„Ich habe schon alles entschieden.“

„Mama wird bei uns wohnen.“

„Wenn es dir nicht gefällt, dann ertrage es, du bist doch meine Starke“, sagte der Mann kalt.

„Mama zieht am Samstag zu uns, Lena.“

„Ich habe den Möbelpackern schon gesagt, dass sie um zehn kommen sollen.“

„Was hast du gerade gesagt?“

„Ich habe gesagt, Mama wird eine Zeit lang bei uns wohnen.“

„Mach nicht so ein Gesicht, als hätte ich eine Katze von der Müllhalde ins Bett gebracht.“

„Igor, wiederhole das langsam.“

„Du hast deine Mutter eingeladen, in unsere Wohnung zu ziehen, hast Möbelpacker engagiert, einen Tag festgelegt und beschlossen, mir das beim Abendessen mitzuteilen, zwischen Frikadelle und Gurken?“

„Verdreh nicht alles.“

„Der Mensch hat ein Problem.“

„Ich verdrehe nichts.“

„Ich stelle nur klar, an welcher Stelle unsere Ehe aufgehört hat und die Armee begonnen hat, in der du der Kommandeur der Einheit bist.“

Igor legte die Gabel weg.

Auf dem Teller lag einsam Buchweizen, daneben kühlte eine Frikadelle ab.

In der Küche roch es nach gebratenen Zwiebeln, einem nassen Handtuch und neuem Laminat — genau dem Laminat, das sie drei Wochen lang ausgesucht hatten, über das sie sich bei „Leroy Merlin“ gestritten hatten und das sie dann mit Carsharing nach Hause gebracht hatten, weil die Lieferung „erst in einer Woche“ möglich war, sie aber sofort leben wollten.

„Len“, sagte er müde, „Mamas Wohnung wurde überschwemmt.“

„Die Decke im Schlafzimmer hängt in Stücken herunter.“

„Die Leitungen funken.“

„Der Boden ist aufgequollen.“

„Sie kann dort nicht übernachten.“

„Ich habe von der Überschwemmung gehört.“

„Und ich habe auch von dem Geld gehört, das ihr angeblich Bankbetrüger gestohlen haben.“

„Ich bin nicht taub.“

„Aber wir beide haben das schon besprochen: Man kann ihr ein Studio in der Nähe mieten.“

„Man kann ihr Geld für die Reparatur geben.“

„Sie kann übrigens bei Marina wohnen.“

„Deine Schwester hat eine Dreizimmerwohnung in einem Backsteinhaus, und die Kinder sind schon erwachsen.“

„Marina arbeitet vierundzwanzig Stunden und hat dann zwei Tage frei, ihr Jüngster bereitet sich auf das Abitur vor, der Älteste wohnt jeden zweiten Tag mit seiner Freundin bei ihnen.“

„Dort ist kein Platz für Mama.“

„Und bei uns ist also ein Sanatorium?“

„Wir sind gerade erst eingezogen, Igor.“

„Vor zwei Monaten.“

„Du erinnerst dich doch, oder?“

„Oder ist dir nach der Unterzeichnung der Hypothek das Gedächtnis abgefallen wie der Griff einer billigen Pfanne?“

„Wir haben drei Zimmer.“

„Wir haben ein Schlafzimmer, meine zukünftige Werkstatt und ein Zimmer, das wir für ein Kind vorgesehen haben.“

„Das haben wir gemeinsam entschieden.“

„Kennst du das Wort ‚gemeinsam‘ noch?“

„Werkstatt, Lena“, Igor grinste spöttisch.

„Willst du deine Banner und Logos jetzt wirklich über meine Mutter stellen?“

„Ich werde sie über deinen Wunsch stellen, über mich zu verfügen wie über einen Hocker.“

„Ich arbeite von zu Hause.“

„Ich brauche einen Ort, an dem ich die Tür schließen, den Laptop einschalten und nicht hören muss, wie jemand im Morgenmantel ‚Lass uns heiraten‘ durch die ganze Wohnung schaut.“

„Mama ist nicht so.“

„Was für einen Unterschied macht es, wie sie ist?“

„Selbst wenn sie eine Heilige mit Heiligenschein und Attest aus der Poliklinik wäre.“

„Es geht nicht um sie.“

„Es geht um dich.“

„Was ist mit mir?“

„Dass du schon entschieden hast.“

„Ohne mich.“

„Und jetzt erwartest du, dass ich lächle, deiner Mutter Tee einschenke und sage: ‚Natürlich, Igorek, schlepp her, wen du willst, unsere Wohnung ist ja aus Gummi.‘“

„Nicht wen ich will.“

„Meine Mutter.“

„Deine Mutter.“

„Nicht unsere gemeinsame Rentnerin aus einem städtischen Programm.“

„Deine Mutter, mit der man zuerst die Bedingungen hätte besprechen müssen.“

„Für wie lange?“

„In welches Zimmer?“

„Wer bezahlt die Reparatur?“

„Wie leben wir?“

„Wo arbeite ich?“

„Warum ist Marina plötzlich so unglaublich beschäftigt?“

„Wo sind die Unterlagen über den Schaden?“

„Wo ist das Protokoll der Hausverwaltung?“

„Herrgott, du klingst wie eine Ermittlerin.“

„Weil du dich wie ein Verdächtiger benimmst.“

Er schlug mit der Handfläche auf den Tisch.

