

Taras durfte in ihrer Küche kochen, Vorhänge aussuchen, Bücher auf der Fensterbank liegen lassen und darüber diskutieren, wo später einmal das Kinderbett stehen sollte.

Doch rechtlich und tief in ihrem Inneren wusste Oksana eine Sache.

Dieses Zuhause war ihr Fundament.

Genau deshalb empfand Oksana keine Mitleid, sondern Unruhe, als Maria Stepanowna an einem Montagmorgen anrief.

Bei ihrer Schwiegermutter war tatsächlich ein Rohr geplatzt.

Die Hausverwaltung hatte einen Notfallauftrag aufgenommen, der Handwerker versprach, erst in ein paar Tagen zu kommen, die Nachbarin von unten schimpfte, und der Boden im Flur war aufgequollen.

An diesem Abend setzte sich Taras seiner Frau gegenüber mit einem Gesichtsausdruck, als wüsste er bereits, dass er zu viel verlangte.

— Mama muss irgendwo wohnen, sagte er.

— Zwei, drei Wochen.

Höchstens einen Monat, falls sich die Renovierung hinzieht.

Oksana schwieg.

Sie mochte ihre eigene Vorsicht nicht.

Darin lag etwas Unschönes, beinahe Beschämendes, denn es ging um eine ältere Frau nach einem Wasserschaden in der Wohnung.

Aber die Vorsicht saß trotzdem unter ihren Rippen.

— Taras, ich habe nichts dagegen, zu helfen, sagte sie.

— Aber es ist vorübergehend.

Und ich will nicht, dass bei uns zu Hause plötzlich alles ohne mich entschieden wird.

— Natürlich, antwortete er schnell.

— Was denkst du denn?

Das ist doch deine Wohnung.

Mama wird nur ein bisschen hier wohnen.

Er küsste sie auf die Schläfe.

Oksana öffnete die Tür.

In den ersten Tagen war Maria Stepanowna fast tadellos.

Sie bedankte sich für den Tee, fragte, wohin sie ihre Tasche stellen solle, spülte ihre Tasse selbst ab und sagte mehrmals, Oksana sei eine gute Hausfrau.

Am dritten Tag kochte sie Borschtsch in einem großen Topf.

Am vierten legte sie Wareniki mit Kartoffeln in den Gefrierschrank.

Am fünften sagte sie zur Nachbarin im Treppenhaus, dass junge Leute heutzutage ohne Ältere gar nicht zurechtkämen.

Oksana hörte das zufällig, als sie von der Arbeit zurückkam.

Maria Stepanowna stand mit einer Tüte Brot vor dem Hauseingang und sprach sanft, fast fürsorglich.

— Sie sind natürlich gute Menschen, aber unerfahren.

Man muss ihnen alles zeigen.

Oksana ging vorbei und tat so, als hätte sie nichts gehört.

Damals schien es ihr noch wie eine Kleinigkeit.

Am sechsten Tag verschwanden Oliven, Joghurt, Pesto und Käse aus dem Kühlschrank.

— Ich habe es weggeworfen, sagte die Schwiegermutter.

— Das ist kein Essen, sondern Chemie.

Borschtsch ist da, Frikadellen sind da, richtiges Speckfleisch habe ich gekauft.

Ihr werdet euch menschlich ernähren.

Oksana stand vor der offenen Kühlschranktür und spürte, wie in ihr eine heiße Welle aufstieg.

Sie wollte sagen: Das sind meine Lebensmittel.

Sie sagte:

— Fragen Sie bitte das nächste Mal vorher.

Maria Stepanowna grinste.

— Ach, fang doch nicht wegen nichts an.

Zwei Tage später lagen Oksanas Shampoo und Creme unter dem Waschbecken.

An ihrer Stelle standen Fläschchen mit Kräutertinkturen und eine Salbe für den Rücken.

— Mir fällt das Bücken schwer, erklärte die Schwiegermutter.

— Und du bist jung.

Am Abend zuckte Taras mit den Schultern.

— Oksana, ehrlich jetzt, wollen wir wegen Shampoo streiten?

Dann verschwand die Decke vom Sofa.

Oksana fand sie auf dem Balkon unter einer Kiste mit Einmachgläsern.

Die Decke war zerknüllt, auf ihr lag Staub, und sie roch nach Pappe.

Oksana hob sie auf und stellte sich für eine Sekunde vor, wie sie eines der Gläser nahm und auf den Boden schleuderte.

Das Glas zerspringt in alle Richtungen.

