Jetzt haben sie beschlossen: Mutter zieht zu mir.**
Das Telefon klingelte um acht Uhr morgens.

Lena hatte noch nicht einmal die Augen geöffnet und wusste schon: Etwas war passiert.
Ihr älterer Bruder Viktor rief nur einmal in einem halben Jahr an, an Geburtstagen, und selbst das nicht immer.
— Lena, hallo. Wir haben uns gestern zusammengesetzt und die Situation mit Mama besprochen. Im Grunde haben wir beschlossen, dass du sie zu dir nimmst.
Lena setzte sich auf die Bettkante.
— Wer hat das beschlossen?
— Wir. Ich, Serjoga, Dimka. Wir haben uns beraten und sind zu einem Ergebnis gekommen.
— Und warum habt ihr mich nicht eingeladen?
— Wozu denn dich? Es war doch sowieso alles klar. Du hast eine Einzimmerwohnung, du lebst allein, es ist genug Platz da. Und wir haben Familien, Kinder. Wohin denn mit ihr?
Lena schwieg.
Sie hatten sich zu dritt getroffen und über ihr Schicksal entschieden.
Ohne sie.
Wie immer.
— Lena, hörst du mich? Mama weiß übrigens schon Bescheid. Sie freut sich.
— Warte. Was hat sie genau für gesundheitliche Probleme?
— Na, was wohl. Die Beine versagen, sie geht schlecht, der Blutdruck springt. Der Arzt hat gesagt, dass sie nicht allein bleiben darf. Es braucht ständige Aufsicht.
— Und ihr habt beschlossen, dass ich mich um sie kümmern werde.
— Wer denn sonst? Du bist eine Frau, für dich ist das leichter. Und überhaupt, Mama hat selbst gesagt: Sie liebt ihre Lenotschka am meisten. Also wird sie bei dir sein.
Lena holte tief Luft.
— Viktor, ich rufe zurück.
Sie drückte auf Auflegen und starrte auf die Wand.
Achtunddreißig Quadratmeter.
Ihre Einzimmerwohnung.
Das Einzige, was sie in diesem Leben besaß.
Sie hatte sie selbst verdient, ohne Hilfe der Eltern, ohne Unterhalt vom Ex-Mann.
Acht Jahre lang hatte sie jeden Kopeken zurückgelegt, dann noch vier Jahre Hypothek, die sie vorzeitig abbezahlte.
Und die Brüder?
Die Brüder hatten alles auf dem Silbertablett bekommen.
Das war vor achtzehn Jahren passiert.
Die Eltern verkauften das Haus im Dorf — für drei Millionen Rubel.
Damals war das eine ernstzunehmende Summe.
Sie beriefen einen Familienrat ein.
— Die Jungen brauchen Wohnungen, — erklärte damals der Vater. — Viktor ist fünfunddreißig, die Familie wächst. Serjoga ist zweiunddreißig, für ihn ist es auch Zeit, sich zu vergrößern. Dimka ist neunundzwanzig, aber warum noch warten.
— Und Lena? — fragte die Mutter.
— Lena wird heiraten. Der Mann wird für sie sorgen. Wozu braucht sie eine Wohnung?
Lena war damals siebenundzwanzig.
Sie arbeitete als Buchhalterin, mietete mit einer Freundin zusammen ein Zimmer und hatte sich gerade erst von ihrem Verlobten getrennt, der sie zwei Jahre lang mit Versprechungen hingehalten hatte.
Sie hörte ihrem Vater zu und schwieg.
Die drei Millionen wurden durch drei geteilt.
Jeder Bruder bekam eine Million als Anzahlung.
Viktor nahm eine Zweizimmerwohnung am Stadtrand.
Serjoga nahm eine Dreizimmerwohnung in der Region, weiter weg von Moskau, dafür mit mehr Fläche.
Dimka ebenfalls eine Zweizimmerwohnung, in einem Neubau.
Lena bekam als Ermahnung: „Lern fleißig, dann findest du einen guten Mann.“
Der Mann fand sich ein Jahr später.
Andrej.
Gut aussehend, fröhlich, mit großen Plänen.
Die Pläne erwiesen sich als so groß, dass weder Arbeit noch Verantwortung darin Platz hatten.
Nach fünf Jahren reichte Lena die Scheidung ein.
Kinder gab es nicht — und Gott sei Dank, wie sie später dachte.
Die Brüder hatten sich inzwischen Autos, Datschen und Urlaube in der Türkei zugelegt.