Die Tasse sprang hoch, Tee spritzte auf die Wachstuchdecke.

Die Wachstuchdecke hatten sie noch nicht durch eine normale Tischdecke ersetzt, weil das Geld nach dem Wohnungskauf nicht einfach knapp war, sondern wie in einem alten Witz: „Geld ist da, aber es steckt alles in den Wänden.“

„Genug!“, sagte Igor.

„Ich bin es leid, deinen buchhalterischen Ton zu hören.“

„Mama zieht ein.“

„Das wird nicht diskutiert.“

Lena sah ihn an und fragte plötzlich sehr ruhig:

„Und mein Anteil an dieser Wohnung wird auch nicht diskutiert?“

„Was?“

„Mein Anteil.“

„Meine zwei Millionen aus dem Verkauf von Papas Datscha.“

„Meine achthunderttausend Ersparnisse.“

„Mein Einkommen, aus dem wir die Hypothek bezahlen, während du schon den dritten Monat erzählst, dass deine Prämie verspätet ausgezahlt wird.“

„Das wird auch nicht diskutiert?“

„Fang nicht mit Geld an.“

„Warum nicht?“

„Als du die Anzahlung leisten musstest, war Geld unsere gemeinsame Liebe.“

„Und sobald deine Mutter mit Koffern auftauchte, wurde Geld plötzlich ein schmutziges Thema?“

„Du bist kleinlich.“

„Nein, Igor.“

„Kleinlich ist, wenn eine Frau im Kleinbus zehn Rubel zurückverlangt.“

„Aber wenn ein Mensch sein Zuhause vor Entscheidungen schützt, die hinter seinem Rücken getroffen wurden, nennt man das normal.“

„Zuhause, Lena“, er grinste schief.

„Genau.“

„Zuhause.“

„Und zu Hause hilft man der Familie.“

„Zu Hause veranstaltet man keinen Umsturz unter dem Deckmantel familiärer Hilfe.“

Er stand vom Tisch auf, nahm sein Telefon und ging auf den Balkon.

Dort, zwischen Kisten mit Weihnachtsschmuck, einem alten Staubsauger und zwei Säcken mit Putzresten, begann er, jemanden anzurufen.

Lena hörte durch die Scheibe:

„Mama, ja.“

„Alles ist in Ordnung.“

„Nein, sie ist nur nervös.“

„Natürlich ziehst du ein.“

„Ich habe es schon gesagt.“

„Nein, weine nicht.“

„Marina bringt dich morgens.“

„Ja, in das große Zimmer.“

„Nein, du musst nicht mit ihr sprechen.“

Lena wischte langsam den Tee von der Wachstuchdecke.

Dann nahm sie ihren Teller und stellte ihn in die Spüle.

Der Buchweizen klebte am Rand, wie ihr ganzes neues Leben — irgendwie noch warm, aber schon widerlich.

Sie hatten die Wohnung in einem Vorort von Kasan gekauft, in einem neuen Haus mit Blick natürlich nicht auf die Uferpromenade, sondern auf einen Parkplatz, einen Spielplatz und entfernte Hochhäuser, die alle gleich aussahen wie Schuhkartons.

Aber für Lena war das fast ein Wunder gewesen.

Nach einer gemieteten Einzimmerwohnung mit Schimmel unter der Badewanne und Nachbarn, die sonntags bohrten, erschien ihr die neue Dreizimmerwohnung wie ein Beweis dafür, dass man das Leben neu zusammensetzen kann.

Weiße Wände, eine Küche mit Fronten in Holzoptik, ein Balkon, auf den sie einen kleinen Tisch stellen und Kaffee trinken wollte, während die Stadt noch nicht aufgewacht war.

Bei der Einweihungsfeier vor einem Monat sagten alle die richtigen Worte.

„Lenka, ihr seid echt großartig!“, rief ihre Freundin Katja und betrachtete den Einbauschrank.

„Ich würde hier barfuß herumlaufen und singen.“

„Bisher singen wir nur nach dem Hypothekenplan“, antwortete Lena.

„Dafür ist es euer Eigenes!“, sagte Igor und legte den Arm um ihre Schultern.

„Lena und ich haben alles selbst geschafft.“

„Niemand hat uns etwas geschenkt.“

„Wirklich niemand?“, fragte damals leise Marina, seine Schwester, und lächelte so, als wäre zufällig Essig in ihr Lächeln geraten.

„Niemand“, antwortete Lena.

„Papas Datscha war kein Geschenk, sondern ein Erbe.“

„Und ich hätte lieber Papa lebendig als dieses Geld.“

Marina sah damals schnell weg, und die Schwiegermutter, Walentina Sergejewna, streichelte Lena über die Hand.

„Nimm es dir nicht zu Herzen, Töchterchen.“

„Marina sagt manchmal etwas Unbedachtes.“

„Ich freue mich sehr für euch.“

„Wirklich.“

„Die Wohnung ist hell.“

„Passt nur aufeinander auf, Wohnraum ist Wohnraum, aber Menschen sind wichtiger.“

Damals glaubte Lena ihr.

