Ein dreister Inspektor nahm mir den Führerschein weg, als ich meine Frau in die Entbindungsklinik brachte.

Ein Jahr später wurde er kreidebleich, als er sah, wer sein neuer Chef geworden war.

Die Scheibenwischer kamen schon nicht mehr hinterher.

Sie verschmierten den nassen Schnee nur über die Windschutzscheibe und hinterließen trübe Streifen.

Artem kniff die Augen zusammen und versuchte, in dem weißen Schneewirbel, der die Straße verschluckt hatte, überhaupt noch etwas zu erkennen.

Es schien, als existiere die Welt hinter den Fenstern des alten „Opel“ nicht mehr — nur noch der Schneesturm und die Dunkelheit waren geblieben.

Neben ihm atmete Julia schwer und schluchzend aus.

— Tjom, es geht los… Schon wieder… — sie klammerte sich so fest an den Türgriff, dass ihre Hände zitterten.

— Mein Gott, mir ist ganz furchtbar…

Artem warf seiner Frau einen schnellen Blick zu.

Ihr Gesicht war grau und schweißnass, obwohl die Heizung auf voller Leistung lief.

— Halte durch, Julchen.

Halte durch, meine Kleine.

Gleich sind wir am Kontrollposten vorbei, und dann ist es bis zur Stadt nur noch ein Katzensprung.

Dort müsste die Straße geräumt sein.

Damit hatten sie heute nicht gerechnet.

Die Ärzte hatten den Termin erst in zwei Wochen angesetzt.

Am Mittag hatte Artem sich nach der Arbeitswoche entspannt und sich zum Abendessen ein Glas dunkles Bier gegönnt.

Wer hätte das ahnen können?

Drei Stunden später war bei Julia die Fruchtblase geplatzt.

Der Krankenwagen weigerte sich kategorisch, zu ihrer Datscha draußen im Nirgendwo zu fahren: „Alle Fahrzeuge sind im Einsatz, und bei Ihnen ist alles zugeschneit.

Wenn Sie rechtzeitig ankommen wollen, fahren Sie selbst.“

Vorn blinkten durch den Schneematsch blau-rote Lichter auf.

Ein Verkehrsposten.

Der Inspektor tauchte unerwartet aus der Dunkelheit auf und winkte träge mit dem Stab.

Artem fuhr an den Straßenrand und spürte, wie in ihm eine klebrige Angst aufstieg.

Nicht um sich selbst — um Julia.

Die Scheibe senkte sich und ließ eisigen Wind und den Geruch von Abgasen in den Wagen.

— Major Subow, — stellte sich der Verkehrspolizist vor.

Er war riesig, trug den Mantel offen, und sein Gesicht war rot und satt.

Er kaute Kaugummi und blickte den Fahrer mit frech zusammengekniffenen Augen an.

— Wohin so eilig bei diesem Wetter?

Das Schild „vierzig“ gesehen?

Und du bist fast siebzig gefahren.

— Genosse Major, meine Frau bekommt ein Kind! — Artemps Stimme überschlug sich fast.

— Die Wehen kommen alle fünf Minuten!

Lassen Sie uns durch, um Christi willen!

Subow beugte sich tiefer und steckte den Kopf ins Wageninnere.

Seine kleinen Augen glitten zu Julia, die sich in diesem Moment auf die Lippe biss, um ein Stöhnen zu unterdrücken.

— Sie bekommt also ein Kind, sagst du? — zog er die Worte in die Länge.

— Im Auto riecht es aber nach Alkohol.

Oder habe ich mich geirrt?

Artem erstarrte.

Lügen hatte keinen Sinn.

— Ich habe mittags… ein Glas getrunken.

Vor vier Stunden!

Ich bin nüchtern, ich schwöre!

Es ist ein Notfall — der Krankenwagen kommt nicht!

Subow richtete sich auf und schnaubte zufrieden.

In diesem Laut lag nichts Menschliches — nur das Vergnügen eines Raubtiers, das seine Beute in die Enge getrieben hatte.

— Ein Glas, zwei… Das Gesetz gilt für alle gleich.

Raus aus dem Wagen.

Wir nehmen alles auf.

— Was heißt hier aufnehmen?! — Artem sprang nur im dicken Sweatshirt in den Schnee hinaus.

— Sehen Sie denn nicht?

Meine Frau wird jeden Moment entbinden!

Lassen Sie mich sie hinbringen, den Ärzten übergeben, und dann machen Sie mit mir, was Sie wollen!

Nehmen Sie mir den Führerschein weg, sperren Sie mich ein!

Subow holte ohne Eile das Alkoholmessgerät hervor und packte das Mundstück aus.

— Pusten.

Oder willst du die Verweigerung unterschreiben?

Dann gehst du erst recht zu Fuß.

Artem pustete.

Das Gerät piepte.

Die Zahlen waren lächerlich — 0,19 Promille.

Messungenauigkeit, Restalkohol.