Sie luden sie zu Feiern ein, bewirteten sie, bedauerten sie: „Die arme Lenka, Pech mit dem Kerl gehabt.“
Dass man ihr finanziell hätte helfen können, kam niemandem in den Sinn.
Lena bat nicht darum.
Sie nahm eine zweite Arbeit an.
Dann eine dritte.
Tagsüber Buchhaltung, abends Nachhilfe, an den Wochenenden Fernprojekte.
Nach acht Jahren hatte sie genug für die Anzahlung angespart.
Noch vier Jahre — dann war die Hypothek abbezahlt.
Mit vierzig bekam sie zum ersten Mal in ihrem Leben die Schlüssel zu ihrer eigenen Wohnung.
Eine Einzimmerwohnung.
Achtunddreißig Quadratmeter.
Ihre, nur ihre.
Und jetzt hatten die Brüder beschlossen, dass diese Quadratmeter auch der Mutter gehören sollten.
Am Abend rief Serjoga an.
Der mittlere Bruder galt in der Familie immer als „Diplomat“.
Er sprach sanft, lächelte oft und tat Gemeinheiten mit einem Gesichtsausdruck, als würde er jemandem einen Gefallen tun.
— Len, warum hast du bei Witek einfach aufgelegt? Er ist beleidigt.
— Ich habe nicht aufgelegt. Ich habe gesagt, dass ich zurückrufe.
— Und wo bleibt der Rückruf? Wir warten auf deine Entscheidung.
— Welche Entscheidung denn, Serjoga? Ihr habt doch schon alles ohne mich entschieden.
— Ach komm schon. Wir tun das doch zum Wohle aller. Mama braucht Hilfe, und du bist eine freie Frau, ohne Verpflichtungen.
— Ich habe Arbeit. Sogar zwei Jobs, um genau zu sein.
— Dann kündige einen. Mama bekommt Rente, das reicht für euch beide.
Lena schnaubte.
— Serjoga, hörst du dir selbst eigentlich zu? Ich soll einen Job kündigen, von Mamas Rente leben und mich rund um die Uhr um sie kümmern?
— Was ist denn daran so schlimm? Viele leben so.
— Viele leben in Wohnungen, die ihnen ihre Eltern gekauft haben. Und ich habe meine selbst verdient. Jeden einzelnen Meter.
Serjoga schwieg eine Weile.
Dann sagte er in einem anderen Ton:
— Lena, fang nicht wieder mit dem Geld an. Wie lange willst du dieses Thema noch durchkauen?
— Ich habe es achtzehn Jahre lang nicht angesprochen. Aber wenn ihr schon über mein Leben verfügen wollt, dann lasst uns rechnen.
— Da gibt es nichts zu rechnen. So haben die Eltern entschieden, sie hatten das Recht dazu.
— Hatten sie. Und jetzt habe ich das Recht zu entscheiden, wen ich in meine Wohnung lasse.
Serjoga seufzte so, als rede er mit einem verwöhnten Kind.
— Len, du bist egoistisch. Mama hat sich ihr ganzes Leben für uns krumm gemacht, und du zierst dich jetzt.
— Mama hat sich für euch krumm gemacht. Mir hat sie gesagt — mein Mann werde für mich sorgen.
— Hätte er ja auch, wenn du einen vernünftigen ausgesucht hättest.
Lena drückte auf Auflegen.
Am nächsten Tag rief der Jüngste an, Dimka.
Der meldete sich ohnehin selten — lebte sein eigenes Leben und beteiligte sich an Familienangelegenheiten nur minimal.
Aber diesmal hatten wohl die Älteren die schwere Artillerie eingeschaltet.
— Len, hallo. Hör mal, ich habe nachgedacht. Vielleicht nimmst du Mama wirklich zu dir? Bei dir ist es ruhig, still. Und bei uns schreit Maschka, der Hund bellt.
— Du hast ein achtjähriges Kind und einen Dackel. Das ist kein Argument.
— Wieso kein Argument? Mama braucht Ruhe.
— Dimka, du hast eine Zweizimmerwohnung. Dreiundfünfzig Quadratmeter. Ich habe achtunddreißig. Wo soll ich sie hinlegen?
— Irgendwie werdet ihr euch schon arrangieren.
— Irgendwie wird nicht funktionieren. Ich habe nur ein Zimmer. Eins. Wo soll ich schlafen? In der Küche?
— Auf dem Sofa geht doch.