Walentina Sergejewna wirkte wie eine stille Frau: ordentliche Frisur, günstige Daunenjacke, eine Tasche mit Tabletten, die Stimme einer Lehrerin, die schon müde war zu erklären, warum der Sinn ohne Komma ein anderer ist.

Sie mischte sich nicht ein, belehrte niemanden, brachte Kohlpiroggen mit und spülte immer ihre Tasse selbst ab.

Und dann kamen die Betrüger.

„Lenotschka, stell dir vor, Mama wurde reingelegt“, sagte Igor eines Abends und warf die Schlüssel auf die Kommode.

„Sie haben aus der Bank angerufen.“

„Sie hat ihnen alles diktiert.“

„Hundertsiebenundsechzigtausend wurden abgehoben.“

„Hat sie Anzeige erstattet?“

„Hat sie.“

„Aber was bringt das?“

„Du kennst doch die Polizei.“

„Igor, nicht ‚du kennst doch‘, sondern sie sollen ihr eine Bestätigung geben, die Bank soll die Transaktion festhalten, die Anzeige soll vorliegen.“

„Das ist Geld.“

„Sie steht unter Schock.“

„Sie hat jetzt keinen Kopf für Papierkram.“

„Wenn Geld verschwindet, ist genau dann Zeit für Papierkram.“

„Wie viel hat sie noch?“

„Nichts.“

„Das war für die Reparatur.“

„Für welche Reparatur?“

„Sie sagte doch im Frühjahr, dass sie das Bad schon renoviert hat.“

„Na, dann eben für eine andere.“

Lena schwieg damals.

In jeder Familie gibt es seine Merkwürdigkeiten: Jemand bewahrt Tüten voller Tüten auf, jemand glaubt an Anrufe aus der Bank, jemand stellt keine unnötigen Fragen, weil es so bequemer ist.

Drei Tage später kam die Überschwemmung.

„Mamas Wohnung wurde überflutet“, sagte Igor morgens, ohne sich überhaupt zu begrüßen.

„Die Nachbarn von oben.“

„Dort ist es schrecklich.“

„Warst du dort?“

„Nein, ich muss zur Arbeit.“

„Und Marina?“

„Marina war dort.“

„Sie sagt, es sei alles schlimm.“

„Gibt es Fotos?“

„Lena, was für Fotos?“

„Bei dem Menschen ist die Decke eingestürzt.“

„Genau deshalb Fotos.“

„Für die Versicherung, für das Gericht, für die Hausverwaltung.“

„Du wieder mit deinen Papieren.“

„Ja, Igor.“

„Papiere sind das, was Hilfe von Familientheater unterscheidet.“

Damals sah er sie scharf an, und Lena spürte zum ersten Mal: Etwas passte nicht zusammen.

Nicht einmal bei der Überschwemmung, sondern in seinem Gesicht.

Er sah nicht aus wie ein Mensch, dessen Mutter ohne Unterkunft geblieben war.

Er sah aus wie ein Mensch, der bereits alles durchdacht hatte und Angst hatte, mitten im Satz ertappt zu werden.

Dann kam Marina.

„Len, reg dich nur nicht auf“, sagte sie, ohne die Stiefel ganz auszuziehen, und stand im Flur, mit einem Fuß auf der Matte und dem anderen auf dem Laminat.

„Ich bin wegen einer Sache hier.“

„Zieh die Stiefel aus.“

„Wir haben uns noch nicht daran gewöhnt, nach jedem Verwandten den Boden zu wischen.“

„Ach, wie empfindlich wir in der neuen Wohnung geworden sind.“

„So sind wir eben.“

„Willst du Tee?“

„Ja.“

„Ohne Zucker.“

„Ich mache mir übrigens Sorgen, und du bist sarkastisch.“

„Ich bin genau dann sarkastisch, wenn Menschen mit einer fertigen Entscheidung kommen und so tun, als sei es ein Gespräch.“

Marina ging in die Küche, setzte sich und sah sich um.

Ihr Blick blieb an der geschlossenen Tür des leeren Zimmers hängen.

„Ihr habt es euch gut eingerichtet“, sagte sie.

„Geräumig.“

„Sogar zu geräumig für zwei.“

„Diesen Satz haben wir schon bei der Einweihungsfeier gehört.“

„Du kannst gleich zur Sache kommen.“

„Mama ist in Not.“

„Du verstehst das doch?“

„Ich verstehe es.“

„Sie darf nicht allein sein.“

„Ihr Blutdruck, ihr Zucker schwankt, sie schläft nachts nicht.“

„Nach diesen Betrügern ist sie überhaupt nicht mehr sie selbst.“

„Und jetzt noch die Wohnung.“

„Man kann eine Wohnung in der Nähe mieten.“

„Igor und ich können finanziell helfen.“

„Mieten?“, schnaubte Marina.