Maria Stepanowna verstummt endlich.

Taras dreht endlich den Kopf.

Aber Oksana drückte die Decke nur an ihre Brust und trug sie ins Badezimmer.

Wut schreit nicht immer.

Manchmal wäscht sie eine geliebte Sache in kaltem Wasser, weil die Hände sonst etwas tun würden, was man später bereuen müsste.

Am Abend versuchte sie, mit ihrem Mann zu sprechen.

Taras saß mit dem Telefon im Sessel und hörte nur halb zu.

— Sie wirft meine Lebensmittel weg, stellt meine Sachen um und spricht mit den Nachbarn, als würde sie hier alles regeln, sagte Oksana.

— Mama will doch nur helfen.

— Sie hilft nicht.

Sie nimmt Raum ein.

— Nun hab doch ein bisschen Geduld.

Die Renovierung ist bald fertig.

Oksana sah ihn lange an.

Hab Geduld.

Dieses Wort klingt in einer Ehe oft wie Fürsorge.

Aber manchmal bedeutet es etwas anderes: Es ist mir bequemer, wenn du den Schmerz aushältst.

Danach begann Oksana, Kleinigkeiten festzuhalten.

Nicht aus Rache.

Sondern um Klarheit zu haben.

Sie fotografierte die umgestellten Regale.

Sie speicherte die Nachricht des Handwerkers, den Maria Stepanowna ohne Erlaubnis selbst gerufen hatte, damit er sich ansah, wie man den Schrank besser versetzen könnte.

Sie notierte das Datum, an dem die Schwiegermutter zur Nachbarin sagte, das zweite Zimmer müsse für das zukünftige Kind freigeräumt werden.

Am Donnerstag wurde Oksanas Besprechung abgesagt.

Um 12:18 Uhr betrat sie den Hauseingang und freute sich über zwei unerwartete Stunden Stille.

Der Schlüssel drehte sich sanft im Schloss.

In der Wohnung roch es nach fremdem Parfüm.

Aus der Küche drang Olesjas Stimme.

Taras’ Schwester stand in Oksanas Hausschuhen am offenen Kühlschrank und hielt ein Glas saure Sahne in der Hand.

— Oh, hallo, sagte sie.

— Ich bin nur kurz hier.

Mama sagte, ihr habt gute saure Sahne.

Ich nehme ein paar Gläser mit, ja?

Oksana verstand die Worte nicht sofort.

Sie sah auf die Hausschuhe.

Dann auf das Glas.

Dann darauf, wie Olesja selbstbewusst ihren Kühlschrank schloss.

— Wie bist du hereingekommen? fragte Oksana.

— Na mit den Schlüsseln, sagte Olesja.

— Mama hat sie mir gegeben.

Es ist praktisch für mich, auf dem Weg zur Arbeit kurz vorbeizukommen.

— Eigene Schlüssel?

— Na ja.

Was ist denn dabei?

Wir sind doch Familie.

Familie.

Dieses Wort klang wie ein Stempel auf fremdem Papier.

Oksana stellte langsam ihre Tasche auf den Boden.

Auf der Kommode im Flur lag ein neuer Schlüsselbund.

Daran baumelte ein gelber Anhänger aus der Schlüsselwerkstatt.

Oksana holte ihr Telefon heraus und fotografierte ihn.

Dann fotografierte sie den Bildschirm der Gegensprechanlage mit der Uhrzeit.

Dann ging sie ins Schlafzimmer und schloss die Tür.

In ihrer eigenen Wohnung blieb ihr nur noch eine Tür, die sie ihre eigene nennen konnte.

Am Abend hörte sie Maria Stepanownas Stimme aus dem Wohnzimmer.

Die Schwiegermutter telefonierte leise, fast zärtlich.

— Was macht es schon für einen Unterschied, auf wen sie eingetragen ist?

Taras ist hier der Mann.

Mit der Zeit wird die Wohnung ohnehin zur Familienwohnung.

Hauptsache, man macht nicht sofort Druck.

Oksana stand an der Wand und bewegte sich nicht.

Sie wartete darauf, dass in ihr gleich ein Schrei auflodern würde.

Aber es gab keinen Schrei.

Es gab Ruhe.

Eine schlechte Ruhe, chirurgisch kalt.

Am nächsten Tag ging sie in das Notariat, in dem sie damals das Erbe geregelt hatte.

Sie bat um Kopien der Dokumente.