Lena schwieg eine Sekunde.
— Dimka, verstehst du eigentlich, was du da sagst? Ich soll mein einziges Zimmer abgeben, auf einer Klappliege in einer Neun-Quadratmeter-Küche schlafen, meinen Job kündigen und von Mamas siebzehntausend Rente leben. Ist das deine Vorstellung von Gerechtigkeit?
— Wir werden zusammenlegen. Wir helfen dir.
— Wie viel?
— Na ja, so ungefähr fünftausend jeder.
— Fünfzehntausend im Monat? Für Rund-um-die-Uhr-Pflege? Eine Pflegekraft mit Unterkunft kostet ab fünfundvierzig. Ich habe nachgesehen.
— Woher weißt du das?
— Weil ich gestern Abend im Gegensatz zu euch alle Möglichkeiten studiert habe.
Dimka verstummte.
Dann murmelte er:
— Na gut, wir reden noch.
Eine Woche später wurde Lena zu einem „Familienrat“ gerufen.
Zum ersten Mal seit achtzehn Jahren hatte man sie gnädigerweise eingeladen, an einer Besprechung von Familienangelegenheiten teilzunehmen.
Man traf sich bei Viktor — in genau jener Zweizimmerwohnung, für die die Eltern ihm eine Million gegeben hatten.
Lena trat ein und sah sich um.
Frische Renovierung, Möbel von IKEA, an der Wand ein riesiger Fernseher.
— Setz dich, — brummte Viktor. — Trinkst du Tee?
— Ja.
Am Tisch saßen die Brüder und ihre Frauen.
Swetlana, Viktors Frau, sah sie mit schlecht verhohlener Gereiztheit an.
Marina, Serjogas Ehefrau, lächelte so, dass man nachsehen wollte, ob ihr etwas zwischen den Zähnen steckte.
Dimkas Olya starrte auf ihr Handy.
— Also gut, — begann Viktor. — Wir haben alles besprochen. Mama zieht nächsten Samstag zu dir. Serjoga bringt die Sachen mit dem Auto.
Lena stellte die Tasse auf den Tisch.
— Nein.
— Was heißt nein?
— Mama zieht nicht zu mir.
Swetlana schnaubte.
— Na also, jetzt geht es los. Ich habe doch gesagt, sie stellt sich quer.
— Moment, — Viktor hob die Hand. — Lena, erklär dich.
— Ich erkläre es. Vor achtzehn Jahren haben die Eltern das Haus verkauft. Drei Millionen. Jeder von euch bekam eine Million. Ich bekam nichts. Mir wurde gesagt — mein Mann werde für mich sorgen.
— Na und jetzt?
— Und jetzt wollt ihr, die ihr das Geld der Eltern bekommen habt, dass ich die Pflege der Mutter auf mich nehme. Kostenlos. Weil ich eine Frau bin und alleinstehend.
Serjoga verzog das Gesicht.
— Schon wieder fängst du mit dem Geld an.
— Ja, mit dem Geld, — Lena zog eine Mappe aus ihrer Tasche. — Ich habe mich vorbereitet.
Sie legte die Papiere auf den Tisch.
Auszüge aus dem Grundbuch für die Wohnungen der Brüder.
Kopien der Schenkungsverträge — die Eltern hatten alles offiziell, über einen Notar, geregelt.
— Hier. Viktor Sergejewitsch Klimow, Schenkungsvertrag über eine Million Rubel, Jahr zweitausendsieben. Sergej Sergejewitsch Klimow, dasselbe. Dmitri Sergejewitsch Klimow — ebenfalls eine Million. Jelena Sergejewna Gorelowa, geborene Klimowa — nichts. Null.
Die Brüder sahen einander an.
— Und was willst du damit sagen? — fragte Viktor.
— Ich will sagen, dass die Pflege von Mama entsprechend dem verteilt werden muss, was jeder bekommen hat. Ihr habt damals jeweils eine Million bekommen — das wären heute, inflationsbereinigt, ungefähr viereinhalb Millionen. Ich habe nichts bekommen. Dementsprechend beträgt euer Anteil an der Pflege hundert Prozent. Meiner — null.
— Das ist zynisch, — zischte Swetlana.
— Das ist Arithmetik.
— Und was ist mit der Pflicht einer Tochter? — mischte sich Marina ein. — Sie hat dich doch geboren, aufgezogen.
— Eure Söhne hat sie auch geboren und aufgezogen. Aber die Söhne halten sich irgendwie heraus.
