„Wo willst du hin? Morgen habe ich Jubiläum – nimm den Wischmopp!“ – kommandierte die Schwiegermutter.

In der Küche hielt sich hartnäckig der saure Geruch von gestrigem Schtschi und einem alten, längst nicht mehr ausgewaschenen Spülschwamm.

Inna stand vor dem Spiegel im engen Flur und versuchte, den widerspenstigen Knopf am Blusenkragen zu schließen.

Aus der Küche hörte man schon schwere, schlurfende Schritte.

Taisija Makarowna rückte heran wie ein Eisbrecher und presste in der Hand einen nassen Lappen.

Von seinen Enden tropfte schmutziges Wasser auf den verblichenen sowjetischen Linoleumboden.

„Wo willst du hin? Morgen habe ich Jubiläum – nimm den Wischmopp!“ – kommandierte die Schwiegermutter und übertönte damit das Brummen des alten „Birjusa“-Kühlschranks.

„Die Gäste kommen, Ninka kommt mit ihrem Mann aus der Region.

Nimm den Lappen, schrubb die Böden in den Zimmern, dann die Fenster auf dem Balkon.

Und ohne Streifen, verstanden!“

Inna atmete hörbar aus.

Sie war unerträglich müde – gestern Nacht hatte sie bis zwei Uhr Tabellen zusammengeführt.

– Guten Morgen, Taisija Makarowna.

Ich fahre ins Büro.

Heute haben wir die Abschlussverteidigung des Logistikprojekts, auf das ich drei Monate hingearbeitet habe.

Stas weiß das.

Die Schwiegermutter schleuderte den Lappen direkt auf das Schuhregal und streifte dabei beinahe Innas helle Pumps.

– Ins Büro fährt sie!

Na sowas, die feine Dame!

Dachtest du, du kommst in meine Wohnung und spielst hier die Herrin?

Wenn ihr schon aus Gnade unter meinem Dach wohnt, dann sei so gut und arbeite es ab.

Mein Sohn sitzt ohne Arbeit da – dann reiß du dich wenigstens am Wochenende vom Sofa los.

Inna blickte auf die geschlossene Zimmertür, hinter der ihr Mann schlief.

In den letzten sechs Monaten hatte sie gelernt, nicht loszuschreien, auch wenn ihr Hinterkopf von den heruntergeschluckten Worten schmerzte.

– Ihre tägliche Putzerei mache ich ohnehin jeden Abend nach meinen Schichten.

Die Lebensmittel im Kühlschrank sind von meinem Gehalt gekauft, inklusive Ihrer Lieblings-Servelatwurst und Ihres Quarks.

Heute ist für mich der wichtigste Tag.

Das morgige Fest ist Ihr Feiertag – also müssen Sie die Wohnung dafür selbst vorbereiten.

Alles Gute im Voraus.

Sie ging vorsichtig an der erstarrten Frau vorbei, öffnete die klapprige, mit Kunstleder bezogene Wohnungstür und trat auf den Hausflur.

Ihr in den Rücken flog:

– Was bist du doch für eine Schamlose!

Setz keinen Fuß mehr in mein Haus!

Als Inna die Treppe hinunterging, zog sie aus der Tasche ein Feuchttuch und wischte sich die Stirn ab.

Noch vor einem Jahr war ihr Leben klar und ruhig gewesen.

Sie und Stas hatten ein Studio-Apartment in einem Neubau – auf Kredit.

Stas brannte für sein Geschäft – er hatte eine kleine Reifenwerkstatt an der Landstraße.

Dann aber hatte ihn sein Partner mit der Geräte-Miete übel reingelegt, die Kasse mitgenommen und war untergetaucht.

Es blieben riesige Schulden.

Um Gerichte und Gerichtsvollzieher zu vermeiden, mussten sie die Wohnung schnell verkaufen.

So landeten sie in der engen Zweizimmerwohnung von Taisija Makarowna.

Nach dem Verlust seines Geschäfts fiel Stas in sich zusammen.