„Hast du die Preise gesehen?“

„Eine normale Einzimmerwohnung kostet jetzt fünfunddreißig plus Nebenkosten.“

„Und bei euch stehen zwei Zimmer leer.“

„Na gut, eins.“

„Über das zukünftige Kind schweige ich, obwohl das Kind bisher nur in Gesprächen existiert.“

„Hast du wirklich beschlossen, an meinem Tisch meine Gebärmutter zu besprechen?“

„Sei nicht grob.“

„Ich spreche von der Realität.“

„Deinen Schreibtisch kann man ins Schlafzimmer stellen.“

„Alle haben heute Laptops.“

„Was machst du dort schon so Besonderes, dass du ein eigenes Zimmer brauchst?“

„Startest du Raketen ins Weltall?“

„Ich verdiene Geld.“

„Im Gegensatz zu manchen Gesprächen wird meine Arbeit bezahlt.“

„Ach, bitte spiel mir jetzt nicht die erfolgreiche Frau vor.“

„Igors Mutter hat ihr ganzes Leben geschuftet, um ihn großzuziehen.“

„Sie gab ihm Geld fürs Studium, während sie selbst Nudeln aß.“

„Und jetzt soll ich mit meinem Zimmer dafür bezahlen?“

„Du sollst ein Mensch sein.“

„Und Igor soll ein Ehemann sein.“

„Merkst du, wie interessant das ist?“

„Alle schulden irgendjemandem etwas, außer denen, die schon alles entschieden haben.“

„Du bist hart, Lena.“

„Ich bin nüchtern.“

„Das wird oft verwechselt.“

Marina sah sie damals lange an und sagte dann leiser:

„Hör mal, ich verstehe, du hast investiert.“

„Du bist die Hausherrin.“

„Aber Mama ist keine Fremde.“

„Sie wohnt eben ein paar Monate bei euch.“

„Was verlierst du schon?“

„Grenzen.“

„Ruhe.“

„Einen Arbeitsplatz.“

„Das Recht zu entscheiden, wer in meinem Zuhause lebt.“

„Ein paar Monate ist eine russische Einheit der Ewigkeit.“

„In unserer Mietwohnung stellte ein Nachbar ‚für eine Woche‘ sein Fahrrad in den gemeinsamen Flur.“

„Nach einem Jahr wischte er nur noch den Staub vom Lenker, weil es ihm leidtat, die Geschichte wegzuwerfen.“

„Du machst aus allem einen Witz.“

„Weil ich sonst anfangen würde zu fragen, warum du als leibliche Tochter nicht einmal die Möglichkeit in Betracht ziehst, deine Mutter zu dir zu nehmen.“

„Ich habe gesagt, ich habe keine Bedingungen dafür.“

„Du hast eine Dreizimmerwohnung.“

„Ich habe eine Familie.“

„Und was haben wir, einen Keramikzirkel?“

Marina ging beleidigt weg.

Igor schwieg damals den ganzen Abend.

Und zwei Tage später teilte er ihr die Sache mit den Möbelpackern mit.

Jetzt kam er vom Balkon zurück und sagte:

„Ich will mich nicht mehr streiten.“

„Am Samstag kommt Mama.“

„Wir geben ihr das Zimmer am Fenster.“

„Dir stellen wir den Tisch ins Schlafzimmer.“

„Das ist alles.“

„‚Alles‘ ist erst dann, wenn ich zustimme.“

„Lena, zwing mich nicht zu wählen.“

„Du hast schon gewählt.“

„Du willst nur, dass ich so tue, als sei es eine gemeinsame Entscheidung.“

„Du bist egoistisch.“

„Nein.“

„Ich bin ein Mensch, der es leid ist, bequem zu sein.“

„Dir tut eine ältere Frau nicht leid?“

„Mir tue ich selbst leid.“

„Und seltsamerweise auch deine Mutter.“

„Weil du ihr nicht hilfst.“

„Du versteckst dich hinter ihr, um dich wichtig zu fühlen.“

„Unsinn.“

„Möglich.“

„Dann zeig mir das Protokoll über den Wasserschaden, die Anzeige bei der Bank, den Schriftwechsel mit der Hausverwaltung, den Kostenvoranschlag für die Reparatur.“

„Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig.“

„Natürlich nicht.“

„Du bist ja der Kommandeur der Einheit.“

In dieser Nacht legte sich Igor auf das Sofa.

Lena schloss sich im Schlafzimmer ein, holte den Ordner mit den Dokumenten heraus und setzte sich auf den Boden.

Im Ordner lagen der Kaufvertrag, die Hypothekenunterlagen, Rechnungen für die Küche, die Quittung des Käufers von Papas Datscha und Kontoauszüge.

Die Papiere rochen nach Druckerschwärze und Angst.

Sie schrieb Katja:

„Bist du morgen zu Hause?“

„Kann ich bei dir vorbeikommen?“

„Und gib mir bitte die Nummer der Anwältin, bei der du die Scheidung für deine Schwester geregelt hast.“

Katja antwortete fast sofort:

„Komm.“

„Die Anwältin ist normal, ohne Getue.“

„Und ja, ich wusste, dass dein Igor eines Tages irgendetwas im Stil von ‚Ich bin ein Mann, ich habe entschieden‘ abziehen würde.“

„Ich hatte nur gehofft, dass ich mich irre.“

Am Morgen packte Lena eine Tasche.

Laptop, Ladegerät, zwei Jeans, Dokumente, Kosmetiktasche, USB-Stick, ihre Lieblingstasse mit dem Riss.

Es ist natürlich lächerlich: Wenn man aus der eigenen Wohnung weggeht, nimmt man aus irgendeinem Grund eine Tasse mit, als könne man ohne sie nicht beweisen, dass man existiert hat.