Im Bezirkszentrum für Verwaltungsdienstleistungen bestellte sie eine Auskunft aus dem staatlichen Register der dinglichen Rechte.

Zu Hause holte sie die alte Mappe mit den Rechnungen für die Türen, dem Vertrag mit dem Schlüsseldienst und den Quittungen für die Renovierung heraus.

Sie wollte kein Schauspiel veranstalten.

Sie wollte ihre Grenze zurückholen.

Am Samstag benahm sich Maria Stepanowna den ganzen Tag besonders selbstsicher.

Sie stellte den Tee in einen anderen Schrank.

Sie sagte, das graue Sofa sei unanständig.

Sie schlug vor, Oksanas Schreibtisch aus dem zweiten Zimmer zu entfernen, weil dort irgendwann ein Kinderzimmer sein müsse und nicht deine Papiere.

Taras hörte das.

Er stand am Spülbecken und wusch eine Tasse ab.

Oksana wartete darauf, dass er sich umdrehen würde.

Er drehte sich nicht um.

Beim Abendessen standen Borschtsch, Wareniki, Brot, Salz und genau das Petrykiwka-Tablett auf dem Tisch, das Oksana bei einer Kunsthandwerkerin auf dem Markt gekauft hatte.

Maria Stepanowna klopfte mit dem Löffel an den Teller und sprach, als hielte sie den Wohnungsplan bereits in den Händen.

— Das Sofa muss ausgetauscht werden.

Ein Ledersofa muss her.

Und das zweite Zimmer muss frei werden.

Meine Sachen bringen wir vorübergehend dorthin, und dann sehen wir weiter.

Man kann nicht wie in einer Mädchenwohnung leben, wenn man einen Mann hat.

Oksana legte die Gabel hin.

Taras sah auf seinen Teller.

Olesja, die wieder zum Tee gekommen war, tat so, als würde sie ihren Ärmel zurechtrücken.

Oksana stand auf und ging hinaus.

Eine Minute später kam sie mit der Mappe zurück.

Sie legte sie vor Maria Stepanowna.

— Ich erinnere Sie daran, sagte sie.

— Diese Wohnung gehörte mir schon vor der Hochzeit.

Ich habe sie von meiner Großmutter geerbt.

Vor der Bekanntschaft mit Ihrem Sohn.

Hier werde nur ich über irgendetwas verfügen.

Maria Stepanowna wurde zuerst nicht einmal wütend.

Sie war überrascht.

Als hätte plötzlich ein Stuhl zu sprechen begonnen.

— Was erlaubst du dir eigentlich? fragte sie.

— Ich spreche über meine Wohnung.

— Taras, hörst du, was deine Frau da von sich gibt?

Taras hob den Blick.

Oksana öffnete die Mappe.

Auf dem ersten Blatt lag die Auskunft aus dem Register.

Auf dem zweiten das notarielle Erbschein-Dokument.

Auf dem dritten die Rechnung und der Vertrag über den Einbau der Eingangstür, die Oksana ein Jahr vor der Hochzeit bezahlt hatte.

— Die Schlüssel werden heute zurückgegeben, sagte sie.

— Alle.

Ihre, Olesjas und alle Kopien, die Sie haben machen lassen.

— Wie kannst du es wagen? Maria Stepanowna sprang auf.

— Ich bin für dich wie eine Mutter, ich halte dir das Haus in Ordnung, und du willst mir mit Papierkram Angst machen?

Oksana sah sie ruhig an.

— Verwandte machen keine Duplikate von einer fremden Tür hinter dem Rücken der Eigentümerin.

Sie holte den gelben Anhänger aus der Schlüsselwerkstatt hervor.

Maria Stepanowna erstarrte.

Taras nahm den Anhänger und las laut vor.

— Duplikat — zwei Stück.

Olesja wurde blass.

— Mama, du hast gesagt, sie weiß es.

In der Küche blieb alles stehen.

Sogar der Kühlschrank schien leiser zu brummen.

Taras drehte sich zu seiner Mutter.

— Für wen ist der zweite Schlüssel?

Maria Stepanowna schwieg.

— Mama, für wen ist der zweite Schlüssel? wiederholte er.

Sie presste die Lippen zusammen.

— Tamara ist vorbeigekommen, um die Blumen zu gießen, als ihr nicht da wart.

— Welche Blumen? fragte Oksana.

Es gab keine Antwort.

Denn in der Wohnung gab es keine Blumen, die gegossen werden mussten.

Dann öffnete Oksana den Hauschat auf ihrem Telefon und zeigte die Nachricht der Nachbarin aus der oberen Etage.

