Der Buchweizen brannte an, doch Marina rührte sich nicht.
Sie stand am Herd, den Pfannenwender in der Hand, und hörte Igors Stimme aus dem Flur.

Er sprach am Telefon — nicht laut, aber die Küchentür war einen Spalt offen geblieben.
— Serjoga, ich verstehe ja, dass man das klären muss.
Aber du kennst sie nicht.
Dann geht das Geschrei los, die Tränen, die Nachbarn rennen zusammen.
Marina stellte die Hitze kleiner.
— Ach, komm schon.
Wohin soll sie denn gehen?
Sie ist doch nur eine Hausfrau.
Vierzehn Jahre hat sie nirgends gearbeitet, da gibt es nichts zu befürchten.
Na, sie wird ein bisschen rumschreien und sich wieder beruhigen.
Ich habe Alina versprochen, dass ich nach den Maifeiertagen zu ihr ziehe.
Marina nahm die Pfanne von der Herdplatte.
Sie stellte das Gas ab.
Sie setzte sich auf den Hocker.
Nicht vor Schock — sie musste sich setzen und nachdenken.
Nicht der Betrug traf sie.
Auf Gedanken an Alina — oder wie sie auch immer hieß — war sie offenbar vorbereitet gewesen.
Es hatte sich angesammelt: die späten Heimkehrten, das Telefon mit dem Display nach unten, das neue Eau de Cologne im Februar, obwohl Igor früher Eau de Cologne für überflüssigen Schnickschnack gehalten hatte.
Etwas anderes traf sie.
„Nur eine Hausfrau.“
„Wohin soll sie schon gehen.“
Vierzehn Jahre — und das wurde so einfach nebenbei ausgesprochen.
Sie nahm drei Teller aus dem Schrank.
Sie verteilte den Buchweizen darauf.
Sie rief ihre Tochter zum Abendessen.
Beim Abendessen plapperte Daschka über die Schule — sie hatten ein Projekt über Ökosysteme bekommen, und sie wollte ein Sumpfmodell aus Knete basteln.
Igor nickte, stocherte mit der Gabel im Buchweizen herum und schielte auf sein Telefon.
Marina wartete, bis Daschka ihren Teller in die Spüle gestellt hatte und in ihr Zimmer gegangen war.
Dann sagte sie:
— Ich habe dein Gespräch gehört.
Mit Serjoga.
Igor hob den Kopf.
Er legte die Gabel hin.
Auf seinem Gesicht lag Verdruss.
Wie bei einem Menschen, den man bei einer kleinen Lüge ertappt hat.
— Marin, du hast das falsch verstanden.
— Ich habe es so verstanden: Du willst nach den Maifeiertagen zu Alina ziehen.
Stimmt das?
Eine Pause entstand.
Igor rieb sich den Nasenrücken — eine Geste, die Marina in- und auswendig kannte: so gewann er Zeit.
— Nun, im Großen und Ganzen — Marin, ich wollte in Ruhe mit dir reden.
Nicht so.
— In Ruhe — wie denn?
Wenn ich es als Letzte erfahre?
— Ich wollte es dir sagen.
Am Wochenende.
— Dann sag es jetzt.
Igor lehnte sich an die Stuhllehne zurück.
Er sah zur Decke.
Und dann begann er schnell und stockend zu reden:
— Und was willst du denn?
Wir sind doch seit drei Jahren nur noch Nachbarn.
Du — bei deinen Töpfen, ich — bei der Arbeit.
Du kommst nach Hause — Stille.
Daschka hängt am Handy, du stehst in der Küche.
Ich habe es versucht, Marin.
Du hast es nicht einmal bemerkt.
— Was hast du versucht?
— Im November habe ich ein Wochenende in Petersburg vorgeschlagen.
Du meintest, das sei zu teuer und Daschka könne man niemandem lassen.
Im Januar wollte ich ins Restaurant.
Du hast gesagt — ich mag keine Restaurants, lieber zu Hause.
Da habe ich es eben verstanden.
Marina hörte zu.
Gleichzeitig wollte sie ihm einen Teller an den Kopf werfen und noch zehn weitere Fragen stellen.