Jeder vernünftige Mensch hätte das verstanden.

Aber nicht Subow.

— So, das war’s, — der Major steckte das Gerät in die Tasche.

— Fahren unter Alkoholeinfluss.

Das Auto kommt auf den Strafparkplatz.

Der Abschleppwagen ist schon unterwegs.

— Was tun Sie da?! — Artem packte ihn am Ärmel.

— Winter!

Nacht!

Wie soll sie denn gehen?!

Subow schüttelte seine Hand angewidert ab.

— Ist mir egal.

Hättest früher nachdenken müssen.

— Dann fahren Sie sie wenigstens selbst!

Sie haben doch ein warmes Dienstfahrzeug!

— Ich bin kein Taxi, — bellte der Major.

— Verschwinde und geh zu Fuß!

Nimm deine Passagierin mit.

Ihr könnt auf der Straße schon jemanden anhalten.

Mitleidige Idioten gibt es genug.

Er drehte sich um und ging in die warme Wachhütte, wobei er die Tür laut hinter sich zuschlug.

Die nächsten vierzig Minuten vergaß Artem sein Leben lang nicht.

Er stand im Wind und schirmte Julia mit seinem Körper ab.

Die Autos rasten vorbei und überschütteten sie mit Schnee.

Niemand wollte in diesem Schneesturm anhalten.

Julia hing schon fast an ihm, und es ging ihr immer schlechter.

Ein alter „KamAZ“ nahm sie schließlich mit.

Als der Fahrer die schwangere Frau im Schneehaufen sah, bremste er so scharf, dass der Anhänger ins Schleudern geriet.

— In die Kabine!

Schnell! — brüllte er und sprang direkt in Hausschuhen in den Schnee.

Sie erreichten die Entbindungsklinik in letzter Minute.

Julias Zustand wurde kritisch, und um das Leben des Kindes musste ernsthaft gekämpft werden.

Zwei Wochen unter strenger ärztlicher Aufsicht, Tränen und Gebete auf dem Krankenhausflur.

Den Prozess verlor Artem.

Subow schrieb einen perfekten Bericht.

Eineinhalb Jahre Führerscheinentzug und dreißigtausend Rubel Strafe.

Aber das war nur eine Kleinigkeit.

Das Wichtigste war, dass der Sohn überlebte.

Und das Gesicht des Majors — satt und gleichgültig — hatte Artem sich für immer eingeprägt.

Ein Jahr verging.

Artem stand am Panoramafenster seines neuen Büros.

Inzwischen war er Direktor der Bezirks-Elektronetze geworden.

Seine Karriere war steil nach oben gegangen: Der alte Chef war in den Ruhestand gegangen, und die Aktionäre hatten den jungen, harten Ingenieur bestätigt.

Die Tür knarrte.

Der leitende Energetiker, der ältere Iljitsch, trat ein.

— Artem Sergejewitsch, man hat uns einen Neuen geschickt.

Für das Umspannwerk.

Einen Elektromonteur dritten Grades.

Ein ehemaliger Polizist, heißt es.

— Ein Polizist? — Artem drehte sich nicht um.

— Und was hat er hier verloren?

— Sie haben ihn aus dem Dienst geworfen.

Eine dubiose Geschichte, angeblich wurde er bei einer Bestechung erwischt, aber die Sache wurde vertuscht, man entließ ihn einfach wegen Untauglichkeit.

Und im Ort gibt es keine Arbeit, also ist er zu uns gekommen.

Viel Arroganz, aber wenig Können…

Wahrscheinlich hat er seine Zeugnisse gekauft.

— Name?

— Subow.

Gennadi Subow.

Artem drehte sich langsam um.

Im Büro breitete sich Stille aus, nur vom Summen der Klimaanlage unterbrochen.

— Also Subow… — sagte er leise.

— Soll morgen zur Schicht ins Umspannwerk kommen.

Ich werde persönlich hinfahren und die Zulassung kontrollieren.

Am nächsten Tag war es im Umspannwerk laut.

Die Brigade bereitete sich auf Schaltungen vor.

Subow stand abseits und rauchte träge.

Die Arbeitskleidung hing sackartig an ihm, der Helm war in den Nacken geschoben.

Er sah gealtert und aufgedunsen aus, doch dieselbe satte Frechheit lag noch immer in seinem Blick.

— He, du! — rief er dem Meister zu.

— Wie lange dauert das hier noch?

Es ist Zeit fürs Mittagessen.

— Subow, überprüf das Schema! — rief der Meister zurück.

— Zelle Nummer sechs.

Wir nehmen sie für die Reparatur aus dem Betrieb.

Artem beobachtete das alles aus dem Fenster der Leitstelle.

Er sah, wie Subow, ohne in den Schaltplan zu schauen, auf die Zellen zuging.

— Sechste, fünfte… Was macht das schon für einen Unterschied, — murmelte der ehemalige Major und griff nach dem Hebel.

