Drei Stunden später wartete jedoch eine fremde Tür auf ihn.
— Bist du taub geworden?

Ich frage dich zum dritten Mal: Wann kommt die Überweisung?
Denis stand mitten in der engen Küche und trommelte gereizt mit den Fingern auf die Arbeitsplatte.
Von diesem Geräusch vibrierte das billige, wacklige Möbel leicht.
Nika stand am Spülbecken und schrubbte methodisch mit einem Schwamm einen eingetrockneten Fleck vom Herd.
In der Luft lag der Geruch einer alten Küche und von Feuchtigkeit — die Dunstabzugshaube in dieser Mietwohnung funktionierte schon seit Ewigkeiten nicht mehr.
— Ich habe dir schon geantwortet, — Nika spülte den Schwamm aus, ohne ihren Mann anzusehen.
— Es wird keine Überweisung geben.
Das ist mein Geld.
Omas Erbe.
Und es wird in unsere Wohnung gehen, so wie wir es vor einem Jahr vereinbart haben.
Denis stieß geräuschvoll die Luft aus und zeigte damit, wie sehr er ihrer schon überdrüssig war.
Er trat näher.
Von ihm ging der Duft eines teuren Parfüms aus, für das die Hälfte ihrer letzten Zahlungen draufgegangen war.
— Veronika, lass uns bitte ohne diesen provinziellen Egoismus auskommen, ja?
Igor hat eine Frau im achten Monat.
Sie müssen sich genau jetzt vergrößern.
Mama hat eine tolle Zweizimmerwohnung in ihrer Gegend gefunden.
Wenn wir die Kaution jetzt nicht zahlen, ist die Wohnung weg.
Wir sind doch eine Familie.
Heute helfen wir ihnen, morgen helfen sie uns.
— Morgen? — Nika drehte sich zu ihm um.
Der Schwamm in ihrer Hand hinterließ Seifentropfen auf dem abgenutzten Boden.
— Dein Bruder hat in drei Jahren keinen einzigen Job länger als ein paar Monate behalten.
Antonina Pawlowna überweisen wir jeden Monat Geld für Medikamente und Erholung.
Wann kommt dieses „morgen“ denn, Denis?
Wir schlafen schon das fünfte Jahr auf einem fremden, unbequemen Sofa.
Das Gesicht ihres Mannes überzog sich mit hässlichen roten Flecken.
Er hasste es, wenn man ihn an die tatsächlichen Umstände erinnerte.
In seinem Kopf war er ein erfolgreicher Stratege, nur eben vorübergehend unterschätzt.
— Dann holen wir es eben später! — bellte er und riss die Schranktür so heftig auf, dass sie kläglich quietschte.
— Ich habe doch gesagt, das ist nur eine Frage der Zeit!
Jetzt ist Igor wichtiger.
Mama hat immer gesagt, dass du geizig bist.
Nicht einmal Schnee im Winter könnte man von dir erbetteln.
Nika schwieg.
In ihr war weder Kränkung noch der Wunsch zu streiten.
Nur irgendeine endlose Erschöpfung.
Sie erinnerte sich an ihre Großmutter.
Daran, wie sie, kaum noch fähig, ihre Gelenke zu beugen, Geldscheine zählte und sich selbst eine neue Brille versagte.
„Pass auf, Nikuschenka, gib es nicht für Unsinn aus.
Das ist dein Startkapital, für dein eigenes Zuhause“, hatte sie geflüstert.
Und jetzt wollte Denis diese Ersparnisse an sich nehmen, damit sein fauler Bruder bequem auf einem Sofa in einer neuen Zweizimmerwohnung liegen konnte.
Denis zog sich inzwischen schon im Flur den Mantel an.
— Also gut, — er richtete seinen Schal und sah dabei in sein Spiegelbild.
— Ich fahre jetzt zu einem Termin.
Mama kommt gleich zum Mittagessen, du deckst den Tisch und entschuldigst dich dafür, dass du ihr kein Geld gegeben hast!
Mach ein ordentliches warmes Essen, kauf einen guten trockenen Rotwein.
Und ohne dieses saure Gesicht.