Sie entschied sich für etwas Drittes.
— Gut.
Gib mir einen Monat.
— Was?
— Einen Monat.
Bis Ende Mai.
Wir leben weiter wie bisher.
Daschka sagen wir vorerst nichts.
Du schläfst auf dem Sofa, ich im Schlafzimmer.
In einem Monat gehen wir auseinander.
Igor sah sie an, als hätte sie vorgeschlagen, zum Mars zu fliegen.
— Wozu brauchst du einen Monat?
— Ich muss etwas organisieren.
— Marin, wenn du glaubst, dass ich es mir anders überlege —
— Das glaube ich nicht.
Ich brauche einen Monat.
Das bist du mir wenigstens schuldig.
Er nickte.
Nicht, weil er einverstanden war — er wusste einfach nicht, was er darauf antworten sollte.
Er hatte mit einem Skandal gerechnet, mit Geschrei, vielleicht mit Koffern auf dem Treppenabsatz.
Stattdessen bekam er einen sachlichen Vorschlag.
Am nächsten Morgen, als Igor zur Arbeit gefahren war und Daschka in der Schule war, zog Marina unter einem Stapel Handtücher im Schrank eine Mappe hervor.
Eine ganz gewöhnliche, grüne Pappmappe.
Darin lagen Dokumente, die Igor nie gesehen hatte.
Mama war im Oktober vorletzten Jahres gestorben.
Krebs — schnell, bösartig, vom Befund bis zum Ende nur vier Monate.
Marina war alle zwei Wochen zu ihr nach Kostroma gefahren: hatte gekocht, gewaschen, sie zu Ärzten gebracht und auf einer Klappliege in Mamas Einzimmerwohnung in der Sowjetskaja-Straße übernachtet.
Igor war kein einziges Mal mitgefahren.
„Du verstehst doch selbst“, sagte er, „ich habe Arbeit.
Grüß Mama von mir.“
Grüßen ließ er sie gewissenhaft.
Nach der Beerdigung stellte sich heraus, dass Mama ein Testament hinterlassen hatte.
Die Wohnung — für Marina.
Nicht für Marina und Igor, nicht für die Familie.
Für Marina persönlich.
Die Notarin hatte damals klargestellt: „Ein Erbe aufgrund eines Testaments ist Ihr persönliches Eigentum.
Kein gemeinsames Vermögen.“
Marina nickte damals und sagte ihrem Mann nichts davon.
Nicht, weil sie bereits einen Plan hatte.
Damals gab es noch keinen Plan.
Sie sagte es einfach nicht.
Vielleicht, weil Igor nie gefragt hatte: „Was hat Mama hinterlassen?“
Vielleicht, weil sie gekränkt war.
Oder vielleicht wusste sie selbst nicht, warum.
Die Wohnung verkaufte sie im März.
Still, über eine Agentur.
Eine Einzimmerwohnung in Kostroma, Altbau, zweiter Stock — sie ging für eine Million siebenhundert weg.
Das Geld wurde auf ein Konto eingezahlt, das auf ihren Namen lief und in eine Bank, in die Igor nie hineinsah.
Eine Million siebenhunderttausend Rubel.
Kein Vermögen, von dem man träumt.
Aber für das, was Marina vorhatte, reichte es.
Wenn man sparte.
Wenn man nachts nicht schlief.
Wenn man alles genau durchrechnete.
Die erste Maiwoche verbrachte Marina unterwegs.
Igor ging zur Arbeit, Daschka in die Schule, und Marina ging zu Besichtigungen.
Sie brauchte einen Raum im Erdgeschoss.
Klein, etwa dreißig bis vierzig Quadratmeter, mit separatem Eingang.
Am besten in einem Wohnviertel, nicht im Zentrum, wo die Miete unbezahlbar war.
Sie suchte Anzeigen auf Avito heraus, telefonierte, fuhr hin und besichtigte.
Für den ersten Raum — einen ehemaligen Schönheitssalon in der Leninstraße — verlangte man achtzigtausend im Monat, und der Besitzer erklärte sofort, dass die Renovierung auf ihre Kosten gehe.