Er irrte sich.

Er war an die vierte Zelle gegangen, die unter voller Last stand.

— Halt! — schrie der Meister, aber es war zu spät.

Subow riss den Schalter um.

Der Knall war, als hätte ein Blitz ins Gebäude eingeschlagen.

Ein greller Lichtbogen, eine Fontäne aus Funken, der Geruch von verbranntem Plastik und Ozon.

Die Druckwelle schleuderte Subow zurück, und er fiel zu Boden, wobei er sich das Gesicht mit den Händen bedeckte.

Zwei junge Männer, die danebenstanden, wurden ebenfalls erfasst — sie erlitten schwere Verletzungen.

— Einen Krankenwagen!

Schaltet die Einspeisung ab! — Artemps Befehle klangen klar und hart.

Als sich der Rauch verzogen hatte, ging Artem nach unten.

Subow saß auf dem Boden und verschmierte Ruß und Tränen in seinem Gesicht.

Schwer verletzt war er nicht — ihn hatte gerettet, dass der Lichtbogen zur Seite gegangen war —, doch die Angst hatte ihn in ein zitterndes Wrack verwandelt.

— Ich wollte das nicht…

Ich habe mich vertan…

Die Zahlen waren abgerieben… — murmelte er mit klappernden Zähnen.

Artem trat dicht an ihn heran.

Seine Stiefel knirschten über zerbrochenes Glas.

— Aufstehen.

Subow hob den Kopf.

Seine roten Augen trafen auf den schweren Blick des Direktors.

Zuerst verstand er nicht.

Dann sah er genauer hin.

Und plötzlich wurde sein Gesicht vollkommen weiß.

— Du… — krächzte er.

— Der mit dem „Opel“…

— Genau der, — nickte Artem.

— Den du bei Frost zu Fuß losgeschickt hast.

Mit einer Frau in den Wehen.

Subow versuchte aufzustehen, aber seine Beine gehorchten ihm nicht.

Er kroch zu Artemps Füßen und griff mit schmutzigen Händen nach seiner Hose.

— Chef!

Artem Sergejewitsch!

Verzeih mir!

Ich habe eine Dummheit gemacht!

Ruinier mich nicht!

Ich habe Kredite, meine Mutter ist schwer krank…

Ich werde alles abarbeiten!

Ich werde den Jungs zahlen!

Ruf nicht die Polizei, sonst werfen sie mich mit Schimpf und Schande raus, und ich komme ins Gefängnis!

— Ins Gefängnis kommst du, — bestätigte Artem ruhig.

— Auf jeden Fall.

— Sei doch ein Mensch! — heulte Subow auf.

— Wir sind doch Männer, ich habe eben einen Fehler gemacht!

Das kann jedem passieren!

Artem trat angewidert einen Schritt zurück.

— Ein Fehler?

Du hast keinen Fehler gemacht.

Du hast auf die Regeln gepfiffen.

Und damals auch auf die Menschlichkeit.

Damals stand das Leben meines Sohnes auf dem Spiel, und heute die Gesundheit meiner Mitarbeiter.

Am Tor des Umspannwerks hielt bereits ein Wagen mit Blaulicht.

— Du liebst doch das Gesetz, Major? — fragte Artem und blickte auf den Mann hinab, der ihm zu Füßen kroch.

— Du hast mir damals gesagt: „Das Gesetz gilt für alle gleich.“

Dann antworte jetzt auch nach dem Gesetz.

Artikel 143 des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation.

Verstoß gegen Arbeitsschutzvorschriften mit schwerer Gesundheitsschädigung als Folge.

— Nicht!!! — schrie Subow, als in der Tür Polizeibeamte erschienen.

Diesmal gab es weder Lässigkeit noch ein Grinsen.

Da war nur ein erbärmlicher, gebrochener Mensch, den man unter den Armen zum Wagen schleifte.

Der Prozess war beispielhaft.

Artem engagierte die besten Anwälte für die verletzten Männer.

Subow bekam ein Jahr Strafkolonie mit gelockertem Vollzug und eine enorme Geldstrafe, die er bis ans Ende seines Lebens abzahlen wird.

Am Abend kehrte Artem nach Hause zurück.

Julia fütterte den einjährigen Danjka mit Brei.

Der Kleine lachte und schmierte das Essen über den Tisch.

— Warum bist du so nachdenklich? — fragte seine Frau.

— Ach, nichts weiter, — Artem trat zu ihr und küsste sie, den vertrauten Duft einatmend.

— Ich habe einen alten Bekannten getroffen.

Im Leben kommt offenbar alles wieder auf einen zurück.

— Was kommt zurück?

— Der Bumerang, Jul.

Für alles muss man bezahlen.

Er setzte sich an den Tisch und lächelte seinem Sohn zu.

Draußen fiel Schnee, aber jetzt wirkte er nicht mehr bedrohlich, sondern gemütlich und friedlich.