In den ersten Wochen telefonierte er noch herum, dann versank er auf dem alten Sofa.

Den ganzen Tag scrollte er Videos am Handy, verdiente höchstens einmal im Monat etwas dazu und fauchte bei jedem Versuch, mit ihm über die Zukunft zu reden.

Schlimmer noch: In allem gab er seiner Mutter recht.

Taisija Makarowna, die ein halbes Leben als Abpackerinin im Lager gearbeitet hatte, konnte ihre Schwiegertochter von Anfang an nicht ausstehen.

Und als die Jungen auf ihrem Territorium landeten, legte sie erst richtig los.

Inna stellte die Tassen „falsch“, duschte „zu lange“, kaufte „chemische“ Shampoos.

Die Projektverteidigung lief hervorragend.

Der Filialleiter nickte, machte Notizen in sein Heft und versprach ab Montag eine neue Position.

Inna trat aus den Glasdrehtüren des Business-Centers und zog sich das Tuch vom Hals.

Sie nahm das Handy.

Neun verpasste Anrufe.

Sie wählte die Nummer ihres Mannes und hörte das Freizeichen durch den Lärm der Straße.

– Ja, – Stas’ Stimme klang trocken und scharf.

– Hast du überhaupt einen Funken Verstand?

Mama ging es richtig mies!

Die Nachbarin hat den Arzt gerufen, sie haben sie kaum wieder zu sich gebracht.

Warum hast du sie ausgerechnet vor dem Fest so angefahren?

– Ich habe sie nicht angefahren.

Ich habe mich geweigert, Böden zu schrubben, statt zur Verteidigung zu fahren, von der abhängt, ob wir nächsten Monat Fleisch essen.

– Du machst immer alles zu Geld!

Du hättest nachgeben können.

Der Mensch wird sechzig!

War es so schwer, den Wischmopp in die Hand zu nehmen?

Du weißt doch, dass es ihr gerade schlecht geht.

Inna blieb am Zebrastreifen stehen.

Menschen eilten an ihr vorbei, und sie starrte auf den grauen Asphalt.

– Stas.

Ich ziehe uns beide seit einem halben Jahr durch.

Ich ertrage die täglichen Angriffe deiner Mutter.

Ich habe kein Wort gegen dich gesagt, als wir unsere Wohnung verloren haben.

Und du machst mich jetzt fertig, weil ich nicht gratis als Dienstmagd gedient habe?

– Hör auf zu übertreiben.

Mama ist altmodisch, mit ihr muss man umgehen können.

Du hättest klüger sein müssen.

– Gut, – Inna legte das Handy in die andere Hand.

– Ich übernachte heute bei Julia.

Und morgen schicke ich einen Wagen für meine Sachen.

Lebt zu zweit, wenn ihr so ein großartiges Einvernehmen habt.

Sie drückte auf „Auflegen“.

Julias Wohnung begrüßte sie mit dem Duft von frischem Kaffee und sauberer Wäsche.

Die Freundin wohnte in einer geräumigen Einzimmerwohnung, die sie von der Großmutter geerbt hatte.

– Schuhe aus, – Julia nahm Inna den Mantel ab.

– Ich habe Syrniki gebacken.

Der Wasserkocher ist heiß.

Los, erzähl.

Auf dem Hocker am Fenster rührte Inna mit dem Löffel in ihrer Tasse.

– Ich verstehe es nicht, Jul.

Warum hat er sich so verändert?

Früher hat er mich beschützt.

Und jetzt bin ich für ihn nur noch eine bequeme Option.

Ein Portemonnaie auf Beinen, das man treten kann, um Mama zu gefallen.

Julia schnitt ein Stück Syrnik ab und zuckte mit den Schultern.

– Stas ist gerade ganz unten.

Und Männern fällt es in so einer Lage schwer, neben Frauen zu sein, die wie Panzer nach vorn gehen.

Du gehst voran, er steckt fest.

Seine Mutter sieht das und gießt Öl ins Feuer.

Für sie ist es ja выгодно, dass er von ihr abhängig bleibt.