Der zweite — ein ehemaliges Bekleidungsgeschäft im Keller — war nicht einmal eines Gesprächs wert: keine Lüftung, kein vernünftiger Eingang.
Der dritte — ein ehemaliges Pfandhaus im Erdgeschoss eines Wohnhauses — kostete laut der Eigentümerin, Nina Sergejewna, fünfundvierzigtausend, dazu schlug sie einen Jahresvertrag vor.
Der Raum war heruntergekommen, mit abgerissenen Tapeten und einem lächerlichen Gitter an der Tür, aber der Grundriss passte: Verkaufsraum, Abstellraum, Toilette, separater Eingang von der Straße.
Und in der Nähe waren eine Schule, eine Poliklinik und drei Wohnhäuser.
Dort gingen Menschen vorbei.
— Sagen Sie mir nur ehrlich, — Nina Sergejewna rückte ihre Brille zurecht und sah Marina über den Rand hinweg an, — was wollen Sie hier eröffnen?
Denn wenn es Schawarma ist — bin ich dagegen.
Ich wohne oben drüber.
— Ein Café.
— Ein Café? — Nina Sergejewna hob die Augenbrauen.
— Haben Sie denn schon einmal ein Café geführt?
— Nein.
Aber ich kann Kaffee kochen.
Und Geld zählen.
— Nun, „Geld zählen“ ist die halbe Miete.
Na gut, ein Café ist etwas Anständiges.
Machen wir den Vertrag.
Marina zahlte die Vorausmiete für drei Monate — hundertfünfunddreißigtausend — und bekam die Schlüssel.
Sie stand in dem leeren Raum, der nach Staub und fremdem Leben roch.
Da war es also.
Entweder es würde klappen oder eben nicht.
Die Renovierung machte sie selbst.
Nun ja, nicht ganz selbst — sie fand ein Team aus zwei Männern, Farruch und Rustam, die ihr für hundertzwanzigtausend die alten Tapeten abrissen, die Wände glätteten, die Decke strichen und Fliesen auf den Boden legten.
Marina kam jeden Tag vorbei, kontrollierte alles, stritt über die Wandfarbe (sie wollte ein warmes Beige, Farruch bestand auf Weiß — „Dann ist es heller, Chefin“), und den Abstellraum strich sie selbst.
Abends saß sie am Laptop.
Sie rechnete, googelte, las Foren.
Was kostet eine Kaffeemaschine, welche Genehmigungen braucht man, wo kauft man Bohnen ein, wie hoch ist die Marge auf einen Latte, wie viele Becher pro Tag muss man verkaufen, um auf null zu kommen.
Rospotrebnadsor, Sanitätsbehörde, Feuerwehrinspektion, Betriebsanzeige, Gesundheitsbuch, HACCP.
Ihr Kopf platzte fast vor lauter Abkürzungen.
Igor bemerkte nichts.
Oder er tat so.
Er kam von der Arbeit, aß zu Abend, legte sich auf das Sofa und schaute YouTube.
Manchmal fragte er:
— Warum schläfst du noch nicht?
— Ich lese.
— Was liest du?
— Ein Buch.
Er nickte und drehte sich weg.
In der zweiten Maiwoche rief die Schwiegermutter an.
Walentina Pawlowna.
Ihre Stimme war wie immer energisch und selbstsicher.
Die Schwiegermutter zweifelte nie an ihrer eigenen Richtigkeit, das war ihre wichtigste Eigenschaft.
— Marinotschka, hallo.
Ich habe mit Igor gesprochen.
Er hat es mir erzählt.
Von euch.
Marina spannte sich an.
— Was genau hat er erzählt?
— Nun, dass ihr euch trennt.
Marinotschka, ich sage dir eines: Denk gut darüber nach.
Igor ist kein einfacher Mann, da stimme ich zu.
Aber er ist fleißig.
Die Wohnung gehört ihm.
Daschka braucht einen Vater.
Und wohin willst du denn gehen?
— Walentina Pawlowna, ich werde schon zurechtkommen.
— Ach, dieses „ich komme schon zurecht“.
Das sagst du immer.
Und danach sitzt du da und weinst.