Um 18:47 Uhr hatte irgendeine Frau versucht, ihre Tür zu öffnen, den Schlüssel falsch gedreht und war gegangen, als sie Schritte im Inneren hörte.

Die Nachbarin hatte das ohne Ärger geschrieben, einfach als etwas Merkwürdiges.

Taras setzte sich wieder auf den Stuhl.

Er sah aus, als hätte ihm jemand die Augenbinde zu plötzlich abgerissen.

All diese Wochen hatte Oksana darauf gewartet, dass ihr Mann es von selbst sehen würde.

Er hatte es nicht gesehen.

Jetzt musste er hinschauen.

Die weggeworfenen Lebensmittel.

Die umgestellten Dinge.

Die Decke unter den Gläsern.

Olesja in den Hausschuhen.

Zwei Duplikate.

Die Stimme seiner Mutter, die sagte, dass die Wohnung mit der Zeit zur Familienwohnung werde.

Und sein eigenes Schweigen daneben.

— Mama, sagte er leise.

— Gib die Schlüssel zurück.

Maria Stepanowna drehte sich zu ihm um, als hätte er sie geschlagen.

— Was?

— Gib die Schlüssel zurück, wiederholte er.

— Und sag, wer den zweiten hat.

— Ich habe dich allein großgezogen, begann sie, und ihre Stimme wurde sofort lauter.

— Ich habe nachts nicht geschlafen, gearbeitet, damit aus dir ein Mensch wird, und jetzt setzt du mich wegen deiner Frau auf die Straße?

— Niemand setzt dich auf die Straße, sagte Taras.

— Aber das ist ihre Wohnung.

Und du hattest kein Recht dazu.

Oksana mischte sich nicht ein.

Das war nicht ihr Kampf um seine Mutter.

Das war sein Kampf um sein eigenes Rückgrat.

Olesja legte still ihren Schlüssel auf den Tisch.

Dann holte sie einen zweiten aus ihrer Tasche.

— Ich habe nur diesen, sagte sie.

— Ehrlich.

Maria Stepanowna sah ihre Tochter an, als hätte diese Verrat begangen.

— Sehr schön, sagte sie.

— Alle gegen die Mutter.

— Mama, Taras bedeckte müde sein Gesicht mit den Händen.

— Sag einfach, wo der zweite Satz ist.

Nach einer langen Pause holte die Schwiegermutter ihr Telefon heraus und wählte eine Nummer.

— Tamara, bring den Schlüssel vorbei, sagte sie trocken.

— Ja.

Jetzt.

Fünfzehn Minuten dauerten, als würde die Wohnung sich selbst zuhören.

Niemand aß.

Der Borschtsch wurde kalt.

Das Brot lag unberührt da.

Oksana stand am Fenster und sah in den Hof, wo der nasse Asphalt unter der Laterne glänzte.

Tamara, Maria Stepanownas Nachbarin, kam verlegen, mit offenem Mantel.

Sie reichte Oksana den Schlüssel, ohne weiter als bis in den Flur zu treten.

— Ich dachte, Sie wüssten Bescheid, sagte sie.

— Maria sagte, Sie hätten selbst darum gebeten.

Oksana nahm den Schlüssel.

— Jetzt weiß ich Bescheid.

Als sich die Tür hinter Tamara geschlossen hatte, stand Maria Stepanowna ruckartig auf.

— Ich fahre weg, erklärte sie.

— Zu Tamara.

Dort behandelt man mich wenigstens wie einen Menschen.

Im Schlafzimmer raschelten Tüten.

Eine Schranktür schlug zu.

Olesja half ihrer Mutter schweigend, fast weinend, wagte aber nicht, Oksana anzusehen.

Taras stand im Flur und hinderte sie nicht daran.

Nach einer halben Stunde kam Maria Stepanowna mit zwei Taschen heraus.

Auf der Kommode lagen bereits drei Schlüssel.

— Wir werden ja sehen, wie lange Ehen halten, in denen die Frau dem Mann Dokumente unter die Nase hält, sagte sie.

Oksana antwortete nicht.

Manchmal ist Schweigen keine Schwäche.

Manchmal ist es eine Tür, die man ohne Knallen schließt.

Maria Stepanowna ging.

Olesja ging mit ihr.

In der Wohnung wurde es seltsam leer.

Nicht still, sondern wirklich leer, als hätte man einen zu großen Schrank aus dem Zimmer getragen, und die Luft wüsste noch nicht, wie sie den Platz einnehmen sollte.