Er drehte sich um.
Sein Blick war stechend.
— Du sagst, dass du einverstanden bist, Igor zu helfen.
Ich werde nicht zulassen, dass du wegen deiner Sturheit die Beziehungen zu meiner Familie ruinierst.
Verstanden?
— Verstanden, — antwortete Nika mit ruhiger Stimme.
Der Mann grinste zufrieden.
Er entschied, dass seine Frau nachgegeben hatte und der Vorfall erledigt war.
Er schlug die Tür zu, und von der Decke im Flur rieselte wie gewöhnlich feiner weißer Putzstaub herab.
In der Küche wurde es still.
Nur der alte Kühlschrank summte.
Nika warf den Schwamm ins Spülbecken.
Fünf Jahre.
Fünf Jahre lang hatte sie versucht, für Antonina Pawlowna eine gute Schwiegertochter zu sein, die sich bei jedem Treffen fürsorglich erkundigte, ob Nika inzwischen gelernt habe, Männerhemden richtig zu bügeln.
Fünf Jahre lang hatte sie die endlosen „vielversprechenden Projekte“ ihres Mannes finanziert.
Sie trocknete sich die Hände mit einem Handtuch ab und nahm ihr Telefon.
In der Kontaktliste fand sie schnell die Nummer des Wohnungsbesitzers.
— Matwej Sergejewitsch?
Guten Morgen, — Nikas Stimme klang ruhig und sachlich.
— Ich muss dringend mit Ihnen sprechen.
Am anderen Ende der Leitung war ein schweres Seufzen zu hören.
— Nika, wenn Denis sich wieder über den Wasserdruck beschwert, drehe ich ihm persönlich die Rohre zu.
Der Druck ist völlig normal.
— Nein, darum geht es nicht.
Sie haben doch vor einem Monat gesagt, dass Ihr Neffe in die Stadt gezogen ist und eine Wohnung sucht.
Sie hatten uns noch gebeten, schneller auszuziehen, aber Denis hat sich auf den Vertrag versteift.
Der Vermieter wurde sofort lebhafter.
— Stimmt.
Der Junge quält sich in einem Hostel und zahlt dort tageweise.
Und dein Denis fing an, auf seinen Rechten zu bestehen, nach dem Motto, wir hätten das Recht, bis Jahresende dort zu wohnen.
— Also, Ihr Neffe kann einziehen, — Nika trat ans Fenster.
Draußen wurde der Regen stärker.
— Am besten sofort.
Ich ziehe aus.
Und Denis auch.
Betrachten Sie den Vertrag als aufgelöst, die Kaution können Sie für die Unannehmlichkeiten behalten.
Die Fensterscheibe klirrte leicht im Rahmen vom Wind.
— Ach wirklich? — zog Matwej Sergejewitsch misstrauisch in die Länge.
— Und dein Mann weiß Bescheid?
— Er ist gerade dabei, es zu begreifen.
Ihr Neffe soll gegen halb eins kommen.
Bis dahin habe ich meine Sachen abgeholt.
— Verstanden.
Kolja kommt in einer Stunde angerannt, er sitzt schon auf gepackten Koffern.
Nika beendete das Gespräch.
Schritt eins.
Sie öffnete die App für ein Lastentaxi.
Ein Wagen mit Träger war schnell gefunden.
Dann holte sie aus der Abstellkammer Bausäcke und feste Kartons hervor.
Das Packen ging erstaunlich schnell.
Vom gemeinsamen Eigentum hatte sie nur Bücher, ihre Lieblingskaffeemaschine, ein Geschirrset und persönliche Kleidung.
Alles andere — der wandgroße Fernseher, die Spielekonsole, der Ledersessel — gehörte Denis.
Er kaufte immer Dinge für sich selbst und nannte sie „unsere“.
Sie packte gerade Pullover in einen Sack, als das Handy ein Signal gab.
Eine Nachricht von Igors Frau.
„Nikusch, hi!
Denis meinte, du regelst heute die Sache mit den Finanzen.
Ich habe hier einen Kinderwagen gesehen, total genial.