— Wir haben Familien, — platzte es aus Serjoga heraus. — Kinder. Wir können nicht.
— Und ich kann? — Lena sah ihm in die Augen. — Ihr habt eine Dreizimmerwohnung, siebzig Meter. Viktor hat eine Zweizimmerwohnung mit fünfzig. Dimka auch. Und ich — eine Einzimmerwohnung mit achtunddreißig. Und diese Einzimmerwohnung habe ich selbst verdient, ohne Hilfe der Eltern. Wer von uns sollte also Platz machen?
Im Zimmer wurde es still.
— Du erpresst uns, — sagte Viktor schließlich. — Mit diesen Dokumenten.
— Ich zeige Tatsachen. Ihr habt Geld fürs Wohnen bekommen. Ich nicht. Ihr lebt in geräumigen Wohnungen. Ich in einer Einzimmerwohnung. Und jetzt verlangt ihr, dass ich meine achtunddreißig Quadratmeter und mein Leben für die Pflege von Mama hergebe. Das ist keine Erpressung, Witek. Das ist die Wahrheit, die ihr nicht sehen wollt.
Dimkas Olya riss sich endlich vom Handy los.
— Leute, vielleicht sollten wir einfach eine Pflegekraft einstellen? Eine richtige, mit Unterkunft?
— Mindestens fünfundvierzigtausend im Monat, — antwortete Serjoga sofort. — Wo sollen wir so viel Geld hernehmen?
— Teilt es durch drei — je fünfzehn, — sagte Lena. — Ihr drei habt ordentliche Gehälter. Viktor hat letztes Jahr das Auto gewechselt, Serjoga ist mit der Familie nach Ägypten geflogen.
— Das ist etwas anderes.
— Natürlich ist das etwas anderes. Das ist euer Geld, und Mamas Pflege ist ein fremdes Problem. Mein Problem.
Nach diesem Rat war Lena die Ausgestoßene.
Die Brüder riefen nicht mehr an.
Die Ehefrauen schrieben wütende Nachrichten in den Familienchat:
„Lenotschka, schämst du dich denn gar nicht. Eure Mutter weint jeden Tag.“
„Du hast die Familie wegen ein paar Quadratmetern verraten.“
„Eine einsame böse Frau, genau das bist du.“
Die Mutter rief an und schluchzte ins Telefon:
— Töchterchen, sie werfen mich raus. Sie sagen, sie können nicht mit mir leben. Wohin soll ich denn?
— Mama, warum rufst du mich an? Ruf Viktor an. Oder Serjoga.
— Sie haben gesagt, dass du musst. Dass du verpflichtet bist.
— Und sie sind nicht verpflichtet?
Die Mutter schwieg.
Dann sagte sie leise:
— Na ja, sie sind doch Jungen. Sie haben Familien.
Lena setzte sich nach solchen Gesprächen jedes Mal in die Küche und trank kalt gewordenen Tee.
Jungen.
Männer um die fünfzig und über fünfzig, mit Bäuchen, Glatzen, Hypotheken und Autokrediten.
Jungen.
Und sie — das Mädchen.
Das muss.
Zwei Monate später reichten die Brüder Klage ein.
Artikel 87 des Familiengesetzbuches — Pflicht volljähriger Kinder, ihre nicht arbeitsfähigen Eltern zu unterhalten.
Lena bekam die Vorladung und rief ihre Bekannte Olga an, die in einer Rechtsberatung arbeitete.
— Olya, schau mal, was man da machen kann.
Olga studierte die Unterlagen und pfiff durch die Zähne.
— Also, die haben Nerven. Hör mal, hast du Beweise dafür, dass du von den Eltern nichts bekommen hast?
— Ja. Es gibt die Schenkungsverträge für die Brüder, für mich nicht. Und ich habe noch alte Nachrichten, in denen Mama mir Hilfe bei der Miete verweigert.
— Großartig. Dann sammeln wir alles und gehen hin. Wir zeigen der Richterin das wahre Bild.
Die Gerichtsverhandlung fand Ende Oktober statt.
Lena saß am Tisch, neben ihr Olga im strengen Kostüm.
Ihnen gegenüber — die drei Brüder mit finsteren Gesichtern.
Einen Anwalt hatten sie nicht genommen — sie waren überzeugt, ohnehin zu gewinnen.
Die Richterin, eine Frau von etwa fünfundfünfzig, blätterte in der Akte.