Igor stand im Flur, in Jogginghose und zerknittertem T-Shirt.

„Wohin gehst du?“

„Zu Katja.“

„Für wie lange?“

„Bis ich verstehe, ob ich an einen Ort zurückkehren will, an dem man mich vor vollendete Tatsachen stellt.“

„Lena, mach doch keinen Zirkus.“

„Mama kommt morgen.“

„Willst du, dass sie eine leere Wohnung sieht und versteht, dass wegen ihr die Familie zerbrochen ist?“

„Wegen ihr ist nichts zerbrochen.“

„Schmeichle deiner Mutter nicht.“

„Es ist wegen dir zerbrochen.“

„Ich schütze einen nahestehenden Menschen.“

„Und ich bin offenbar ein dekoratives Kissen.“

„Man kann mich aufs Sofa legen, wenn ich störe.“

„Du wirst es später bereuen.“

„Was denn?“

„Dass ich die Wohnung verlassen habe, bevor man mich moralisch zusammen mit den Kartons hinausgetragen hätte?“

„Du dramatisierst.“

„Nein.“

„Ich nenne die Dinge endlich beim Namen.“

„Und was dann?“

„Scheidung?“

„Wegen eines Zimmers?“

„Nicht wegen eines Zimmers.“

„Wegen des Satzes ‚Ich habe entschieden, und das wird nicht diskutiert‘.“

Er wurde blass, fasste sich aber schnell wieder.

„Das wagst du nicht.“

„Danke besonders für diesen Satz.“

„Er ist wie ein Kontrollschuss auf meine Zweifel.“

Bei Katja roch es nach Kaffee, Katzenfutter und Waschpulver.

In der Küche standen alte Hocker, einer wackelte, aber Lena konnte dort zum ersten Mal seit einer Woche leichter atmen.

„Erzähl“, sagte Katja und stellte ihr eine Tasse hin.

„Nur ohne ‚vielleicht war ich zu hart‘.“

„Du warst nicht zu hart.“

„Frauen bei uns lieben es überhaupt zu prüfen: Was, wenn ich nicht recht habe, während man mich an die Wand geschmiert hat?“

„Er zieht seine Mutter morgen um.“

„Ohne deine Zustimmung?“

„Ja.“

„Wunderbar.“

„Familiendemokratie: Eine Stimme dafür, die zweite Stimme ist Möbel.“

„Warst du bei der Anwältin?“

„Noch nicht.“

„Dann fahren wir.“

Die Anwältin, Nina Arkadjewna, war eine Frau von etwa fünfundfünfzig Jahren, mit kurzem Haarschnitt und einem Röntgenblick.

Ihr Büro befand sich über einem Sanitärgeschäft.

Hinter der Wand diskutierte jemand über Toilettenschüsseln, und aus irgendeinem Grund passte das zur Situation.

„Erzählen Sie“, sagte Nina Arkadjewna.

„Nur Fakten.“

„Emotionen später.“

„Ich bin keine Psychologin, ich arbeite mit Dokumenten.“

Lena legte alles dar: die Wohnung, die Anzahlung, die Hypothek, die Mutter, die Überschwemmung, die Möbelpacker.

„Gibt es Unterlagen über Ihren Beitrag?“

„Ja.“

„Hypothek auf beide?“

„Ja.“

„Gemeinsames Eigentum?“

„Ja.“

„Keine Kinder?“

„Nein.“

„Dann so.“

„Die Scheidung reichen wir ein.“

„Die Vermögensaufteilung beantragen wir separat.“

„Ihren höheren Beitrag werden wir beweisen.“

„Die Wohnung wird höchstwahrscheinlich entweder verkauft, oder einer kauft den Anteil des anderen aus.“

„Kann er Sie auszahlen?“

„Ich glaube nicht.“

„Dann Verkauf.“

„Sind Sie bereit?“

Lena sah aus dem Fenster.

Unten lud ein Mann eine Armatur in den Kofferraum und stritt mit seiner Frau: „Ich habe doch gesagt, wir hätten eine mit längerem Auslauf nehmen sollen.“

Das Leben ging sogar bei Armaturen weiter.

„Ich bin bereit“, sagte Lena.

„Dann kehren Sie nicht ohne Notwendigkeit zurück.“

„Und unterschreiben Sie nichts.“

„Führen Sie keine Korrespondenz im Stil von ‚du Mistkerl‘.“

„Schreiben Sie trocken: ‚In Fragen des Eigentums bitte über meine Vertreterin kommunizieren.‘“

„Je langweiliger, desto besser.“

„Und wenn er seine Mutter bringt?“

„Er hat das Recht, einen Gast mitzubringen.“

„Sie haben das Recht, nicht unter Bedingungen zu leben, mit denen Sie nicht einverstanden sind, und die Aufteilung zu verlangen.“

„Aber bedenken Sie: Solange die Wohnung gemeinsam ist, wird er moralischen Druck ausüben.“

„Das tut er schon.“

„Dann legen Sie den Hals nicht ein zweites Mal hin.“

Am Samstagmorgen explodierte Lenas Telefon.

Igor rief dreiundzwanzigmal an.