Taisija Makarowna hatte tatsächlich ihre eigenen Rechnungen mit dem Leben.

Vor dreißig Jahren hatte ihr Mann eine Affäre mit einer Verkäuferin aus dem Haushaltswarenladen angefangen, den Koffer gepackt und sie mit dem fünfjährigen Sohn zurückgelassen.

Taisija zog Stas allein groß.

Den ganzen aufgestauten Groll trug sie auf andere über.

Inna mit ihrem Hochschulabschluss, dem Maniküre-Look und dem ruhigen Ton war für sie wie ein rotes Tuch.

Die ganze nächste Woche lebte Inna bei der Freundin.

Stas meldete sich nicht.

Er wartete.

Er war es gewohnt, dass seine Frau immer die Ecken rund machte.

Aber am Mittwoch fuhr ein Wagen vor Taisija Makarownas Haus vor, ein Träger kam hoch und trug schweigend zwei Koffer mit Innas Sachen hinaus.

Stas saß in der Küche und starrte dumpf auf die Wachstischdecke.

Der Geburtstag der Mutter war laut gewesen.

Taisija Makarowna häufte den Verwandten „Olivier“ auf und erzählte dem ganzen Tisch, welche Schlange ihr gutgläubiger Junge sich da an die Brust geholt habe.

Stas starrte nur auf seinen Teller und spürte, wie in ihm eine stumpfe Reizung wuchs – nicht gegen Inna, sondern gegen diese klebrige, falsche Atmosphäre von Mitleid.

Am Freitagabend knarrte das Schloss.

Taisija Makarowna fiel in den Flur, schwer atmend.

In ihren Augen glomm ein seltsamer Eifer.

Sie warf die Jacke ab, ging in die Küche und knallte Stas ihr Handy vor die Nase auf den Tisch.

– Na, du Leidender?

Schau mal, wegen wem du dich hier umbringst!

Stas entsperrte den Bildschirm.

Auf dem Foto, offensichtlich aus der Ecke eines Einkaufszentrums aufgenommen, stand Inna an einem Caféstand.

Sie lachte offen, und ihr gegenüber reichte ihr ein großer Typ in Lederjacke einen Pappbecher.

– Ich bin aus der Innenstadt gekommen, war noch im Laden, – plapperte die Mutter und beugte sich über den Tisch.

– Und da, sieh selbst!

Da steht deine Ehefrau, klimpert mit den Augen zu irgendeinem Halbstarken!

Die hat sich längst Ersatz gesucht!

Und du sitzt hier und bemitleidest sie!

Stas zoomte hinein.

Die bekannte Jacke.

Ein Muttermal am Kinn.

Diese typische Kopfhaltung.

Er schnaubte.

Dann rieb er sich das Gesicht mit den Handflächen.

Und im nächsten Moment lachte er laut auf.

Taisija Makarowna stockte.

– Was ist los mit dir?

Hast du den Verstand verloren?

Stas hob den Blick, schwer, absolut nüchtern.

– Nein, Mama.

Im Gegenteil – ich habe ihn endlich wiedergefunden.

Das ist Kostja.

Ihr Halbbruder aus Saratow.

Er ist zur Prüfungszeit hier, ich habe ihn letzte Woche selbst angerufen, wollte ihn abholen – und habe es dann vergessen.

Taisija Makarownas Gesicht bekam ungleichmäßige rote Flecken.

Sie griff nach dem Handy, aber Stas drückte das Gerät auf den Tisch.

– Moment mal.

Sitz hier.

– Was für ein Bruder?

Erfinde nichts!

Die sitzen da und umarmen sich …

– Mama, sei still, – Stas’ Stimme wurde leise, und gerade diese Ruhe ließ Taisija Makarowna erstarren.

– Sag ehrlich … du bist doch in Vorfreude nach Hause geflogen, oder?

Du wolltest mir so unbedingt beweisen, dass meine Frau herumläuft.

Macht es dir Spaß, mich am Boden zu sehen?

– Ich wollte dir die Augen öffnen! – kreischte die Mutter und wich zur Spüle zurück.