— Also, die Kläger verlangen, die Beklagte zu verpflichten, sich an der Versorgung ihrer nicht arbeitsfähigen Mutter zu beteiligen. Beklagte, wie ist Ihre Position?
Olga stand auf.
— Euer Ehren, wir verweigern die Beteiligung an der Unterstützung als solche nicht. Aber wir bitten das Gericht, die materielle Lage der Parteien und die zuvor von den Eltern geleistete Hilfe zu berücksichtigen. Hier sind die Unterlagen.
Sie legte alles vor: die Schenkungsverträge, die Grundbuchauszüge, die Einkommensnachweise aller Beteiligten.
— Die Kläger sind drei Männer, von denen jeder im Jahr zweitausendsieben von den Eltern eine Million Rubel für den Erwerb von Wohnraum erhielt. Die Beklagte erhielt nichts. Gleichzeitig besitzen die Kläger Wohnungen mit einer Fläche von fünfzig, siebzig und dreiundfünfzig Quadratmetern. Die Beklagte besitzt eine Einzimmerwohnung von achtunddreißig Quadratmetern, die sie selbstständig, über eine Hypothek, erworben und vier Jahre lang abbezahlt hat.
Die Richterin hob den Blick von den Unterlagen.
— Das heißt, die Eltern haben nur den Söhnen geholfen?
— Ganz genau. Der Tochter wurde gesagt, dass ihr zukünftiger Mann für sie sorgen werde.
— Hat der Mann für sie gesorgt?
— Die Ehe wurde vor zwölf Jahren geschieden. Die Beklagte erwarb den Wohnraum selbstständig, während sie zwei Jobs gleichzeitig ausübte.
Die Richterin sah die Brüder an.
— Kläger, bestätigen Sie diese Informationen?
Viktor räusperte sich.
— Na ja, die Eltern haben das so entschieden. Das war ihr gutes Recht.
— Selbstverständlich. Und jetzt brauchen die Eltern Hilfe. Und Sie wollen diese Pflicht auf die Schwester abwälzen, die nichts von ihnen bekommen hat?
— Sie ist eine Frau, — meldete sich Serjoga zu Wort. — Für sie ist Pflege leichter. Das ist, na ja, von der Natur so angelegt.
Die Richterin nahm die Brille ab und sah ihn an.
— Von der Natur angelegt, sagen Sie. Was Sie gerade gesagt haben, ist kein rechtliches Argument. Wir haben die Gleichheit der Geschlechter in der Verfassung verankert, in Artikel neunzehn.
Serjoga wurde rot und verstummte.
— Das Gericht zieht sich zur Urteilsfindung zurück.
Das Urteil wurde vierzig Minuten später verkündet.
Die Klage wurde abgewiesen.
In der Begründung schrieb die Richterin: Da die Kläger von den Eltern erhebliche materielle Hilfe erhalten haben, die Beklagte jedoch davon ausgeschlossen blieb, hält das Gericht es für gerecht, die Pflichten zur Unterstützung des nicht arbeitsfähigen Elternteils entsprechend der erhaltenen Hilfe zu verteilen. Den Klägern wird empfohlen, die Betreuung der Mutter entweder aus eigener Kraft zu organisieren oder gemeinsam die Kosten für die Hinzuziehung Dritter zu tragen.
Viktor verließ den Saal rot bis über beide Ohren.
Serjoga zischte etwas ins Telefon zu seiner Frau.
Dimka sah auf den Boden und schwieg.
Lena ging an ihnen vorbei, ohne sich umzudrehen.
Zwei Wochen später legten die Brüder zusammen und engagierten eine Pflegekraft.
Sie fanden eine Frau aus Moldawien, Valentina, für achtunddreißigtausend im Monat — billiger als russische Pflegekräfte.
Sie kam jeden Tag, kochte, putzte und kümmerte sich um die Mutter.
Die Summe wurde durch drei geteilt — je zwölftausendsiebenhundert.
Mit Lena grüßten die Brüder nicht mehr.
Im Familienchat wurde sie blockiert.
Bei Begegnungen im Hof — die Mutter wohnte in einem benachbarten Viertel, aber Swetlana arbeitete in der Nähe von Lenas Haus — wandten die Frauen demonstrativ den Blick ab.
Die Mutter rief selten an.
Die Gespräche waren kurz.
— Wie geht es dir, Mama?
— Normal.
— Ist die Pflegekraft gut?
— Sie kocht nicht lecker.
Lena wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.