Dann schrieb Marina.

„Wo bist du?“

„Mama weint.“

Dann schrieb Walentina Sergejewna:

„Lena, Kindchen, ich wollte das nicht.“

„Komm zurück, wir reden.“

Lena sah lange auf diese Nachricht.

Dann antwortete sie doch:

„Walentina Sergejewna, es geht nicht um Sie.“

„Es tut mir leid, dass man Sie da hineingezogen hat.“

„Aber so werde ich nicht leben.“

Eine Minute später kam:

„Darf ich dich anrufen?“

„Nur nicht vor Igor.“

Lena ging auf Katjas Treppenabsatz hinaus.

„Ja, Walentina Sergejewna.“

„Lenotschka, leg bitte nicht auf.“

„Ich bin jetzt bei euch.“

„Sie haben mich hergebracht.“

„Ich sitze in diesem Zimmer wie ein Sack Kartoffeln.“

„Igor ist wütend, Marina kommandiert.“

„Ich sagte, dass es mir unangenehm ist, und Marina flüstert: ‚Mama, fang nicht an, du hast ein Recht darauf.‘“

„Was für ein Recht, Len?“

„Ich habe mein ganzes Leben in meiner Zweizimmerwohnung gelebt und mich niemandem aufgedrängt.“

„Warum sind Sie dann gekommen?“

„Sie haben darauf bestanden.“

„Marina sagte, in meiner Wohnung sei Schimmel, ich würde mich vergiften.“

„Igor sagte, er sei dann ruhiger.“

„Und ich … ich bin wohl schwach.“

„Nach dieser Geldgeschichte ist mein Kopf wie Watte.“

„Ich habe bei der Bank eine Anzeige unterschrieben, aber dort sagten sie, man müsse warten.“

„Und mit der Überschwemmung … Len, es ist nicht so schlimm.“

„Was heißt nicht so schlimm?“

„Die Küche und der Flur wurden überflutet.“

„Die Tapeten haben sich gelöst, das Linoleum hat Blasen geworfen.“

„Aber das Schlafzimmer ist heil.“

„Man kann dort leben.“

„Unangenehm, feucht, aber man kann.“

„Marina hat die schlimmste Ecke fotografiert und zeigt sie allen, als hätte ich das belagerte Leningrad zu Hause.“

Lena schwieg.

„Weiß Igor das?“

„Ich denke schon.“

„Er war gestern Abend dort.“

„Er sah es sich an.“

„Er sagte: ‚Mama, du fährst trotzdem zu uns, dort ist es besser für dich.‘“

„Aber für mich ist es dort nicht besser.“

„Ich sitze bei euch auf dem Bett und verstehe, dass ich ein fremdes Leben besetzt habe.“

„Ich schäme mich.“

„Warum haben Sie mir das nicht früher gesagt?“

„Wie denn?“

„Igor sagte: ‚Ruf Lena nicht an, sie ist nervös.‘“

„Marina sagte: ‚Erniedrige dich nicht vor ihr.‘“

„Und ich alte Närrin habe zugehört.“

„Lenotschka, verzeih mir.“

„Sie haben nichts, wofür Sie um Verzeihung bitten müssten.“

„Doch.“

„Ich habe geschwiegen.“

„Schweigen ist manchmal auch wie eine Unterschrift unter der Gemeinheit anderer.“

Dieser Satz traf stärker als all Igors Schreie.

Lena lehnte sich an die Wand.

Im Treppenhaus roch es nach Staub und nach den gebratenen Syrniki von jemandem.

„Walentina Sergejewna, ich reiche die Scheidung ein.“

„Ich verstehe.“

„Können Sie nach Hause zurückkehren?“

„Ich kann.“

„Ich werde Marina heute noch sagen, dass sie mich zurückbringen soll.“

„Wenn sie mich nicht bringt, rufe ich ein Taxi.“

„Meine Rente ist gekommen.“

„Und die Reparatur?“

„Ich mache sie nach und nach.“

„Die Küche trockne ich, einen Elektriker rufe ich.“

„Ich bin keine Herrin von Stand.“

„Ich wollte einfach nur, dass mein Sohn kommt und sagt: ‚Mama, ich bin da.‘“

„Und er hat aus mir einen Anlass gemacht, seine Frau herumzukommandieren.“

„Das ist die ganze Hilfe.“

Einen Monat später fand die erste Anhörung statt.

Igor kam in dem Hemd, das Lena selbst ihm im Ausverkauf gekauft hatte.

Er sah schlecht aus: grau, abgemagert, mit gereizten Augen.

„Lena, lass uns reden“, sagte er im Gerichtsflur.

„Ohne Anwälte.“

„Sprich.“

„Willst du wirklich alles zerstören?“

„Du denkst immer noch, dass die Wohnung alles ist?“

„Ich habe einen Fehler gemacht.“

„Ja, ich hätte es besprechen müssen.“

„Aber Scheidung?“

„Verkauf?“

„Du verstehst doch, dass wir beide Geld verlieren.“

„Dafür finde ich vielleicht meine Selbstachtung wieder.“

„Sie ist billiger als eine Wohnung, aber ohne sie lebt es sich schlechter.“

„Mama ist schon wieder zurückgefahren.“

„Was willst du noch?“

„Dass du verstehst, dass das Problem nicht in ihrem Koffer lag.“

„Ich habe es verstanden.“

„Nein.“

„Du hast verstanden, dass ich gegangen bin.“

„Das ist etwas anderes.“

„Lena, ich liebe dich.“

„Liebe ohne Respekt ist die Miete eines bequemen Menschen.“

„Du bist grausam geworden.“

„Nein.“

„Ich habe angefangen, mich selbst zu hören.“

Er presste die Lippen zusammen.