Überweis mir gleich hunderttausend auf die Karte, sonst verfällt der Rabatt!
Wir ziehen das dann von dem Geld ab.
Danke schon mal!“
Nika sah auf den Bildschirm.
Ein teurer Kinderwagen.
Von den Ersparnissen ihrer Großmutter, die ihr ganzes Leben in ein und demselben Mantel herumgelaufen war.
Sie antwortete nicht.
Sie wischte die Benachrichtigung einfach weg.
Gegen halb zwölf kam der Träger.
Ein schweigsamer, finsterer Kerl begann rasch, die Kartons nach unten zu tragen.
Die Wohnung leerte sich in Windeseile.
Die gemütlichen Plaids verschwanden, die bunten Tassen in der Küche, der Stapel Zeitschriften auf der Fensterbank.
Zurück blieben nur leere Wände, die Möbel des Vermieters und Denis’ Sachen, die verwaist auf einem Stuhl lagen.
Um 12:15 klingelte es an der Tür.
Auf der Schwelle stand ein kräftiger junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren mit einer riesigen Sporttasche über der Schulter.
Hinter ihm zeichnete sich Matwej Sergejewitsch mit Schlüsseln in der Hand ab.
— Übernehmen Sie das Reich, — Nika nickte in Richtung Flur.
— Meine Sachen sind schon im Wagen.
Die Schlüssel liegen auf dem Schränkchen.
Der junge Mann, eben jener Kolja, stürmte freudig in den Flur und zog sich die nassen Turnschuhe aus.
— Vielen Dank!
Ich habe mir in diesem Hostel schon fast den Rücken an deren Betten ruiniert.
Er ging sofort ins Zimmer, schlappte laut in Socken über den Boden und ließ sich mit Schwung aufs Sofa fallen.
Matwej Sergejewitsch betrachtete aufmerksam die leeren Regale.
— Na gut, Nika, ist deine Sache.
Für deinen Mann wird das eine Überraschung.
— Allerdings, — sie warf sich den Mantel über.
Nika verließ das Haus und stieg in die Fahrerkabine des Lastwagens.
— Warten wir vielleicht fünfzehn Minuten? — bat sie den Fahrer.
Der zuckte gleichgültig mit den Schultern und vertiefte sich wieder in sein Handy.
Sie mussten nicht lange warten.
Punkt 12:50 bog Denis’ glänzendes Auto in den Hof ein.
Er parkte direkt auf dem Rasen — seine Lieblingsgewohnheit.
Vom Beifahrersitz stieg wichtig Antonina Pawlowna aus.
Sie trug einen festlichen Mantel und knallrot geschminkte Lippen.
Dann kam Denis heraus, mit einer Papiertüte aus der Bäckerei in der Hand.
Offenbar hatte er beschlossen, die Situation zu versüßen.
Sie verschwanden im Hauseingang.
Nika sah auf die Fenster des zweiten Stocks.
Ihr Herz schlug ruhig, ohne Aufregung.
In der Wohnung im zweiten Stock spielte sich in diesem Moment eine stumme Szene ab.
Denis drückte die unverschlossene Tür auf und trat selbstherrlich ein.
— Nika!
Wir sind da!
Ich hoffe, du hast das Essen nicht totgebraten! — rief er laut und zog die Jacke aus.
Antonina Pawlowna verzog angewidert das Gesicht und trat über die Schwelle.
— Schon wieder sind die Böden nicht gewischt, — fing sie wie gewohnt an.
— Denis, ich habe dir doch gesagt …
Sie verstummte.
Im Wohnzimmer, direkt vor dem Fernseher, saß ein unbekannter kräftiger junger Mann in Sporthosen und aß Pizza direkt aus dem Karton, dazu trank er Limonade.
Auf dem Schränkchen lagen fremde Socken.
Aus der Küche kam Matwej Sergejewitsch und trocknete sich die Hände an einem Handtuch ab.
— Oh, Denis.
Du bist also aufgetaucht.
Denis erstarrte mit halb hochgezogenem Jackenärmel.
Die Tüte aus der Bäckerei glitt ihm aus der Hand, und die Brötchen verstreuten sich über die staubige Fußmatte.