Erinnerst du dich, als Daschka mit Blinddarmentzündung ins Krankenhaus kam?
Wer hat dich um drei Uhr nachts durch die Krankenhäuser gefahren?
Igor.
— Igor ist Daschkas Vater.
Das war seine Pflicht.
— Also wirklich, „Pflicht“, „Pflicht“.
Viele tun nicht einmal das, wozu sie verpflichtet sind.
Denk nach, Marinotschka.
Übrigens, Männer liegen nicht einfach so auf der Straße herum.
Marina wollte das Gespräch beenden, doch irgendetwas hielt sie zurück.
Irgendein Tonfall.
Zu ruhig, zu vorbereitet.
Und sie fragte:
— Walentina Pawlowna.
Wissen Sie von Alina?
Eine Pause.
Kurz, aber Marina hörte sie.
— Nun, Igor hat es mir gesagt.
Dass er da jemanden hat.
Aber das ist doch, nebenbei gesagt, kein Grund, eine Familie zu zerstören.
Bei Männern kommt so etwas eben vor.
— Seit wann hat er es Ihnen gesagt?
Noch eine Pause.
— Nun, im Winter.
Nach Neujahr.
— Nach Neujahr.
— Marinotschka, ich wollte dich nicht kränken.
Ich dachte, das gibt sich wieder.
Marina legte den Hörer auf.
Sie knallte ihn nicht hin — sie legte ihn vorsichtig hin.
Sich über die Schwiegermutter zu ärgern war sinnlos.
Walentina Pawlowna war einfach gestrickt: Der Sohn hat immer recht, die Schwiegertochter hält es schon aus.
Aber eine Frage blieb offen.
Die ganze Familie wusste Bescheid.
Alle — außer ihr.
Die Kaffeemaschine fand Marina auf Avito — gebraucht, aber funktionstüchtig, eine italienische Zweigruppenmaschine.
Ein Mann aus Jaroslawl verkaufte sie für hundertachtzigtausend, weil er sein Geschäft aufgab.
Marina fuhr hin, prüfte sie und handelte ihn auf hundertsechzig herunter.
Der Mann, Denis, erwies sich als gesprächig.
Als er erfuhr, dass Marina ihr erstes Café eröffnete, überschüttete er sie mit Ratschlägen:
— Die Bohnen kauf bei Röstern, nicht bei Zwischenhändlern.
Milch — von „Molkom“ oder „Losewo“, aber nur Vollmilch, 3,2 Prozent, bei Pflanzenmilch spar nicht — gute Hafermilch kostet ab hundert Rubel pro Liter.
Becher kaufst du auf Marktplätzen, im Großhandel.
Und das Wichtigste — Gebäck.
Ohne Gebäck lebt ein Café nicht.
Such dir eine Konditorin auf Outsourcing-Basis, die jeden Morgen etwas bringt.
— Woher weißt du das alles?
— Ich habe selbst drei Jahre eins geführt.
Geschlossen habe ich nicht, weil es schlecht lief — meine Frau ist in eine andere Stadt gezogen, und ich bin ihr gefolgt.
Das ist ein gutes Geschäft, wenn man rechnen kann.
Und du kannst, wie ich sehe, rechnen.
Dein Notizbuch ist voller Zahlen.
Marina lächelte.
Das Notizbuch war tatsächlich ganz vollgeschrieben: Spalten, Berechnungen, durchgestrichene Summen, neu berechnete Zahlen.
Denis half, die Maschine in einen GAZelle-Transporter zu laden.
Zum Abschied sagte er:
— Die ersten drei Monate sind die schwersten.
Danach läuft es entweder an oder du begreifst, dass es nicht deins ist.
Aber besser, man begreift das nach drei Monaten als nach dreißig Jahren.
Das Geld schmolz schnell dahin.
Marina führte eine Tabelle — auf den Rubel genau.
Mitte Mai waren von der Million siebenhundert noch etwa sechshunderttausend übrig.
Mietvorauszahlung — hundertfünfunddreißig.
Renovierung — hundertzwanzig.
Kaffeemaschine — hundertsechzig.