„Marina sagt, du hast alles im Voraus geplant.“

„Du hast nur auf einen Anlass gewartet.“

„Sag Marina, dass es Zeit für sie ist, ein eigenes Leben zu bekommen.“

„Sie verbringt zu viel Zeit in fremden.“

Die Scheidung wurde schnell ausgesprochen.

Mit der Aufteilung war es schwieriger.

Igor stellte sich zuerst quer.

„Ich werde die Wohnung nicht verkaufen“, sagte er bei einem Treffen mit den Anwälten.

„Das ist mein Zuhause.“

„Unseres“, korrigierte Lena.

„Du bist selbst gegangen.“

„Ich bin aus dem Konflikt gegangen, nicht aus dem Eigentum.“

„Willst du mich mit nichts zurücklassen?“

„Nein.“

„Ich will mein Eigenes zurück.“

„Bei dir ging es immer ums Geld.“

„Und bei dir ging es immer um Macht, sie war früher nur als Fürsorge getarnt.“

Ein Käufer fand sich unerwartet: ein Ehepaar aus Nischnekamsk, das zu seiner Tochter zog, die Studentin war.

Die Frau ging lange durch die Zimmer, tastete die Wände ab und fragte, ob die Nachbarn laut seien.

Der Mann schwieg und sah aus den Fenstern.

„Eine gute Wohnung“, sagte die Käuferin.

„Nur fühlt es sich an, als hätte sich hier jemand heftig gestritten.“

„Das ist ein Neubau“, antwortete Lena.

„Hier saugen die Wände die Realität schnell auf.“

Igor sah sie böse an, schwieg aber.

Nach der Tilgung der Hypothek und den Ausgaben blieb nicht so viel übrig, wie sie geträumt hatte, aber genug, damit Lena eine kleine Zweizimmerwohnung in einem alten Haus nicht weit vom Zentrum nehmen konnte.

Ohne Panoramafenster, ohne modische Küche, dafür mit dicken Wänden, einem ruhigen Hof und einer Linde vor dem Fenster.

Im Treppenhaus roch es nach Katzen und Farbe, die Nachbarin aus dem ersten Stock verkaufte Salzgurken „für die Eigenen“, der Aufzug blieb manchmal zwischen dem dritten und vierten Stock stecken, aber Lena steckte zum ersten Mal seit Langem den Schlüssel ins Schloss und wartete nicht darauf, dass jemand hinter ihrem Rücken sagte: „Ich habe entschieden.“

Katja half beim Auspacken der Kartons.

„Hierhin der Tisch“, kommandierte sie.

„Hier wird dein Arbeitszimmer sein.“

„Ein echtes, mit Tür.“

„An die Tür kommt ein Schild: ‚Ohne Klopfen nicht eintreten, ohne Respekt nicht leben.‘“

„Ich bestelle eins.“

„Und kauf dir ein normales Sofa.“

„Nicht diesen Leidenden von der Datscha.“

„Dieser Leidende hat meinen ersten Freund, Mamas Renovierung, drei Umzüge und eine Hypothek überlebt.“

„Er hat ein Recht auf Rente, aber nicht auf den Müll.“

„Hör mal, schreibt Igor?“

„Manchmal.“

„Gestern schickte er: ‚Ich habe vieles verstanden.‘“

„Oho.“

„Klassiker des Genres.“

„Und was hat er verstanden?“

„Hat er nicht genauer gesagt.“

„Offenbar ist ‚vieles‘ dann, wenn es viele Wörter gibt, aber wieder keinen Sinn.“

Ein halbes Jahr später traf Lena Walentina Sergejewna bei der Bezirkspoliklinik.

Sie stand dort mit einer Tüte Medikamente und hielt eine Mappe unter dem Arm.

„Lenotschka“, sagte sie verlegen.

„Hallo.“

„Guten Tag.“

„Wie geht es Ihnen?“

„Ich lebe.“

„Die Küche habe ich gemacht.“

„Natürlich keine Luxusrenovierung, aber neue Fliesen, normale Steckdosen.“

„Der Nachbar von oben hat einen Teil bezahlt.“

„Ich habe es durchgesetzt.“

„Stell dir vor?“

„Ich bin selbst zur Hausverwaltung gegangen und habe mich gestritten.“

„Ich habe sogar meine Stimme wiedergefunden.“

„Das freut mich.“

„Und ich muss dir etwas sagen.“

„Nicht am Telefon.“

„Darf ich?“

Sie setzten sich auf eine Bank vor der Poliklinik.

Neben ihnen fütterte eine alte Frau Tauben mit Weißbrot, obwohl auf dem Schild stand: „Vögel nicht füttern.“

Tauben, wie auch Verwandte, lasen Schilder schlecht.