– Ich will doch nur dein Bestes!

– Dein Bestes? – Stas stand langsam auf.

Plötzlich sah er diese Küche ganz klar.

Die speckigen Tapeten.

Fettflecken auf dem Herd.

Und seine Mutter – eine Frau, die sich von seinen Niederlagen ernährt, weil er nur so an ihren Rockzipfel gebunden bleibt.

– Wenn du mir wirklich Gutes wolltest, hättest du uns geholfen, als ich die Werkstatt verloren habe.

Aber du hast Inna nur fertiggemacht.

Jeden Tag.

Und dich gefreut, dass ich ohne einen Cent dasaß.

Er ging ins Zimmer, holte vom oberen Regal eine Sporttasche und begann, Kleidung hineinzustopfen.

– Wohin willst du?! – Taisija Makarowna klemmte sich in den Türrahmen.

– Mitten in der Nacht!

Stas, sei nicht dumm!

Wohin willst du ohne Geld?

– Zu Paschka.

Er arbeitet im Lager, da werden immer Träger gebraucht.

Morgen gehe ich in die Schicht.

Und mit dir, Mama … mit dir müssen wir eine lange Pause machen.

Die Tür fiel so entschlossen ins Schloss, dass im Flur eine Schuhbürste vom Regal fiel.

Paschka ließ den Freund ohne Fragen rein.

Er machte ihm eine alte Klappliege in der Küche zurecht.

Am Morgen ging Stas ins Lager.

Er schleppte Kisten zwölf Stunden am Tag, nahm Nachtschichten.

Die ersten drei Wochen tat ihm der Rücken so weh, dass er sich kaum aufrichten konnte, aber seine Gedanken kamen endlich wieder in Ordnung.

Er rief Inna nicht an.

Er verstand: Leere Entschuldigungen sind nichts wert.

Er musste wieder auf die Beine kommen.

Drei Monate später kam Inna aus dem Supermarkt in der Nähe von Julias Haus.

Es nieselte fein und unangenehm.

Am Hauseingang stand Stas.

Er hatte stark abgenommen, die Jacke hing lockerer als früher, aber er stand gerade, sicher.

Sie standen nur ein paar Schritte voneinander entfernt.

Inna umklammerte die Henkel der Papiertüte mit Lebensmitteln fester.

– Hallo, – Stas versuchte nicht, näher zu kommen.

– Ich habe eine Einzimmerwohnung an der Baumanskaja gemietet.

Nicht weit von deinem Büro.

Ich habe zwei Monate im Voraus bezahlt.

Ich wurde auf dem Logistiklager zum Schichtleiter befördert.

Inna schwieg und musterte sein Gesicht.

Diese schlaffe Trägheit, die nach Monaten auf dem Sofa aufgetaucht war, war verschwunden.

– Ich lag falsch, Inn.

Ich habe dich im Stich gelassen, als du Halt gebraucht hast, und habe zugelassen, dass meine Mutter sich unanständig benimmt.

Ich bitte nicht darum, dass du heute sofort zurückkommst.

Ich will nur … gib mir die Chance zu zeigen, dass ich alles verstanden habe.

Inna blickte zu den dunklen Fenstern ihrer Übergangswohnung.

In ihr brodelten keine großen Gefühle.

Der Schlag von damals war zu tief gewesen.

Aber sie spürte Respekt dafür, dass er mit Ergebnissen kam, nicht mit Bitten.

– Eine Chance, sagst du? – sie rückte den Riemen ihrer Tasche zurecht.

– Ich bin morgen um sechs fertig.

Kannst du zum Business-Center kommen?

Stas schloss für einen Moment die Augen, als würde eine schwere Last von ihm abfallen, und nickte.

– Ich bin fünfzehn Minuten vor deinem Feierabend da.

Inna drehte sich um und ging zur Haustür.

Es war nur der erste Schritt auf einem langen Weg zur Versöhnung, aber оба verstanden: Jetzt schauen sie wenigstens in dieselbe Richtung.