Kaffeemühle, Kühlvitrine, Spüle, Möbel — noch einmal dreihundert.
IP-Registrierung, Gesundheitsbuch, Schild, Geschirr, erste Bohnenbestellung — fast zweihundert kamen noch dazu.
Sechshunderttausend — das war ihr Polster.
Drei bis vier Monate Miete und eine Reserve für Unvorhergesehenes.
Das Unvorhergesehene trat schnell ein.
Der Feuerwehrinspektor — ein stämmiger Mann mit Schnurrbart und einer Mappe unter dem Arm — kam, ging durch die Räume und schnalzte mit der Zunge:
— Die Tür muss nach außen aufgehen.
Bei Ihnen geht sie nach innen.
Lassen Sie das ändern.
— Was kostet das?
— Das ist eine Frage an Ihren Auftragnehmer.
Aber ohne mein Protokoll werden Sie nicht eröffnen.
Die Tür kostete achtunddreißigtausend.
Das Polster wurde dünner.
Am dreiundzwanzigsten Mai — eine Woche vor der Eröffnung — hängte Marina das Schild auf.
Ein einfaches Schild, auf Holz, mit weißen Buchstaben: „Kaffee bei Marina“.
Sie stand auf dem Gehweg und sah diese Buchstaben an.
Weder Freude noch Triumph — nur eine seltsame Nüchternheit.
Wie nach einem langen, schweren Schlaf, wenn man die Augen öffnet und versteht, dass es schon Morgen ist und man aufstehen muss.
Am Abend sagte sie zu Igor:
— Komm, lass uns spazieren gehen.
Er war überrascht.
Den ganzen Monat hatten sie fast nicht miteinander gesprochen — nur das Nötigste: Daschka, das Abendessen, wer die Nebenkosten bezahlt.
Er packte seine Sachen bereits in Kartons.
Am achtundzwanzigsten wollte er ausziehen.
— Wohin?
— Nicht weit.
Fünfzehn Minuten.
Sie gingen schweigend.
Daschka blieb zu Hause.
Sie bogen von der Allee in die Mitschurinstraße ein, gingen an der Poliklinik vorbei, am Schulzaun vorbei.
Marina blieb vor einer Tür mit einem Schild stehen.
Igor las es.
Dann sah er sie an.
— Was ist das?
— Ein Café.
Meins.
— Was heißt — deins?
— Im direkten Sinne.
Ich habe die Räume gemietet, renoviert und die Ausstattung gekauft.
Eröffnung ist am dreißigsten.
Igor schwieg.
Dann sagte er:
— Woher hast du das Geld?
— Mamas Erbe.
Ich habe die Wohnung in Kostroma verkauft.
— Welches Erbe?
Welche Wohnung?
— Mamas Einzimmerwohnung.
Du wusstest nichts davon, weil du nie gefragt hast, was Mama hinterlassen hat.
Das war wahr.
Und unwahr.
Er hatte nicht gefragt — ja.
Aber sie hätte es auch selbst sagen können.
Sie hatte es nicht getan.
Bewusst nicht.
Und jetzt, als sie sein Gesicht ansah, verstand Marina: Sie hatte nicht nur geschwiegen.
Sie hatte gewartet.
Sich vorbereitet — wenn auch unbewusst — auf den Moment, in dem dieses Geld nicht mehr nur ein Erbe, sondern Freiheit sein würde.
— Warte mal, — sagte Igor.
— Wir sind doch noch verheiratet.
Das ist gemeinsames Vermögen.
— Nein.
Ein Erbe ist persönliches Eigentum.
Es wird bei einer Scheidung nicht geteilt.
Du kannst das bei einem Anwalt prüfen.
Er würde es prüfen.
Das wusste Marina.
Und der Anwalt würde ihm dasselbe sagen — Artikel sechsunddreißig des Familiengesetzbuches.
Igor sah auf das Schild.
Seine Frau — nein, beinahe schon Exfrau — hatte, während er Pläne schmiedete, zu Alina zu ziehen, still, ohne Skandale, ohne Tränen, ein Geschäft aufgebaut.
Mit Geld, von dem er nichts wusste.