Taras stand lange im Flur.

Dann ging er zu Oksana.

— Verzeih mir, sagte er.

Sie sah ihn an.

— Wofür genau?

Er schluckte.

Die Frage war einfach.

Die Antwort musste genau sein.

— Dafür, dass ich gesagt habe, du sollst Geduld haben, obwohl ich hätte sagen müssen: Mama, das geht nicht.

Dafür, dass ich so getan habe, als wären es Kleinigkeiten.

Dafür, dass du begonnen hast, dich in deinem eigenen Zuhause wie ein Gast zu fühlen, und ich es gesehen und Müdigkeit genannt habe.

Oksana wandte sich zuerst ab.

Nicht, weil sie ihm verziehen hatte.

Sondern weil er gesehen hätte, wie sehr diese Worte genau dort angekommen waren, wo sie ankommen mussten, wenn sie weiter hingesehen hätte.

Am nächsten Tag wechselten sie die Schlösser aus.

Der Handwerker kam um 09:10 Uhr, entfernte die alten Schließzylinder, setzte neue ein und gab ihnen zwei Schlüsselpaare in einem versiegelten Beutel.

Oksana öffnete den Beutel selbst.

Einen Schlüssel nahm sie für sich.

Einen gab sie Taras.

Die übrigen legte sie in die Metallbox mit den Dokumenten.

— Keine Duplikate mehr ohne mich, sagte sie.

— Ohne dich gar nichts, antwortete er.

Das reparierte nicht alles auf einmal.

Nichts Wichtiges wird mit einem einzigen Satz repariert.

Taras rief seine Mutter selbst zweimal pro Woche an.

Er traf sich mit ihr in einem Café oder fuhr zu ihr nach Hause, aber er brachte sie nicht mehr ohne Absprache mit.

Olesja schickte eine lange Nachricht mit Entschuldigungen.

Oksana antwortete knapp: Ich habe es gehört, Schlüssel wird es nicht mehr geben.

In den ersten Wochen holte sie sich ihre Wohnung zurück wie nach einer langen Krankheit.

Sie stellte Shampoo und Creme wieder auf das Regal.

Sie kaufte Oliven, Käse und Pesto.

Sie wusch die graue Decke, trocknete sie in der Sonne und legte sie wieder auf das Sofa.

Sie wusch das Petrykiwka-Tablett vom Salz sauber.

Sie stellte die Tassen wieder in den Schrank, in dem sie früher gestanden hatten.

Jede Kleinigkeit kehrte an ihren Platz zurück, und mit ihnen kam auch Oksana selbst wieder an ihren Platz zurück.

Eines Abends kam sie von der Arbeit nach Hause und blieb im Wohnzimmer stehen.

Auf dem mittleren Regal stand nicht mehr das große Foto von Maria Stepanowna mit dem kleinen Taras.

Es war nicht verschwunden.

Es stand daneben, in einem neuen, schlichten Rahmen.

Und in der Mitte stand ihr Hochzeitsfoto.

Oksana sah es lange an.

Taras trat von hinten zu ihr, umarmte sie aber nicht sofort.

Er hatte bereits gelernt, keinen Raum ohne Erlaubnis einzunehmen.

— Ich habe es umgestellt, sagte er.

— Falls du nichts dagegen hast.

— Warum?

— Weil es nur dann unser Zuhause ist, wenn zuerst anerkannt wird, dass es deins ist.

Früher wollte ich, dass es für alle bequem ist.

Aber am Ende war es nur für dich unbequem.

Oksana fuhr mit den Fingern über den Rand des Regals.

In ihrer Erinnerung tauchte dieses Gefühl wieder auf: wie sie in ihrer eigenen Küche so leise Tee kochte, als hätte sie Angst, die Besitzer zu wecken.

Jetzt summte der Wasserkocher offen.

Das Zuhause klang wieder nach ihrem Leben.

Sie fiel ihm nicht um den Hals.

Sie sagte nicht, dass alles vergessen sei.

Sie nahm einfach seine Hand und legte sie neben ihre auf die Rückenlehne des Sofas.

— Wir werden es lernen, sagte sie.

Taras nickte.

Draußen wurde der Hof dunkel, in der Küche kühlte der Borschtsch ab, an der Wand hing still das bestickte Handtuch der Großmutter, und zum ersten Mal seit langer Zeit kontrollierte Oksana nicht, wer durch ihre Tür kommen könnte.

Sie war zu Hause.