Sie schwieg.
Die Mutter legte immer zuerst auf.
Arbeit, Laden, Zuhause.
Zuhause, Laden, Arbeit.
Manchmal setzte sich Lena abends in die Küche und fragte sich: Habe ich richtig gehandelt?
Die Mutter ist schließlich alt.
Krank.
Es geht ihr ohnehin schlecht, und dann hat sich auch noch die Tochter von ihr abgewandt.
Vielleicht hätte sie zustimmen sollen?
Es irgendwie ertragen?
Sich opfern, wie es sich für eine gute Tochter gehört?
Aber dann erinnerte sie sich daran, wie sie mit zwei Taschen in einem Mietzimmer stand, als Andrej sagte, dass er geht.
Wie sie die Münzen bis zum Zahltag zählte.
Wie sie die Hypothek unterschrieb — ihre Hände zitterten, weil das ihr ganzes Geld war, bis auf den letzten Rubel.
Die Brüder hatten damals Fotos aus der Türkei in den Gruppenchat geschickt.
Nein.
Sie hatte richtig gehandelt.
Oder nicht?
Auf diese Frage gab es keine Antwort.
Lena trank ihren Tee aus und ging schlafen.
Ein halbes Jahr verging.
Dezember, Hektik, Läden mit Girlanden.
Lena kam von der Arbeit zurück, als das Telefon klingelte.
Auf dem Display stand: „Mama“.
— Hallo?
— Töchterchen.
Lena blieb mitten auf dem Gehweg stehen.
Die Mutter hatte sie schon lange nicht mehr so genannt.
— Ja, Mama.
— Ich möchte dir etwas sagen. Schon lange, aber ich habe mich nicht getraut.
— Ich höre.
— Ich verstehe, warum du so gehandelt hast.
Lena schwieg.
— Ich hatte damals Unrecht. Mit dem Geld. Vater hat darauf bestanden, und ich habe nicht widersprochen. Ich dachte, du würdest wirklich gut heiraten, dass du es nicht brauchst. Und später habe ich gesehen, wie du dich allein durchschlägst, wie du in zwei Jobs arbeitest, und ich habe mich geschämt. Aber es zuzugeben — dazu reichte mir die Kraft nicht.
— Mama…
— Warte, lass mich ausreden. Ich habe die Jungen verwöhnt, das stimmt. Sie sind erwachsen geworden — und trotzdem sind sie immer noch Jungen geblieben. Und du… Du hast dich als stärker erwiesen als sie alle. Du hast von mir Gerechtigkeit verlangt, und ich habe sie dir nicht gegeben. Verzeih mir, wenn du kannst.
Lena stand auf dem Gehweg.
Menschen gingen an ihr vorbei, jemand stieß sie mit dem Ellbogen an.
— Vielleicht treffen wir uns? Setzen uns hin und reden. Wie früher.
Wie früher — wann soll das gewesen sein?
Lena konnte sich nicht erinnern, dass sie jemals zusammengesessen und miteinander geredet hatten.
Es hatte Geburtstage gegeben, Neujahre, Festessen mit Salaten.
Aber nur zu zweit, von Herz zu Herz — so etwas hatte es nie gegeben.
— Ich werde darüber nachdenken, — sagte Lena.
— Gut. Ich werde warten.
Freizeichen.
Lena steckte das Telefon in die Tasche.
Sie blieb noch einen Moment stehen und sah auf ein Schaufenster mit einem Plastik-Weihnachtsmann.
Achtzehn Jahre.
Achtzehn Jahre lang hatte sie auf diese Worte gewartet.
Und jetzt waren sie gefallen.
Am Telefon, im Dezember, vor fremder Werbung.
Ist das genug?
Kann man mit einem einzigen „Verzeih“ zwanzig Jahre Ungerechtigkeit ausstreichen?
Lena wusste es nicht.
Sie ging bis zum Hauseingang, stieg in ihren Stock, schloss die Tür auf.
Die Einzimmerwohnung empfing sie mit Stille und dem Geruch von der Suppe von gestern.
Achtunddreißig Quadratmeter.
Ihre, nur ihre.
Sie hängte die Jacke auf, schaltete den Wasserkocher ein und holte die Reste vom Abendessen aus dem Kühlschrank.
Sie konnte Mama morgen anrufen.
Oder übermorgen.
Oder nie.
Das war ihre Entscheidung.
Die erste seit langer Zeit, die niemand für sie getroffen hatte.