In einem Raum, an dem er vielleicht jeden Tag vorbeiging.
— Du hast das absichtlich gemacht, — sagte er schließlich.
— Damit ich mich schäme.
— Nein.
Ich habe das für mich getan.
Du hast damit überhaupt nichts zu tun.
Die Scheidung wurde Anfang Juni vollzogen — gerichtlich, weil Daschka dreizehn war.
Igor widersprach nicht.
Daschka blieb bei Marina, und der Unterhalt wurde gesetzlich festgelegt — fünfundzwanzig Prozent.
Die Wohnung ließ Marina ihm: Sie war vor der Ehe gekauft worden, von dem Geld seiner Eltern, also war es fair.
Am schwierigsten war es mit Daschka.
— Mama, ich bin nicht klein, — sagte sie, als Marina, nach Worten suchend, zu erklären begann.
— Seit einem halben Jahr höre ich, dass ihr nicht miteinander redet.
Du — für dich, Papa — für sich.
Ich dachte, vielleicht seid ihr einfach nur müde.
— Wir sind müde.
Aber nicht so, wie du denkst.
— Papa geht zu einer anderen?
— Ja.
Daschka schwieg.
— Und das Café — gehört das wirklich dir?
— Ja.
— Kann ich nach der Schule mithelfen?
Marina umarmte sie.
Und sagte nichts.
„Kaffee bei Marina“ eröffnete am dreißigsten Mai.
Marina stand selbst hinter dem Tresen — eine Barista hatte sie nur halbtags eingestellt, Ljoshа, einen zwanzigjährigen Fernstudenten, der über Kaffee mehr wusste, als Marina in einem Monat gelernt hatte.
Ljoshа brachte ihr bei, wie man Milch richtig aufschäumt, erklärte den Unterschied zwischen Arabica aus Äthiopien und Brasilien und verbot ihr höflich, aber bestimmt, Cappuccino in Becher mit mehr als zweihundert Millilitern zu gießen.
— Kleines Volumen — bester Geschmack.
Das ist die Grundlage, — sagte Ljoshа mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der über Leben und Tod entscheidet.
Am ersten Tag — achtzehn Becher.
Am zweiten — dreiundzwanzig.
Am Ende der ersten Woche — fünfunddreißig bis vierzig.
Zu wenig.
Laut Berechnung brauchte sie sechzig, um auf null zu kommen.
Marina geriet nicht in Panik.
Sie stellte einen Werbeaufsteller auf den Gehweg — „Kaffee zum Mitnehmen, 150 Rubel“.
Sie einigte sich mit einer Konditorin aus dem Nachbarviertel, Suleja, die jeden Morgen Croissants und Apfelkuchen brachte.
Sie eröffnete einen Telegram-Kanal und bat Daschka, ihr mit Fotos zu helfen.
Daschka erwies sich als gute Fotografin — sie fotografierte die Becher vor einer Backsteinwand und schrieb dazu: „Mamas Ort“.
In der ersten Woche abonnierten zweihundert Menschen den Kanal.
Für ein kleines Café am Stadtrand — ganz normal.
Mitte Juni kam Igor.
Er stand in einer Schlange von drei Personen und sah auf die Karte.
— Hallo, — sagte er, als er an den Tresen trat.
— Einen Cappuccino.
— Hallo.
Hundertfünfzig.
Er hielt die Karte ans Terminal.
Er wartete.
Marina arbeitete schon automatisch — Bohnen in den Siebträger, tampern, einsetzen, drücken, Milch aufschäumen, eingießen.
— Lecker, — sagte Igor nach einem Schluck.
— Wirklich, lecker.
— Danke.
— Marin, ich wollte sagen.
Nun, dass ich nicht gedacht hätte, dass du es schaffst.
— Ich weiß.
— Und dann noch so — in einem Monat.
Ich hätte das nicht gekonnt.
— Du hättest es auch nicht gewollt.
Er nickte.
Er trank aus.
Und ging.
Marina wischte den Tresen ab und rief den Nächsten.
Einen Monat nach der Eröffnung lag der Umsatz bei sechzig bis siebzig Bechern am Tag.