— Was … was machen Sie hier? — presste er hervor und ließ den Blick vom jungen Mann zum Vermieter wandern.
— Wo ist meine Frau?
— Deine Frau ist ausgezogen, — antwortete Matwej Sergejewitsch ruhig.
— Und hat den Vertrag aufgelöst.
Die Schlüssel hat sie abgegeben.
Also lern Nikolai kennen, den neuen Mieter.
Und du sammelst jetzt schön deine Pullover und Konsolen ein und verschwindest.
Der Junge muss sich ausruhen.
Antonina Pawlowna griff sich an die Brust.
— Ausgezogen?!
Wohin?!
Und was ist mit dem Mittagessen?
Und unseren Abmachungen?
— Was heißt hier verschwinden?! — Denis’ Stimme wurde vor Empörung schrill.
Er lief so rot an, dass die Adern an seinem Hals sichtbar wurden.
— Das ist meine Wohnung!
Meine Sachen sind hier!
Sie haben kein Recht dazu!
Nikolai legte langsam das Pizzastück weg und erhob sich vom Sofa.
Er war einen halben Kopf größer als Denis und etwa doppelt so breit in den Schultern.
— Hör mal, mein Guter.
Onkel Matwej hat mir gesagt, die Wohnung ist frei.
Ich habe bezahlt.
Also mach hier kein Theater, pack deinen Kram zusammen und verschwinde.
Denis wich zurück und stieß mit dem Rücken gegen seine eigene Mutter.
Seine ganze morgendliche Selbstsicherheit war in einer Sekunde verflogen.
Hastig zog er sein Telefon heraus und begann, Nika anzurufen.
In der Fahrerkabine des Lastwagens leuchtete die vertraute Nummer auf.
Nika drückte auf Lautsprecher.
— Veronika!
Was geht hier vor?! — schrie Denis’ Stimme aus dem Lautsprecher.
Im Hintergrund jammerte Antonina Pawlowna.
— Wer sind diese Leute in meiner Wohnung?!
Wo bist du?!
— Ich bin im Auto, Denis.
Ich fahre gerade los, um mir ein neues Studio anzusehen.
In einer guten Gegend.
— Was für ein Studio?!
Und was ist mit Igor?!
Du hast versprochen, dich bei Mama zu entschuldigen!
Du hast die Überweisung versprochen!
— Ich habe gar nichts versprochen, — Nikas Stimme blieb ruhig.
— Du hast befohlen.
Und ich habe mich geweigert, mich zu fügen.
Wie hast du es heute Morgen gesagt?
Ihr seid eine starke Familie.
Dann wohn eben erst mal bei Mama, zusammen mit Igor.
Ihr müsst euch doch gegenseitig helfen.
— Das wirst du nicht wagen! — Denis schrie jetzt.
— Ich werde die Vermögensaufteilung verlangen!
Ich hole mir die Hälfte deines Geldes!
— Ein Erbe wird nicht geteilt, Denis.
Lies in deiner Freizeit mal die Gesetze.
Morgen reiche ich die Scheidung ein.
Vergiss nicht, deine Sachen mitzunehmen, sonst stellt Nikolai sie in den Hausflur.
Sie legte auf und blockierte seine Nummer.
Danach ging sie in die Einstellungen und setzte ihre Schwiegermutter und ihre Schwägerin ebenfalls auf die schwarze Liste.
Der Regen hatte draußen fast aufgehört.
Am Himmel wurde es heller, und die Stadt wirkte frisch gewaschen.
— Fahren Sie los, — sagte Nika zum Fahrer.
Der Lastwagen rollte langsam aus dem Hof.
Nika öffnete ihre Banking-App.
Die benötigte Summe lag auf dem Konto, sicher geschützt vor fremden gierigen Händen.
Sie lächelte, weil sie spürte, dass sie endlich wieder frei atmen konnte.
Vor ihr lag der Kauf ihrer ersten eigenen Wohnung.
Ein Ort, an dem ihr nie wieder jemand vorschreiben würde, was sie zu tun hatte.