„Ich habe erfahren, wohin mein Geld verschwunden ist“, sagte Walentina Sergejewna.

„Waren es nicht Betrüger?“

„Betrüger.“

„Nur nicht aus der Bank.“

„Marina.“

Lena drehte sich zu ihr.

„Was?“

„Sie nahm mein Telefon, als ich nach dem Blutdruck bei ihr übernachtete.“

„Sie machte eine Überweisung auf die Karte irgendeines Bekannten.“

„Dann spielte sie den Anruf aus der Bank vor.“

„Zuerst glaubte ich es nicht.“

„Ich dachte, wie kann die eigene Tochter?“

„Aber dann zeigte man mir bei der Polizei die Aufstellung.“

„Die Zeit der Überweisung war nachts.“

„Ich schlief damals bei Marina.“

„Eine Kamera am Geldautomaten filmte, wie sie einen Teil des Geldes abhob.“

„Sie weinte und sagte, sie habe es zurückgeben wollen, sie habe Schulden, Mikrokredite, Nachhilfelehrer für den Sohn, Kreditkarten.“

„Alles wie bei den Leuten: zuerst ‚Ich schaffe es selbst‘, dann die Karte eines anderen.“

„Weiß Igor davon?“

„Jetzt weiß er es.“

„Zuerst schrie er mich an, ich würde seine Schwester verleumden.“

„Dann sah er die Papiere.“

„Er verstummte.“

„Da, Len, verstand ich zum ersten Mal, dass Schweigen unterschiedlich sein kann.“

„Meines war feige.“

„Und seines war leer.“

„Er beschützte mich nicht.“

„Er beschützte dich nicht.“

„Er beschützte das Bild, in dem er ein guter Sohn und der wichtigste Mann ist.“

„Und das Bild erwies sich als billiger Rahmen ohne Glas.“

Lena konnte lange nichts sagen.

„Sie haben die Anzeige nicht zurückgezogen?“

„Nein.“

„Marina bat darum.“

„Sie kniete vor mir.“

„Ich sagte zu ihr: ‚Töchterchen, ich liebe dich, aber mein Alter werde ich nicht mehr hergeben, um deine Lügen zu decken.‘“

„Lustig, oder?“

„Mit achtundsechzig Jahren habe ich gelernt, Nein zu sagen.“

„Das ist nicht lustig.“

„Das ist spät.“

„Besser spät als nie.“

Walentina Sergejewna nickte.

„Ich wollte dir noch Danke sagen.“

„Mir?“

„Wofür?“

„Dafür, dass du gegangen bist.“

„Wenn du damals alles geschluckt hättest, hätten wir alle weiter in diesem Brei gelebt.“

„Igor hätte kommandiert, Marina hätte gelogen, ich hätte geschwiegen.“

„Und du hast die Tür zugeschlagen, und Luft kam hinein.“

„Es tat weh, es zog, aber man konnte atmen.“

„Ich bin nicht Ihretwegen gegangen.“

„Ich weiß.“

„Darum sage ich Danke.“

„Du warst keine Retterin, sondern ein Mensch.“

„Das ist ehrlicher.“

Am Abend saß Lena in ihrem Arbeitszimmer.

Draußen fiel nasser Schnee, die Heizung knackte, auf dem Tisch stand Tee, daneben lagen Nebenkostenrechnungen, ein Vertrag mit einem neuen Kunden und eine kleine Lampe, die sie mit Rabatt auf einem Online-Marktplatz gekauft hatte.

Kein Luxus.

Einfach ein Zimmer, in dem niemand das Recht hatte, ohne ihre Zustimmung ein fremdes Bett aufzustellen.

Eine Nachricht von Igor kam:

„Hat Mama es erzählt?“

„Ich wusste nichts von Marina.“

„Ich war ein Idiot.“

„Darf ich vorbeikommen?“

„Ich muss reden.“

Lena antwortete nicht sofort.

Sie sah auf den Bildschirm und spürte nicht mehr den alten Zorn.

Nur Müdigkeit, wie nach einer langen Fahrt bei schlechtem Wetter.

„Nein, Igor.“

„Sprich mit dir selbst.“

„Mit deiner Mutter.“

„Mit deiner Schwester.“

„Mit dem Erwachsenwerden, falls es gelingt.“

„Mit mir musst du nicht mehr reden.“

Er schrieb:

„Hast du mich ganz aus deinem Leben gestrichen?“

Lena tippte:

„Nein.“

„Ich habe nur aufgehört, mich mit Bleistift in deine Entscheidungen einzutragen.“

Dann schaltete sie das Telefon aus, schloss die Tür des Arbeitszimmers und lachte zum ersten Mal seit vielen Monaten.

Nicht laut, nicht glücklich bis zu Tränen, nicht wie im Film.

Einfach kurz, heiser, echt.

Denn die Welt war nicht freundlich geworden, Verwandte hatten sich nicht in ehrliche Menschen verwandelt, die Hypothek hatte sich nicht von selbst aufgelöst, und der Verrat hatte sich nicht als böser Traum herausgestellt.

Aber sie hatte eine Tür.

Und einen Schlüssel.

Und eine Stimme, die endlich nicht mehr zitterte, wenn sie sagte: „So darf man mit mir nicht umgehen.“