Unter der Woche weniger, am Wochenende mehr.
Suleja erhöhte den Preis für das Gebäck, und Marina verbrachte zwei Abende damit, die Aufschläge neu zu berechnen.
Die Kaffeemaschine ging in der dritten Woche kaputt — ein Ventil war defekt, Reparatur: zweiundzwanzigtausend.
Ljoshа ging — er hatte eine Stelle in einer städtischen Kaffeekette gefunden, dort zahlte man mehr.
An seiner Stelle nahm Marina Sweta, fünfunddreißig Jahre alt, die zuvor als Verkäuferin bei Magnit gearbeitet hatte und überhaupt keinen Kaffee machen konnte.
Sie brachte ihr alles von Grund auf bei.
Es war schwer.
Nicht heldenhaft, nicht schön.
Einfach schwer und eintönig.
Jeden Tag: um sechs aufstehen, zum Café fahren, öffnen, das Gebäck annehmen, den ersten Kaffee machen, bedienen, schließen, aufräumen, die Kasse abrechnen, die Bestände zählen.
Ohne freie Tage — Sweta arbeitete fünf Tage, samstags und sonntags übernahm Marina alles selbst.
Daschka kam nach der Schule vorbei.
Sie setzte sich in die Ecke und machte ihre Hausaufgaben.
Manchmal half sie — wischte die Tische ab, brachte den Müll hinaus.
Einmal fragte sie:
— Mama, gefällt es dir?
Marina dachte nach.
Wirklich nach.
— Mir gefällt, dass es meins ist.
Dass ich entscheide.
Dass ich morgens aufstehe und weiß, wofür.
— Und früher wusstest du das nicht?
— Früher wusste ich, wofür — für euch.
Aber für mich selbst — nicht.
Ende Juni rief Walentina Pawlowna an.
Ihre Stimme war anders — matt, unsicher.
— Marinotschka, darf ich vorbeikommen?
— Kommen Sie.
Die ehemalige Schwiegermutter kam ins Café.
Sie sah sich um.
Berührte die Tischplatte, blickte in die Vitrine.
Dann setzte sie sich an einen Tisch an der Wand.
Marina brachte ihr einen Cappuccino — ohne zu fragen.
Walentina Pawlowna trank in kleinen Schlucken.
Dann sagte sie:
— Alina hat ihn verlassen.
Vor zwei Wochen.
Es stellte sich heraus, dass sie einen Ehemann hat.
Zu dem ist sie zurückgekehrt.
Marina schwieg.
— Igor ist jetzt allein in der Wohnung.
Er läuft herum wie verloren.
Ich sage ihm — du bist übrigens selbst schuld.
Und er schweigt.
— Walentina Pawlowna, warum erzählen Sie mir das?
— Ich dachte, vielleicht ihr zwei noch —
— Nein.
Walentina Pawlowna sprach nicht weiter.
Sie trank den Kaffee aus.
Stand auf.
Schwieg an der Tür einen Moment.
Dann sagte sie:
— Übrigens, der Kaffee ist lecker.
Vielleicht komme ich noch einmal vorbei.
— Kommen Sie ruhig.
Die Tür schloss sich.
Alina war gegangen.
Igor war allein.
Und diese Information löste in Marina nichts mehr aus — weder Schmerz noch Schadenfreude.
Dort, wo es vor einem halben Jahr noch wehgetan hätte, war jetzt Leere.
Und dieses „Leer“ bedeutete nur eines: Es war schon lange vor jenem Telefonat vorbei gewesen.
Am Abend schloss Marina das Café allein.
Sweta war um fünf gegangen, Daschka zu einer Freundin.
Sie wischte die Kaffeemaschine ab, räumte die Tassen weg, zählte die Kasse — viertausendzweihundert für den Tag.
Sie brachte den Müll hinaus.
Sie zog die Schürze aus und hängte sie an den Haken.
Zweiunddreißig Quadratmeter.
Vier Tische, ein Tresen, eine Vitrine mit den Resten von Apfelkuchen.
Das Schild hinter dem Glas — „Kaffee bei Marina“.
Sie machte das Licht aus und schloss die Tür ab.



